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Jüdische Presse · 1921-03-25 · 11 (25.3.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
11 (25.3.1921)
Date
1921-03-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.064. Tschechoslowakei: Bratislava, Turnergasse 14. Erscheint jeden Freitag1. — Redaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementepreise: Ganzjährig: Für Osterreich K 300*--, Ungarn d.-ö.K250--, TschechoslowakeiKö. 70'-, DeutschlandMk.60--, Bchweiz Frcs. 10'—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 300*—. Einzelnummer d.-ö. K 6 -, Kö. 1-50. Di» 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. E 10-— Fürs Aislaad 100 Prozent Teuernngsznschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. 11 Wien-Bratislava, 25. März 1921 ♦x'snn itznurcmiB rrDDDjns - nri ,tj?3 7« Jahrg. Der Scftrei nacb lUabrbeit Die schlimmste Einwirkung Amaleks besteht darin, daß wir uns in sehr vielen Dingen unser Vorhalten und unsere Stellungnahme von Ainalek diktieren lassen. Nachdem am Ausgang des Krieges sich gezeigt hat, daß der Bankrott der allen Kultur, die Tatsache, daß diese Kultur die ernste Feuerprobe nicht bestanden hat, die Erfahrung, daß all die großen tönenden Worte von Liebe und Frieden, von Aufstieg und Veredelung Lügen auf tönernen Füßen waren, daß alles dies in unserer Jugend und in all denen, welchen das Leben noch etwas zu sagen hatte, eine heiße Sehnsucht nach Wahrheit erzeugt hatte, konnte man hoffen, daß endgültig auch mit dem fluchwürdigen Hin- und Herschwanken zwischen Prinzipienfestigkeit und Prinzipienlosigkeit, zwischen Bindung und Individualismus ein Ende bereitet wäre. Leider zeigte sich das Gegenteil. Noch niemals seit dem Auftreten der Barjonim kurz vor Zerstörung des zweiten Tempels hatten Phrasenhelden und Faiseure ein so leichtes Spiel wie jetzt. Es ist ja auch kein Wunder. Die dumpfe Verzweiflung, in welche Kriegsereignisse und Plünderungen große jüdische Massen getrieben hatten, war ein außerordentlicher Nährboden für jeden Gedanken, welcher nur den entferntesten leisen Schimmer einer Hoffnung zeigte, wehe, dreimal wehe über die Gewissenlosigkeit, welche diese bedauernswerte Grundstimmung ausnützte und sich also eine breite Gefolgschaft schuf. Das gilt nicht nur von den Ländern im Osten. Wenn man heute beispielsweise sich wie in Deutschland durch den Druck der äußeren Ereignisse gar keine Kompromißmöglichkeit auszudenken vermag, die nicht willig erfaßt wür.de, so fragt man sich, wo ist denn nun die Jugend^ die während der jüngsten zwei Jahre mit dem ganzen Impuls ihrer flammenden Begeisterung nach Geltung rief und wo sind denn die Alten, die während dieser zwei Jahre ihr ganzes Tun und Lassen auf die Wünsche der Jugend einstellten? Wo sind die Wahrheitsucher, die den Mut haben, der das einzige Korrelat des Minoritätsbewußtsein darstellt? Fürchtet man denn nicht, daß dort in Deutschland jetzt das Lebenswerk von Hildesheim und Hirsch durch Selbsttäuschung und ein undurchdringliches Gespinst von Rücksichten auf Amalek zerstört Avird, und hofft man wirklich, daß im gegebenen Moment die allso korrumpierte Jugend solche Männer zu erzeugen und zu stützen vermag? Und weiter fragen wir: Wo ist denn die Wahrheil? Wo ist sie dort, allwo man das jüdisch-nationale Denken in den Dienst einer dumpfen Alltagspolitik stellt. Man kann über das Prinzip dieses Gedankenkomplexes denken wie man will, eine Idee muß es sein, die mit reinen Händen und reinen Waffen verfochten wird, der jedes persönliche Strebertum fernbleiben muß. Und wenn die neue Föderation Binjan Haarez jetzt endlich einsieht, daß es neben dem Palästinaproblem doch auch ein Golusproblem gibt, so fragen wir: wo wart ihr, als selbst Euer Herzl dringend vor den Helden im sicheren Port warnte, die, weiß der Himmel aus welchen Gründen, aus dem jüdisch-nationalen Gedanken ein nationalistisches Fastnachtsspiel gestalten, bar jedes Verantwortiichkeitsgefühls für die Existenz der Juden im Golus, wo wart Ihr, als ernste Menschen, begeifert von Hohn und Spott vor diesem sehr," sehr gefährlichen Experiment warnten. Wir haben oben das Wort. Palästinaproblem erwähnt. Gar viele werden fragen: Ist es denn jetzt noch ein Problem? Und da ertönt