Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 9 (11.3.1921)
- Date
- 1921-03-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 9 JÜDISCHE PRESSE Seite 65 Delegiertetttag der Agudas 3$rael°0rt$druppen der Slowakei in Trenesin Töplitz am Montag, den 18. Adar seheni 5681 (28. März 1921) Tagesordnung: 1. Berichterstattung über die bisherige Tätigkeit der provisorischen Leitung. 2. Referat über Agudas Jisroel. 3. Referat über Erez Jisroel-Arbeit. 4. Berichte der einzelnen Gruppen. 5. Referat über die Jeschiwo-Aktion. 6. Gründung der Landesorganisatior. 7. Regelung des Finanzgebarens. 8. Wahl der Zentralleitung. Bestimmung des Sitzes des Zentralbureaus. fl. Wahl von drei Personen in den Zentralrat clor Aguda in Wien. 10. Etwaige Anträge. Partei" alias Volksverband haben aufgehört, politisch kreditfähig zu sein. Wir möchten den distinguierten Fremden doch bitten, uns für diese gröbliche Verletzung eines programmatischen Parteibeschlusses einen Präzedenzfall zu zeigen, von Lappland bis zu den Botokuden! Jüdisch-national oder jüdisch-nationalistisch. Es ist genug erstaunlich, daß die von den jüdischnationalistischen Stellenjägern künstlich erzeugte und geförderte Begriffsverwirrung bisher nicht mit der einfachen Alternativfrage: jüdisch-national oder jüdisch-nationalistisch geklärt worden ist. Der Herzische Zionismus war jüdisch-national, aber scharf anti-jüdisch-nationalistisch. In Preßburg hat es seit Beginn der zionistischen Bewegung eine starke zionistische Position gegeben, nie aber jüdisch-nationalistische Veilletäten. Diese Mißbildung der zionistischen Bewegung ist erst mit der Aera des politischen Schiebertum^ im Zionismus entstanden.. Ihre treibende Kraft ist Mandatismus, in Aussicht gestellte Positionen im Nationalrat, in der Komitats¬ und Stadtverwaltung, oder zumindest im Bankdirektorium oder für die kleinsten Macher im Bureau. Mandatismus ist eine in der Tschechoslowakei viel 'bemerkte uud oft gerügte politische Form, aber in so reiner, von jeder Trübung von Ueberzeugung freien Form, wie in der wackeren „V. J. P.% findet sie sich sonst in keiner vor. Sie erhält sich durch ein sträfliches Doppelspiel. Währenddem man vor den Kulissen das Lied vom stolzen selbstbewußten Juden singt, der den Heldenmut besitzt, sich frei zu seiner Nationalität zu bekennen, flüstert man hinter den Kulissen das Gegenteil, man schmeichelt der Feigheit der Kleinstädter und empfiehlt ihm, sich „nix zu exponieren", weder bei der einen, noch bei der anderen Nationalität und jüdisch zu stimmen; man versichert, daß dies kein Bekenntnis zur Zugehörigkeit zur jüdischen Nationalität bedeutet, sondern nur ein pfiffiges Manöver sei, um durch alle Nationalitäten durchzulotsen. Die Juden, die einzelnen, exponieren sich dabei nicht, aber sie exponieren das Judentum in verhängnisvollster Weise, was gerade bei den Verleihungen von Lizenzen, die sie zu erhalten versprechen, von der bösesten Wirkung sein wird. Denn das religiöse Bekenntnis darf in einem freien Staate kein Maßslab für wirtschaftliche Fragen sein, aber das nationale Moment fällt dabei stark ins Gewicht. Die „Jüdische Volkszeitung" treibt einem wirtschaftlichen numerus clausus zu. Die Tanzwut der Jungzionisten. Im Annoncenteil der trefflichen „Jüd. Vz" in Bratislava findet sich folgendes Inserat: Wir werden um Veröffentlichung folgender Zeilen gebeten: „In ihrer letzten Sitzung beschloß die Leitung des Misrachi-Vereines in Bratislava gegen die Veranstaltung der Tanzunterhaltung des „Deborah" zionistischen Mädchenvereines zu protestieren. Mögen