Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 14 (22.4.1921)
- Date
- 1921-04-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 108 JÜDISCHE PRESSE Nr. 14 aus allen Dingen und Situationen seinen persönlichen Vorteil zu destillieren. Das Wesen des Weisen ist ihm daher diametral entgegengesetzt. Die g-ttlichen Gesetze des Solidarismus sind ihm ein Ballast, deren höhere Weisheit er negiert oder Oberhaupt nicht begreift. »Für euch und nicht für sich" zu arbeiten, dünkt ihm, der da „entzieht sein Ich der Gesamtheit8 widersinnige verlorene Arbeit. Und alle Gesetze der Thora bedeuten doch nichts anderes als die Unterordnung des Interesses des Einzelstrebens gegenüber den Interessen der Gesamtheit. Ein „Leugner des Urgebotes" ist daher derjenige, der seine Kraft der Gesamtheit entzieht und sein Schicksal loskettet vom Ringkranze der Allgemeinheit. Je höher die Zahl der altruistischen Weisen in einem Volke ist, desto größer ist seine Stärke, sein innerer Friede und seine Stellung unter den Völkern; je häufiger der Individualist in ihm vertreten ist, um so schwächlicher, zerfahrener und verächtlicher wird es. Wo unser Volk, belebt von seiner Seele, der Thöra, ein wahrhaft jüdisches Volksmilieu gebildet hat, war der Weise, unsere „Chachomim" gefeierte Volksführer. Im wahren Golus, wo Golus hanefesch herrscht, gewinnt der Roscho Oberwasser. Alle großen, allgemeinen Gesichtspunkte zerfallen da in Einzelbestrebungen und der Tarn, der die große Masse bildet, verliert da überhaupt die Fähigkeit, den Roscho als solchen zu erkennen. Roscho bekleidet da unerkannt Würden und Aemter, die vom Ghochom und nur von demselben geschaffen worden sind, um das Volkswohl zu sichern. Denn die ausgestreckte Hand des Weisen ist schöpferisch. Der Roscho kann nur mit dem Schwerte, mit Gewalt erobern, was Ghochom geschaffen hat. Nur vom Gesichtswinkel der Ewigkeit, wie ihn der Ghochom betrachtet, repräsentiert sich die harmlose Figur des Eigenbrödlers als Kofarbeikor. Das Golusmilieu erkennt ihn nicht mehr. Das ist der erste, große Zug Mosis, daß er in den von der Masse, als gleiche „zwei streitende Iwrim" gehaltenen Männern sofort den Roscho erkennt. Das ist der erste Konflikt des größten aller Ghachomim mit dem Milieu des Golus, daß er in dem glücklichen Einzelstreber, der in Goschen gefeierter Führer sein kann, den Roscho feststellt, wo ihn Niemand als solchen erkennt. Der Pessah, dieser Strahl aus Göula-Zeiten, setzt die Farben der Beiden in helle Beleuchtung und formt die Empfindungsweit des Einen und des Anderen zu einem scharfgezeichnetem Symbol. Denn noch sitzen sie Jahrüber unerkannt nebeneinander im Gewühle des täglichen Kampfes des Golus. Da merkt Niemand an „zwei streitende Ebräer" die antike biblische Seelengröße des Ghochoms und den eigensüchtigen, gewalttätigen, listigverschlagenen Bösewicht. Die große Masse des Tam's gehört im Golus gerade ihm, an dessen Sohlen sich Eigenerfolge heften. Wo persönliche Ziele den ganzen Lebensinhalt ausmachen, lehnt sich der an die Stütze klammernde Einfältige an ihn, der dem blödsichtigen Sinne des Tams verständliche Augenblickserfolge gewährleistet. Aus dieser»Masse ist noch die Jugend zu retten, die noch nichts zu verlangen hat von den Versuchungen, von