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Jüdische Presse · 1921-03-25 · 11 (25.3.1921) · page 4

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
11 (25.3.1921)
Date
1921-03-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 82 JÜDISCHE PRESSE Nr. 11 Büffets bemühen sich in anerkennenswerter Weise Frau Paula Pappenheim und Frau Ella Freund. Karten sind bei den Vorstandsmitgliedern der Aguda- Mädchengruppe zu haben. Am Abend selbst findet kein Kartenverkauf statt. Festbankett des Vorb&ndes der Chewra-Kadischa Delegierten. Zur Feier de« 7. Adar fand vorige Woche im Restaurant Nagel das Festbankett des Delegiertenverhandes der Chewra-Kadischa statt. Der Delegierlenverband, eine besonders nachahmenswerte Institution, besteht au? Kräften, welche den Vorstand durch Sammelarbeit und freiwillige Gemilas C.hassodim-Tatcn unterstützen; besonders hat der orthodoxe Einfluß durch die Vertreter Hh. Glückselig Brody, Sandor Adler und andere gewonnen. Obmann des Verbandes. Herr Joaef Dohan. begrüßt die erschienenen Rabbiner, den Präsidenten der Kullusgcmeinde Prof. Dr. Pick, Chewrapräses Dr. Pappenheini, Kultusvorsteher Dohan. den Vertreter der „.Jüdischen Presse* und hebt die Verdienste der Mitglieder des Vorstandes und des Verbandes, der Herren Brüll, Üenes, Glückselig, Karpelcs. Otto, Neuniann, Stern, Trebitsch, Türkei, der Bankdirektoren Rosner, Bela Böhm, Lefkowitsch, des Bezirksrats Rebner, der Industriellen Mayer und Julius Berger und des Amisleiters Herrn Wilhelm Freistadt hervor. Der Präsident der Kultusgemeinde, Prof. Dr. Pick, erwidert in schönen Worten, in welchen er die Aufgaben der Ghewra- Kadischa prüft. Der Präsident der Chevrra-Kadischa, Dr. Wilhelm Pappenheim, preist in distinguierter Rede da« Gefühl der Gleichheit, das die Chewra aus der Gleichheit aller vor dem Tode auch ins Leben herüber verpflanzt. Die Chewra repräsentiere eine der Säulen der Tradition. „Man hüte sich Scheintodes zu begraben», gelte sowohl für die Tätigkeit der Chewra, wie für das ganze jüdische öffentliche Leben. Redner dankt den Delegierten, die dem Vorstand die dankbarste Aufgabe der Verteilung und sich selbst die undankbarste des Sammeins'zugedacht haben. Tn eindrucksvoller Weise sprachen dann die Rabbiner Dr. Feuchtwanger, Dr. Bach und Dr. Bauer, wie Bezirksrat Edie Hoflmann. Die Oberkantoren Matyas und Fränkel haben ihre bewundernswerte Meisterschaft auch diesmal in den Dienst der guten Sache gestellt. Das Arrangement unterlag der Leitung der Herren Sandor Adler, Armenrat Josef Beer, Ignatz Brody, Bezirksrat Hoffmann und Dr. F. Rosner. Das Benschen ergab rund K 84.000. Trauung des Rabbiners Gbaim Hager. Mittwoch, den 16. März, fand in der Adas-Jisroel Schiffschul die Trauung des Herrn Rabbiner Chaim Hager (Zablotöw) mit Frl. Resel Aschkenasy, Toehter des Herrn Rabbiner Hersch Aschkanasy (Stanislau) statt. Die Seudas-Mizwo fand bei Anwesenheit vieler Rabbonim und Gedolim, darunter auch des Herrn Rabbiners aus Brody n. j. und des Gaon aus Altstadt n. j». nach alter, guter, rebbischer Sitte statt. Der Bräutigam hielt eine Pilpul-Drosche in der Sugje „Chupo kone" mit großer Gharifus. Bei dieser Gelegenheit wurde für die Aguda und andere wohltätige Zwecke zirka K 15.000 gesammelt. S. A. Verlobungsfeier. Montag, den 21. März, fand die Verlobung des Herrn Deutsch aus Mattersdorf mit Frl. Berta Freund, Tochter des Herrn Moritz Freund und Frau Rosa geb. Frey statt. An dem Verlobungsabend, der in vornehmer, echtjüdischer Weise gefeiert wurde, sprach der Vater der Braut, Herr Moritz Freund sowie die Herren S. Bettelheim und J. Hönigsberg. An der Verlobungsfeier nahmen die verwandten Familien Hermann Pollak, Ignaz Back, Frau Rosa Schlesinger, Bettelheim, Paschkusz, Tintner, Frau Schiff ferner ein Freundeskreis bestehend aus den