Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 15 (6.5.1921)
- Date
- 1921-05-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. - Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Turnergasse 14. Erscheint jeden Freitag1. — Redaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für ÖsterreichK 300'—, Ungarn K 250--, Tschechoslowakei Kö. 70--, Deutschland Mk. 60«-, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 300«—. Einzelnummer d.-ö. K 6 -, Kö. 1-50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10*— Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 15 Wien-Bratislava, 6. Mai 1921 M'tsm ro rroDDjns " nri n-m 7. Jahrg. Die amerikanische Aguda-Delegation. Agudas Jisroel ist die Weltorganisation des orthodoxen Judentumes, sie ist unabhängig und nichtpolitisch, ihr Ziel ist einfach: die verschiedenen Probleme, die sich täglich im jüdischen Leben ergeben, im Geiste der Thora zu lösen. Allerdings richtet die Aguda ihr Augenmerk nicht bloß auf religiöse Fragen, sondern widmet sichauch allen politischen, ökonomischen und sozialen Dingen, soweit sie das Judentum betreifen. Ihre Tätigkeitssphäre ist daher zur Genüge gekennzeichnet. Nichts Jüdisches ist der Aguda fremd. Sie hat ihr abgegrenztes Programm und wird davon nicht abweichen. Sie steht unerschütterlich ein für ihr Judentum, wie es glaubenstreue Juden seit jeher getan haben. Jüdisch vom ganzen Herzen und mit ganzer Seele, ist die Aguda dennoch gleichzeitig auch durchaus modern, wie man sich mit einem Blicke auf die Reihe der Namen der führenden und beratenden Männer überzeugen kann. Agudas Israel ist die Vereinigung des ganzen Volkes, und nicht etwa ein geringfügiges Fragment. Sie begrüßt in ihren Reihen alle Juden, die sich zu ihrem Programm bekennen: die Förderung der Kenntnis und der Betätigung der Thora. Die Aguda kommt zu uns nicht mit neuen Ideen, sie bringt das uralte, unveränderliche Programm. Das orthodoxe Judentum befindet sich gegenwärtig in einer kritischen Lage. Ringsumher nichts als Feinde. Chaos und Unordnung auf allen Linien. Unwissenheit und Materialismus greift um sich. Ziellosigkeit, ^ipdilerenz^. xind..Anai^ei*^trfidie:^bepK^^VshÄ Aber auch die Orthodoxie selbst ist zersetzt durch kleinliche Eifersüchteleien, Zwistigkeiten und Antagonismen. Es ist traurig genug feststellen zu müssen, daß das jüdische Leben rapid zerfällt. Ein solch ungesunder Stand der Dinge birgt schwere Gefahren in sich. Die Orthodoxie muß, falls sie in Wirksamkeit bleiben will, sich auf das große Problem, das sich ihr entgegenstellt, einrichten. Niemand, wie sie selbst wird für sie Sorge tragen! Die Aguda erstrebt die Ralliierung aller im Golus zerstreuten Juden, um sie in einem einzigen echt jüdischem Ideal zu vereinigen. Sie erhebt den Anspruch, daß jeder treue Sohn oder jede Tochter unseres Volkes ohne Rücksicht auf ihre politische Ueberzeugung sich ihr anschließen und werktätig unterstützen sollen. Von Jacob Heller (Harvard-Universität). Die Agudas Jisroel hat ihren Finger unbeirrt auf den schwachen Punkt der Orthodoxie gelegt: dieser schwache Punkt ist unsere Desorganisation! Die Orthodoxie der ganzen Welt muß geeinigt werden, das ist das heiligste Gebot der Stunde. Die Orthodoxie leidet an dem Mangel eines autoritativen Forums — die Aguda repräsentiert sich als Instrument zur Erfüllung dieser Notwendigkeit. Durch die Aguda spricht die Gesamtheit der großen Rabbiner und Führer der Gegenwart, die die große Masse der glaubenstreuen Juden vertreten. Die Orthodoxie allein kann die Wunden der Orthodoxie in der ganzen Welt heilen. Die Orthodoxie muß aufhören, eine Lokalorganisation zu bedeuten, aus Provinzen zu bestehen — sonst gilt sie als verloren. Das Golus erfordert intensive, konzentrierte und konsistente Aufmerksamkeit. Wer ist für eine solche riesenhafte Aufgabe besser qualifiziert als die Orthodoxie? Sie ist die einzige nationale Bewegung für die Restaurierung der Thora, unseres Nationalschatzes, sowohl