lauter denn je der Schrei nach Wahrheit und dieser Schrei verlangt Klarheit darüber, welche Mittel man besitzen muß, um dort eine menschenwürdige Existenz zu begründen, Klarheit darüber, was aus all den armen Menschen geworden ist und wird, die zu schwerer Arbeit unfähig mit aufflammendem Herzen in helle. Begeisterung das Land der Väter aufgesucht haben - Klarheit darüber, warum die jungen Glieder des" alten Jischuv nach Amerika auswandern und über die Zahl der Auswanderer aus Palästina überhaupt. - Wir verlangen ferner Aufschluß darüber, warum es> zu jenem furchtbaren 13. Adar kommen mußte, an> dem die ehrwürdigen Heroen des alten Jischuv einen Fasttag ansagten und die auf den Schild gehobenen Führer des neuen Jischuv diesen Fasttag verboten. Wir wissen wo die Wahrheit ist, aber es ist Aufgabe derer, die das religiöse Prinzip in Palästina zu vertreten das Recht zu haben glauben, daß sie ohne jede persönliche Rücksicht und vor allen Dingen ohne Parteirücksicht der Welt die Wahrheit künden. Wir haben selbstverständlich kein Mittel in der Hand die Wahrheit zu erzwingen, wir können nur danach mit dem letzten Atemzug schreien. Es ist sehr leicht möglich, daß auch weiter Palästina zu einem Tummelplatz radikalster Anschauung gemacht wird, daß man auch weiterhin mit Konzessionen und neuen Einrichtungen und künstlicher Schaffung autoritätsloser Autoritäten wirtschaffen wird. Nur das eine wissen wir nbäCD tO K\T) Und abermals rufen wir der Jugend zu: Suchet die Wahrheit! p. k. Die konstituierende Sitzung des Zentralrates der Jfgudas Jisroel. Der 19. und 20. Adar bezeichnen einen Markstein in der Geschichte der Entwicklung der Agudas Jisroel. In Preßburg wurde beschlossen, daß als oberstes Organ der Aguda fortan .-der Zentralrat zu gelten hat, weicher aus Delegierten sämtlicher Landesgruppen besteht. Ihm obliegt die oberste Leitung aller Angelegenheiten der Agudas Jisroel, von ihm gehen aus alle Direktiven für die politische und religiöse Tätigkeit, soweit sie nicht nach dem Statut den einzelnen Landesorganisationen vorbehalten sind. Seine vornehmste Aufgabe besteht nach dei Konstituierung darin, möglichst bald für die Ergänzung des rabbinischen Rates Sorge zu tragen, sowie die Kenesijoh gedoloh würdig vorzubereiten. Wenn man bei dieser Gelegenheit einen Rückblick auf das Vergangene wirft, so ist die erste Empfindung eine Regung heißen Dankes gegen den Allmächtigen, daß die Aguda, die in ihrer ersten Entwicklung so jäh durch den Krieg und die nachfolgenden Ereignisse unterbrochen wurde, sich trotzdem bereits über den ganzen Erdball verbreitet hat. Es sind Delegierte angemeldet aus Palästina, Oesterreich, Tschechoslowakei, Polen, England, Argentinien, Deutschland, Litaüeti,üifcraine, Bukowina, Rumänien, Lettland. Aus deil übrigen Ländern liegen Briefe vor, welche die Unmöglichkeit der Entsendung von Delegierten in den Paß- und Verkehrsschwierigkeiten begründen. Wir sind überzeugt, daß die konstituierende Sitzung des Zentralrates von allergrößter Bedeutung seih wird für die Palästinatätigkeit der Agudas Jisroel. Sie wird in Verbindung mit dem Exekutivkomitee in London sicher Mittel und Wege finden, um die Teilnahme der organisierten Orthodoxie an dem Wiederaufbau und an der Besiedlung Palästinas in großzügiger Weise in die Wege zu leiten. Aus Polen sind unter anderen gemeldet die ehrwürdigen Rabbiner von Gora Kalwaria, Radzin und Sokolbw. Es werden zirka 40 Herren an den Beratungen teilnehmen. Es ist zu Ulie einst in Cysmenitz Purlm gehalten wurde. In Deutschland soll es ja irgend ein veritables Schachdorf geben, einen Ort, wo das Schachspiel seit altersher als eine Art geistiger Heimarbeit gepflegt wurde. Alles huldigt dort dem edlen Königsspiele, Männer und Frauen, Bauer und Knecht; die Kleinsten solldh im Kinderspiele sich mit Problemen der Schachkunst beschäftigen. Aehnliches galt in dem neben Stanislau liegenden Orte Tysmenitz in bezug auf das Talmudstudium. Nirgends mehr in der Welt soll die Kenntnis der 60 bändigen Talmuds so allgemein und profund gewesen sein, als in der erwähnten Judengemeinde. Bürschlein von 5 Jahren, die schon mit übersprudelnder Geschwindigkeit die juristischen Probleme des Seder Nesikin oder die eherechtlichen Möglichkeiten