Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 14 (22.4.1921)
- Date
- 1921-04-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 108 JÜDISCHE PRESSE Nr. 14 erschütterte und zum Zusammenbruch gebracht hat, auch hier Klarheit geschaffen. Das Rabbinat der israelitischen Kultusgemeinde konnte der Schwierigkeiten, welche der Krieg auf dem Gebiete des rituellen Lebens gebracht hat, nicht Herr werden. Die Institutionen, welche in ritueller Beziehung dem Rabbinate der israelitischen Kultusgemeinde anvertraut waren, sind zum großen Teil in religiöser Beziehung ganz verfallen und selbst für einen Juden, der es mit den religiösen Vorschriften nicht allzu streng nimmt, unbrauchbar geworden. Es ist in der letzten Zeit sogar vorgekommen, daß das Rabbinat der israelitischen Kultusgemeinde, welches einerseits in offiziellen, öffentlichen Verlautbarungen etwas für koscher, rituell verläßlich erklärt hat, über dieselbe Sache inoffiziell, privat aber mit aller Deutlichkeit sich dahin vernehmen ließ, das es unzulässig wäre. Daß durch solche Vorgangsweise selbst die letzten moralischen Brosamen, welches das Rabbinat der Kultusgemeinde in manchen Kreisen genießen dürfte, verloren gegangen sind, ist nur allzu selbstverständlich. Es sind nun ganz ernste Anzeichen hiefür, daß das Rabbinat der Kultusgemeinde reorganisiert werde. Die Orthodoxie sieht diesen Versuchen nicht ganz interesselos entgegen, jedoch ist es unseren Erachtens Pflicht der Orthodoxen, vor diesen Versuchen zur Reorganisierung eine Ehrenpflicht zu erfüllen, die wir alle unserem Rabbinate, dem Bethdin der Schiffschul schulden. Dieses Rabbinat, wohl gesetzlich nicht anerkannt, von der großen einheitlichen Kultusgemeinde bloß geduldet, jedoch durch die freie Wahl der orthodoxen Gemeinde bestellt und durch das eigene heilige Pflichtbewußtsein geleitet, hat es trotz aller Schwierigkeiten und häufigen Hindernisseverstanden, die ihm anvertrauten Institutionen 'unversehrt rituell ganz zulässig zu erhalten. Die Orthodoxie und ihre Vertreter in der Kultusgemeinde sollten einmütig und mit der festesten Energie dafür eintreten, daß nun dieses Rabbinat, das sich unter den schwersten Zeiten bewährt, hat, mit allen Attributen (der staatlichen Anerkennung) eines Rabbinates ausgestaltet werde. Selbstverständlich soll diese Ausgestaltung nur ohne Antastung der völligen Selbstständigkeit und Autonomie dieses Rabbinats geschehen. Wir meinen, daß dies ohne Sprengung der Einheit der Kultusgemeinde, über die wir verschiedener Ansicht sein können, die wir aber heule nicht besprechen wollen, leicht möglich ist. Die Einheit der Gemeinde soll nach außenhin bleiben, aber nach innen soll das ausgestaltete Rabbinat der Adass Jisroel auch weiterhin durch die Mitglieder der Schiffschul gewählt werden und völlig autonom wirken. Wir meinen, daß dieser Antrag jedem akzeptabel, bloß die Anerkennung für die moralischen Werte des Schiffschul-Bethdin ist und seitens der Orthodoxie die Erfüllung einer Ehrenpflicht bedeutet, die wir unserem Rabbinate und uns schuldig sind. Wir zweifeln nicht, daß unsere Vertreter in der Kultusgemeinde für diesen Vorschlag eintreten und ihn in Ehren durchsetzen werden. J. P. Kritiscfte Rundschau. Die Erstürmung Ofens oder der „gewählte" Alterspräsident. Die israelitische Gemeinde in Buda (Ofen) will sich der großen Gemeinde in Pest (Budapest) anschließen. Darüber wird eirte Generalversammlung einberufen. Die Zionistdn, an ihrer Spitze der Professor der orientalischen Handelsschule Adolf Strauß, schlagen Lärm. Der Vorstand legt die Stellen