Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 19 (3.6.1921)
- Date
- 1921-06-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tnrnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonneraent8preise: Ganzjährig: Für OsterreichK 300---, Ungarn K 260«-, Tschechoslowakei Kö. 70*-, Deutschland Mk. 60--, Schweiz Frcs. 10-—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 300-—. Einzelnummer d.-ö. K 6 -, Kö. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. 10' — Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 19 i Wien-Bratislava, 3. Juni 1921 .K'snn id a-voDDjns " nn rrjn I 7. Jahrg. Zur Eröffnung des ersten Cüaiscnbauscs der flguda in Baden bei lüiem Von Dozent Dr. Max Eisler. Der 7. Juni kann für den altgläubigen Teil der Wiener Judenschaft* ein Tag;, von historischer Bedeutung werden. 'Denn an .diesem .Tage «soll da*s neue, das erste Waisenhaus der-.Vytener Aguda in feierlicher Form der Oeffentlichköif qbdrgeben werden. Die Anfänge dieser % Stiftung^reichen zurück in Jene leidvollen Zeiten,'* als dfcr Krieg zu Tausenden "aus Frauen }Vitwen, aus Kindern-.Waisen machte. Das Hinterland wurde überschwemmt von diesen traurigen Scharen, die Herd und Heim verloren hatten und nun — der schützenden Väter beraubt — Aufnahme suchten inder größeren jüdischen Familie, in der Gemeinschaft .d>s Judentums, Sie hätten darum nicht bitten mfi|sön, sie hatten das Recht zu fordern. Denn immer wa*-es eine menschliche und heilig^ Pflicht der jüdtscffen Gemeinschaft, für die verwaisten Kinder die-Taterstelle auf sich zu nehmen. Und' das haben auch^ene Männer erkannt, die damals den Kriegswaisenfonds der Aguda begründeten. Seither sind mit leidenschaftlich empfundenen Entwürfen, mit gründlich durchdachten Plänen Jahre vergangen. Die Zeit war nicht günstig für die Aufrichtung dauernder Werke, man mußte alle Kräfte daran wenden, wenigstens über den Tag hinweg zu kommen. An organisierte Abhilfe großen Stiles war vorderhand nicht zu denken; .denn der Krieg ging weiter, vermehrte täglich die Zahl der hinterbliebenen Opfer und warf jede Berechnung, die auf ihre künftige, vollkommene Rettung zielte, über den Haufen. Angesichts der namenlos steigenden Not, die mit ermatteten Kinderkörpern^ um Obdach, mit entnervten Kinderhänden 'um Bröl bettelte, konnte nur das Herz mit schnellen Taten zu Worte kommen. Aber der abwägende Geist hatte schon lange erkannt, daß hier auf die Dauer mit Almosen nicht zu helfen sei, sondern daß es sich um Rettungen handeln müsse. Doch diese Erkenntnis konnte erst nach dem Kriege, als die Heerschau über die Verlassenen, Verwahrlosten und Verwaisten möglich wurde, zu Verwirklichungen reifen. Jetzt erst ließ sich die furchtbare Größe des sozialen Elends ermessen, hatte man Zahlen und Daten in der Hand, konnte rechnen und organisieren. So folgte auf einen Zeitraum der edlen Empfindungen, Erörterungen und Illusionen der Zeitraum des Aufbaues. An seinem Anfange steht das Waisenhaus in Baden. Während eines knappen Jahres wurde das Gebäude erworben, hergestellt, eingerichtet, mit seinem Personal versehen und seinen Schützlingen zum Gebrauche zugeführt. Heute steht es zwischen den Weinhügeln und Gärten, unter einem südlich prangenden Himmel als ein ideales Kinderheim da, in dessen Obhut die ihm anvertrauten Kleinen nicht gerade zur Not Unterschlupf finden, sondern froh, gesund und tüchtig werden können. Aus den Abgründen der Not, von den Schauplätzen des Krieges und des Mordes, aus den Trümmerstätten Galiziens und aus den Wäldern der Ukraine, haben wir kleine Kinder, gezeichnet von schweren Schicksalen,, hergeholt, um ihnen in hellen, freundlichen Stuben, bei kräftiger Kost und sorgsamer Pflege ein glückliches Los zu bereiten und ihnen durch eine allseitige Erziehung den Weg zu eröffnen in ein redliches, arbeitsames Leben, das dem jüdischen Namen Ehre bringt. Der Geist der Bibel ruht auf diesem