den Erfolgen und Vorteilen des öffentlichen Lebens. Der Weise, der nichts für sich verlangen will und der Junge, der noch nichts für sich verlangen kann, sie gehören zusammen, sie sind das Ferment der Sittlichkeit unseres Volkes, und von Pessah zu Pessah wird ihre Kraft wachsen und sich ihre Herrschaft befestigen. Einst kommt wohl auch die Zeit, die große Erlösungs-Aera, wo der Weise zur Mehrheit und zur Herrschaft gelangt, wo es auch klug sein wird, weise zu sein und Vorteil sein wird. „Awodo" zu leisten. Und alle vier Söhne werden da gleich den Ofanim mitsammen den Risse hakowod tragen. Aber; diesmal zeigt uns die Hagada die Viere noch in der alten starren Haltung und die Idee des Pessahabends erweckt noch die alte heftige Rede und Widerrede zwischen den Vieren. Darum leschono haboo! Die Sederfeier. „Wer hungrig ist, zum Tische trete, Daß er bei unsrem Mahl' werd' satt, Wer Kummer hat, mit uns heut' bete; Weß' Leib von schwerer Arbeit matt, Er sei willkommen Beim Fest der Frommen!" Der Vater ruft's, daß man es höre, Die Türe wird geöffnet weit, So will es unsres Glaubens Lehre, Die Heil uns bringt für alle Zeit. Beim Glanz der Kerzen, Da jauchzen Herzen. In jedem Haus ist heut' ein »Seder", Da sieht man Dinge, mancherlei, An „Mizrajim" denkt wohl ein jeder, Nach langem Druck wir wurden frei. Zu G-tt wir beten, Er half in Nöten. Drei Mazsot auf der Schüssel liegen, „Der Leiden Brot", sie sind benannt; Sie künden, daß im Kampf wir siegen, Mit G-rt, der Hilf uns stets gesandt. Laßt Leid uns tragen, Doch nie verzagen! Mit salz'gcm Wasser, voll die Schale, Daneben Hettig' weiß und rot, Man bringet auch zum Sedermahle, Bei dem gestillt sei jede Not. Nach bittren Zähren, Viel Glück und Ehren. Das „Bitterkraut"' darf auch nicht fehlen. Mit Süßem wird es dann vereint, Viermal mit Wein erfrischt die Kehlen, Daß heiter sei, wer einst geweint! Der Saft der Reben SoU's Herz erheben! Wenn auf den Tisch wir weiter blicken, Seh/n wir ein „Ei", halb weiß, halb braun: „Chagiga", das einst mit Entzücken Israel bracht', im Geist wir schau'n, Zum „Tempel" lenken Wir fromm das Denken. Und die „Seroa" durchgebraten? Erinnert an das Pessachlamm; Wenn auch in Feindesmacht geraten, Wird nie entwurzelt Jakobs Stamm. Nur G-ttverlrauen Kann uns erbauen. Auch „Elijahu", den Propheten, Begrüßen wir beim Pessaclimahl, Wenn, fromm vereint, wir heute beten, Glänzt auch für ihn der Festpokal; Vom Glaubenshelden Mit Stolz wir melden. Nachdem die „Manischtane"-Fragen Der Jüngste mit Bedacht gestellt, Wird Väterchen es allen sagen, Daß einst der Meister seiner Welt Nach vielen Leiden Uns sandle Freuden. So singt's und klingt's heut' in der Hütte, So hört man's drin auch im Palast: „Im nächsten Jahr — gewähr die Bitte — Ö Herr, der viel gewährt Du hast, Laß' Zions Höhen Uns wieder sehen!" So feiern nach dreitausend Jahren Wir immer noch das Pessachfest, Daß Kind und Unkel es erfahren. Daß G-tt Israel nie verläßt, Und jeder freue Sich '/ich!' 