nieder. Die zurückgebliebene Minorität „proklamiert" Prof. Strauß zum Präsidenten der israelitischen Gemeinde in Ofen. Das zionistische „Zsido Szemle" versucht, diesem neuen Modus der „Proklamierung" eines Gemeindepräsidenten zu beschönigen und erzählt, daß die zurückgebliebene Minorität (aha! Minoritätsrechte) Prof. Strauß zum Alterspräsidenten — gewählt hätte. Die „zurückgebliebenen" Herren mit dem „gewählten" Alterspräsidenten an der Spitze beschlossen, eine Neuwahl anzuordnen. Der Vorstand protestiert gegen den Beschluß. Dieser Putsch der Zionisten hat nach dem „Zsido Szemle" selbst zu urteilen, keine Aussicht auf Erfolg. Es ist ja auch selbstverständlich, daß der abdankende Vorstand bis zur Neuwahl selbst die Geschäfte führt. Die Sache hat aber noch interessante Seiten. Herr Adolf Strauß, der hier gegenüber den ..Assimilanten" den Konservatismus vertritt hat unter den Töchtern Israels kein Weib für sich gefunden und seine Kinder sind auch alle — im christlichen Glauben erzogen worden. Es mag Sache der unterschiedlichen Auffassung sein, ob eine den religiösen Charakter des Judentums gänzlich negierende radikale jüdisch-nationalistische Organisation von Herrn Strauß geleitet werden könne. Wie man es aber wagen kann, sich unter solchen Umständen gar gewaltsam der Führung einer Kehilla zu bemächtigen, gehört zu den komplizierten psychologischen Rebussen der jungzionistischen Bewegung. Herr Prof. Strauß hat übrigens seine zionistische Position auf nicht viel glattere Weise errungen, als sein Alterspräsidium in der Kehilla zu Ofen. Es gehört auch zu den Bizzarion des jüdischen Lebens in Ungarn, daß sich Herr Strauß bei seiner nicht sein' einwandfreien Erstürmung seiner zionistischen Position des Beistandes der — Misrachisten erfreuen konnte. Jawohl, der Misrachisten! Das neue Abenteuer des putschlustigen Alterspräsidenten wird wohl kein rühmliches Ende nehmen, aber einen lehrreichen Fall mehr für die Entartung politischer und religiöser Sitten der jüdischen Nationalisten bilden. Deut$cbö$tcrrcicD. Markus Bondi. In vollster Geistesfrische, unberührt von den körperlichen Beschwerden des Alters, vollendet Markus Bondi am zweiten Pessachtage sein neunzigstes Lebensjahr. Die Sehnsucht, nach getaner ehrlicher und redlicher Arbeit die wohlverdiente Ruhe zu genießen, ist bei Markus Bondi nicht vorhanden. Er blickt auf die vielen Tage seines arbeitsreichen Lebens zurück und arbeitet weiter. Markus Bondi zählt nicht nur Jahre seines Lebens — er kann auch Tage zählen, wie es von Abraham heißt — er wurde alt mit den Tagen — sein Leben reich an Tagen und Taten. Vor ungefähr 36 Jahren kam Markus Bondi aus seiner deutschen Heimatstadt Mainz hieher. Schon das Heim, aus dem er entsprossen ist, war dazu angetan, die Richtlinie für sein Leben zu bilden. Seine Eltern führten ein streng religiöses Haus, das in ganz Deutschland bekannt war — der Vater Samuel, ein bedeutender Talmudgelehrter und hochbegabter Kaufmann, war stets sein Vorbild — einer jener prächtigen Männer, die Thora und Drech Erez zu vereinigen verstanden haben. Die hohen Eigenschaften des Vaters übertrugen sich auf den Sohn. Ihm zur Seite stand in fünfzigjähriger, ungetrübter Ehe eine edle, hochgebildete und fromme Gattin, die er aus der. hochgeachteten Familie Hirsch in Halberstadt heimführte. Gar bald wurde das Haus Bondi in Wien zum Mittelpunkt des jüdischen Lebens — ein gastliches Haus, wie es die Mischna mit den Worten „Bet Waad lachachomim" bezeichnet. Schwere Schatten senkten sich über das traute Heim, als der älteste Sohn, in der Vollblüte