unsere (?) Töchter erst verstehen lernen, was der Zionismus heute (?) von ihnen fordert und sich dem gemäß betätigen. Die Leitung des Misrachi-Vereines." Große Meister des Styles sind unter dem slowakischen Teil der jüdischen Nation nie zu finden gewesen, oder glaubt der Misrachi mit dem schlechten Deutsch allein als gut konservativ zu gelten? Wird die Wiener Misrachi nicht ebenfalls gegen die von den hiesigen Zionisten veranstaltete Redoute mit dem pietätsverletzenden Titel „Eine Nacht in Erez Israel" protestieren? Die Foxtrottelei hat übrigens auch in Jerusalem ihren Einzug gehalten. Ein hebräischer Tanzmelamed hat schon seine hebräische Terminologie erfunden. Foxtrott nennt er „Zaade Schual". Wir wüßten einen besseren Namen, allerdings im alten Melizastyl: Schualim hilchu. Wenn unsere Frommen nämlich über die Entweihung Zions durch die entartete Jugend gejammert haben, zitierten sie immer die Jeremiade: „Uebcr den verwüsteten Berg Zion, Füchse trotten auf ihm umher", im Original: schualim hilchu. Rettungsaktion für die „Wiener Morgenzeitung". Wir lesen im „Hebrew Standard" Nr. 7 folgende interessante Notiz: Im Bureau des Herrn Nathan Strauß (Präsident des prov. Komitees des amerikanisch-jüdischen Kongresses. Anm. d. Red.) fand in der letzten Woche eine Sitzung statt, um -über die Mittel und Wege zu beraten, wie man der „Wiener Morgehzeitung'1, des einzigen in deutscher Sprache erscheinenden Tagblattes in Wien, zur Hilfe kommen könnte. Die Konferenz .fand statt unter dem Präsidium des leitenden Redakteurs des „Morning Journal'1, der den großen Anteil aber, welchen die „Wiener Morgenzeitung^ an dem Schicksal und Wohle dergalizischen und ungarischen (!) Flüchtlinge, welche nach Wien verschlagen worden sind, genommen hat und welche anscheinend den einzigen Schutz gegen antisemitische Angriffe darstellt, schilderte.. Rabbiner Dr. Ohajes aus Wien betont die Bedeutung des einzigen jüdischen Tagblattes in deutscher Sprache, daß nur ein entsprechender Fonds es in die Lage versetzen würde, fort zu erscheinen, und welcher schwere Verlust für das jüdische Volk die Einstellung des Erscheinens dieses Blattes wäre. (Räch» mono lizlon!) Andere Redner beantragten die Gründung eines Komitees für die finanzielle Unterstützung des Blattes durch die amerikanischen Jaden. Das Komitee besteht aus den Vertretern mehrerer Organisationen mit Dr. Samuel Büchler als Vorsitzenden. Ein Betrag von 2500 Dollar wurde sofort von den Anwesenden versprochen. (Dr. Büchler ist der Präsident der Federation of Hungarian Jews in America, welche zu diesem Zwecke herangezogen wird. Die „Wiener Morgenzeitung" steht daher bei unserer Redaktion in tiefer Dankesschuld!) Oscar Grüns Meerfahrt.^Die „New Yorker Staatszeitung'1 veröffentlicht folgende Voranzeige über eine Drosche, welche der Verboer Oberrabbiner Reich in der ungarisch-orthodoxen Synagoge Ohab- Zedek gehalten hat: „Es wird dies die erste einer Reihe von Versammlungen sein, die der Aufgabe gewidmet sind, das amerikanische Judentum und damit die amerikanische Oeffentlichkeit überhaupt mit der wirklichen Lage der Israeliten in Süd-, Mittel- und Osteuropa (warum nicht Nord und West!) bekannt zu machen! ,Herr Oberrabbiner Reich ist einer der namhaftesten Kanzelredner der alte|n Welt(ü) und seine imposante Erscheinung (unb.), wie seine Beredsamkeit, der ein sonores Organ zu statten kommt, sichern dem Gaste wohl ein Massenpublikum. Auch Herr Grün hat sich in seinem Wirkungskreise eine geachtete politische und publizistische Stellung verschafft und hatte in den verflossenen