Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 14 (22.4.1921)
- Date
- 1921-04-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 104 JÜDISCHE PRESSE Nr. U Da$T est der jidiscDen BäuslicMteit Eine Sederbetrachtung von Dr. Leo Nasch. Zwei Abende üben im Leben des judischen Menschen die tiefste Wirkung auf Jung und Alt aus. Der eine ist der geheimnisvolle erschütternd heilige Kolnidreabend, an dem der Jude im wallend weißen Sterbekleide zerknirscht und sündenbeladen angesichts der ganzen Gemeinde vor seinen himmlischen Vater tritt und Verzeihung und Gnade heischt. Doch auch der andere, der Sederabend, hat seine Schauer. Auch da hüllt sich der Familienvater in jene blanken Linnen, die ihn vom Trauhimmel an durch alle schicksalsschweren Tage des Lebens bis unter die Grabesschollen begleiten. Der Seder ist eine tiefernste Feier, allein der mächtig lauschende Flügelschlag des Schicksals wird von hellen Liedern und Becherklang übertönt, und es scheint als wenn an diesem Abende alles Leid und alle Irrungen der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart vor der Schwelle liegen bleiben müssen und keinen Einlaß in die Stube finden, wie die Furien, die nach der griechischen Sage den Tempelbezirk nicht betreten durften. Diese Festesstunden sind nicht dazu da, damit man sich die unsäglichen Leiden der ägyptischen Knechtschaft immer wieder vergegenwärtige, nicht der Schmerzensschrei der gegeiselten Sklaven soll in unseren Geboten und Gesängen widerhallen, sondern das himmelhoch jauchzende Dankeslied, das der göttliche Führer mit seinem Volke nach seiner wundersamen Erlösung anstimmte. Frohsinn und Freudigkeit sind der Grundzug des Sederabend, jedoch was ihm seine besondere Innigkeit verleiht, und ihn von anderen Freudenfesten unterscheidet, das ist sein Schauplatz, die Stätte wo er gefeiert wird. Es ist die Familienstube, die heil erleuchtete, reinlich gescheuerte, frisch getünchte, traute jüdischeStübe, wo sich alle Familienmitglieder versammeln, um das weltgeschichtliche Wunder des Auszuges zu verkünden, zu erläutern und zu besingen. Es ist die Familienstube, wo der gehetzte verhöhnte Jude in düsteren Jahrhunderten seine einzige, gar zu oft gestörte Ruhe fand. Und wenn ihn kein grausames Geschick aus seinem Heim verscheuchte und vertrieb, da hing er an demselben mit allen Fasern seines Herzens, das war der einzige Ort, wo er sich frei und fessellos fühlte. So manchem Graukopf werden Tränen über die Wangen rollen, wenn er sicli entsinnt, wie sein Vater nach „Schul", befreit von den Lasten des Alltages, in gehobener Stimmung auf der Schwelle einen Augenblick inne hielt, um die Mesuse zu küssen, und dann mit einem tönenden „Gut Jontef* in die Stube trat. „Gut Jontef" klang es wieder aus dem Munde der Mutter, die nun nach Wochen der Arbeit und des Rüstens endlich ein ruhiges Stündchen bei ihrem Gebetbuche fand. Die Kinder standen erwartungsvoll da und nachdem der väterliche Segen ihnen zuteil wurde, nahm das Fest voll unvergänglicher Schönheit seinen Anfang. . . . Der große Zauber des Sederabend liegt in seinem häuslichen familiären Charakter, und nur dann kann er auch bei ferneren Geschlechtern ungeschmälert des ins Joch gespannten, einst frohsinnigen und freien Hirtenvolkes der Bne Israel. Ramses IL. der am 20. Juli 1322 v. den Thron bestiegen hatte, hat gleich allen großen Tyrannen der Vorzeit seinen Namen durch zahllose Prachtbauten verewigen wollen. In den von ihm erbauten Tempel findet man Quadersteine in der Schwere von 8—900 Zentnern und man kann sich kaum eine Vorstellung machen, wie dazumal solche Lasten befördert werden