im Golus als in Erez Israel. Ist es nicht erhebend zu sehen, wie die Aguda diese Herausforderung angenommen hat und nach vorwärts schreitet mit einer Energie, die nicht vermindert werden kann, mit einem Glauben, der nicht erschüttert werden kann, um die Probleme der Zeit in Angriff zu nehmen und sie zu lösen. Sie erzwingt sich so auch den Respekt und die M0ß^^^^^^^iä^mms strebungen nicht sympathisieren. Die Agudas Jisroel ist nicht bloß im Golus interessiert, wo das Judentum fortleben muß, sondern wird als eine wahrhaft jüdische Organisation, getreu den jüdischen Traditionen, Gefühlen und Aspiration sich mit Liebe und Hingabe den Aufbau Erez Israels als jüdisches Zentrum widmen. Sie begnügt sich mit nichten mit frommen Hoffnungen, sondern gibt ihren Gefühlen werktätigen Ausdruck! Agudas Jisroel ist gegenwärtig mit den Problemen der Kolonisation und Erziehung in Erez Israel beschäftigt und verwendet ihre mächtigen Ressourcen, um die Lösung dieser Probleme in ihrem Geiste zu beeinflußen. Sie hat eben eine Delegation von Sachverständigen der Agrikultur und des Erziehungswesens entsendet. Agudas Jisroel bringt die belebende und mit neuer Kraft erfüllende Botschaft der Hoffnung für all diejenigen, die schon der herrschenden Stimmung der Verzweiflung und der Ergebung zu unterliegen drohten. Jawohl, durch Zusammenfassung all unserer Kräfte können wir noch den ersehnten Sieg erringen! Wie oft wurde versichert, daß die Orthodoxie dem Untergange geweiht sei, daß ihre Zeit vorüber sei, daß sie in hoffnungsloser Weise aus dem Kontakte mit dem modernen Leben geraten sei! Die Agudas Jisroel straft diese Behauptung, gemacht von Leuten, bei denen der Wunsch der Vater des Gedankens ist, Lüge. In Amerika selbst hat die Agudas Isroel durch die kriegerischen Ereignisse keine größeren Fortschritte machen können. Nunmehr wird eine Kommission von hervorragenden Rabbinern und Laien bei uns eintreffen, um hier für die Idee zu werben. In wenigen Wochen sollen sie in Amerika eintreffen und eine Tour durch alle bedeutenden Städte machen. Die Aguda kommt nicht mit kritischer oder antagonistischer Attitüde, sondern im Geiste der Freundschaft und Konziliance und ladet alle Organisationen und Parteien zur Mitarbeit ein. Es ist mit Zuversicht zu erwarten, daß der Besuch der Aguda-Delegation einen solchen Enthusiasmus erwecken und eine derartige Hingabe und Unterstützung finden wird, wie sie bisher in Amerika nicht gesehen wurde. Die Zeit ist dafür reif 1 Die T^^e^ öffinsj^jener Teil unseres Volkes, der Verständnis genug besitzt, ist müde geworden der Schlagworte, der Gemeinplätze und der Machenschaften! Sie schmachten, sie hungern, sie fordern einen starken, ehrlichen Glauben — jüdisches Judentum, wie. es unsere Väter kannten. Die Agudas Jisroel kann in Wirklichkeit mehr für Amerika leisten, als Amerika je hoffen kann für sie zu tun. Wir wissen es zu schätzen, daß noch niemals eine Gesellschaft solcher hervorragender Männer nach Amerika gekommen ist, und daß dieses außerordentliche Ereignis Geschichte machen wird. Darum werden schon jetzt, lange bevor die Delegation ankommt, Pläne besprochen und bestimmt in den prominentesten Kreisen der Orthodoxie dieses Landes, um diesen in seiner Art einzigen Besuch zu einem bleibenden Wert zu gestalten. Stimmungsbild von der Zentralratssitzung. Von E. Botschko (Basel). Kaum waren sechs Monate seit der letzten Konferenz in Preßburg verflossen, als die Führer des orthodoxen Judentums wiederum zusammentraten, um gemeinsam in Wien über die wichtigsten Lebensangelegenheiten Klall-Isroels zu beraten. Trefflich kennzeichnet der „Israelit" in seinem Bericht über die Wiener Konferenz durch die Worte: „Von Zürich über Preßburg nach Wien" den Weg der Entwicklung, den die Aguda in der letzten Zeit eingeschlagen hat. Zürich war der Grundstein und Ausgangspunkt der neuen Aera der Agudas Jisroel. War die Preßburger Konferenz bestrebt (laut Haderech), die Aguda von dem Geist, der in Zürich