Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 15 (6.5.1921)
- Date
- 1921-05-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 116 JÜDISCHE PRESSE j- Nr. 15 Deputierter Rabbiner Illoses €lia Balpem w d^Sk nwy nai na Es hat dem unerforschlichen Ratschluß des Allmächtigen gefallen, uns schwer heimzusuchen! Im besten Mannesalter, inmitten einer glänzenden, vielbewunderten Tätigkeit ist der Sejm-Deputierte, Rabbi Elia Moses Halpern, seiner Gemeinde, seinem Volke, jäh entrissen worden. Kaum ist noch ein Monat verstrichen, daß wir ihn hier im Kreise der Gedolim und Jereim aller Länder mit Bewunderung und Liebe umgeben haben. Wie stolz sind wir auf ihn gewesen! Welche seltene Vereinigung von entgegengesetzten Kräften walteten so harmonisch in ihm. Wie froh konnte das von äußeren und inneren Feinden bedrängte, glaubenstreue, polnische Judentum unter seiner Führung der Zukunft entgegensehen! dijd rrro •fa» ma« T£x Er ist wie ein Held auf dem Felde der Ehre gefallen. In der Sitzung des Aguda-Komites, das er am 1. Tage Gholhamved in seiner Wohnung einberufen hatte, wurde er von einem Herzübel befallen, und einige Stunden später hatte der große Kämpfer für die Ehre der Thora und für das Wohl seines Volkes das Zeitliche mit dem Ewigen vertauscht. Mit dem polnischen Judentume, das in dem Verstorbenen den unersetzlichsten Verlust eines außerordentlichen D^ttfltt verliert, trauert das glaubenstreue Judentum der ganzen Welt um ihn. Er ist von uns gegangen, seine Lehre, sein Beispiel, die Erinnerung an ihn hat er uns als Erbe zurückgelassen. Der Name des großen Lehrers, Parlamentariers, und Volksführers wird ein gesegneter bleiben. PDSün # * * Die Nachricht von dem Ableben des großen Rabbiners und Führers verbreitete sich blitzschnell in Lodz und bald stauten sich große Massen vor der Der 6erer Rabbi in Jerusalem. Dienstag, den 12. April, abends ist der Gerer Raw in Jerusalem eingetroffen. Eine ungeheure Menschenmenge füllte den Bahnhof und den Platz vor demselben. Den ganzen Tag war eine festliche Stimmung zu bemerken. Boten mit Einladungen an die verschiedenen Vertreter der Institutionen eilten durch die Straße, um die Einladung der Agudas Isroel zum Empfang auszutragen. Deputationen fuhren zur Station. Um 3 Uhr nachmittags begann die große Wallfahrt zur Station; zumeist aus Ghassidim bestehend, aber auch die verschiedensten Kreise beteiligten sich beim Empfang. Auf dem Wege von der Station standen Tausende Schüler Spalier, und zwar die Schüler von Ez Ghaim Doresch-Zion, Yemeniten, Bucharier Grusen, aus Mea-schearim, Jeschiivas-Zion, Beth-Jessomim Diskin, Beth-Jessomim- „Zion" usw. in musterhafter Disziplin. Die Bahnverwaltung hatte einen Wartesaal für den feierlichen Empfang zur*' Verfügung gestellt. Rabbiner, die Aeltesten und hervorragende Persönlichkeiten hatten darin Platz genommen. Um 5 Uhr 10 Minuten abends fuhr der Zug ein. Der Andrang der Menge, welche den Ad'mur begrüßen wollte, war so groß, daß die Policemen seiner eigenen Wohnung ein herrliches Bankett zu Ehren der Gäste. Einen Tag darauf veranstaltete wieder die Schiffgemeinde selbst und mit ihr noch zahlreiche Vereine und Organisationen ein grandioses Bankett im prächtig geschmückten Saale des Restaurant Mayersohn. Aus dem Munde aller Redner sprach die freudige Stimmung über den wohlgelungenen Verlauf der Konferenz und über die Hoffnungen, die an sie geknüpft wurden. Doch nicht eine bloß nach außen zur Schau getragene Begeisterung war das Ergebnis der Konferenz. Mit Freude und Genugtuung dürfen die Delegierten auf den Erfolg ihrer Arbeit und auf die gefaßten Beschlüsse zurücksehen. Allgemein wurde beschlossen, aus dem bisherigen passiven Standunkt herauszutreten