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Jüdische Presse · 1921-03-25 · 11 (25.3.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
11 (25.3.1921)
Date
1921-03-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 80 JÜDISCHE PRESSE Nr. 11 erwarten, daß über den Verlauf der Sitzung ausgiebige Berichte an die Presse ausgegeben werden. Am Vormittag des 18. März findet eine Vorbesprechung der verschiedenen Palästinazentralen der Landesorganisationen statt. Wir betrachten als ein besonders günstiges Vorzeichen, daß der Zentralrat sich entschlossen hät, den Sitz und die ständige Tätigkeit des in der konstituierenden Sitzung zu wählenden Präsidiums nach Wien zu verlegen. Hier in Wien ist in der Tat der Ort, an welchem die verschiedensten, innerhalb der Orthodoxie vertretenen Anschauungen und Meinungen durch geeignete Persönlichkeiten vertreten sind. Es ist ein außerordentliches Ehrenzeugnis für die Judenheit Wiens, daß für das thoratreue Judentum der Welt sich in Wien ein neuer Mittelpunkt bietet. Wir begrüßen den Zentralrat aufs Wärmste und wünschen seinen Verhandlungen gedeihlichen Verlauf und guten Erfolg, s. n. Das „(Uort" und die „Cat". Es war im November 1909. In Kattowitz fand zu Ehren des 25. Jahrestages der Kattowitzer Assifah, die seinerzeit den Grundstein für den modernen Zionismus gelegt hat, eine große zionistische Kundgebung statt, zu der Delegierte aller zionistischen Kreise gekommen waren. Sokolow, damals Generalsekretär des zionistischen Aktionskomitees, hielt als Vertreter des Präsidenten Wolfsohn eine Begrüßungsansprache, welche mit den Worten begann: „Am Anfang war das Wort!"* —- Dr. Josef Klausner, der Vertreter des Odessaer Kolonisationsvereines, leitete seine Rede mit den Worten ein: „Am Anfang war die Tat!" — In diesen beiden Aeußerungen widerspiegelte sich damals der Gegensatz zwischen den politischen Zionisten, die das Hauptgewicht auf die Propaganda legten und in Palästina nichts tun wollten, und den Chowewe-Zion, die ohne viel Tamtam die Kolonisationsarbeit ins Werk gesetzt und in den ersten Jahren eine Reihe von Kolonien in Palästina gegründet haben, womit der Grundstock für die zionistische Arbeit gegeben war. Heute, da die Ergebnisse des Weltkrieges auch die Palästinasache so weitgehend beeinflußt haben, da der politische Zionismus gewissermaßen sein Ziel erreicht hat, mag man den damaligen Streit keine Bedeutung mehr beilegen. Der politische Zionismus, das Wort, hat ja gesiegt. Was hatte den Ghowewe- Zionismus mit seiner Schneckenarbeit zu bedeuten, angesichts der gewaltigen Erfolge des Baseler Programmes und der politischen Propaganda? Und doch wäre es verfehlt, die Arbeit der Chowewe-Zion zu bagatellisieren. Wären sie nicht mit ihrer Arbeit vorangegangen, wer weiß, ob es überhaupt zu einem politischen Zionismus gekommen wäre? Hätte man ihre Arbeit nicht gewaltsam unterbrochen, würden heute in Palästina nicht 50, sondern 200 jüdische '.Kolonien bestehen, wer weiß, ob das jüdische Volk nicht heute viel weiter stehen würde. Der Gegensatz zwischen Wort und Tat bleibt immer bestehen, die Tat ist urjüdisch, das Wort vielleicht eine fremde Pflanze. Wie sagten. schon unsere Weisen: *TlJöK nmn n»pi w Weshalb diese Angelegenheit an dieser Stelle zur Sprache gebracht wird? Nun, sie ist auch heute aktuell, mochten sich die Chowewe-Zion seither ganz dem politischen Zionismus untergeordnet haben. Es ist heute die „Agudas-Jisroel", die sich die Maxime von der Tat zu eigen macht. Die Glaubenstreuen haben es immer verschmäht, große Worte zu machen, insolange man es dabei hat bewenden müssen. Insolange der Zionismus bloß Wortarbeit war, stand die Orthodoxie abseits. Freilich, keineswegs passiv. Der alte Jischub, ohne welchen der neue kaum