Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 14 (22.4.1921)
- Date
- 1921-04-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 14 JÜDISCHE PRESSE Seite 109 Die Kinderrailchtrinkhallen des Joint in Wien. Die Wiener Abteilung des American Joint Distribution Committee, des großen Hilfswerkes der amerikanischen Juden für die jüdischen Opfer des Krieges, unterhalt gegenwärtig in Wien 21 Kindermilchtrinkhallen, in denen nn 5190 unterernührte Kinder im Alter von 2 bis 14 Jahren täglich eine Portion warmer Milch unentgeltlich verteilt wird. Die rationelle Ernährung der Kinder ist. bekanntlich die Grundlage einer gesunden körperlichen und geistigen Entwicklung und welche Nahrung ist seit, altersher für den kindlichen Organismus bekömmlicher als Milch? Welches- Nahrungsmittel ist aber für die mittellosen Schichten gegenwärtig unerschwinglicher als Milch, die gegenwärtig schon mehr als 35 Kronen für den Liter kostet? Ebenso ist der Ankauf von Kondensmilch ausländischer Herkunft dem Mittelständler sowie allen Minderbemittelten fast unmöglich. In richtiger Würdigung der überragenden Bedeutung der Frage der Milchversorgung der Kinder der Aerinsten hält die Leitung des J. D. C. die Ausgestaltung der Kindermilohaktion stets iin Auge. Gegenwärtig findet außer der Krankenkindermilchausgabe an 21 Stellen in Wien eine Beteilung mit Milch statt. Jedes Kind erhält täglich einen Viertelliter Milch oder Milchkakao; für je fünf Kinder wird eine Dose Kondensmilch in i er Zentralverkochungsstelle für die Kindermilchtrinkhallen in der lloßauer Kaserne verkocht. Von dort erfolgt der Transport der Kannen mit der heißen Milch an die Verteilungsstellen. Uni eine Vorstellung davon zu bekommen, was das heißt einen solchen Betrieb zu führen, bedenke man, daß für 5000 Kinder 1000 Üo^en Kondensmilch täglich verbraucht, werden; das macht, da die Ausgabe Samstag und Sonntag nicht erfolgt, 5000 Dosen in der Woche. Wer in dieser traurigen Zeit einen herzerquickenden Eindruck gewinnen will, der besuche gegen 4 Uhr nachmittagB, wenn die Kinder aus der Schule strömen, eine dieser Verteilungsstellcn. Wie sie sich drängen die munteren Kleinen, um früher zu dem herrlichen Trunk zu kommen! Die Aufsichtsschwester geht strenge umher, lobt, was lobenswert, tadelt was tadelnswert ist. In mustergültiger Ordnung werden innerhalb ganz kurzer Zeit viele Hundert Kinder abgefertigt. Für die ganz Kleinen wird die Milch von der Mutter geholt, die anderen sind gehalten, selbstverständlich nach Abgabe der Kontrollmarke für den betreffenden Tag, die Milch in der Verteilungsstelle in einem sauberen, zur Trinkhalle umgewandelten Speisesaale auszutrinken. Das muntere Gezwitscher der schmausenden Kleinen, die sich in trauriger kriegsgeborener Reife der Köstlichkeit, der Gabe meist voll bewußt, sind, mag den unermüdlichen Vor- und Mitarbeitern an diesem weisesten Werke der Fürsorge zum Dank gereichen. Pessach-Aktion der „Einheit" (Wien, II. Malzgasse 12 a). Die rühmlichst bekannte Wirksamkeit der „Einheit" ist zu jeder Zeit auf dem richtigen Platze anzutreffen. Die Leitung der „Einheit" hat in Lainz für die dortigen 150—200 jüdischen Insassen eine Jomtow-Küche etabliert und versorgt damit auch die urnliegenden Spitäler. Auch in den übrigen Spitälern Wiens wird Jomtow-Kost an Reflektanten verabreicht. In der „Einheit" selbst werden auch Jomtow Tausende gespeist und in der Mittelstandsküche an 300 Personen, Mittag und Abends verköstigt. Wahrlich eine Tätigkeit, die sich selbst spricht. Die höher verzinsten 6 % igen Staatsschatzscheine. Wie vor kurzem gemeldet wurde, ist beim Abverkauf der G°/0igen österreichischen Staatsschatzscheine schon mit l. Jänner 1921 der Betrag von 1000 Millionen überschritten worden. Nach verläßlichen Berichten, welche von den Zeichenstellen eingelaufen sind, schreiten wir rüstig der zweiten Milliarde zu. Das Interesse für die G°/nigen Schatzscheine