Herren Steinfeld, Mayer und andere teil. Es wurde ein ansehnlicher Betrag für Erez Israel gesammelt. Israelitische Kultnsgemoinde Wies. Die Privatistenprüfungen aus israelitischer Religiou für Schüler und Schülerinnen an Volks- und Bürgerschulen für das II. Semester des Schuljahres 1920/21 finden nach folgender Einteilung statt: Tag und Stunde der Prüfung für Schüler, respektive Schülerinnen im I., II., XI. und XX. Bezirke Mittwoch 23. März, Mittwoch 30. Mftrz, Mittwoch 6. April von 10—11 Uhr vormittags I. Seitenstettengasse 2, II. Stock, Rabbinatskanzlei; HI. bis inklusive X. und XIX. Sonntag 20. März von 9—11 Uhr vormittags, Mittwoch 23. März von 2—4 Uhr nachmittags, Sonntag 27. März von 9—11 Uhr vormittags I. Seitenstettengasse 2, II. Stock, Rabbinatskanzlei; XII. bis XV. Sonntag 8. April von 10—12 Uhr vormittags XV. Turnergasse 22, Gemeindehaus; XVI. und XVII. Donnerstag 31. März von 11—12 Uhr vormittags XVI. Hubergasse 8, Gemeindehaus; XVIII. Freitag 1. April von 2 4 Uhr nachmittags XVIII. Schopenhauerstraße 39, Gemeindehaus; XXI. Sonntag 27. März von 8—72*) Uhr vormittags XXL Holzmeistergasse 2, Gemeindehaus. Die Prüfungstaxe beträgt K 20 — pro Semester und ist im vorhinein an der Kassa der israelitischen Kultusgemeinde, I. Seitenstettengasse 4, I. Stock, oder bei der entsprechenden Amtsleitung im XV., XVI., XVIII. und XXI. Bezirk zwischen 9 und 12 Uhr vormittags zu entrichten. Die Quittung ist dem Exeminator vorzulegen. C$cbccbo$lou>akei. Der 7. Adar. Am 7. Weadar hielt Sr. Ew. Herr Oberrabbiner Schreiber in der großen Synagoge in Preßburg den traditionellen Hesped, der von einer großen Menge mit tiefer Bewegung angehört wurde. Nachdem der Redner der großen Geonim und Zadikim des Szatmarer Raw Rabbi Jehuda Grünwald, des Bethlener Rabbi Jehuda Lichtenstern, s. Z. 1., des Uermenyer Raws Rabbi Mosche Wolf Lichtenstern s. Z. 1. und des Ragendorfer Rabbi Josef Schlesinger s. Z. 1. in ergreifenden Worten gedachte, wies er tief bewegt auf die große Bresche hin, die durch den Tod, durch Zerstörung, Umsturz, materielle Not in den Lehrhäusern und Jeschiwos sich überall zeigen. In einer Stadt wie Preßburg, wo seit Jahrhunderten die besten Kräfte der Gemeinde dahin verwendet wurden, um den Nachwuchs auf dem Gebiete des Thoralernens zu sichern, wird das Lehrhaus leer, weil die lernbegierigen Bachurim durch Wohnungsnot, durch Mangel an Nahrung, an Beheizung gezwungen werden, ihr heiliges Studium frühzeitig zu unterbrechen und andere Berufe zu ergreifen. Er fordert seine Gemeinde auf, mit allen Mitteln dahin zu streben, den immer mehr gefährdetem Nachwuchs der Thoralernenden zu sichern und so das Andenken der großen Verstorbenen zu ehren. Nach althergebrachter Weise ließ man sich nun auf den Boden zum Zeichen der Trauer, während Oberkantor Schwartzkin das „kel mole rachamim" für die Verstorbenen verrichtete. Die Gemeinde erhebt sich und der Oberrabbiner setzt seine Derosche fort und schilderte meisterhaft den Kontrast, der zwischen den aus tausend Wunden blutenden jüdischen Volkskörper und jenen Afterjuden, die sich nicht schiuei, jüdische Ideale und jüdische Namen zum Deckmantel ihrer Vergnügungssucht zu mißbrauchen. Einerseits verödete Lehrhäuser, , ausgeschlachtete Gemeinden, ruinierte Existenzen, gepeinigte Frauen und herumirrende Waisenkinder, anderseits hellbeleuchtete Prunksäle, Bälle, Tanzlust, Vergnügungssucht und die Vermessenheit, all dies mit Namen zu decken, der in den Herzen eines jeden aufrichtigen und wahren Juden heilig sein muß. Für die Hinterbliebenen des Oberrabbiner Weiß in Malaczka, der auf solch tragische Weise den Tod gefunden hat, hat die „Preßburger Zeitung" eine Sammlung eröffnet, welche bisher KC 3775 ergeben hat. Diese Aktion ist umso bemerkenswerter, als die ganze Leitung der ,Preßburger