Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 9 (11.3.1921)
- Date
- 1921-03-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite U JÜDISCHE PRESSE Nr. 9 deckung gedacht haben, daß die Ostjuden eine Spezies für sich sind, welche nicht blos im jüdischen Lager, sondern auch seitens der Außenwelt anders, d. h. ihrer Ansicht nach besser, behandelt werden müßten. „Den Ostjuden ihr Recht!" — ward zum Schlagwort des Tages, dem selbst ein so ernster Denker wie Dr. Natan Birnbaum verfiel. Selbst assimilierte oder halbassimilierte Nationalisten meinten, im Westen geht os wohl schwer, sich auch äußerlich als Nationaljude zu bekennen und das hebräische oder gar jiddische, das man nicht einmal dem Alphabet nach kennt, als jüdische Nationalspraehe zu proklamieren. Im Osten hingegen, da wohnen die Juden in großen Massen, da sprechen sie unter einander jiddisch und verstehen etwas hebräisch — da müssen jüdische Wahlkurien, jüdische Schulen usw. errichtet werden — man muß für diese Juden spezielle Gesetze schaffen, ihnen besondere Rechte gewähren und dgl. Die Absicht der Ruter in diesem Streite war sicherlich gut, wenn auch falsch. Aber wie gewöhnlich m solchen Dingen, haben sie ihr Ziel in umgekehrter Richtung erreicht: die nicht jüdische Welt, Regierungen und Volksvertretung, ganz besonders unsere lieben Freunde die Antisemiten, horchten erstaunt auf: also gibt es doch zweierlei Juden, östliche und westliche, die nicht blos in ihrer äußeren Haltung, Kleidung und religiöser Lebensweise sich von einander unterscheiden, die auch einer anderen Weltanschauung huldigen und für die man besondere Gesetze schaffen soll: also gut, wir wollen für sie Ausnahmsgesetze schaffen! Die Westjuden, die unter uns leben, denen können wir schwer etwas anhaben, sie sind uns ja äußerlich wie nicht minder innerlich ganz ähnlich. Den Osljuden aber, die ja einen besonderen Typus darstellen, gilt unser Hass und unser Kampf. Und es entstand unwillkürlich als Folge des zitierten Schlagwortes von den besonderen Rechten für die Ostjuden der Ruf: Ausnahmsgesetz gegen die Ostjuderi! Es würde zu weit führen, wollten wir an dieser Stelle das Problem an und für sich ausführlich behandeln. Die . geographische Teilung ist sicherlich völlig unhaltbar. Im alten Oesterreich war beispielsweise das Königreich Galizien von der Provinz Schlesien nur den Fluß Biala getrennt, über den eine Brücke die galizische Stadt Biala und die schlesische Bielitz verband. Der Jude in Biala war Ostjude, derjenige über die Brücke in Bielitz wurde den Westjuden zugezählt. So wollte es die Weisheit unserer Nationalisten, denn sie forderten blos für Galizien eine besondere jüdische Kurie, der Jude in Bielitz mochte sehen zusammen mit seinen nichtjüdischen Bürgern zur Urne schreiten, ebenso sollten in Biala jiddische Schulen errichtet werden, in Bielitz mußte sich der Jude mit den deutschen Schulen abfinden. Kam so ein Ostjude nach Wien, dann gab es für ihn keine besonderen Rechte, vielleicht bereits er selbst, sicherlich aber seine Kinder waren vollgültige Westjuden. Noch etwas komischer lagen die Verhältnisse in Deutschland. Grätz, Lazarus u. a. waren eigentlich Ostjuden, da sie aus dem Posenschen stammten, sie waren aber Koryphäen des Westjudentums, da diese Provinz zu Deutschland gehörte. Heute wären sie unstreitig Ostjuden. Das ganze erinnert an die bekannte Anekdote: ein russischer Jude erzählte einmal in der galizischen Grenzstadt ßrody, in Rußland sei es im Winter viel kälter als in Galizien. Ein Neugieriger wollte sich von der Wahrheit dieser Behauptung überzeugen, streckte die Hand über die Grenzpfähle hinaus und zog sie rasch mit dem Ruf zurück: richtig, von jener Seite ist der Frost viel stärker.. . Alles, was in den letzten Jahren von