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Jüdische Presse · 1921-04-22 · 14 (22.4.1921) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
14 (22.4.1921)
Date
1921-04-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14 JÜDISCHE PRESSE Seite 105 Pessacb—da$fe$tun$erer3uaenfl. Von Rabbiner Dr. H. Klein (GelsenkircherO. Unsere Hagadah weiß uns von einer Sedernachi zu berichten, an der die größten Männer ihrer Zeit und auch aller künftigen Zeiten teilgenommen haben. Es war die Sedernacht in Bene-Berak, an der R. Elieser, R. Josun, R. Eleasar, Rabbi Äkiba und R. Tarphon teilnamen. Sie erzählten sich von dem Auszuge aus Egypten die ganze Nacht hindurch, bis ihre Schüler kamen und sprachen: „Unsere Lehrer! Die Zeit des Morgen~JJtttt? ist bereits gekommen". Welche Gefühle mögen wohl die großen Lehrer Israels beseelt haben, die alle Zeugen der großen Katastrophe, des Zusammenbruches von Staat und Tempel waren, als sie in dem bescheidenen Bene- Berak sich zur Pessachfeier zusammenfanden, um dort, das Fest jüdischer Freiheit, jüdischer Unabhängigkeit, deren sie gerade verlustig wurden, zu feiern. Sie alle haben noch die Herrlichkeit des Tempels geschaut, haben noch Pessachopfer im Heiligtum dargebracht — und nun nichts als Brot des Elends und Kraut der Bitterkeit. Die bitteren Pessachkräuter hatten für sie den Wermutsgeschmack des Tischoh beaw! Nacht war es für die Weisen in Bene-Berak, sie empfanden tief den Sturz ihres Volkes und zur Trauer der Gegenwart gesellte sich die schwere kummervolle Sorge um die Zukunft. Was soll aus dem heimatlosen Volke werden, wie soll es Träger seiner menschheitserlösenden Bestimmung bleiben zu der es am Pessach berufen wurde, wenn es kein Fleckchen Erde mehr sein eigen nennt, wenn doch alles, was seinem nationalen Leben Größe und Würde verliehen hatte, in Schutt und Trümmer liegt. Endlos war die Nacht, die sie umhüllte, bis ihre Schüler kamen und ihnen den Anbruch des Morgens kündeten. Es ist nicht zu gewagt anzunehmen, daß die Schüler den in der Nacht verzagenden und sich vor Sorge um die Zukunft verzehrenden Lehrern zuriefen: Unsere Lehrer! Verzaget nicht, wir sind da, wir sind der Morgen, und wir wollen nun das JJfttt? lesen, dieses heilige Gelöbnis, das jeden Juden zum Kämpfer für G-ttes heilige Sache, für G-Ues Recht weiht, wir sind das Morgenro f, wir sind die Zukunft. Und die Nacht schwand, denn die Lehrer sahen ihre g-ttbegeisterten Schüler und wußten, daß sie die Erlösung bedeuten, die Befreiung von aller Not, die Rom über Israel gebracht, hatte. Alles konnte Rom dem Volke rauben, aber nicht den Geist, der Israel erlöst hat und immer wieder erlöst. „Abend ist über die Juden gekommen, der Abend knickt uns und wir dorren", so klagt einer+ der berufenen Führer der gesetzestreuen Jugend und wir Zeugen der großen Katastrophe, des Zusammenbruchs von unzähligen jüdischen Heiligtümern können nicht umhin, dieser Klage Berechtigung anzuerkennen. Die Stätten, in denen vornehmlich jüdischer Geist gepflegt wurde, sind verödet, die Pforten der vielen bptt ttHptt, in denen die mifi ihre Heimat im Golus gefunden hatte, geschlossen und aus unserer Heimat, aus der Heimstätte des jüdischen Volkes, dringt das Wehklagenderalten Weisen, der wahren mölHH "HÖHE zu uns, daß sie. dort in der uralten Heimat der j Thora, im Hause des Herrn vergewaltigt, werden, i Die Steine der Klagemauer stimmen neue Klagen j Tür — ein einziger Blick genügte, um in die Mauer Bresche zu schlagen und den Fremdling eindringen zu lassen.