Zeitung" aus Nichtjuden besteht. Ungarn. Babbiner Dr. Jakob Steinherz. Der Oberrabbiner der israelitischen (neologischen) Gemeinde in Szekesfehervär ist im Alter von 65 Jahren nach 33jähriger Amtstätigkeit gestorben. Der Verstorbene besaß den Ruf eines Gelehrten und betätigte sich auch schriftstellerisch. An dem Leichenbegängnis war die ganze Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession vertreten. Die Stadt war durch Bürgenmeister Zavaros repräsentiert und auch der Prior des dortigen Klosters, die kalvinische Gemeinde, nahmen an der Trauerfeier teil. Trauerreden hielten Rabbiner Dr. Fischer-Budapest und Rabbiner Dr. Hoffer-Veszprem. Deutschland. Die dentschen Juden und Palästina. Im „Israelitischen Familienblatt8, Hamburg, schreibt Ing. Herzfeld: Der Wunsch, den unglücklichen Ostjuden zu helfen, soweit es unsere eigene, äußerst schwierige Lage ermöglicht, ist zweifellos bei allen deutschen Juden vorhanden. Wenn trotzdem ein recht erheblicher Teil der deutschen Juden sich nicht an den Sammlungen für Keren hajessod und andere zionistische Fonds beteiligen will, so hat das seine guten Gründe. Da ist zuerst die Verquickung zweier Dinge, die nichts miteinander zu tun haben, nämlich die Hilfe für die Ostjuden und die Gründung des nationaljüdischen Staates. Die letztere bekämpfen wir aus den bekannten Gründen. Die Ostjudenhilfe wollen wir unterstützen, wenn sie in der Art des Hilfsvereins deutscher Juden ausgeübt wird. Daher beanständen wir zunächst, daß 20 Prozent des Keren hajessod dem jüdischen Nationalfonds zufließen sollen, aus dem auch die Kosten für zionistische Propaganda bestritten werden. Wer also zum Keren hajessod beiträgt, unterstützt damit die zionistisch-nationaljüdische Agitation. Es muß daher gefordert werden, daß die nationaljüdische Propaganda völlig eingestellt wird und die Sammlungen lediglich den Ostjuden zugute kommen, bevor wir uns an ihnen beteiligen können. Daß dadurch die Verwirklichung des zionistischen Zukunftsstaates hinausgeschoben oder vereitelt wird, mag für die Zionisten bedauerlich sein. Wichtiger aber ist die Sorge um das Geschick der Ostjuden, die nicht zum leidtragenden Versuchsobjekt einer nationaljüdischen Staatsgründung gemacht werden dürfen. Wenn uns von zionistischer Seite jetzt gesagt wird, die Augen der Welt seien auf uns gerichtet und ein Mißerfolg des nationaljüdischen Staates würde der gesamten Judenheit zur Last gelegt werden, so erwidern wir, daß wir von Anfang an vor dem Experiment eines nationaljüdischen Staates gewarnt haben, es als unmöglich oder mindestens gefährlich bezeichnet haben und deshalb heute oder in der Zukunft jede Verantwortung an dem Mißlingen ablehnen. Wir würden uns im Gegenteil jetzt erst mit der Verantwortung belasten, wenn wir mitarbeiten. Zwanzig Jahre hat man uns von zionistischer Seite aus als „Assimilanten8, .Abtrünnige", „Notabein8 beschimpft und widerwärtigen Streit in unsere Vereine und Gemeinden getragen. Mit einer überlauten Propaganda des jüdischen .Volkes8 hat man nach der Revolution den Antisemiten die AngrifFsparolen geliefert. Jetzt, da die Zionisten uns und unser Geld brauchen, lassen sie Friedenssc^almeien ertönen. Wie lange? Aus diesen Gründen weiden die deutschen Juden sich nicht an den zionistischen Sammlungen beteiligen. Die Wahlen zur preußischen Landesversammlung-. Das Hamburger „Israetitische Familienblatt* bemerkt hiezu: Der Antisemitismus hat mitgewirkt zu dem jetzigen Wahlresultat, er hat es aber nic.it hervorgebracht. An dem .Ruck nach rechts* haben sehr verschiedene Momente schuld. Das allgemeine Unbehagen an unseren jetzigen Zuständen kehrt sich, wie erfahrungsgemäß immer in solchen Fällen, gegen die Parteien, welche zurzeit das Stnatsruder führen, und wendet die Gunst der Wähler denjenigen zu, welche augenblicklich