denkbar ist, war eine Tat, eine unvergängliche Tat. Ohne Kongresse und Manifestationen, ohne Presse und Propaganda, ohne Generalsekretäre und ohne Banken ist Jahrhunderte hindurch ein Werk gepflegt worden, das den heftigsten Stürmen von innen und außen Stand hielt und Stand hält. Es entsprach dies dem ernsten Charakter des Glaubenstreuen, keinen Glorienschein zu suchen, sondern alles „Lischmo" zu tun. An der zionistischen Arbeit, wie sie bis in die letzte Zeit geleistet wurde, konnte die Orthodoxie keinen Anteil nehmen. In dem Momente aber, da die Entwicklung der Dinge eine neue Situation geschaffen hat, in dem Momente, da es der Orthodoxie gegeben ist, treu ihren Prinzipien in Palästina zu arbeiten, ist die „Aguda" auf den Plan getreten und gar bald dürfte die erste orthodoxe Kolonie im heiligen Lande entstehen, der andere folgen werden. Der glaubenstreue Jude, der stets gewohnt ist, die Vorteile einer Tat gegen ihre Nachteile abzuschätzen, konnte nichts tun, insolange die Gewißheit dieser Vorteile nicht evident war. In dem Momente, da dies der Fall zu sein scheint, stellt er überall seinen Mann. Die nächsten Jahre dürften zeigen, wieviel aufbauende und erhaltende Kraft in diesem orthodoxen Juden vorhanden ist, den man immer als „Batlan* einzuschätzen beliebt. Der Glaubenstreue begeistert sich nicht rasch, er prüft und wägt — aber er ist widerstandsfähig, opfermutig und * Diese Reminiacenz unseres Mitarbeiters ist wahrhaftig iuteressant genug. Herr Sokolow hat also die Kattowitzer Assisa mit einem Zitat aus dem neuem Testament begrüßt! Klausner hielts mit „Faust".) D. R. wirft nicht die Flinte ins Korn, wenn er einer Prüfung ausgesetzt wird. Ein starker orthodoxer Jischub im heiligen Lande wird der dortigen jüdischen Siedlung eine feste Basis geben. Freilich, es soll und wird da kein neues Judentum entstehen. Das alte, das sich so bewährt hat, wird nicht gegen neues, unerprobtes ausgetauscht. Wenn es dem jüdischen Volke vergönnt sein wird, den Faden seiner Geschichte wieder dort anzuknüpfen, wo er vor 2000 Jahren abgerissen wurde, dann wird dies im vollsten Sinne des Wortes der Fall sein. Die Orthodoxie will dort wieder anknüpfen, wo Rabbi Jochanan ben Sakkai und seine Schüler gestanden haben. Es gibt eine Kontinuität des Judentums, nicht bloß in nationaler Hinsicht. Der Spott, daß die Orthodoxie zu spät gekommen ist, wo es sich um das Wort gehandelt hat — da ist wenig zu bedauern. Sie kommt aber rechtzeitig, wenn es sich um die Tat handelt. Sie kann und wird da den Wettbewerb bestehen. Wenn aber jemand sagen wollte — und es wird dies vielfach behauptet die Agudas Jisroel wolle die Früchte fremder Arbeit genießen, so ist nichts falscher als diese Behauptung. Der glaubenstreue Jude sieht in jeder Wandlung das Werk der ewigen Vorsehung und nicht Menschenwerk. Wenn man aber schon von menschlicher Leistung sprechen will, so muß vor Augen geführt werden, daß die Erreichung des gegenwärtigen Stadiums in Palästina der Arbeit dreier Faktoren zu verdanken ist: dem alten Jischub, also der Orthodoxie, die die Grundlage für den neuen Jischub geschaffen hat; den Chowewe-Zion mit ihrer Kolonisationsarbeit und dem politischen Zionismus. Der letztere darf sich deswegen keine Ueberhebung erlauben und die Orthodox'e benöt igt keine Erlaubnis für ihre Palästinaarbeit. Sie verhielt sich passiv, solange es sich um Worte gehandelt hat. In dem Momente aber, da reale Taten möglich sind, tritt sie in ihrer ganzen Aktivität auf und sie wird es trotz aller Mißgunst und allen Neides tun. J. K. Die Cage der Kultusbeamten in Bö'bmeit und mäbren. Von F. Spectator. (Vergl. Nummer 8 vorn 4. Marz 1921.) Allenthalben, auch von Christen, die sonst uns Juden nicht viel Gutes nachzusagen pflegen, rühmt