und eine intensive Tätigkeit zu entfallen. Besonders die polnischen Delegierten, die am schwersten von den Leiden und Qualen des Krieges betroffen waren und dessen Folgen miterlebt hatten, brachten neues Leben in die Tagung hinein. Die Reden und energischen Forderungen der Herren Rosenheim, Dr. Auerbach und Wreschner konnte ein jeder echter Jehudi, gleich welcher Partei oder Organisation er zuneigte, aufs wärmste begrüßen und unterstützen. „ Von schrecklichen Feuerbrünsten ist das gesamte Diaspora-Judentum umgeben, für das nur Erez Israel die einzige Rettung sein kann" rief Wreschner aus, Was blieb noch dann den andern zu sagen übrig? Die düstere Stimmung, die auf jedem Herzen lastete, begann dem Gefühle des Vertrauens auf die weiteren Beratungen zu weichen. Wohnung des Verstorbenen auf. Die angesehensten Askonim bildeten ein Komitee zur Anordnung der Lewaja. Es wurde beschlossen, die Lewaja in strengst orthodoxem Sinne, ohne jegliche Zeremonien zu gestalten, ungeachtet der durch die hohe gesellschaftliche Stellung des Verstorbenen bedingte Teilnahme aller Würdenträger. Die Lewaja wurde auf 2 Uhr nachmittags festgesetzt, sie setzte jedoch erst um 5 Uhr ein, da man auf die Ankunft des Radziner Rabbi wartete, der aus Warschau früher nicht kommen konnte. Mit ihm fuhren noch aus Warschau Rabbiner Perlmutter, eine Delegation des Aguda- Komitees und des orthodoxen Sejmklubs. Schon am Vormittag hatten sich große Massen angesammelt und sämtliche Gassen in der Nähe der Wohnung des Verstorbenen waren dichtgefüllt von Menschenmassen, die herbeigeeilt sind, um dem hochverehrten Rabbiner ihr letztes Geleite zu geben. Um 5 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Die „Zeire Emune Jisroel" und jüdische Soldaten bildeten eine Kette längs des ganzen Weges, auf dem sich der Zug bewegte. Während der Lewaja waren fast alle Geschäfte geschlossen. Fenster und Balkone waren dicht mit Menschen besetzt. Die Mito wurde zwischen den Spalieren der „Zeire Emune Jisroel" getragen. Wegen des Chol hamoed wurden keine großen Hespedim gehalten, es sprachen nur der Radziner Rabbin, Rabbiner Perlmutter und der Wiszegroder Rabbiner. Unter dem Publikum sah man die angesehensten jüdischen Persönlichkeiten'Lodz', sämtliche Lodzer Rabbonim, viele Rabbonim aus der Provinz, eine Delegation der Lodzer jüdischen Gemeinde, Doktor Rosenblatt als Vertreter der jüdischen Deputierten und Delegationen verschiedener kommunaler und Regierungsorgane. Erst um 9 Uhr abends endete die Lewaja, die gezeigt hat, welch hohe Achtung und Liebe der Verstorbene bei der jüdischen Bevölkerung genoß. mit schwerer Mühe für den ehrwürdigen Gast den Weg bahnen konnte. Nach der Begrüßung im Wartesaale, fuhr der Raw im Auto des Redakteurs Felmann vom „Doar Hayom" in Begleitung des Herrn David Leb Kohn, Leiter des Warschauer Kolel. Tausende Menschen umringten das Auto, um dem gefeierten Raw Schalom Gruß zu bieten. Mit Ruhe gelang es den Wachleuten, das _ Auto „von der Stelle zu bringen. 'Die Menge 'äkklamie^fe^n'öäst'stürmisch. Hunderte von Schülern sangen „Baruchhaba". Ein großes Gefolge von Wagen und Menschen zog hinter dem Auto her, das den Raw in das Haus des R. David Leb Kohn führte. In Begleitung des Gerer Raw's befinden sich außer seiner Frau noch sieben Gäste aus Polen, darunter vermögende Fabrikanten. „Doar Hayom" berichtet: Auf dem Wege nach Jerusalem war der Gerer Raw Gegenstand von Ovationen. In Alexandrien ging ihm eine Deputation von aschkenasischen Juden entgegen. An allen Stationen, wo jüdische Arbeiter, zumeist aus Polen, arbeiteten, wurden Zurufe hörbar: Jechi horabbi me-Ger. Ein besonders schöner Empfang war in Lud. Verschiedene Deputationen aus Jaffa und den