hat sich in letzter Zeit auch tatsächlich gehoben, und ungeachtet der vielfachen schweren Belastungen, denen die Bevölkerung Oesterreichs ausgesetzt ist, haben jene Kreise, welche das Volksinteresse mit dem Staatsinteresso zu verbindet] verstehen, den Wert der 6%ioen vei'" zinslichen Schatzscheine anerkannt. Tatsächlich hebt sich die Nachfrage allerorten, zumal durch eine Verfügung des Bundesministeriums für Finanzen die Schatzscheine, welche länger als ein Jahr ungekündigt bleiben, mit einer Verzinsung von 0'4 °/n höher zurückgezahlt werden. Es stellt sich demnach die Verzinsung für 1000 Kronen Kapital, welches man in Schatzscheinen anlegt, für ein Jahr auf 6'4 %, was gewiß einen sehr hübschen bürgerlichen Gewinn bedeutet. Wir sehen auch, daß die Kapitalskreise und Sparer in letzter Zeit für die Staatsschatz- Scheine großes Interesse zeigen und demzufolge auch große Posten dieses Staatspapieres aus dem Markte nehmen. Cscftecftoslowakei. Sitzung der Landesrepräsentanz der orthodoxen Gemeinden der Slowakei. Am 5. April fand unter dem Vorsitze des Präses Oberrabiner Weber in Bratislava im großen Saale der orthodoxen Volksschule die II. ordentliche Sitzung der orthodoxen Landesrepräsentanz statt. Auf der Tagesordnung stand: 1. Bericht über dem Volksverbande; 2. Unterbreitung der Statuten des Pensionsfonds der Kultusbeamten; 3. Wahl der Kultusbeamtensektion; 4. Revision des Finanzgebahrens und eventuelle Anträge. Näherer Bericht folgt. Enquete in der Sonntagsrahefrage. Das slowakische Ministerium hat Anfangs April eine Enquete in der Sonntagsruhefrage zusammenberufen. Seitens des orthodoxen Zentralbüros waren vertreten die Oberrabbiner Weber und Hirschler, Ungar, Markus Fürst, Leopold Neumann. Vorher haben die Vertreter der Orthodoxie mit dem Präses des Handelsgremiums Herrn Duschinsky verhandelt, der seine beste Unterstützung versprach, und den Gen. Singer, Generalsekretär des Verbandes kaufmännischer Angestellter wegen seiner Bedenken betreffs der Angestellten beruhigt, indem er erklärte, daß das Gremium selbst gegen solche Kaufleute vorgehen würde, welche die Angestellten auch am Sonntag beschäftigen wollten. Im Ministerium wurde beschlossen, daß bis zum Inslebentreten des neuen Gesetzes der status quo aufrecht bestehe. Die Mitteilung eines Blattes, als ob sich ein orthodoxer Vertreter dabei auf das nationale Minderheitsrecht berufen hat, ist unrichtig. Die orthodoxe Kanzlei hat die Angelegenheit der Sonntagsruhe der Regierung und dem Parlament ein Memorandum überreicht. Feiertagsurlanb der jüdischen Soldaten. Das Militäroberkommando für die Slowakei willigt unter Zahl 5000/2 EM. ein. daß die jüdischen Soldaten an den Feiertagen und zwar vom 22. April 5 Uhr abends bis 24. April rt Uhr abends und vom 28. April 5 Uhr abends bis zum 80. April 8 Uhr abends dienstfrei erhalten. Diese Verordnung wurde auf Eingabe der orthodoxen Kanzlei erlassen. Die Kanzlei hat auch angesucht, daß. die Soldaten in solchen Orten, wo die Möglichkeit einer schnellen Verpflegung nicht vorhanden ist, auf 8 Tage beurlaubt werden. Die Militärintendantur teilt unter 19881/1 mit, daß diejenigen jüdischen Soldaten, die es beanspruchen, über den Feiertogen und zwar vom 22. bis 30. April Menagegeld erhalten. Agnda-Abend in Presov. Sonntag, den 17. April fand in Presov eine große Versammlung der Aguda statt, in. welcher Herr Wolf Pappenheim das Referat über seine Palästinareise erstattete. Nach der mit großem Beifalle aufgenommenen Rede, hielt Oberrabbiner Spitzer Kirchdranf eine zündende Drosche von außerordentlich tiefer Wirkung. Hierauf fand ein Bankett zu Ehren des Gastes statt, bei welchem Gemeindepräses-Stellvertreter Preis, Oberrabbiner Spitzer Aguda-Präses Eonfeder, Holländer und Andere sprachen. Es wurden dö. K 30.000 für den Keren Erez Israel gespendet. Aus Presov. Unsere Gemeinde an der Grenze Polens gelegen, war oft der erste Zufluchtsort der