antisemitischer und vielfach auch von nichtantisemitischer Seite gegen die Ostjuden ins Treffen geführt wird, ist bis zu einem gewissen Grade die Rückwirkung des Schlagwortes von den besonderen Eigentümlichkeiten der Ostjuden. Es fällt immer schwer, derartige Schlagworte auszumerzen. Die Osljuden werden leider noch viel darunter zu leiden haben, die einmal aufs Tapet gebrachte Ostjudenfrage kann nicht so leicht verschwinden. Es wird noch viel aufklärende Arbeit kosten, um der nichtjüdischen Welt die Ueberzeugung beizubringen, daß der Ostjude sich wohl äußerlich und in seiner Lebensweise vom Wesljuden unterscheidet, daß er aber in moralischer Hinsicht diesem nicht im geringsten nachsteht, daß er im Gegenteil viele besondere Tugenden besitzt, die ihn zu einem sehr nützlichen Mitglied der Gesellschaft machen. Die Opferwilligkeit und die Opferfreudigkeit des Ostjuden in religiösen und charitativen Dingen zeugen von einer besonders idealen Veranlagung. Wer sich in Ernährungsangelegenheiten die größten Entbehrungen auferlegt, um nur nicht die religiösen Vorschriften zu verletzen, wer den Sabbat beobachtet und dadurch große materielle Opfer bringt, wer sich neben allen staatlichen Steuern npch besondere Umlagen für die «Erhaltung der religiösen Institutionen auferlegt: der ist nicht aus dem schlechtesten Holze. Damit berühren wir aber den Punkt, der für den religiösen Juden in der Beurteilung der Ost- und Westjuden maßgebend ist. Für die Orthodoxie kommt der Geographie keine allzu große Bedeutung zu. Ob ein Jude in Wien oder in Zaleszczyki geboren wurde, kommt nicht in Betracht. Maßgebend ist er selbst, seine Lebensweise, seine Weltanschauung. Die Juden sind ein einziges Volk von Brüdern. Ein vollwertiger Jude ist aber nur der, der es im vollen Sinne des Wortes ist. Es gibt keine zweierlei Juden, es gib! bloß religiöse und areligiöse Juden. Der religiöse Jude hat keine besonderen Rechte nötig: was ihm nottut, ist die Freiheit, nach eigener Fasson leben zu können und im Westen nicht der Macht der Westler ausgesetzt zu sein. Politisch steht er auf dem Boden der weitgehendsten Gleichberechtigung, er wünscht keine besonderen Gesetze und hat keine Lust, unter Ausnahmsgesetze zu fallen. Sein Schlagwort lautet: religiöse Freiheit, keine Bevormundung | in jüdischen Dingen, weder durch Assimilanten, noch durch Nationalisten. Die Ostjudenfrage ist für die Orthodoxie eine inner-jüdische Angelegenheit und es wäre viel gesünder für das Gesamtjudentum, wenn sie eine solche geblieben wäre. Die Stellung der Orthodoxie zur politischen Ostjudenfrage ist so klar, daß es kaum notwendig ist, darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Es gehört wahrlich die größte Niederträchtigkeit dazu, der Wiener Orthodoxie eine Gegnerschaft zu den Ostjuden zuzuschreiben. Die ostjüdischen Flüchtlinge in Wien wissen am besten, wer ihnen hilfreich unter die Arme gegriffen hat in den ersten Kriegsjahren, als nationalistische Führer öffentlich erklärt haben: Man muß „uns" (?) die Flüchtlinge vom Hals schaffen! Daß sien die Orthodoxie in erster Reihe um die religiösen Bedürfnisse der Flüchtlinge gekümmert hat, geschah schon deswegen, weil gerade nach dieser Richtung von keiner anderen Seite etwas getan worden ist. Daß die Zionisten hinsichtlich der Intervention zum Schutze der Flüchtlinge die Führung hatten und haben, kommt davon, daß sie ja überhaupt, vornehmlich politische Arbeit leisten. Ihr Verdienst soll nicht geschmälert werden, aber sie sollten sich darauf nicht allzu viel einbilden; schließlich erheben sie den Anspruch auf die politische Führung und sie erfüllen nur ihre Pflicht. Wenn die Organisationsarbeit der Orthodoxie einmal so weit vorgeschritten sein wird, daß sie auch nach außenhin als die