man an uns, daß wir ein für Arme und Unglückliche warm schlagendes Herz haben, daß wir Großes im Wohltun und in Werken der Nächstenliebe leisten. Merkwürdigerweise verspüren die Kultusbeamten unserer Länder, in denen größtenteils reiche oder wenigstens wohlhabende Juden leben, wenig davon, daß die früher gute Eigenschaft den Juden nicht verloren ging, die Kultusbeamten, die keine sogenannten milden Gaben erbetteln, die nur soviel erhallen wollen, um damit ein halbwegs menschenwürdiges Dasein führen zu können. Gewiß ist es, das kann kein Einsichtiger heute mehr leugnen, undenkbar, daß die Beamten so entlohnt werden, wie es der derzeit herrschenden Teuerung entspräche; unverständlich ist es nur, warum gerade die jüdischen Kultusgemeinden unserer Länder schlechter bezahlen, als alle anderen Arbeitgeber. Vielleicht kann da von mancher Seite ins Treffen geführt werden, daß Mittel und Wege, die angewendet werden müssen, um diesem Uebelstande abzuhelfen, unbekannt seien. Die Mittel und Wege, die dieser Frage, deren Aktualität mit zunehmender Teuerung steigt, begegnen können, will ich daher des Raummangels halber in aller Kürze erörtern. Was die Hilfe, die den bedauernswerten Angestellten dieser Kategorie anzugedeihen am Platze wäre, anbelangt, so sei gesagt, daß diese zweierlei Art ist: Selbsthilfe und Hilfe von außen. Die Selbsthilfe wäre eine starke Organisation ungefähr der Art, wie sie der nur allzufrüh verstorbene, für seine Kollegen warmfühlende Oberlehrer Sigmund Springer s. A. im Auge hatte, eine Organisation, die die genügende Autorität und Macht hätte, wirklich etwas für die darbenden Kollegen zu tun, nicht aber eine solche wie der „Rabbinerverband für Mähren und Schlesien", der Sitzungen abhält, in denen — Raths Lehrbuch zur Einführung in den Schulen empfohlen wird und der sich ansonsten um das Wohl und Wehe seiner Mitglieder wenig kümmert, auch nicht eine solche, wie sie die akademisch gebildeten Rabbiner Böhmens* seinerzeit planten und die nur auf Standesstolz und Partikularismus hinausläuft. Derartige Organisationen sind angesichts der bittersten Not ganz undiskutabel und meines Erachtens nach von jeder Erörterung auszuschalten. Die Organisation, wie sie Schreiber dieses meint, sollte alle Kultusbeamten vom Schames bis zum Rabbiner umfassen und einer zielbewußten, tatkräftigen Leitung seine Geschicke anvertrauen. Jede Standesgruppe sollte einen Sektionsvorstand haben, die allmonatlich zusammenkommen müßten, um die brennendsten Tagesfragen zu erörtern. Die Leitung selbst müßte mit den schärfsten Mitteln die * Zum besseren Verständnis sei erwähnt, daß ei speziell in Böhmen auch sogenannte Dispensrabbiner gibt, die von der Regierung bestellt wurden und denen jede Qualifikation zu ihrem Amte fehlt. (Anmerkung des Verfassers.) Kultusgemeinden auffordern, die Beamten ausreichend zu dotieren. Sollte das nicht fruchten, dann müßten in allen jüdischen Blättern schwarze Listen veröffentlicht werden, darin die Gemeinden gebrandmarkt und an den Pranger gestellt werden, die ihre Pflicht und Schuldigkeit ihren Beamten gegenüber nicht täten. Die zweite Tat dieser Leitung müßte die Entsendung einer Deputation nach Prag zur Regierung sein, besonders zum Ministerium für Schulwesen und Volkskultur und zum Präsidenten Masaryk, um nach einer grellen Schilderung der Lage eine staatliche Subvention und gütige Intervention zu erbitten. Ganz gewiß werden diese Kreise, denen die traurige Lage der Kultusbeamten unbekannt ist — sind doch, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, unsere nichtjüdischen Mitbürger völlig unorientiert darüber — mehr Mitgefühl haben, wie so mancher Vorsteher. Die andere Hilfe, die Hilfe von außen, wäre unseres Erachtens nach eine Ehrenpflicht