seiner Jahre dahinging, eine Witwe und vier Töchter hinterlassend. Ein zweiter Schicksalsschlag traf das Haus durch den Tod einer verheirateten Tochter. Mit bewunderungswerter G-ttergebenheit ertrug das Ehepaar Bondi diese Heimsuchung. Markus Bondi fand nicht allein im Kaufmannsberuf ein reiches Feld zur Entfaltung seiner Fähigkeiten — die seltene Gründlichkeit seines liebevollen Wesens ermöglichte ihm eine Betätigung auf fast allen jüdischen Gebieten und finden wir ihn heute noch als Hüter an den drei mächtigen Strebepfeilern des Judentums in vollster Tätigkeit. Als. Präsident der Talmud Thora-Schule auf dem Gebiete der Thora, als Präsident der Adas Jisroel bei der Awodah und als Präsident des Vereines zur Unterstützung armer kranker Israeliten übt er in reinster Erfassung Gemiluth Ghassodim. In dieser dreifachen Stellung ist er nicht allein als Förderer tätig, er fördert den Unterricht, findet aber auch Zeit, selbst zu lernen. Sein streng religiöses Gefühl, seine innige Glaubenstreue machen ihn für Jung und Alt zum Musterbild eines echten, wahren Jehudi. Er ist einer jener Gestalten, denen der Besuch des G-tteshauses morgens und abends das hohe Alter gebracht hat. Und auf der breiten Basis des Gemiluth Ghassodim ist sein Haus gebaut. Vielen tausenden armen Kranken NACHRICHTEN. ist Markus Bondi Schutz und Stütze — in brüderlicher Weise. Der werlvolle Inhalt seines Lebens, reich an Arbeit — reich an Erfolgen und reich an Maassim towim, läßt sich nicht in die wenigen Worte fassen, die ich dem Jubelgreis hier widmen kann. Die gesamte Judenschaft Wiens, in erster Reihe die Kinder der Talmud Thora, die Kranken und Siechen in den Spitälern und auch die Glaubensgenossen im deutschen Reiche haben für Markus Bondi den einen Wunsch ad meah weessrim schono. D. K. Humanitärer Verein „Tiferes-Bachurim" Wien. Am ersten Tag Pessach, 4 Uhr nachmittags findet in der Jugendgruppe eine Prüfung der in den Jeschiwot lernenden Bachurim statt, zu welcher die geehrten Mitglieder und Gönner des Vereines geladen sind. Generalversammlung der Jesod Hathora. Sonntag, den 3. April 1921, fand im Beth Hamidrasch, IL, Große Schiffgasse 8, die Generalversammlung der Jesod Hathora statt. Vorstandsmitglied Herr Leopold Lederer begrüßt die zahlreich erschienenen Mitglieder, als auch die Vertreter der verschiedenen orthodoxen Bethäuser: Beth-Hamidrasch, Adass Jisroel, Marpe Lanefesch, Talmud-Thora, Zabner Klaus und des Bethaus VI., Stumpergasse. Hernach gedachte er der in den letzten Jahren verstorbenen Mitglieder und des Obmannes Herrn Wilhelm Kritzlets. A., der mehr als 30 Jahre hindurch bemüht war, die Jesod Hathora in dem Geiste, wie er sie von seinem Rabbiner Salamon Spitzer s. x\. übernommen hatte, fortzuführen und keine Opfer und Mühe seheute, damit das Schulwerk, das er geschaffen, selbst in den schwersten Zeiten erhalten bleibe. Auf Anregung des Vorstandsmitgliedes Moritz Leitner wurde eine Wilhelm-Kritzler-Stiftung errichtet, deren Erträgnis alljährlich am Jahrzeitstage des Verstorbenen, an die von der Jesod Hathora nach einer Jeschiwoh abgehenden Schüler, verteilt werden soll. Zu diesem Zwecke spendet Herr Leitner K 10.000'—. Nunmehr erstattet der Vorsitzende den Tätigkeitsbericht, woraus ersichtlich, daß der Verein seinen Wirkungskreis ganz bedeutend erweitert hat; dies wurde insbesonders dadurch möglich, daß der Verein nunmehr, durch die Opferfreude der Erben von Frau Helene Bernfeld s. A., ein eigenes Heim im IL, Nestroygasse 11 besitzt. Liier befindet sich ein, den modernsten Anforderungen entsprechender Kindergarten, in welchem jüdische Knaben und Mädchen vom 3.