Kolonien in Judäa begegneten dem Raw mit Kundgebungen der Ehrfurcht, die in der ganzen Gegend Aufsehen erregt hat. Rabbi Auerbach begrüßte hebräisch mit schönen Thoraworten. Mittwoch (13. April) besuchte der Gerer Raw die Kossei hamaarowi (die Klagemauer). Rabbi Kuk teilte dem Gerer Rabbi mit, daß er ihn besuchen werde, worauf dieser antwortete, daß er zuerst Rabbi Kuk besuchen werde. Rabbi Kuk ließ es sich aber nicht nehmen, den Gast zuerst zu besuchen. Der Besuch währte 2 Stunden und verlief in herzlicher Weise. Es wurden Fragen lokaler und allgemeiner Natur erörtert. Auch Rabbi Diskin stattete seinen Besuch beim Gerer Raw ab, worauf sich beide Rabbiner zu Rabbi Sonnent'eld begeben haben. In dem hebräischen zionistischen Tageblatt „Doar Hayom" schreibt Ewen Jeruschalmi folgenden Artikel: Im Lager der Glaubenstreuen zeigt sich eine starke Kraftentfaltung, wir#sehcn große Vorbereitungen seitens der Thoratreuen zur Besiedlung des Landes und erwarten glänzende Resultate. Auch die Führer der Orthodoxen arbeiten mit Hingabe für Erez Israel. Seine belebende, stärkende Atmosphäre durchdringt uns alle und verklärt unser aller Antlitz, nun treffen wir alle Vorbereitung zum Empfang des großen Raws aus dem Galut. Der Ad'mur von Ger wird in Begleitung anderer großer Rabbanim unser Land besuchen, der Eindruck, den dieser Besuch auf alle Schichten unseres Volkes in Erez Israel und im Galut machen wird, wird ein sehr großer sein, und gewiß von sehr erfreulichen Folgen für das Wohl unseres Landes sein. Wir müssen daher in Bereitschaft für die große Arbeit treten. Der Ad'mur von Ger wird kraft seines Einflusses auf den Stand der Angelegenheit im Lande günstig einwirken — nach innen, wie nach außen. In unserem Kreise geschieht jede Leistung ohne Schellengeklingel. Wir wollen Taten und nicht Diskussionen. Eine Agitation um ihrer selbst willen gibt es bei uns nicht. Schaar echod im lo mea schearim! Wir haben bereits Muster gezeigt. Die Idee der Agudas Jisroel und ihre Arbeit blüht auf. Wir sehen unseren Nestor Herrn Pappenheim ins Galut mit vielen Entwürfen zurückkehren. Zwei Monate lang hat er in unserem Lande geschaffen, hat alle Gebiete studiert, reiste hin und her und bereitete den Boden vor: Wir sahen den ehrwürdigen Greis die Straßen Jeruschalajims durcheilen, sich hier für Agromomie interessieren, dort Jeschiwoa besuchen, da Bureaus gründen, dort Programme entwerfen, fortwährend zur Arbeit anspornend, die Gemüter entflammend, mit unserem verehrten Sir Herbert Samuel konferierend hoffnungsvoll ins Galut zurückkehrend, wo man seinen Weisungen mit Spannung entgegensieht. Die beiden Größen unseres Volkes werden wohl auf ihrem Wege zusammentreffen, unser großer Askon mit dem Rabban schel bene hagola, der Ad'mur auf der Herreise und unser Nestor auf seiner Rückkehr, der Letztere wird Ersterem wohl Bericht erstatten und positive und praktische Erfolge stehen an der Schwelle der Realisation. Wir hegen die große Hoffnung, daß das religiöse Erez Israel durch glaubenstreue Führer aufgebaut werden wird, die den Jischub befestigen werden ohne Pauken und Trompeten. Wir begrüßen ehrfurchtsvoll den großen Raw von Ger bei seinem Kommen und sprachen dem greisen R. Wolf Pappenheim bei seiner Heimreise die Segensworte nach: Seine Abreise sei in Frieden und zum Segen, möge er bald wiederkehren in unser Land und alle Pläne zum Aufbau d«s religiösen Judentums in Erez Israel verwirklichen! Der Artikel spricht auch mit Dank und Anerkennung von der Tätigkeit des Leiters der Jugendgruppe des Herrn Levi Kahane, der seinen geschäftlichen Beruf vergessend, keine Mühe und Opfer gescheut hat, um Herrn Pappenheim zur Seite zu stehen. Cpilog zum PessacMeste. Das