Hause, er soll in ihm wirken. Und eben deshalb sieht das Handvoll Männer, die das Werk trotz beispielloser Hindernisse in kurzer Zeit so weit geführt, darin kein Verdienst, sondern nur eine Pflicht und eine Gnade. Den anderen aber, den Freunden und Gönnern, muß es dasselbe sein. Sie müssen, was ihnen am 7. Juni übergeben wird, als eine bleibende Verantwortung auf sich nehmen. Denn nur durch ihre mildtätige Teilnahme großen Zuges kann sich das Werk dauernd auf jener Höhe erhalten, auf die es bei seiner Begründung geführt, wurde. Unpolitisch, aus allgemein menschlicher, allgemein jüdischer Wurzel erwachsen, kann es ein Band des Friedens werden. Aber daneben auch ein Stolz des altgläubigen Wiener Judentums, weiches hier den ersten Bau sozialer Fürsorge für die erbärmlichsten der Armen, für die Waisenkinder, aufgeführt hat. Die erste greifbare Organisation dieser Art! Das mögen alle Beteiligten erkennen und daratv^ Jfür sich dieallein möglichen Folgerungen ziehen: kommen, sehen und helfen. Dann werden sie dem Tag die Bedeutung geben, die er haben kann und — soll unserer Sache nicht unwiederbringlicher Schaden geschehen — auch haben muß! Ein Grundstein der Organisation ist gelegt, der Anfang ist geschehen, tut eure Pflicht! Programm der Eröffnungsfeier für das jüdische Waisenhaus in Baden (Germergasse 48.) (1. Sivan 5681 — 7. Juni 1921.) Den Wiener Gästen steht (nach rechtzeitiger Anmeldung in der Zentrale, IT., Malzgasse 12 a, Telephon 49054) ein Sonclerzug der elektrischen Bahn Wien-Baden zur Verfügung, welcher um 3 Uhr 20 Min.« von der Giselastraße abgeht und abends zurückfährt. Die Feier im Badener Waisenhause beginnt pünktlich um 5 Uhr. Auf die Begrüßung der Gäste folgen die offiziellen Ansprachen, dann eine Führung durch das Haus, endlich ein gemeinsamer Imbiß. Die Einladungen sind bereits ergangen. Wo ein Versehen vorliegt, bitten wir um rechtzeitige Reklamierung. Der Eröffnungstag ist mit Rücksicht auf den 1. Sivan und auf die im Augenblicke lebensgefähr- : liehen Verkehrsverhältnisse an Sonntagen, die vor- gerückte Stunde mit möglichster Rücksicht auf die 1 Geschäftszeit der Beteiligten gewählt. Wir bitten jeden, den diese Sache des Herzens und der Organisation angeht, seine persönlichen Rücksichten beiseite zu stellen und der Gemeinschaft zuliebe dies einemal das Opfer seines pünktlichen Erscheinens zu bringen. Er erfüllt damit eine Ehrenpflicht und verhilftdem orthodoxen Wiener Judentume zu einem Ehrentag! Die Auflösung des Joint ii. Die Joint-Affaire erinnert so sehr an die seltsame Bibelgeschichte von dem Monn, deren Psychologie wir auf unsere Zeit unanwendbar gehalten hätten. Ein Volk gerät in die Wüste; ein Ernährungsproblem sondergleichen entsteht da. Da geschieht das Wunder. Es regnet täglich Proviant für 600.000 Männer und ihre Familien vom Himmel. Welcher Dank mußte da dem großen Spender zu den Sternen emporgebetet werden? Ganz im Gegenteil! Der himmlische Geber hatte an das Volk, das er vierzig Jahre lang täglich speiste, eine kleine Bitte. Sammelt nicht am Sabbat! Ihr erhaltet ja am Rüsttage des Sabbat das Doppelte. Natürlich gingen Männer des Am kesche ~ oref' -»auch* .am Sabbate hinaus und fanden . Nichts. Lasset nichts — bat der himmlische hohe Spender — vom Monn auf den nächsten Tag übrig. Natürlich mußten die Männer des am .kesche oref das Gegenteil tun. Das erscheint so unwirklich, bis ' man es nicht erlebt hat, daß das jüdische Volk, durch den Kriegssturm aus seinen Wohnsitzen ge-- wirbelt, aus friedlichem Erwerbe gerissen, dem Massenelend preisgegeben ist. Da geschieht ein wahres, biblisches Wunder. Wie ein Sturm aus weiter Ferne die Wachtel hertrug, strömt von lausenden Meilen über das Weltmeer her eine ungeahnte Fülle des Glückes. In wundersamer Weise regnet auf die Hungrigen, Nackten, Frierenden, Kranken Speise, F^tt, Mehl^ Fleisch, Kleider, Arzneien nieder! Aber der große Spender