--In diesem Moment starb das Kind. Vom dürren Baume. Rabbi Israel Baalschem tow hatte bekanntlich die Gewohnheit, durch grünende Täler und schattige Wälder zu streifen, um in dem ewigen Buche der Natur die gewaltigen Schriftzeichen des Schöpfers zu bewundern, denn überall — pflegte er zu sagen — geht der Atem G-ttes, in dem kleinsten Grashalme und im winzigsten Saatkörnchen, wie in den unermeßlichen Himmelskörpern und „kein Ort ist seiner leer"-- Einmal ging er an einein der ersten Frühlingsnachmittage durch einen Urwald. Die alten Stämme, die kaum das erste Grün angesetzt hatten, standen hochaufgerichtet da und sie flüsterten durch Baalschems Gedanken und erzählten ihm ihre Sorgen und ihre Geheimnisse. Baalschem fühlte sich mit einemmal allen Bäumen und Sträuchern des Waldes verbrüdert und in der Tiefe seiner Seele erkannte er den Schmerz der Aeste, denen die Wurzeln nicht genügend Nahrung zuführen und er hörte das Wimmern der jungen Blättchen, die nicht genug Sonne zu trinken hatten und sie wurden ihm zu Bildern, in denen er jene g-ttvergessenen Seelen erblickte, die der ewigen Lichtquelle entrückt, verdorren müssen. Aber auch der Wald spürte die Nähe des heiligen Mannes und nahm ihn gastlich auf. Die alten Eichen neigten liebevoll die Wipfel über ihn, die feuchtduftenden Gräser und Blümchen verschlangen sich zu einer weichen Decke, damit sein Fuß sie streife und auch die Büsche und Sträucher schienen ehrerbietig zurückzuweichen, als der Heilige an ihnen vorbeiging. Nach einerWeile traumverlorenen Hinwandeins gelangte Baalschem zufällig zu einem ganz kahlen über ein neues Golus der Thora an. Wohin wir auch blicken, ist tiefe dunkle Nacht. Die Stimmung der Sedernacht in Bene-Berak droht auch unsere Sedernächte düster und sorgenvoll zu gestalten. „Was aber am Abend geknickt hindorrt., am Morgen erneut es frisch wie Gras die Kraft, am Morgen sproßt es und gewinnt frische Kraft. Den Weg vom Abend zum Morgen müssen wir gehen, hören wir den jungen Weisen sagen und G. s. D. seine Stimme hat Gehör gefunden, sein Beispiel Gefolgschaft, pK3 D'MUn Die Knospen werden sichtbar im Lande, unsere Jugend spricht: Wir sind da, wi r sind die Morgenröte und diese Knospen piO 18*13 D^Kian meinen unsere Weisen, sind die Erlöser aus Nacht und Sorge und die bange Nacht schwindet, es wird hell in den Gemütern, und warm quillt es in den Herzen von frohem Zukunftshoffen. Das Wunder der Erlösung vollzieht, sich aufs Neue, der alte Geist findet neue begeisterte, bewußte Träger und die Nacht, des Bene-Berak endet mit dem Gelöbnis der Jugend, daß sie nun das Schema lesen will. Noch ist es nicht Tag, aber die Morgenröte ist angebrochen, der unfehlbar der Tag folgen muß. Oder ist es nicht das Zeichen des dämmernden Tages, wenn die Jugend spricht, daß der größte Feind der „Amhaarez" ist, wird es nicht hell, wenn unsere Jungfrauen es schon als Schmach empfinden, wenn ihr der Amhaarez naht. Der Frauen Adel und Seelengröße hat unseren Ahnen die Erlösung An zweitausend Malen geht, der lose Frühling mit dem Blütenzweige an dem greisen Ahasver vorüber und berauscht ihn mit brustschwellenden Geula- Hoffnungen, die sein balsamischer Odem rege macht. Nochmals scheuert Ahasver seine Dielen, heiligt seine Geräte, hüllt die festliche Sedertafel in schneeige Linnen, schenkt voll den antiken Becher für Elia, den Herold .der Freiheit, zaubert die Zeit, des Hyksos in seine mystisch-feierliche Stube, läßt sein Jüngstes, das Kind des Zeitalters der Lufteroberung, das uralte Sprüchlein der Tanaiten hersagen, weitet die Türe au£ um den thisbischen Seher, den Künder Avahrer sittlicher Erlösung zu beschwören . . . Und seufzt: leschono haboo!... Die Erde erwacht immer wieder lächelnd und strahlend und verfällt wiedei in eisige Erstarrung der der Hoffnungslosigkeit. Der