all der Juden, die noch ein Fünkchen Liebe zum heiligen Väterglauben sich bewahrten. In erster Linie müßten diese mit gutem Beispiel vorangehen und freiwillig eine höhere Kultussteuer zahlen, um die Gemeindesäckel zu füllen. Helfend beispringen müßten aber auch die zahlreichen jüdischen Vereine, endlich müßten Sammlungen eingeleitet werden, um in irgendeiner Form Not und Elend zu lindern. Dies die Mittel und Wege zur Milderung und Minderung des furchtbaren Existenzkampfes, den alle Beamten, in erhöhtem Maße leider aber die Kultusbeamten, seit Jahr und Tag zu führen gezwungen sind. Diese Mittel und Wege werden teilweise wenigstens das Los erträglicher machen, diese Mittel und Wege werden etwas Hilfe bringen, diese Mittel und Wege werden teilweise mindestens ihren Zweck erfüllen. Traurig und geradezu beschämend wäre es doch für uns, wenn, während andere Konfessionen große Opfer bringen, während gerade von Juden täglich Hunderte, ja Tausende für Luxus und Schwelgerei verausgabt werden, dieselben Juden nichts für ihre Beamten übrig hätten, wo viele Familien den Kampf um den Bissen Brot führen, da ein in seinem Amte ergrauter Seelsorger heute nicht weiß, womit er morgen den Unterhalt für sich und die Seinen bestreiten soll. Nur der Anfang muß gemacht werden, man muß der Sache nur mit Wohlwollen und ernstem Willen, zu helfen, nähertreten, dann werden sich einige Herzen, die sich der abzutragenden Ehrenschuld erinnern werden, finden. Die Hilfe muß aber rasch kommen, wie schon ein altes Sprichwort heißt: „Bis dat, qui cito dat", ehe es zu spät ist und ein ganzer Stand verelendet. Ein Fall, wie der in Malaczka (Slowakei), muß rechtzeitig verhütet werden. Das vielgepriesene goldene jüdische Herz besteht seine Feuerprobe. Möge sie gut ausfallen! (Ein Schlußaufsatz folgt.) „SHoab." Verkehrs- und Transportgesellschaft. eine frofte Botschaft an Palästina -Reisende. Unter den Auspizien der Agudas Jisroel ist jetzt endlich der Wunsch von Tausenden nach Erez Israel ziehenden glaubenstreuen Juden zur Tatsache geworden und eine Verkehrs- und Transportgesellschaft, die „Siloah", gegründet worden, welche dafür sorgen wird, daß der strenggläubige Jude, und besonders der ostjüdische Emigrant, nicht nur eine weitaus menschenwürdigere Behandlung, als dies bisher der Fall war, erfahren wird, sondern sich auf dem Schiffe heimlich fühlen soll und überall das fürsorgliche Walten guter Freunde und Ratgeber wahrnehmen wird. Die neugegründete „SILOAH" Verkehrs- und Transportgesellschaft m. b. H., "Wien, IL, Malzgasse 12 a, mit dem Hauptsitze in Wien und Filialen in Triest und Venedig, ist es gelungen, mit der „Servizii Maritimi" einen günstigen Kontrakt abzuschließen, zufolge welchem auch unsere Deckpassagiere in geschlossenen Räumen untergebracht werden und ihnen Matratzen und Decken zur Verfügung stehen werden. Frauen und Kinder bekommen außerdem noch Betten zugewiesen. Während der Ueberfahrt ist für gesunde, bekömmliche und ausreichende Kost gesorgt, welche von einem eigens dazu bestellten Koch in streng koscherer Weise zubereitet wird. Die Passagiere, die, aus dem Osten kommend, Wien passieren, werden in separaten Waggons nach dem Einschiffungshafen Triest oder Venedig unter Begleitung eines kundigen Beamten dirigiert, woselbst sie bis zum Abgange des Dampfers im eigenen Heime untergebracht werden. Die „Siloah" hat ihrem Unternehmen eine Speditionsabteilung angegliedert, welche die Aufgabe hat, den Warenverkehr mit Palästina in rascher und kulantester Weise zu effektuieren. Wegen Auskünften wolle man sich an die Speditionsabteilung der „Siloah", Wien, II., Malzgasse 12 a, wenden. Wir wünschen dem neuen Unternehmen das beste Gedeihen.

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