Emigranten, die eine gastfreundliche Aufnahme und gute Versorgung erhalten haben. Besonders muß die eifrige Tätigkeit des Vizepräses unserer Gemeinde, des Herrn Ludwig Preiß hervorgehoben werden, der auf diesem Gebiete Rühmliches geleistet hat. Herr Preiß, der auch Mitglied der orthodoxen Landesrepräsentanz ist. hat sich auch in der Lizenzehfrage große Verdienste erworben. Brünner Kultusb8amte streiken. Die Beamten der Brünner Kultusgemeinde streiken, weil ihre Gehaltsansprüche vom Vorstande abgelehnt wurden. Deutschland. Orthodoxe Versammlung. Am 31. März abends fand unter Vorsitz des Herrn A. Auerbaeh im Logenheim in Hamburg eine sehr zahlreich besuchte Versammlung orthodoxer Gemeindemitglieder behufs Besprechung der durch den von den Gemeinde- Repräsentanten beschlossenen Anschluß der Deutsch- Israelitischen Gemeinde an die geplante Organisation des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes geschaffenen Lage. Nach einem sehr klaren, mit großem Beifall aufgenommenen, eingehenden Referat des Herrn Dr. L. Schlesinger, wurde ein Komitee von 16 Herren gewählt, welches weitere Schritte beraten und unternehmen soll, um, wenn irgend möglich, zu einer friedlichen Regelung dieser die gesetzestreuen Kreise der Gemeindomitglieder sehr bewegenden Angelegenheit zu gelangen. Das große Verhör in der Frankfurter Thoralehranstalt Jeschiwa fand am 27. März in den Räumen der Lehranstalt Fried berger Anlage, unter Anwesenheit des Kuratoriums und vieler Gäste statt. Die vom Leiter der Jeschiwa, Herrn Rabbiner Dr. S. Breuer, vorgenommene Prüfung zeigte die glänzendsten Resultate einer regen einjährigen Geistesarbeit. Die Jeschiwa war in diesem Jahre von 40 Bachurim, zur Hälfte Deutschen, besucht. Unter den älteren ausländischen Jüngern befinden sich solche, deren bedeutendes Thorawissen zu großen Hoffnungen berechtigt. Auch an der jüngeren Generation, die aus westlichen Schulen, zum Teil mit nur geringen Talmudkenntnissen in die Lehranstalteingetreten ist und sich nun mit der schwierigen Materie vollkommen vertraut zeigte, sah man, von welch hohem Segen ein auch auf kurze Zeit bemessenes intensives Lernen an der Quelle für die Jugend ist. Polen, Das Warschauer Aguda-Komitee. Der neugewählte Ausschuß der Warschauer Aguda hat schon einige Sitzungen abgehalten, auf welchen die Frage der Konstituierung und Organisierung der einzelnen Organe des Komitees behandelt wurden. Es ist auch beschlossen worden, in das Komitee eine bestimmte Zahl von Personen aus jenen orthodoxen Schichten, die im Komitee nicht vertreten sind, zu kooptieren. Außerdem sollen gewählt werden: ein engeres Exekutivkomitee und eine Kommission, welche die Grundlage für die Beziehungen zwischen dem großen Ausschuß, dem engeren Komitee, dem Beirate und den einzelnen Kominissionen für besondere Angelegenheiten ausarbeiten soll. Vorläufig ist das Präsidium des großen Komitees gewählt worden, welches folgendermaßen zusammengesetzt ist: R. Salomon Kieppich, Vorsitzender; R. Salomon Joskowitsch und R. Mojsche Ochsenberg, Vorsitzendenstellvertreter: R. David Graf, Sekretär; R. Menachem Eli Rosenstrauch und R. Awraham Welwel Siebenberg, Kassierer. Spendet für die lugendgruppe! Litauen. Vergrößerung des jüdischen Ministeriums. Die Budgetkommission der litauischen Nationalversammlung schlug vor, das Ministerium für jüdische Angelegenheiten zu vergrößern, mehr Beamten aufzunehmen und ihm die Möglichkeit zu gewähren, größere Ausgaben zu machen. Dieser Vorschlag wurde damit begründet, daß die jüdische Minderheit in Litauen eine patriotische und loyale Haltung gegenüber der litauischen Regierung eingenommen hatte. Dieser Vorschlag wurde angenommen. Rosenbanm — Gesandter in Washington. Aus Kowno wird gemeldet, daß der jüdische Politiker in Litauen, Herr Rosenbaum, zum litauischen Gesandten in Washington bestimmt worden ist. Danzig. Ausweisung jüdischer Heimloser aus Danzig. Viele