Wortführerin der breiten Volksmassen wird auftreten können — und dieser Zeitpunkt ist hoffentlich nicht mehr fern — dann wird sie auch politisch ihren Mann stellen und vielleicht dank ihrer behutsamen, nicht auf Effekthascherei berechneten Arbeit mehr Greifbares erreichen, als die bisherige Politik, die angeblich von Erfolg zu Erfolg schreitet, aber immer nur Flickwerk zustande bringt. J. Kreppel. i Wolf Pappenfteims Palästinareiie. Die Anwesenheit R. Wolf Pappenheims in Erez- Isroel hat auf das dortige glaubenstreue Judentum eine neubelebende Wirkung ausgeübt. Am 20. Februar fand im Hotel Waischawski in Jerusalem eine Agudaversammlung statt. Vor " einem den Saal füllenden zahlreichen Publikum sprach R. Wolf Pappenheim über die Tätigkeit der Wiener Zentrale, ferner das Mitglied des Zentralrates für Polen. Herr Mondry, über die Aguda in Polen. Es sprachen nd'eh die Mitglieder des A. J. K. R. Moses Blau, R. Ghajim Noe, R. Schlomo Perlmann, Rabbiner Horowitz und L. Kahane für die Jugendgruppe. Es wurde ein zwölfgliedriges Komitee der Aguda gegründet, ein Agudabureau organisiert, welches der Wiener Zentrale unterstehen wird. Herr Mondry hielt in Zfas eine Versammlung ab. R. Wolf Pappenheim wird noch Tewarje, Ghewron und die Kolonien besuchen. Am 10. wird Herr Pappenheim sich nach Europa einschiffen. (Sonderbar, sonderbar! Die großen Zionisten Wiens reisen nach New York* und Paris und der verlästerte Antizionist zieht von Jerusalem nach Tewarje, nach Hebron. — „Zion! Und du fragst nicht nach dem Wohle deiner Gefangenen?") Brief aus Oradeamare, Herr Samuel Schreiber (Wien), der unermüdliche Arbeiter der Aguda-Sache. ist nach Oradeamare gereist, um mit der dortigen Jugendgruppe in Fühlung zu treten. Am 19. Februar hielt Herr Schreiber ein ausführliches Referat über das Programm und die Methoden der Jugendgruppe in Wien. Es fand ein glänzendes Festbankett (Purim koton) statt, bei welchem Herr Oberrabbiner Fuchs, die Pierren Laszlo Friedmann, D. Brüll, $)r. Feldmann, J. M. Weiß, Fulöp Friedmann, Lajos Freund, Lajos Kohn und andere sprachen. Der Benschen-Verkauf erzielte 1300 Lei. Das Aguda-Organ „Zsidö Közlöny" wird neu aufleben. Es soll nach dem Muster der „Jüdische Presse" erscheinen, welche in Oradeamare eine außerordentliche Popularität bei Freund und Gegner genießt. Sie wird in Trafiken und Bahnhöfen flott abgesetzt. Die Eisenfeilspäne sind hier zu fliegenden Worten geworden. „Zsidö Közlöny" wird eine Aktiengesellschaft mit 300 Aktien ä 200 Lei. Die Hieherkunft des Herrn Rabbiner Dr. Kohn ist der Lieblingswunsch der Aguda-Jugendgruppe, die alles aufbieten wird, um dem Gaste einen würdigen Empfang zu bereiten. In keinem jüdischen Hause fehle die „Jüdische Presse". M unsere Uesen Trotz der sprunghaften Steigerung der Papierpreise und der Druckkosten haben wir bisher keine wesentliche Erhöhung unserer Abonnements- und Insertionspreise vorgenommen. Seit dem Erscheinen der Wiener „Jüdischen Presse8 haben sich die einfachen Herstellungskosten des Blattes um 120 % erhöht. Durch eine neuerliche Erhöhung der Kosten sind wir nunmehr genötigt, folgende, allerdings noch immer sehr mäßige Preise festzusetzen. Abonnement für Oesterreich jährlich K 300, für I Ungarn K 250, für Polen Mk. 300, für die Tschechoslowakei K<5. 70, für Rumänien 40 Lei. Die Preise für das übrige Ausland bleiben unverändert. Preis der Einzelnummer in Deutschösterreich K 6-—, in der Tschechoslowakei Kc. 1*50, in Polen Mk. 6*—, in Ungarn K 5*—. Das übrige Ausland unverändert. Insertionspreise: Die sechsmal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10-—, für das Ausland 100% Teuerungszuschlag. Die Administration. Jfgudft-Utidkei! in dtr Schweiz. Das „Israelitische Wochenblatt für die Schweiz" teilt mit: Der Aufruf vom Schweizer Agudas Isroel- Landeskomite zugunsten der bedauerlichen Ukraine- Pogromopfer hat erfreulicherweise warmen Widerhall bei der jüdischen Bevölkerung ohne Unterschied gefunden. Es konnten bis jetzt 10.000 Lei nach Bessarabien, 75.000 poln. Mark nach Ostgalizien. 