herrschte, zu befreien, hat die Konferenz in Wien die rWP?!"HtOJ7 zurückgegeben und alle diejenigen Gedanken, die in Zürich zutage traten, zu erneutem Leben zurückgerufen, um sie nach Möglichkeit zu verwirklichen. Sie war bemüht, die Lücken, welche die Konferenz in Preßburg offen ließ, in Wien auszufüllen. Eine große Begeisterung, erfüllt und beseelt vom Willen zur einheitlichen, friedlichen Arbeit für die heiligsten und lebensnotwendigsten Interessen des jüdischen Volkes, herrschte bei' einem jeden der Konferenzteilnehmer. Ein jeder war sich des Ernstes der Stunde und der großen Aufgaben, die seiner harrten, vollauf bewußt. Acht Tage, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht, tagten die Delegierten und widmeten ihre ganze Energie Israel und seiner Thora. Freilich von schwungvollen Reden zum Fenster hinaus, wie sie sonst auf Konferenzen zu halten gepflegt werden, war in Wien wenig zu hören. Ganz in der Stille saßen die Vertreter der Orthodoxie im Saale der Wiener Aguda, um einen Punkt des vorliegenden Geschäftsprogrammes nach dem anderen durchzuberaten und zu erledigen. Mochten auch bei der Behandlung der einzelnen Fragen verschiedene Meinungen auftauchen, so beugten sich doch alle der Entscheidung der Gedole Hatora, die bei jedem Fall nicht nur die religiösen Motive allein berücksichtigten, sondern ebensosehr den politischen Verhältnissen und den daraus sich ergebenden Konsequenzen Rechnung trugen. Einen besonders eindrucksvollen Charakter gewann aber diese Konferenz dadurch, daß die größten geistigen Autoritäten in Israel, worunter die Rabbis von Ger, Tschortkow, Sokolow, Radsin, Bujan und Sadigora, sowie viele ander« bekannte Thoragrößen, darunter die Rabbiner von Bitschutsch, Brodi, Preßburg, Stary Sambor usw. einen besonderen Rat bildeten. Sie nahmen an allen Plenarsitzungen teil, um den ^(Ipn DJH m vernehmen und sich über die Stimmung, die im Volke herrscht, vorerst zu orientieren. Alsdann trat der Rabbinische Rat unter Vorsitz des Wiener Oberrabbiners Fürst zusammen, um den Snpn HJH mit dem minn n]H in Einklang zu bringen. Schreiber dieser Zeilen hatte Gelegenheit, auch diesen Beratungen beizuwohnen und gewann den Eindruck, als wären dies die ehemaligen Sanhedrin, die mit ihrem Scharfsinn und Ernst über nWM beraten. Und diese Großen Israels haben gezeigt, daß sie nicht außer oder über, sondern in und mit dem Volke leben. Ihre erhabenen Seelen sind mit der Seele des Volkes eng verknüpft. Unvergeßlich werden einem jeden Teilnehmer die erschütternden, von unter dem Leide der Judenheit beinahe gebrochenen Herzen kommenden Reden der Rebbes von Sokolow und Radsin bleiben, die über die große materielle Krisis und über die noch weit größere und tiefer einschneidende geistige Tragik der Juden des Ostens sprachen. Die göttliche Stimme, die jeden Tag über die Welt erschallt: DT)b "»lK Sj7& &w onnb nnb min bw ru'obpö bx-wb E!T3K pbW füllte während der erschüttenden Schilderungen dieser treuen Söhne Gottes das Auditorium. Die Anwesenheit der Weisen des Ostens bildete für die westlichen Delegierten ein besonderes Erlebnis. Tausende drängten sich, um den allbekannten Gerer Rabbi zu sehen, der in seinem greisen Alter zur Konferenz der Thoragrößen herbeieilte, um von dort aus im Dienste des orthodoxen Judentums mit einer Anzahl Rabbiner und Industriellen sich nach Erez Israel zu begeben. — Als die begeisterten Stimmen der Gedole hador am großen Meeting im Talmud-Thorasaal erschallten, war die Wiener Judenheit auf den höchsten Punkt ihrer Begeisterung gelangt. Ganz besonders aber stand die Wiener Jugend unter dem fesselnden Eindruck der beherzten Reden seiner großen Lehrer und Meister. Unvergeßlich dürfte dieser große Moment bei denjenigen bleiben, die das Glück hatten, ihm beizuwohnen. Freilich zeigte sich die Wiener orthodoxe Judenheit dieser Ehre, solch erlesene Gäste bei sich zu haben, durchaus würdig. Der Vorsteher der großen Schiffgemeinde, Herr A. Bondy, veranstaltete in