konnten. „Um sie zu peinigen mit ihren Lasten ..." Der Pharao wurde in dem Felsengrabe zu Theben bestattet. Eine Flucht von Steinsäulen war sein Grab. Aber vor Jahren ist seine .Mumie von wissenssuchender Hand an die Oberfläche gezogen worden und im Museum zu Gizeh starrt der palästinophile Jude, der von seiner Wallfahrt nach dem heiligen Lande gewöhnlich einen Ausflug ins Nachbarreich tut, tiefbewegt den unter Glas ruhenden 3000jährigen Schädel an, denn „dieser Schädel hatte eine Zunge und konnte reden": „Das Volk Israel ist uns zu viel und zu mächtig ..." Der Nachfolger Ramses IL, sein dreizehnter Sohn Merenphtah, soll nach Einigen der Pharao gewesen sein, unter welchem der Auszug stattgefunden hat, denn nach seinem Tode wird von Zerrüttungen des Reiches und großen Aufständen erzählt, die den ganzen Staat erschüttert haben. Nach Änderen ist Ramses III. aus der 20. Dynastie mit dem traurigen Helden der Passahnacht identisch. Mit seinem Ende beginnt der gänzliche Verfall Aegyptens. Merenphtah ist bereits als alter Mann Herrscher geworden, nachdem er schon einige Zeit lang Mitregent des Pharao war. Sein Sohn folgt ihm nicht auf den Thron. Ramses III. tritt in die Spuren seines Vorgängers gleichen Namens. Der große Tempel des Ghonsu und des Memnonium in Medinet-Habu sind bis auf den heutigen Tag Denkmäler seines Ruhmes. Noch heute wird die tiefe Wirkung erzielen, wenn der Heimsinn und die Freude an der Häuslichkeit von dem Einflüsse der neuen Zeit nicht gefährdet ist. . . . Wenn der väterliche, liebende Rat unseres pro- Die Frage des „Manischlano" ist keine bloß kindliche: tieferer Sinn liegt in ihr verborgen. Einen Doppelcharakter trägt der Seder. Ein Fest der Befreiung scheint er zu sein und doch verschmäht er es nicht, auch der Knechtschaft und Unfreiheil. Symbole zu geben. Mazzot ist das „Brot der Armut" und der Urlselbstständigkeit und Moraur will uns das Bittere des ägyptischen Drucks versinnbildlichen. Aber der Moraur wird in Charauses eingetaucht und so das „Süsse" der von G-tt geschenkten Freiheit, dir gezeigt und nach freier Männerart „lehnst" du behaglich dich im sicheren Heim beim Wein und Mazzofgenuß an. Warum dieser Widerspruch der Symbole oder die Frage noch liefer gefaßt, warum der ganze Seder, warum der Dank für die g-ttliche Befreiung, da ja G-tt nur wieder geheilt, wo sein Wille uns vorher Weh geschaffen. Seine Bestimmung war es ja, die er dem Ahn ausgesprochen, daß seine Nachkommen vierhundert.Jahre von einem fremden Volke geknechtet und dann erlöst würden. Nur ein welthistorisches Unrecht scheint wieder gutgemacht worden zu sein: die Genugtuung darüber ist aber noch weit vom Dank entfernt. Wer Mazzot und Moraur unverschuldet in Aegypten genießen mußte, hat doch keinen Grund, wenn sein unverschuldetes Leid ein Ende gefunden, in Charauses sein Bitterkraut einzutauchen und mit der Hallelhymne auf den Lippen nach Herrenart angelehnt, seinen Festestrunk zu schlürfen? So fragen und so fragen bei jedem Leid „die Jüngsten und Kleinsten in der Gesellschaft" und wenn kein Kind da ist. so fragt die schwache Frau in ihrer Anlehnungsbedürftigkeit den Mann, und wenn kein Zweiter da ist. fragt sich jeder selber: „Manisehtano halajlo hasehP" wozu gibt es eine Nacht auf Erden? Welchen Sinn hat das über Menschen verhängte nächtliche Geschick? Glücklicher doch derjenige, der keiner Befreiung bedarf, weil keine Ketten ihn gefesselt und darauf antworten die, die das Leben kennen, die Gereiften, die Erfahrenen, die Verständigen, die 'Alten, die Thorakenner: „Wir waren einst Pharaos Knechte": tausend andere Dinge hätten uns aus dieser Knechtschaft