in der Opposition stehen und unerfüllbare Versprechungen machen. Diese würden bei künftigen Wahlen sicherlich dasselbe Schicksal erfahren, wie ihre jetzigen Gegner, wenn sie sich an deren verantwortlicher Stelle befänden. Es sind zum grollen Teil allgemeine wirtschaftliche und sozialpolitische Gründe, welche jetzt den Rechtsparteien viele Stimmen zugeführt haben. Da»» kommen rein politische Motive. Die monarchische Gesinnung, zunächst durch die Revolution eingeschüchtert, tritt wieder energischer und freier herror. Die .Kreuz-Zeitung* hat in dieser Wahlbewegung wieder ihr altes Symbol mit der Umschrift rMit G-tt für König und Vaterland* angelegt. Vor allem aber sind es die bösen Wirkungen des Diktatfriedens von Versailles, die maßlosen Forderungen der Entente, die gegenwärtige e*tscheidende Londoner Konferenz, also außenpolitische Beweggründe, welche große Wählermassen den Rechtsparteien, die ihnen Schutz gegen die Bedrängnisse rersprechen, in die Arme getrieben haben. Der Antisemitismus ist ein Faktor des ,Ru«k nach rechts", sicherlich ein recht erheblicher. Wenn wir mit nüchternem Blick diesen Faktor auf seine realpolitische Bedeutung zurückführen, von einer panikartigen Ueberschätzunf desselben abraten, die Siegesfanfaren unserer antisemitische» Gegner richtig: einschätzen, so geschieht das nicht, weil wir unser Auge vor seiner zunehmenden Gefahr verschließen. Im Gegenteil, die große symptomatische Bedeutung dieser Wahlen für uns deutsche Juden liegt darin, daß sie für uns ein warnendes Fanal sein müssen, wachsamen Auges die unseren staatsbürgerlichen Rechten drohende Gefahr zu beobachten und i» energischer Abwehrarbeit keinen Augenblick nachzulassen. Staatssekretär Müller über Schädigungen des deutschen Handels. Der frühere Staatssekretär Dr. August. Müller führt in einem längeren Zeitungsartikel über die Schädigungen, welche die Judenhetze in Deutschland dem Export nach dem Auslande zufügt, folgendes aus: .Deutschland ist jetzt gezwungen, seinen Außenhandel wieder aufzubauen, besonders mit Rußland und Amerika. Dabei tritt Deutschland ein in eine Konkurrenz mit England und Amerika. England und seine Kolonien wollen ebenfalls Waren nach Rußland und nach ganz Osteuropa und sogar nach Amerika schicken. Amerika will ebenfalls Waren nach Osteuropa und besonders nach Rußland schicken. In Rußland, Polen, Litauen und sogar in Ungar» und den umliegendem Ländern, auch in Jugoslawien und i» Rumänien ruht der Handel fast ausschließlich in den Händen der Juden. Ohne die Juden kann man in jenen Ländern keine Geschäfte machen, sogar die Juden von Amerika spielen eine große Rolle im Handel mit Europa, besonders mit Deutschland. Die jüdischen Shopkeepers (Ladenbesilzer) beziehen ihre Waren mit Vorliebe aus Deutschland, zum Beispiel Kinderspielzeug, Baumwollprodukte, Papierwaren, Holzwaren und dergleiehen. Die Ostjuden wiederum fahren immer nach Deuschland, um dort Waren einzukaufen und 8ie nach Rußland bis weit nach Asien hinaus zu verbreiten. Nun erhebt sich die Frage: Muß das immer und ewig bleiben? Mit dem deutschen Kaufmann und der deutschen Ware kommt überall der deutsche Antisemitismus mit hinein. Die meisten amerikanischen Juden stammen selber aus Osteuropa. Warum sollen sie nicht lieber Handel treiben mit England und seinen Kolonien? Die englische und amerikanische Ware ist nicht geringer als die deutsche, der englische und amerikanische Kaufmann ist nicht weniger ehrlich und kreditwürdig als der deutsche Kaufmann, der Unterschied besteht nur darin, daß jener keinen Antisemitismus macht." Hierzu bemerkt Staatssekretär a. D. Müller: „Der wahrhaft gebildete und humane Menscb beurteilt natürlie» den Antisemitismus überhaupt nicht nach den hier dargelegten Zusammenhängen. Aber auf den, ach so kleinen Teil der Mitbürger