jüdische Heimlose wurden aus Danzig abtransportiert. Die Ostjuden haben beschlossen, sich an den Kommissär Harding mit der Bitte zu wenden, die Ausweisungen einzustellen. $ Amerika. Hoover lobt die Juden. Der Leiter des amerikanischen Hilfswerkes für die notleidenden Kinder Europas, Hoover, richtete ein Schreiben an Louis Marshall, in dem er sich äußerst lobend über die opfervolle Beteiligung der amerikanischen Judenheit an dieser allgemeinen Kinderhilfsaktion ansspricht. Verbot der Zeitung Ford's. Laut. Berichten der amerikanischen Zeitungen hat die Lokalpolizei in einzelnen Städten den Straßenverkauf der Fordschen antisemitischen Zeitung „Dearborn Independent" verboten, wegen eventueller Störung der öffentlichen Rnhe, so zum Beispiel in St. Louis. Selbst in Detroit, dem eigentlichen Machtbereiche Fords, wurde der Straßenverkauf unter Ausrufung verboten. Einberufung des amerikanisch jüdischen Kongresses für Ende Oktober. Die am 20. März in New York stattgefundene Konferenz der Delegierten zum letzten jüdischen Kongreß hat beschlossen, den neuen Kongreß für den 30. und 31. Oktober und 1. November einzuberufen. Die Wahlen sollen gleiche, allgemeine und direkte sein, entgegen einem eingebrachten, jedoch abgelehnten Vorschlage auf Zusammensetzung des Kongresses aus Vertretern allernationalen und zentralen jüdischen Organisationen und Gemeinden. Es wurde auch davon abgesehen, dem Kongreß ein bestimmtes Programm vorzuschreiben; der Kongreß soll vielmehr die vertretende Körperschaft der Juden Amerikas in allen jüdischen Angelegenheiten sein, unbeschränkt in seinem Programm und seiner Prozedur. Die Delegierten verhehlten sich allerdings nicht, daß im Volke eine gewisse Kongreßmüdigkeit Platz gegriffen habe und daß die Delegierten bei der Beschließung, den Kongreß auf Grund allgemeiner Wahlen zu bilden, eine große Verantwortung auf sich nehmen. Bis zur Durchführung der Wahlen, die am 19. Juni stattfinden sollen — die Delegiertennomination hat am 22. Mai zu erfolgen — müsse das Volk durch gehörige Propaganda wachgerüttelt werden. Rumänien. Kongreß jüdischer Studenten. In Bukarest hat kürzlich ein Kongreß der jüdischen Studenten Großrumäniens stattgefunden, an dem über hundert Delegierte der Universitäten in Bukarest, Jassy, Czernowitz und Hermannstadt teilgenommen haben. Der Kongreß behandelte nur die ökonomischen und kulturellen Fragen der jüdischen Studentenschaft. Sechs jüdische Heimlose ermordet. Kürzlich wurden nach Urhijew (Beßarabien) aus den nahegelegenen Dörfern sechs Ermordete und ein kaum noch am Leben erhaltenes anderthalbjähriges Kind gebracht. Die Ermordeten sind Heimlose aus der Ukraine, welche von unbekannten Mördern umgebracht worden sind. Das Kind wurde in einen Brunnen geworfen; da aber das Wasser gefroren war, blieb das Kind am Leben. Die Mörder warfen Steine, um das Eis zu brechen, sie trafen glücklicherweise nicht. Am nächsten Tag vernahmen vorüberfahrende Bauern das Rufen des Kindes und zogen es aus dem Brunnen. Bei einem der Ermordeten fand man Dokumente, welche beweisen, daß er Boruch Gurewitsch hieß und aus Tochetschelnik war. eine der ermordeten Frauen war seine Frau Chawa und das Kind ihr Sohn Mojsche. Die Ermordeten wurden vollständig beraubt. Die Joint Distribution Committee in Oradea-Mare. Wir berichteten bereits vor einigen Wochen, daß die Abteilung der „J. D. Cuu in Bukarest den Vertretern des Großwardeiner Jüdischen Frauenvereins einen Besuch im Laufe April in Aussicht stellte, um die Geschäftsführung des dortigen jüdischen Spitals besichtigen und sich demgemäß an dem bezweckten Fortbau zu beteiligen. Dieser Zusage gemäß traf eine Kommission unter der Leitung der Herren Med. Dr. Isak Alcazar und Sekretär Hermann Moskowitz hier ein, und besichtigte unter der Leitung Frau Therese Ullman in erster Reihe das jüdische Spital aufs gründlichste und gaben über die dortgefundene Ordnung und Reinlichkeit die