'aufs Neue. „Stimmt au des Dankes Jubellieder, Laßt G-ttes Lob ertönen laut! Wie einst er half, hilft er uns wieder, Heil dem, der stets auf ihn vertraut! Dem Herrn der Heere, Sei Preis und Ehre!" Moritz Äiifscherl. Itiazzot. Das Brot des Elends wurde in den letzten Kriegsjahren und nachher noch mehr wahrhaft mit vielen Kümmernissen und Sorgen für die Wiener Bevölkerung beschafft. Sie sind zumeist vom Ausland, teilweise aus Holland, England oder sogar aus Amerika fertig nach Wien geschickt worden. Obwohl sie unter verläßlicher ritueller Aufsicht gebacken worden sind, so ist dem wahrhaft gläubigen Juden, der gerne allein bei der Erfüllung der Mizwoh tätig ist,, die freudige Erregung und die aufopferungsvolle, aber doch so liebe Mühe bei der Beschaffung, Verbackung der Mazzot verloren gegangen. In diesem Jahre ist es nun anders geworden. Die Wiener Judenheit hat sich aufgerafft, um aus eigenen Kräften den Mazzotbedarf zu decken. Alle Schichten und Schattierungen der Wiener Judenheit haben sich in der Mazzotversorgungsstelle der Wiener israelitischen Kultusgemeinde zusammengefunden, um für Wien Mazzot zu beschallen. Die organisierte Orthodoxie hat sich bei dieser Gelegenheit sowohl materiell wie durch persönliche Anstrengung hervorgetan, so daß es sich von selbst ergeben hat, daß der Obmann in der Mazzotversorgungsstelle, ein Vertreter der orthodoxen Partei in der israelitischen Kultusgemeinde geworden ist. Erst Herr Wolf Pappenheim und nach seiner Palästinareise ebenfalls ein Mitglied der orthodoxen Partei, Herr Komm.-Rat Siegmund Bondi. Daß nun ein Mitglied der Orthodoxen an der Spitze der Mazzotversorgung stand, hat es zur wohltätigen Folge gehabt, daß diesmal zur Beaufsichtigung aller Bäckereien, in denen Mazzot verfertigt wurden, das Rabbinat der Schiffschul herangezogen wurde. Die verschiedenen Körperschaften, vor allem die Schiffschul und Agudas Jisroel, haben dank der Opferfreudigkeit ihrer Führer und Mitglieder die ungeheure Summe von ungefähr 20 Millionen Kronen, die für die Mehlbeschaffung, das unter streng orthodoxer Aufsicht in Jugoslawien hergestellt wurde, nötig war, zustande gebracht. Erst nachdem das Mindestmaß für die Versorgung der Wiener Judenheit sichergestellt war, kam die freudige Botschaft, daß der Joint, wie im Vorjahre, auch diesmal für die Festbesoldeten und Mindestbemittelten gratis oder billige Mazzot von den Spenden der Amerikaner zur Verfügung stellen wird. Somit wurde die Mazzotversorgungsstelle entlastet und man konnte die Kopfquote für die streng orthodoxe Bevölkerung auf ungefähr IV2 bis 2 Kilogramm erhöhen. Auch die ursprünglich festgesetzte Taxe von K 220 per Kilogramm, ungefähr der Selbstkostenpreis für die Mazzot, konnte für die breite Schichte der Fixangestellten. Mittelständler ermäßigt werden, und zwar auf Ii 110 und 55, so daß ungefähr von den 20 Waggons Mazzot bloß 4-4 Waggons zu dem Preis K 220 bezogen wurde, hingegen wurden die übrigen zum billigen Preise verkauft. Das Defizit, das (Weh die Preisermäßigung entstanden ist, wurde dank der Zuvorkommenheit einiger ausländischer Stellen, aus England und Amerika, gedeckt. Es wäre diese Skizze über die Mazzotversorgung unvollständig, wenn wir nicht erwähnen würden, daß ein kleiner Teil der streng Frommen es sich nicht nehmen ließen, allein Weizen zu verschaffen, ihn zu vermählen und selbst zu verbacken, um die Freude und Hingebung an diese Mizwoh vollauf zum Ausdruck zu bringen. Immerhin gelangen diesmal, und das soll für alle Zukunft festgestellt