dieses Schlages wollen diese Zeilen ja auch nicht einwirken. Der echte Antisemit ist auch nicht belehrbar. Dazwischen aber gibt es die große Schar der Gedankenträfer, die dem antisemitischen Geschrei Beachtung schenken, weil sie an der Oberfläche der Dinge haften bleiben. Ohne deren Billigung und Hilfe wäre der Antisemitismus in Deutschland nicht zu der Bedeutung gekommen, die er gegenwärtig besitzt. Und diese Kreise haben doch in der Regel für das Geschäftliche großes Verständnis. Sollten ihnen die hier dargelegte» Zusammenhänge zwischen Geschäft und Antisemitismus nicht zu denken geben?" Polen. Der Pferdefleisch-Skandal. Zufolge des Verkaufes von Pferdefleisch in einigen Warschauer jüdischen Fleischbanken erläßt das Warschauer Rabbinat einen Aufruf au die jüdische Bevölkerung, die Wurstfabrik Kornblum, die Pferdefleisch als koscher verkaufte, sowie die übrigen Selchwarenhandluhgen, Bars und Restaurants, die sich gleichfalls grobe Vorstöße gegen Kaschrus zuschulden kommen ließen, zu meiden. Die Bevölkerung wird aufgefordert, ihren Fleischbedarf nur in solchen Läden zu decken, die unter der Aufsicht des Rabbinats stehen. Rußland. Saltzman. Dieser Tage ist Saltzman, der zusammen mit Belkin in Sowjetrußland die Aktion der kanadischen Organisation geleitet hat, in Warschau eingetroffen. Zusammen mit Dr. Rosenblatt und Dr. Wafschin gründeten sie in Moskau ei» gemeinsames Komitee, dem Vertreter der jüdisch-bürgerlichen Organisationen .Jekopa", „Oze*, .Ort" und ,Kulturliga" und der einzelnen politischen Organisationen angehörten, dem auch die 80 Waggonladungen Kleider und einige Waggons Medikamente zur Verteilung übergeben wurde. Es stellte sich jedoek bald heraus, daß ein gemeinsames Arbeiten dieser im Komilee vertretenen heterogenen Elemente unmöglich sei, weshalb eine neue Kommission die ganze Arbeit übernahm, der 2 Vertreter des Kommissariates für nationale Angelegenheiten, beide Juden, und ein Vertreter der kanadisch-jüdischen Hilfsorganisationen mit gleichen Rechten angehören. Diese Kommission beschäftigt 400 Angestellte, verteilt über die ganze Ukraine. Laut der von dieser Kommission angelegten Statistik gibt es jetzt in der Ukraine 110.000 Waisenkinder, größtenteils Pogromopfer, während im ganzen 600.000 jüdische Kinder auf Hilfe angewiesen sind. Die Kommission richtet deshalb ihr Hauptaugenmerk auf die Kinderhilfe. Sie will im Laufe dieses Jahres Kinderheime gründen, die wenigstens 300.000 Zöglinge aufnehmen sollen. Die vollständige Einrichtung dieser Heime wird von den amerikanischen Organisationen übernommeu, während die Sowjetregierung das Lehrpersonal, Verpflegung wie auch die notwendigen Geldmittel beistellen soll. Die Inneneinrichtung begegnet großen Schwierigkeiten, da in Rußland fast nichts erhältlich ist, weshalb Saltzman jetzt nach Deutsehland geht, um dort das notwendige Mobiliar zu kaufen. Außerdem hat die Kommission beschlossen, in der Ukraine ein ganzes Netz von Sanitätsstationen zu errichten, für die bereits 16 Waggons Medikamente eingetroffen sind. Auch die Gründung von professionellen Schulen für Schneider, Schuster, Monteure, Chaffeure usw. ist geplant. Maschinen und Handwerkzeug für diese Schulen sollen ebenfalls jetzt in Deutsehland angekauft werden. Obwohl es nach den Prinzipien der Sowjetregierung nur allgemeine und keine nationalen professionellen Schulen geben sollte, hat die Sowjetregierung der Kommission in dieser Beziehung Konzessionen gemacht. Saltzman versichert auch, daß die Sowjetregierung das Eigentumsrecht der jüdischen Hilfsorganisationen nicht antastet und dal es bisher nicht vorgekommen sei, daß die von diesen Organisationen nach Rußland eingeführten Sachen für einen anderen als ihren Bestimmuugszweok verwendet worden wlre».

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