—6. Lebensjahre, eine echt jüdische Erziehung und Belehrung genießen. Auch wurde in diesem Gebäude der ganztätige Kurs für Talmud errichtet. Besonders rühmend hebt der Vorsitzende die seit 2 Jahren bestehende Mädchen-Fortbildungsklasse hervor, wo die Mädchen unter bewährter Leitung ein schönes, jüdisches Wissen sich aneignen. Das Schulwerk der Jesod Hathora umfaßt derzeit einen Kindergarten, sechs Knaben- und fünf Mädchenklassen mit einer Schülerzahl von 200 Knaben und 150 Mädchen. Zur Leitung dieses Werkes wurde S. E. Herr Rabbiner S. Neuwirth berufen und wenn in den letzten Jahren das Schulvverk so bedeutend erweitert wurde und weit über den Kreis der hiesigen Orthodoxie den allerbesten Ruf genießt, so ist dies sicherlich seiner tüchtigen, bewährten und aufopferungsfähigen Arbeit zu verdanken und spricht der Vorsitzende ihm auch bei dieser Gelegenheit für seine mühevolle Arbeit den besten Dank aus. Den Mitgliedern des Lehrkörpers Herren Rabbiner M. .Fleischmann, Rabbiner S. Benedikt, Oberlehrer Oesterreicher, S. Tauber, E. Rubinstein und der Kindergärtnerin Frl. Sophie Bondi, spricht er für ihre besonders gewissenhafte und gedeihliche Tätigkeit an der Jesod Hathora. ebenfalls seinen besten Dank und die vollste Anerkennung aus. Ganz besonderen Dank gebührt S. E. Herrn Rabbiner S. Fürst, der die größte Mühe bei seinen zahlreichen Inspektionen in der Schule obwalten ließ, wodurch allen Eltern Sicherheit geboten ist, daß ihre Kinder unter bester Anleitung sich dem Studium der Thora widmen. Nachdem der Vorsitzende noch Herrn Dr. Reininger, dem Schularzt der Jesod Hathora, der Adass Jisroel, dem Beth- Hamidrasch, dem Bethaus Marpe Lanefesch und allen Vereinen, Gönnern, Mitgliedern und Freunden, für die Subventionierung und ihrer Mithilfe bei Erhaltung der Jesod Hathora dankte, weißt er auf die großen Schwierigkeiten, die dem Vereine auf dem finanziellen Gebiete erwachsen sind, da nicht nur große Beträge für Gehälter und zur Erhaltung der Schule aufgebracht werden müssen, sondern in Anbetracht der großen Anzahl bedürftiger Schüler und Schülerinnen, müssen diesen Seforim, Lehrbücher, Tefillin, Zizzis, Wäsche, Bekleidung und Beschuhung auch gegeben werden, wodurch voraussichtlich ein Defizit von K 300.000*— fast ganz ohne Deckung ist und wenn nicht im letzten Moment noch alle orthodox gesinnten Bethäuser und Vereine, sowie Mitglieder und Gönner, ihre ganze Kraft anspannen und durch große Beträge den Verein aufhelfen, ist leider dieses herrliche Werk, für die Wiener Orthodoxie ganz unentbehrliche Institution, gefährdet. Herr Max Hofbauer erstattet im Namen der Revisoren über die vorgenommene Revision der Kassagebarung für die Jahre 1918, 1919 und 1920 Bericht. Herr Frommer, Vertreter des Beth-Hamidrasch, versichert, im Namen des Vorstandes des Beth- Hamidrasch, auch in der Zukunft die tatkräftigste Unterstützung der Jesod Hathora zu gewähren. Bei der Statutenänderung entwickelt sich eine große Debatte, woraus ersichtlich, daß alle Mitglieder ihr Bestes für den Fortbestand der Schule auf gesetzestreuer Basis zu leisten gewillt sind. Bei der nachher stattfindenden Neuwahl des Vorstandes wurden folgende Herren in den Vorstand entsendet: Hugo Bondi, Josef Herzog, Emil Kritzler, Rudolf Kohn. Leopold Lederer, Moritz Leitner, Kaiman Pappenheim, Nathan Schiff, Julius Steinfeld, Dr. Isidor Reininger, Wolf Pappenheim, Max Freund, Armin Galandauer, Nathan Kollmann, Simon Fischer, Ing. Ludwig Kritzler, Joachim Wosner, Salamon Schreiber, Isidor Frommer.