werden, durch das opferfreudige Mittun der selbständigen Orthodoxie für alle Schichten und Schattierungen der Wiener Judenheit selbst den rigorosesten Forderungen entsprechend zu sorgen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Mögen sie alle, die an den Sederabenden und am Pessachfest rtißtä nUCtt erfüllen, mit Stolz und Befriedigung nebst der Güte des Allmächtigen mit Dankbarkeit auch jener gedenken, die im Auslande, wie in unserer Gemeinde ihr bestes Können für die gute Sache beigetragen haben. J. P. Die ntandatsfrage im Zentralrat Wir erhalten von kompetenter Seite folgende Zuschrift: „Während der Sitzung des rabbinischen Rates wurde einmal der Antrag gestellt, die Oeffentlichkeit auszuschließen. Dies wurde abgelehnt in der richtigen Erkenntnis, daß jedes Wort, das gesprochen wurde, das Licht der Oeffentlichkeit nicht zu scheuen habe und, daß andererseits entstellte Weitergabe der gesprochenen Worte und gefaßten Beschlüsse nach heiligem Gesetz unter schwerstem Anatema stehen. Nichtsdestoweniger hat sich ein verantwortungsloser Mensch gefunden, der in vollkommener Entstellung der Wahrheit eine Tageszeitung bewogen hat, seine Unwahrheiten der Oeffentlichkeit zu unterbreiten. Andererseits wurde auch von gewissen Demagogen, um sich als Retter der Orthodoxie aufspielen zu können, die Nachricht verbreitet, daß Großrabbiner Friedmann aus Czortkow für den Anschluß an die zionistische Organisation eingetreten sei. Diese Herren vergessen, wenn es sich um den Heiligenschein ihrer Person handelt, daß sie damit indirekt für den Anschluß Propaganda machen, indem sich viele innerlich sagen, wenn Großrabbiner Friedmann finden Anschluß ist, muß die Sache doch nicht, so arg sein. Um all diesem Gerede ein Ende zu machen, veröffentlichen wir die Punkte, für die Großrabbiner Friedmann eingetreten ist. 1. Wir verlangen, daß das der zionistischen Organisation eingeräumte Vorrecht in der jüdischen Agentur auf das ganze jüdische Volk ausgedehnt und auch der Aguda Sitz und Stimme eingeräumt werden solle, da es gegen das demokratische Prinzip ist, daß Rechte, die dem ganzen Judentum gebühren, auf eine einzige Partei beschränkt bleiben soll. 2. Der zionistischen Organisation soll mitgeteilt, werden, daß solange sie die Palästina-Agenden als Parteisache betrachtet und nicht die Monopolstellung autgibt, wir mit ihnen nicht verhandeln können. Wir überlassen es jeden urteilsfähigen glaubenstreuen Juden darüber zu entscheiden, ob der Eintritt in eine von der englischen Regierung geschaffene Agentur zu dem Zwecke, jede irreligiöse Gesetzgebung zu verhindern und jeder einseitigen Parteiherrschaft entgegenzutreten, als Anschluß zu qualifizieren ist. Dem Artikelschreiber der Morgenzeitung, in dessen Gedankenlabyrinth wir uns nicht zurechtfinden können, erwidern wir, daß wir seine Behauptung, die Aguda sei in letzter Zeit für Palästina eingetreten, nur um der Palästinasache zu schaden, nur so auffassen können, daß der Aufbau Palästinas für ihm nur Nebenzweck ist, gegenüber dem Hauptzweck, die Selbstherrlichkeit der zionistischen Organisation zu erhalten. Was seine Bemerkungen über die materiellen Sorgen der Aguda betrifft, hätte er wohl mehr Anlaß, sich um die Finanzgebarung im eigenen Lager zu kümmern."