Ahn gibt den Schwur des Glaubens der g-ttlichen Geula an den Nachfahr weiter. Der Film der Weltgeschichte haspelt sich flimmernd vor den Augen des aus dem Dunkelstarrenden Ahasver ab. Gesittung und Gewandung wandelt sich tausendfach ringsum. . . Ihr aber, vier Söhne der Hagada, steht unverändert in derselben Gewandung, in genau derselben Positur, wie euch die Phantasie oder die tiefgründige Erkenntnis eines vorzeitlichen Zeichners geschaffen hat. Noch streckt der „Weise" dem drohend zurückweichenden ansein Schwert greifen-' den „Bösen" vergebens die friedenbietende, führende Hand entgegen. Noch steht der „Einfältige" auf den Stab gestützt, unfähig auf eigenen Füßen zu stehen, noch klatscht die leicht enthusiasmierte, kritiklose Jugend in die Hände. Baume, der seit Jahren kein Blättchen mehr aus seinem Holze trieb, und da sich die Sonne gerade gesenkt hatte, schickte er sich an, das Vorabendgebet hier zu verrichten. Im ganzen Walde verstummte jetzt jegliches Geräusch. Kein Grillenzirpen, kein Mückensummen war vernehmbar, die Käfer hielten im Fluge inne und auch der leichtbeflügelte Abendwind schien den Atem anzuhalten. Ein tiefes unerforschliches Schweigen lag über dem Walde: es war, als nähme er jeden Laut, jedes Wort des g-ttlichen Mannes in seine Arme, als tränke er gierig jeden Hauch seiner Lippen. Der stille, lenzdurchwehte Waldesraum Avar mit einemmaJ in ein Heiligtum verwandelt und der dürre Baumstamm wurde zum Altar, an dem als Hohepriester Baalschem stand und betete. Als er das Gebet beendet hatte, war es bereits Nacht geworden. An der dunkeltiefen Himmelswölbung leuchteten die ersten Sternenlichter und der Mond übergoß die Gegend mit silberbleichem Schimmer. Aus dem kahlen Baume aber drang ein süßer Frühlingsduft und kleine, weiße Blüten wagten sich schüchtern hervor. „G-tt sieht die Niedergedrückten und richtet sie wieder auf", sprach Baalschem zu seinen Jüngern, als er nach Hause kam. Die Berge. Die alten Zaddikim, die die große Flamme der G-ttesliebe zu verzehren drohte, mußten bisweilen in den geschützten Hafen der Einsamkeit Zuflucht suchen, um ferne von dem Getriebe und dem Unrat des Tages die heilige Glut ihres Herzens durch Andacht und Hingebung zu besänftigen. Der heilige Rabbi Adam — auch Baalschem genannt — pflegte zu diesem Zwecke auf die Berge zu steigen, die dem kleinen Städtchen, wo er lebte, vorgelagert waren; dort ließ er frei und ungestört gebracht, der Stolz unserer Jungfrauen auf ihr bewußtes Judentum, ihre fast selbstverständliche Forderung, daß derjenige, dem sie ihres Lebens Glück und ihrer Zukunft Heil anvertrauen sollen ein min p sei, kann und wird zur endgültigen Erlösung führen. Unsere Jugend ist unser Trost und unsere Hoffnung und wir sind sicher, daß sie uns nicht enttäuschen wird. Sie wird bewußt den Tflgb fflDB vorbereiten, der uns nicht wie □"•"UßÖ HDB als Geschenk in den Schoß fallen wird, sondern der durch ehrliche Arbeit errungen werden muß. Der Weg vom Abend zum Morgen muß von uns zurückgelegt werden, damit es hell und licht werde, i1Dß ans» nos Kinn dto n mimw -hp o^iök Von dem ersten Pessach kündet das Lied der Frommen, daß G-tt allein an jenem Tage uns errettet hat., na jtero birw d'öhöiö pow ^ip nn nos T1TP1? noa DW1J? nyi^n Von dem Pessach der Zukunft kündet, eine Stimme aus der Höhe, daß er von Israel gemeinsam mit Gott errungen werden muß als ewiges verlierbares Heil. Der Weg vom Abend zum Morgen bedeutet den Weg zum ^pfi?,» HOS, den uns unsere Jugend begründen muß, soll der Nacht der Morgen und dem Morgen der helle Tag folgen, an dem Avir erst tfnserem G-tte für unsere Erlösung mit einem neuen Lied danken