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Jüdische Presse · 1921-03-11 · 9 (11.3.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
9 (11.3.1921)
Date
1921-03-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES^RTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, IL, Malzgasse 12 a. - Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Turnergasse 14. Erscheint joden Freitag. — Redaktionsschluß : Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K 800'—, Ungarn d.ö.K 250*-, Tschechoslowakei Kö.?0'-,DentschlandMk.60--, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 40 Lei, Jugoslawien 20 Dinar, Polen Mk. 300--. Einzelnummer d.-ö. K 6 —, Kö. 1-50. Die 8 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 8 - Fflrs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. *Wien3^ Nr. 9 iUellentbeorie. Die Entwicklungsgeschichte der Menschheit wird charakterisiert durch die Wellenlinie. Ein ewiges Auf und Nieder, immer wieder Aufstieg und Niedergang, Blüte und Verfall, Ebbe und Flut, latsch ritt und Rückschritt. Nie Ruhe, immer Bewegung^ Nie stetiges Werden, Wachsen und iBlühen, immer folgt Ernüchterung, Abfall, Vergehen. — Das zeigt und lehrt uns die Weltgeschichte, dasselbe abwechslungsreiche Bild bietet uns die Weltliteratur und auch die Wirtschaftsgeschichte bewegt sich im dauernden Zickzack an Hausse und Baisse. Wenn nun die Geschichte als die Lehrmeisterin der Menschheit gepriesen wird, mag es oftmals verwundern, welch ungeheuren Einfluß der Zeitgeist auf den Geist der Zeit ausübt, und'wie Ideale und Ziele dadurch beeinflußt und verändert werden. Auch die Geschichte unseres Volkes zeigt in reicher Fülle solche Epochen des Aufstieges und Niederganges, von der biblischen Zeit bis heute. Ein ' singendes, von Sklavenjoch erlöstes, freiheitsbewußes Volk am roten Meere; kurz darauf die ernüchterte Sehnsucht nach irdischem Wohlergehen, nach den Fleischtöpfen Aegyptens. Eine andere Episode: Die überwältigende Offenbarung um Sinai. Einmütige Begeisterung in Tat und Wort und darin die traurige Epoche der Ernüchterung, Tanz um das goldene Kalb. — Bald erwacht die Sehnsucht nach dem gelobten Lande, Kundschafter werden ausgeschickt und dann verängstigte Resignation und AbRehr. Und wieder ein neues Geschlecht. Der Tempelbau unter König Salomon, und nur zu balde Götzendienst und Verfall. Und wieder unter den Makkabäern bewundernswerter, geistiger und religiöser Aufschwung, nationales Selbstbewußtsein, und dann wieder er- - bäwnlicher, beschämende Assimilation und Entartung. In jedem Jahrhundert messianische Bewegungen, und immer wieder, nach diesem Ringen zur Höhe, die überraschende Wendung zum Irdisch-Weltlichen. So Heilen sich noch unzählige Beispiele aus unserer Geschichte anfuhren. Werfen wir einen Blick auf das abgelaufene Jahrhundert, da sehen wir ebenso deutlich diese ausgeprägte Wellenlinie, die auch das Judentum bewegt und beeinflußt, schichtet und richtet, erhebt und erniedrigt, steigert und mäßigt. Die Tore des Ghettos öffnen sich, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit wird zum Panier erhoben, und dieses, im Augenblick geborene und so bald wieder verlorene Ideal reißt auch das Judentum im Westen in die wogende Hochflut der Assimilation. Die Reform beeinflußt Haus und Familie, feiert triumphierenden Einzug in Gemeind . und G-tteshaus und selbst der Tod kennt keine Trennung mehr.