des Seder Noschim in aramäischhebräischer Sprache vortragen konnten, waren alltägliche Erscheinungen; Barmizwa-Jungen, die zur Feier ihres 13. Geburtstages ihre selbst verfaßten Abhandlungen über irgend ein kompliziertes talmudisches Thema, quasi ihre Dissertation in der Sprache des Talmuds vor dem Kreise der erwachsenen Thoragelehrten ausbreiten konnten, bildeten eigentlich die Regel. Um die Wende des 18. Jahrhunderts war die Talmudkunst in Mitteleuropa zur unerhörten Tirtuosität gediehen. Als aller Meister Meister galten aber zwei Talmudgenies, Rabbi Jonathan Eibenschütz und Rabbi Meschulam Tyemenitz. Der Erste war vielleicht nur seiner Weltgewandheit, seiner Meisterschaft als hebräischer Schriftsteller und seines tragischen Schicksales halber bekannter und gepriesener und ward wohl von dem Zweiten, Weltabgeschlossenen iberragt durch dessen einfach fabelhafte Meisterschaft auf dem Gebiete der talmudischen Wissenschaft. Spricht doch selbst der Ghassam Sopher s. A. in seinen niedergeschriebenen Erinnerungen in scheuer Ehrfurcht von der phänomenalen Beherrschung des Talmuds, die Rabbi Meschulam auszeichnete. .Seine Arme, die sich mir entgegenstreckten,0 schreibt Ghassam Sopher s. A.," dünkten mir wie zwei Thorarollen und ich hatte zum Glücke das halachische Thema, das wir behandelt haben, gerade vorher gründlich studiert, sonst hätte ich ihn wohl gar nicht begriffen." Rabbi Meschulams Kombinationen waren solch blitzschnelle, daß er ihnen mit dem Worte nicht uacheilen konnte; seine Vorträge über Halacha wurden kaum von den Scharfsinnigsten der Preßburger Gemeinde verstanden; freche Witzbolde, die bereits damals ihr Haupt erhoben, behaupteten, daß sich Rabbi Meschulam selbst nicht verstünde. Sein Werk „lgro Romo" ist mit solch enigmatischer Kürze des Ausdruckes geschrieben, daß dieselben Witzbolde behaupten durften, der Rabbi hätte in seinem vertieften Eifer über den Bogen Papier hinaus auf den Tisch geschrieben und es sei solchermaßen bloß die Hälfte des Geschriebenen zum Drucke gelangt. Will man recht ermessen, wie es mit dem Talmudstudium des Rabbi Meschulam beschaffen war, der als der Höhepunkt des Tysmenitzer talmudischen Virtuosentums gepriesen wird, so mag dazu folgende Erzählung eines Tysmenitzer dienen: Die Künstlerschaft im Talmudstudium, die zu Zeiten des Rabbi Meschulam-Preßburg — wie ihn die Tysmenitzer nennen — in Tysmenitz geherrscht hat, war noch in ihrer Nachwirkung auf drei spätere Generationen zu erkennen. Die mnemotechnischen Kunststücke auf dem Gebiete des Talmuds waren noch zu meiner Zeit allgemeiner Geistessport. Ein Beispiel von Vielen: An einem Purim besucht der Redakteur eines Wiener Witzblattes (ich glaube, es war „Der Floh"), der ein Tysmenitzer Bachur war, seinen damaligen Rabbi. Da dringen besoffene jüdische Kutscher lärmend in das Zimmer des Rebben. Purim ist ja alles frei. Was wollte dazumal ein Tysmenitzer besoffener jüdischer Kutscher am Purim? Thora! „Der Rebbe soll sich verhören lassen!" forderten die Trunkenen. Der Rebbe lachte, er ist einverstanden! „Sage uns der Rebbe weiter von der 15. Zeile der 72. Seite vom Traktat Sabbat!" Und wahrhaftig, der Rebbe begann lächelnd die ganze Talmudstelle von der 15. Zeile der 72. Seite rom Traktat Sabbat auswendig weiterzusagen. „Sage uns der Rebbe weiter", befahl der Kutscher, „von der 10. Zeile der 30. Seite in Nedorimc. Der Rebbe sagte es sofort mit selbstverständlicher Ruhe und Leichtigkeit veiter und bestand noch eine Reihe solcher Prüfung ri. Es kommt aber no<-' besser! Da meldet sich dei U"dakteur des Wiener Witzblattes, der gewesene t ^j der Tysmenitzer Jeschiba an. „Bai haagolo leben , sagte er zu dem talmudbeflissenen Kutscher, >agt mich einmal aus!" Die Kutscher geben w»ich ihm eine solche Aufgabe und der Redakteur bi. >ut jede angedeutete Talmudstelle flott von untei. nuuf zurücklesend auswendig zu zitieren! So hat man sich < •■mal in Tysmenitz am Purim unterhalten! Das w n die Ausschreitungen besoffener Tysmenifzo* utscher! Das waren Tysmenitzer Köpfe! Jet -messet einmal, wer Rabbi Meschulam, später C >. abbiner von Preßburg, der schärfste der schar), w Tnlmudisten aus der Tysmenitzer Schule gew -* ist!

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