Jahren wiederholt Gelegenheit in wirksamer Weise jüdische Interessen bei den leitenden europäischen Staatsmännern wahrzunehmen. Beide Herren haben übrigens zugleich die Mission, sich zum Ueberbringer des Dankes ihrer heimischen Glaubens- und Leidensgenossen (!) an das gebfrohe Judentum dieses Landes zu machen. Die morgige Versammlung findet unter den Auspizien des „Joint Gomittees" (nicht mit dem „Joint" zu verwechseln) der Associated Gongregations and societies of Central Europe in Greater New York statt." — Wir freuen uns einmal, daß die beiden Zöglinge der Preßburger Jeschiba, die da auf Abenteuer in die neue Welt ausgezogen sind, so glücklich den richtigen Barnum & Bailey-Ton gefunden haben und geben ihnen nachträglich die Haskome zu ihrer 'gleichzeitigen Mission, die Ueberbringer des Dankes ihrer heimischen Glaubens- und Leidensgenossen zu sein. Die Reisen und Abenteuer des namhaftesten Kanzelredners der alten Welt und unseres einzigen Fürsprechers bei den leitenden Staatsmännern, die uns eine gütige Vorsehung in diesen düsteren Zeiten geschenkt hat, mögen für die Herren Sokolow, Stricker und tutti quanti Stoß zum Nachdenken bilden Freund Grün übertrumpft Sokolow schon um ein Bedeutendes und Strickers Kolophonium-Glorie verblaßt gänzlich daneben. Reklame ist keine der hohen Künste. Bei Herrn Grün, der Eigentümer einer Privatunternehmung ist, bedeutet die Selbstpropaganda ein einwandfreies Mittel zur Hebung seines Preßbureaus. Seine oft wirklich ersprießlichen Bemühungen geschehen auf sein eigenes moralisches Risiko. Herr Sokolow mit seinem potemkinischen K. d. J. D., hinter welchem in Wirklichkeit bloß ein kleiner Kreis von politischen Gommanditären steht, advertiset sich auf Unkosten des Prestiges des Judentums. Oscar Grün ist eine gelungene Travestie auf Herrn Sokolow; vielleicht wird die Travestie mit der Zeit gar ernster genommen werden als das Original. Herr Oberrabbiner Ghajes aber, der sich nun mit dem Titel des zweitnamhaftesten Kanzelredners der alten Welt bescheiden muß, und weniger sämmtliche Israeliten in Ost-, Mittel- und Südeuropa zu seinen Schützlingen zählt, sondern bloß die Not von Mitteleuropa — Wien, IL, Taborstraße 1 — für herzzerreißend hält, wird sich wohl die Moral der Geschichte der Rettung der alten Welt durch Rabbi Reich und Redakteur Grün zu Herzen nehmen und auf ernstere Methoden sinnen. , . Der Vorstand der Aguda-Zentrale in Wien macht den Landtagsabgeordneten Stricker darauf aufmerksam, daß im „Hazefira" und in anderen Blättern im Namen des Herrn Stricker die Nachricht verbreitet wird, als ob er im Namen des Wiener jüdischen Nationalrates dem Kongres-Comite in New York die Mitteilung gemachthätte, daß die Wiener Aguda-Zentrale bei der österreichisch en Regierung die Ausweisung der Ostjuden verlangt hätte. Der Vorstand der Aguda hält es für unglaublich, daß ein Mann von verantwortlicher Stellung, wie Ing. Stricker, eine solche mit den Tatsachen im diametralen Gegensatze stehende Verleumdung verschuldet hätte; ersucht aber den Landtagsabgeordneten Herrn Stricker hiemit dringend um Aufklärung. NACHRICHTEN. Deut$cbo$terreicb. Sitzung des Zentralrates der Aguda. Die Sitzung des Zentralrates der Aguda, welcher das oberste Verwaltungsorgan der Agudas Jisroel repräsentiert, ist für den 29. März nach Wien einberufen worden. Der 7. Adar. Donnerstag den 17diesen Monats um 5 Uhr abends, wird in der Adas-Jisroel-Synagoge (Schiffgasse 8) der Hesped des Herrn Rabbiner S. Fürst stattfinden. The Vienna Jewish Relief Fund hat neuerlich 20 Pfund Sterling, das sind