erlösen können, polititsche Umwälzungen, staatliche Revolutionen; aber hätte uns der Heilige, gelobt sei'er, nicht .herausgeführt aus Mizrajim so sichtbar, daß jedes Kind seine Waltung erkennen müßte, wir wären ewig, auch später nach der Befreiung mit unseren Kindern und Enkeln abhängig geblieben von Pharao und pharaoniseher Kultur; wir hätten ein Volk sein können wie jedes .andere, auch ohne den Tod vor Augen und ohne wunderbarer Rettung vor diesem Tod, aber wir wären denn nimmer das G-ttesvolk geworden. Das Geheimnis dieser Art von Volkswerdung bestand darin, daß unser Geschick ein derart trostloses wurde, daß alle Lebensfreude und alle Daseinslust unseren Vätern vergällt war, ihre Weidentriften im Lande Gosen mußten sie aufgeben, als Knechte phetischen Ahnherren verständnißvoll geübt werden würde: Lech ammi bö be-chadorecho. . . . „Geh, mein Volk, zieh dich wieder zurück in deine Gemächer!" eines ihnen innerlich fremden Staates mußten sie ihre Kraft vergeuden, ihr Teuerstes auf Erden, ihre Söhne raubte ihnen dieser Staat und tröstete sie, und Mütter seufzten um ihr entschwundenes Mutterglück, und Frauen lebten einsam und fern von dem ziegelbrennenden Gatten und also erkannte das Volk die Kehrseite der ägyptischen Herrlichkeit, die ihm vordem so verlockend erschien, und so reifte Israel in seinem Unglück und durch sein Unglück heran nach Erlösung sich zu sehnen. Im eigenen Herzen der leidgetränkten Sklaven mußte aus freiem Willen die Sehnsucht nach Erlösung sich erst regen, dann erst erlöste sie G-tl, nachdem sie selber sich innerlich befreit, hatten von den Banden, die Aegyptens Scheinkultur um sie geschlungen. Und diese innerliche Befreiung, die der äußeren vorangehen mußte, vollzog sich durch das Leid und die Knechtschaft, so daß diese sich selber als die erste stille Erlösungsknospe erwies, aus der dann später die sichtbare Blume der Freiheit erwuchs. Drum gedenken wir an Pessach durch Mazzot auch unserer Unselbstständigkeit, durch Moraur auch der Bitternis, denn durch sie nur gelangten wir zur Selbstständigkeit und zu Charauses. Je tiefer einer blickt, je mehr die Thora den Geist erleuchtet, um so eher wird er diesen tiefen Zusammenhang zwischen Leid und Freud erkennen umd wissen, welch dunkle, nächtliche Wege zu gehen nötig waren, bis wir den Ausgang aus Mizrajim fanden; so haben die Weisen s. A. nur scheinbar das Morgeu-Krias-schma versäumt. Besagt doch dieses die Anerkennung G-tt.es im strahlenden Glänze der aufgehenden Sonne des Lebensglückes. Für sie war die Erzählung von Jezias mizrajim identisch mit dem Erkennen G-tl.es im Glück, dessen Keime schon im Dunkel der Nacht verborgen waren. Ihre Schulen, die sich zu solcher Geistes- und Gemütshöhe noch nicht emporgeschwungen hatten, sahen nur im ..nächtlichen" Erzählen eine Resignation, für sie gab es noch einen Gegensatz zwischen Nachtgeschick und Tageshelle, sie glaubten auch noch nach Sippur Jezias Mizrajim an das Morgen-Schma erinnern zu müssen. Auch er, R. Elersor b. Asarjo bekennt von sich, daß er in seiner Jugend (er glich nur einem siebzigjährigen Greise, hatte aber unter dem grauen Haar einen jungen Kopf) es nicht verstanden, daß man auch „in den Nächten" — da die Erlösung ja wieder nötig, — noch von Jezias Misrajim spreche, bis ihm ein anderer Weiser es gelehrt, daß nicht nur „im Tag", sondern auch in der „Nacht" die Pflicht des Gedenkens an Jezias Mizrajim nicht aufhöre und die Chachomim sprechen die nämliche Wahrheit in dem tiefen Gedanken aus, daß sogar am Ende der Zeiten, wenn Moschiach gekommen, man nicht vergessen werde, daß der Weg, der blut- und leidgetränkte Weg voll