Averden, Ihm, der Israel erlöst hat und das Wunder der Erlösung in jeder Zeit erneut. Sie leben unerkannt zwischen uns die vier Söhne. Denn jahrüber, Avenn sie im fahlen Nebel des Alltags gleichförmig grau sind, wie Katzen in der Nacht, merkst du ihre Differenzierung kaum. Erst an dem großen Festtage, Avenn das Spektrum des Pessachideals sie in ihre Farben auflöst, tritt in ihnen die Verschiedenheit unseres VolksAvesens in die Erscheinung und der Geulageist zerlegt unsere Gesellschaft in vier Kategorien. Der Weise? . . . Sein Gegensatz ist nicht der Thor, sondern der Böse. Dehn soAvohl der Ghochom wie der Roscho besitzen Verstand. DerErstere für die Wohlfahrt seines Volkes, der andere für sich selbst. Jener ist Idealist, Solidarist, Altruist, dieser Materialist, Individualist und Egoist. Die traditionelle Zeichnung symbolisiert das innerste Wesen der Beiden schon durch die verliehene Tracht. Der VVeise zeigt das Gewand und die Pose eines nationalen Propheten, eines Thoralehrers. Er streckt die hilfreiche Hand von sich nach außen hin und seine Gebärde spricht«•■Worte der Nächstenliebe. Der Roscho ist bis an die Zähne gewappnet und steht in steter Fechterstellung zur ganzen Gesellschaft da. die Hand permanent an dem Schwerte, zu seinem eigenen Ich zurückgezogen. Der Weise regelt sein Streben nach den ..Bundeszeugnissen, Gesetzen und Gerechtsamen", diesem g-ttlichen Röhrensystem, Avelches die Kraft und die Ambition des Einzelnen gleichmäßig in alle Schichten der Gesellschaften verteilt. Anders der Roscho. Die Artung seines Verstandes ist Klugheit aber nicht Weisheit. Durch Anlage und Erziehung (oder durch Mangel einer solchen) besitzt er bloß die niedrige, allerdings von Golusmenschen hochgeschätzte Verstandsfähigkeit, seine Gedanken über die Höhen der Erkenntnis Avandeln und vertiefte sich in das Wort G-ttes. Eines Tages weilte Rabbi Adam Avieder auf seinem Berge, der nach Osten hin steil wie eine Wand in eine abgrundtiefe Kluft jäh abstürzte und die Weltabgeschiedenheit lag wie ein königlicher Parfüm unsichtbar um ihn gebreitet. Die Menschen vom Städtchen sahen von ferne, wie er, mit seinem G-tte ZAviesprache haltend, langsam hinwandelte und sie folgten ehrfürchtig allen seinen BeAvegungen und sprachen zueinander von großen Dingen, die sich irgendwo im All vorbereiten müssen, da der Rabbi länger als sonst auf dein Berge verweilt InzAvischen schritt aber Rabbi Adam unaufhaltsam den Bergesrücken entlang, sein Gang wurde beschwingt und Avie losgelöst von aller irdischen SchAvere wandelte er über Baumstümpfe und Wasserlachen immer Aveiler und Aveiter. Stunde auf Stunde verrann, die Abenddämmerung neigte sich bereits über den Berg, doch Rabbi Adam kam noch immer nicht zurück. Vom Berge stiegen Nebel auf, die den Gipfel verhüllten und entzogen den Dahineilenden beinahe dem Blicke, nur seine Silhouette leuchtete noch durch die Avallenden Nebelschleier wie eine traumhafte Vision — — Mit unheimlichem Gefühle sahen jetzt die Untenstehenden diesem seltsamen Schauspiel zu, als sie aber gewahrten, daß Rabbi Adam sich bereits dem Bergesrande zu nähern begann und ihn nur noch einige Schritte von der steilen Wand trenne, gerieten sie in Angst und es überkam sie die Verzweiflung angesichts der unabwendbaren Gefahr, die dem Rabbi drohte. Da geschah das Wunderbare-- Der gegenüberliegende Berg schob sich, A\rie von einer unwahrnehmbaren Riesenhand gelenkt einher, und fing den Schritt des G-ttbegnadeten auf — er aber ging hinüber ohne es zu wissen — ohne es zu merken . . . Die vier allegorischen SoSine in der fiagada. Von S. Bettelheim (Wien).

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