zirka K 56.000«—, für Kriegsflüchtlinge aus Palästina geschickt. Spende für das Kriegswaisenhaus. Herr Julius Fürst hat auf Anregung der Herren Dozent Dr. M. Eisler und Josef Brody für das Kriegswaisenhaus der Agudas Jisroel 25.000 Kronen gespendet und auch für weiterhin seine werktätige Unterstützung in Aussicht gestellt. Kremeneczkys Palästinafahrt. Der bekannte Glühlichtfabrikant Johann Kremeneczky, einer der intimsten Freunde Herzls, ist wieder nach Palästina gereist und führt 70 Waggons Maschinen mit. Kremeneczky, der von den Neo-Zionisten verdrängt und kaltgestellt wurde, hat aus eigener Initiative bereits sehr Vieles in Palästina geleistet. Kundmachung betreffend den Bezug von Mazzoth im Jahre 1921. Durch kaufliche Erwerbung von Mehl aus dem Auslande dürfte es voraussichtlich möglich sein, für die in Wien wohnenden Juden Mazzoth im Ausmaße von ungefähr drei Viertel Kilogramm pro Kopf und Woche zu beschallen. Der normale Preis für ein Kilogramm Mazzoth dürfte sich auf ungefähr K 220 — stellen. Die Mazzothversorgungsstelle beabsichtigt, wenn die einlaufenden Spenden dazu hinreichen werden, für Minder- und Unbemittelte eine Ermäßigung des normalen Preises nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Mittel eintreten zu lassen. Personen, welche auf eine Ermäßigung reflektieren, haben diese unter Ausfüllung der entsprechenden Rubriken des Anmeldeformulares anzusprechen. Es ergeht an alle in Wien wohnhaften Juden, welche auf den Bezug von Mazzoth reflektieren, die Aufforderung, ihren Bedarf unter Benützung der vorgeschriebenen Drucksorte anzumelden. Anmeldescheine können bei untenstehend angeführten Stellen gegen Erlag von K 6 — in der Zeit vom 10. bis 15. März von 2 bis 6 Ulunachmittags (in der Kanzlei: II., Malzgasse 16, Talmud- Thora-Volksschule, auch von 9 bis 12 Uhr vormittags) behoben werden. Alle näheren Bestimmungen bezüglich Ort und Zeit der Anmeldung sind aus den Anmeldeformularien ersichtlich. Anmeldescheine können bei nachfolgenden Stellen behoben werden: I., Seitenstettengasse 4, Parterre; IL, Malzgasse IG (Talmud-Thora-Volksschule); III., Untere Viaduktgasse 18; V., Siebenbrunnengasse 1; VI., Schrnalzhofgasse 3; VIII., Neudeggergasse 12; IX., Seegasse 9 (Israelitische Versorgungsanstalt); X., Humboldtgasse 27; XV., Turnergasse 22; XVI., Hubergasse 8; XVIII., Schopenhauerstraße 39; XX., Kluckygasse 11; XXI., Holzmeistergasse 12. Ferner für Mitglieder des Bethaus- Vereines „Adaß Jisroel", II., Große Schiflgasse la; des Vereines „Agudas Jisroel", II., Malzgasse 12a; des Synagogen-Vereines „Beth Israel", IL, Leopoldsgasse 29; des Bethaus-Vereines „Machsike Hadaß", IL, Schiffamtsgasse 20. Für jene Personen, welche bereits durch Voreinbezahlung für den Bezug vorgemerkt sind, entfallt eine weitere Anmeldung. Die höher verzinsten 6% igen Staatsschatzscheine. Die drückende Notenüberflutung, welche wir schon seit dem Umsturz sehr unangenehm empfinden müssen, dauert fort, obwohl alle Anstrengungen von Seiten der maßgebenden Kreise unternommen werden, diesem gefährlichen wirtschaftlichen Uebel zu steuern. Auch die Bevölkerung wäre imstande, zur Heilung dieser Krankheit beizutragen, wenn es in weiten Schichten erfaßt werden könnte, wie tiefgreifend die gewaltige Notenüberflutung auf die Volkswirtschaft hemmend einwirkt. Die Begebung der 6% igen Staatsschatzscheine, welohe vor einigen Monaten an die Oeffentlichkeit erfolgt ist, hat gewiß auch zum Teile für die Abschöpfung des Notenüberflusses gewirkt, allein der Betrag von etwas mehr als eine Milliarde kann hiebei nicht