Entsagungsschmerzen nötig war, um zu Moschiach zu gelangen, der Weg, dessen erste Strecke den Namen „Mizrajim" trug. ein Wandgemälde, wie er sich mit seinen Frauen am Brettspiele unterhielt, bewahrt. Ein Papyrus im British Museum prahlt von seinen Bauten, Opferdiensten und Geschenken. Aber im Geiste eines Riesenheeres von schwarzlockigen Kindern lebt sein Bild lebendiger auf, wenn die Nacht herangenaht ist, die seinetwegen ausgezeichnet ist von allen anderen Nächten. Die macht der Begnadeten. (Ihassidische Skizzen von E. L. Fremde Gedanken. Die Sabbatabenddämmerung lag wie ein geheimnisvoller Schleier über der kleinen Gemeinde, die beim „dritten Mahle" saß und das Thema der „fremden Gedanken1* —? Machschowot sorot — behandelte. Der limonengelbe. verschrumpfte Jechiel Aron, der Wegen seiner großen Frömmigkeit und genauer Kenntnis chassidischer Ueberlieferungen in großem Ansehen bei diesem Kreise stand, führte des Wort. „Fremde Gedanken — sagte er — sind die Diebe, die sich nächtlicherweile in ein G-tteshaus schleichen — — Wie Raben sind sie, die in einen Schwärm weißer Tauben flattern und sie auseinanderscheuchen-- Fremde Gedanken sind Diebe und Feinde .. . Auch die heiligsten Za'ddikim vermochten nicht immer gegen diesen heimtückischen Feind siegreich anzukämpfen, eine kleine Geschichte soll euch darüber belehren..." Das jüngste Kind des Rabbi Schneier — der die rechte Säule des Hauses Israel genannt wurde — lag in Fieberschauem und man bezweifelte, ob es die Krisis überdauern werde. Die gramgebeugte Mutter trat vor den Rabbi und sprach zu ihm also: „Unser Kind liegt im Sterben, du aber, der du Fremde dem Rachen des Todes entreißest, rette auch dein eigen Fleisch und Blut!" Schmerzlich brennend, wie rotglühende Kohlen fielen die Worte seines Weibes Rabbi Schneier ins Bewußtsein und er stellte sich zu Häupten des Kindes, um durch die Kraft des Gebetes das Unglück abzuwenden. Minute auf Minute glitt, schwer und bleiern durch die erwartungslange Stille, die den Raum erfüllte, indes Rabbi Schneier erdentrückt und aller Körperschwere sich gleichsam entäußernd, auf den Schwingen des Gebetes sich immer höher erhob und immer * weiter durch die Gefilde der Unendlichkeit emporstrebte, um aus der Urquelle ewiger Gnade neues Licht für das erlöschende Leben zu schöp/en . . . Zum ersten Male seit einundzwanzig Tagen öffnete das Kind die fieberglühenden Augen —- — Zur selben Zeit erschien der Todesengel Avutschnaubend im Himmel und seine unzähligen Augen, die ihn wie ein Panzer bedeckten, brannten vor Zorn, als er über Rabbi Schneier Klage führte, daß er ihm seine Opfer zu entwenäen suche. Die übelwollenden Mächte traten alsbald zusammen und berieten, wie diesem Unheile abzuhelfen sei; und da heckten sie einen „fremden Gedanken" aus und trugen ihm zum betenden Rabbi, um ihn in seine Seele , zu schmuggeln und dieserart seine enggegliederte heilige Gedankenkette — die bis zu den höchsten Himmelspforten langte — zu durchbrechen. Aber auch diese gefährliche Waffe versagte, denn die G-ttesnähe war wie ein festgefügtes Mauerwerk um den heiligen Mann aufgerichtet, das jeden Angriff abwies und jedem feindlichen Anstürme stand- . halten konnte. Rabbi Schneier aber betete inzwischen unbehindert weiter; das Gebet reifte bereits, gleich einer Goldfrucht in der Herbstsonne von der g-ttlichen Gnade des Erhörtwerdens bestrahlt, der Vollendung entgegen und ein leises Glänzen ging über die gleichen Züge des Rabbi, als er sich dem Ziele so nahe sah. — Da öffnete sich plötzlich die Die Sederfrage der Jugend — und die Antwort der Alten. Von Dr. S. Ehrraann (Frankfurt a. M.).