verlangt keinen anderen Dank und kein anderes Entgelt, als die Erfüllung einer bescheidenen Bitte: „Treibt keine Politik mit unserem Gelde!" Was war da natürlicher, als daß man z. B. in Bratislava Jointverwaltung und jüdischnationälistische Wahlpartei in ein und demselben Zimmer abgewickelt hat, daß bis Juni 1920 die Agitatoren für die Wahl in die Nationalversammlung die Jointsverwaltung usurpiert Die ttlelt der ehassidim. Von Chajim Bloch. „Ich!" Rabbi Jakob Josef von Polouna hatte einen Gegner, der ihm, wo er nur konnte, Leides tat. Einmal hatte ihm dieser wieder einmal großes Unrecht zugefügt und der Rabbi lief Gefahr, samt seinem Gesinde ins Gefängnis geworfen zu werden. Die Jünger verlangten, daß er darob über seinen Feind den Bann aussprechen sollte,, denn er müsse, wenn er schon auf seirie Ehre verzichten wolle, sich der Ehre G-ttes und der Thora annehmen. Schon hatte der Zadik den Schophar in der Hand, um den Gherem zu verkünden, als er plötzlich sich besann und zu sich selber sprach: „Sprich Jakob Josef, eiferst du wirklich nur für die Ehre G-ttes und der Thora? Vielleicht berührte dich die Verletzung, die dir angetan worden ist?" Sprach's, legte den Schophar aus der Hand und tat nichts. So sehr hatte sich Rabbi Jakob Josef seines „Ichs" entäußert. Es gibt keinen schlechten Juden. Man weiß, daß es Gepflogenheit des Rabbi Mehr von Przemyslany war, vor Beginn des Morgengebetes in seinem Bethause sich umzuschauen, einen jeden anwesenden Juden scharf ins Antlitz zu schauen und sich die Gewißheit zu verschaffen, daß ein jeder Jude und mag er auch Sünder sein, besser als er, nämlich der Rabbi, sei — soweit ging er in seiner Demut. Einmal kam ein Jude aus Ungarn zu ihm. Er gab dem Rabbi einen Zettel und fünf Silberscheine und schlicht und unwissend wie er war, bat er den Rabbi um den Segen, daß seine Schweinezucht ein gutes Erträgnis aufweisen solle; vom Sabbat und anderen Ge- und Verboten hatte er keine Ahnung. Als die Zeit des Gebetes gekommen, und der Rabbi seine „Klaus" betreten hatte, so konnte er das Gebet nicht anheben, da sich doch ein Jude in der Klaus befand, der unbedingt schlechter als er sein mußte. Es währte lange. Der Rabbi betete nicht. Eine grenzenlose Angst erfaßte die 'versammelte Gemeinde. Er aber legte den Kopf auf seine Hände und weinte. Plötzlich erhob er sich und sprach mit freudiger Stimme: „. .. Und nun frage ich dich, heiliger Schöpfer, wenn Meiir Schweine gezüchtet, Ge- und Verbote außer acht gelassen, würde er an G-tt sich noch erinnern und zu einem Zadik fahren? Dieser Jude kam aber dennoch zu mir!" Sprach es und hub zu beten an. „G-tt wird helfen müssen!" Unter den Chassidim, die zu Rabbi Meiir zu fahren pflegten, war ein Dorfjude mit Namen Seinwel, der keine Kinder hatte. Der Mann bedrängte stets den Rabbi, daß er ihm vom Himmel Kinder erflehen möge. Einmal kam er mit seinem Weibe. Und das Paar redete: „Wir werden euch, Rabbi, keine Ruhe geben, bis ihr uns einen Sohn versprechen werdet." Der Rabbi erwiderte: „Gebet mir 52 Golddukaten, den Zahlenwert des Wortes ,Ben', so werde ich für euch den Segen einen Sohn zu haben erflehen." Doch der arme schlichte Landjude fing zu feilschen an; er könne nur zehn Golddukaten geben und bot wieder und wieder eine Münze mehr. Diesmal war der Rabbi hart und unnachgiebig. Schließlich legte der Jude 20 Dukaten auf den Tisch und sprach: „Glaubt mir Rabbi, wir geben unser letztes Geld!" Der Rabbi beharrte bei seiner Forderung: „52 Dukaten, nicht weniger!" Darauf wurde der Jude zornig und sprach: „Weib! Nimm das Geld und komm und nun wird uns G-tt helfen müssen!" Der Rabbi wurde freudig und sprach: „Das wollte ich eben. Ihr seid zu mir gekommen und habet mich angebetet — an G-tt vergaßet ihr ganz. Dadurch aber, daß ich mit euch wegen des Geldes verhandelte, bewirkte ich, daß ihr eure Hoffnung auf Jenen richtetet, der euch wahrhaft helfen kann."