200.000 poln. Mark und eine große Anzahl Kleidungsstücke nach Polen, wo große Massen von ukrainischen Flüchtlingen sich in bitterster Not befinden, abgeführt werden. Die Sammelaktion ist noch keinesfalls als abgeschlossen zu betrachten. Kritische Rundschau. Mohrenwäsche. Ein distinguierter Fremder, der gegenwärtig die ihm anvertraute Bratislavaer „Jüdische Volkszeitung" mit von den Herrschaften der „Wiener Morgenzeitung" abgelegten Artikeln versorgt, versucht sich mit verzweifelter Sophisük aus seiner Schlamastik herauszureden. Bekanntlich ist sogar auch in ausländischen jüdischen Blättern die verblüffende Tatsache registriert worden, daß die im Dezember in Piestäny stattgehabte Jahreskonferenz der sogenannten „Vereinigten (?)> Jüdischen Partei* einstimmig den Beschluß gefaßt hat, daß ihr Parteiorgan, die „Jüdische Volkszeitung", hinfür sich ausschließlich sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Fragen zu widmen und jede zionistische und jüdischnationale Propaganda zu unterlassen habe. Dieser Beschluß ist in dieser Form in der „Jüdischen Volkszeitung" selbst nachzulesen. Ueberraschender Weise setzte aber die nächste Nummer der „Jüdischen Volkszeitungu mit der heftigsten jüdisch-nationalistischen Propaganda ein, wie sie bisher in der Slowakei noch ungekannt war! Der distinguierte Fremde überträgt nämlich die Methode der „W. M." ohne das leiseste Verständnis für die Situation iii der Slowakei auf die „Jüdische Volkszeitung". Die klägliche Situation ist dadurch entstanden, daß der distinguierte Fremde von der Leitung des jüdischen Volksverbandes schon vor der Tagimg der Piestänyer Konferenz für die Redaktion der „J. V." akzeptiert worden ist. Durch den unerwarteten Beschluß der Piestänyer Tagung, die sich weniger gegen den Zionismus als gegen die jüdisch-nationalistische Landespolitik gewendet hat, wäre der distinguierte Fremde eigentlich genötigt gewesen, auf seine Stelle zu verzichten, wenn der „Jüdische'Volks verband" den allgemein verbreiteten politischen Aberglauben teilen würde, daß der einstimmige Beschluß eines Parteitages für die durch ihn gewählte Exekutive auch bindend sei. Der Volksverband und ihr Redakteur wissen sich von diesem Aberglauben frei. Irgendein Gewissensskrupelchen nötigt den geheimnisvollen Fremden, dennoch im Leitartikel der letzten Nummer der fürtrefflichen „J. V." eine Mohrenwäsche zu versuchen. Die Piestänyer Tagung, sagt er, hätte nur beschlossen, daß die '„J. V." hauptsächlich soziale und wirtschaftliche Fragen, zu behandeln hätte, sagte er, „und keinen allzu prononcierten jüdisch-nationalen Standpunkt einnehme", sagt er. Wir setzen schon hier mit einer Richtigstellung ein: Das ist einfach unwahr. Die Piestänyer Tagung hat schlankwegs d as Fallenlassen der jüdischnationalen Landespolitik beschlossen. Zudem hat der distinguierte Fremde selbst der von ihm behaupteten Lesart zuwider gehandelt, denn er hat jawohl einen „allzu prononcierten jüdisch-nationalen Standpunkt eingenommen", prononcierter als er bisher gewagt worden ist. Was der Herr von der „Wiener Morgenzeitung" da weiter argumentiert, wäre bei der Piestänyer Tagung auf die Wirkung zu erproben gewesen. Diese Tagung hat aber einmal für die Dauer ihrer legislatorischen Macht, das heißt bis zur nächsten ordentlichen Tagung, den Ausschluß der jüdisch-nationalistischen Tendenz zum Organisationsgesetze gemacht. Da ist jedes Winden vergebens. Männer von Charakter haben hier Konsequenzen zu ziehen, oder die „Vereinigte Jüdische