jüdische Volk beging am 15. Nissan sein Wiegenfest. Woher wissen wir das? Aus der Thora. Am Sederabend sitzen sie alle, die treugeblieben sind und feiern das Angedenken der Erlösung aus Mizrajim nach Vorschrift. Woher haben sie das? Aus der Thora. Sie feiern die Erlösung aus Mizrajim als Wunderwerk G-ttes und dieses Werk vollzieht sich auf Grund bestimmter Bedingungen und im Verfolg vorher bestimmter Zwecke. Wo finden wir diese Bestimmung? In der Thora. „Ihr sollet mir ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk sein und ihr werdet euer G-tt sein." Und um die am Awrohom gegebene Verheißung zu erfüllen und wirklich G-ttes Volk werden zu können, werdet ihr das Land kenaan besitzen. Somit haben wir in der Thora den jüdischen Volksbegriff klipp und klar umschrieben. Begriffsbildner ist die Beziehung von Israel zu G-tt, wesentlichstes Merkmal des Begriffes ist der G-tteswille und das geoffenbarte G-ttesgesetz. Aus diesen Ideen setzt sich die Weltanschauung der thoratreuen Juden und ihrer Weltorganisation Agudas Jisroel zusammen. Diese Gedanken ins Negative umzusetzen heißt, daß Agudas Jisroel einen Begriff des jüdischen Volkes, welcher die Beziehung zu G-tt, das G-ttesgesetz und seine unbedingte Geltung nicht als charakteristisches Merkmal der Volkszugehörigkeit, sondern bloß als individuelle und private Angelegenheit betrachtet, mit Entschiedenheit ablehnt. Diese Ablehnung, welche auch in der Wiener Zentralratssitzung feierlichst proklamiert wurde, hat die gegnerische Presse bewogen, die breite Klaviatur'von verleumderischer Gehässigkeit aufzuspielen. Männer, die einen Weltruf besitzen und als leuchtende Vorbilder einer asketischen, uneigennützigen, in Heiligkeit verbrachten Lebensweise gelten, w.urden, weil sie gewagt haben, ihre Ueberzeugung, daß die zionistische Organisation, welche eben einen jüdischen Volksbegriff mit Thora als Privatangelegenheit und G-tt als Privatsache als Basis ihrer Tätigkeit nimmt, nicht als Vertretung des jüdischen Volkes akzeptiert werden kann, zum Ausdruck zu bringen, wurden als eitle Ehre- und Geldjäger, die bloß um ihre Ruhe und um ihre Tasche besorgt sind, hingestellt. Ueber J Angriffe dieser Art und gegen solche Männer wird wohl das gesunde Moralempfinden sich aufbäumen, aber der gesunde Menschenverstand wird sie als töricht und von Haß verleitet ablehnen. Uns freuf? es, daß trotz aller politischen Konjunktur unsere Führer den Geist der Thora zum Ausdruck gebracht haben und den jüdischen Volksbegriff in seiner Reinheit und Unantastbarkeit nicht verdunkeln ließen. Das jüdische Volk setzte sich am 15. Nissan zu dem Sedertische und die jüdische Volksseele tauchte sich in die Erinnerung von Jahrtausenden, in denen das G-ttesgesetz Träger des jüdischen Volkes war und wahrlich, der jüdische Volkskörper ist gesund genug und die jüdische Volksseele stark genug, um auch weiterhin, getragen von G-ttes Willen und G-ttesgesetz in seinem alten Lande zu neuer Blüte zu gelangen. Raw. Referate M Pappettbeim. Man schreibt uns aus Presov: Einen Markstein in der Entwicklungsgeschichte der Aguda in der Ostslowakei bildete das Erscheinen Reb Wolf Pappenheims in Presov. Schon Samstag früh ist eine kleine Abordnung der Orts- und Jugendgruppe dem illustren Gaste bis Abos entgegengefahren und schlössen sich sodann dem mit den KaschauerMittagszug eintreffenden Kirchdraut'er Raw an. Am Bahnhofe in Presov erwartete eine zweite Deputation der Aeltesten der Gemeinde die hohen Gäste. Die um halb 3 Uhr nachmittags stattfindende Versammlung im Beth Hamidrasch eröffnend, begrüßte Herr Läzär Fonfeder die Erschienenen und bat Herrn Pappenheim über seine Erfahrungen in Erez Jisroel zu referieren. Mit atemloser Spannung