-Unser Zentralfriedhof hat gar bald dieses Ideal begraben! Und nach diesem Taumel der Gleichheit, der unser Zions-Ideal verwirft, unsere Zions-Gebete^streicht und.ausmerzt, folgt die ernüchterte Aera wütendsten Glaubenshasses, die Hochblüte des Antisemitismus. — Eine neue Bewegung, dusch diesen Haß hervorgerufen und beeinflußt, entsteht der „Zionismus", die internationale Verbrüderungsbegeisterurig verklingt und verrauscht, das Nationale gibt der nächsten Epoche seinen Stempel. Die Israeliten sollen wieder .luden werden. Nicht die Aufrichtung des Tempels in Zion ist ihr Ziel, nicht die Religion und ihre Befolgung und Verherrlichung das einigende Band, sondern, ein Zeichen der Zeit, das Völkische und Nationale. Der ruhende Pol in dieser Flucht der Erscheinungen war das gesetzestreue Judentum, das allen ZeiLstimmen und Wellengängen trotzend, der unerschütterliche Fels im Meere blieb. Die Thora war die unmittelbare Basis, die Seele und Sonne, um die sich alles drehte. Doch trotz dieser Einheit der Gesinnung und des unwandelbaren Ideales, ganz im Geiste der Thora zu leben, weist auch die Orthodoxie Strömungen auf, die jeweilig ein deutliches Spiegelbild äußerer Zeitverhältnisse zeigen. Eine Welt für sich, ein- und abgeschlossen von des Meeres und der Liebe Wellen der Umgebung, bilden die im Talmudstudium großgezogenen Massen des Ostens, andere Nuancen und Schattierungen zeigt die westliche Orthodoxie. Jfter „Agudah" iste danken, wenn jetzt ein-*'^i^inleT"fiSftrf*,S8n* gesamte, glaubenstreue Jude/jtum geknüpft werden soll, das alle Gegenwartsfragen und Aufgaben lösen, soll, auf dem Boden stehend, der uns Bestehen und Bestand gewährleistet, der unserem Erdenwallen Ewigkeitswert gibt, der aus allem Irren und Wirren zur Höhe führt, im Geiste und Sinne unserer Alten, zum Verständnis und Zielstreben der Jugend. Hell lodert das Feuer edler Begeisterung. Wer möchte sich nicht freuen, wenn Jünglinge, auch aus unseren Großstädten, in hellen Haufen die Jeschiwos stürmen, weitlicher Bildung plötzlich abhold den Rücken kehrend. Im Westen die Sucht nach Angleichung un Umformung nach östlichen Tendenzen und Sentenzer und dort das eruptive Verlangen nach westlich« Kultur und weltlicher Bildung, das mit erschrecker der Gewalt an die Tore des „Cheder" und Bf Hamidrasch pocht. Ueberlieferung oft als lästig Fessel verwerfend. Sorgerfüllt ruft hier geschieh liehe Erfahrung, wohlmeinende Vorsicht, und liebf rolles Verständnis: »Bedenket die Wellenlinie, auch unserem Volke so gefährlich sein kann." Die Wellen steigen auf und steigen nieder, den Jüngling bringt uns keiner wieder! O. N. Die 0$tjuden. Die Ostjudenfrage ist eine jener Problerne, die die Ereignisse der letzten Jahre aufs Tapet gebracht haben. Es gab immer eine Judenfrage, unseren Nationalisten war es vorbehalten, eine spezielle Ostjudenfrage zu schaffen, mit. den besten Absichten wohl, aber dennoch zum Schaden derjenigen, denen mit dem neuen Schlagwort geholfen werden sollte. Allerdings es gab auch früher eine Q^tjudenfrage. aber es war eine innerjüdische Angelegenheit. Die „Jahudim" in Wien und Berlin fühlten sich über die „Polischen" und die „Litwakes" erhaben, sie behandelten ihre östlichen Brüder als „Schnorrer'*, als „Luftmenschen", hie und da rümpften sie sogar ein wenig die Nase über die „Tarnopoler Moral" — in Wien verstieg sich, einmal Rabbiner Dr. David zu einer öffentlichen Beschimpfung der Ostjuden — die Wiener Kultusgemeinde war Jahrzehnte hindurch frei von jedem flOestlern, es war .auch fast unmöglich, einem solchen irgend eine, wenn auch die. niedrig^^ war es jedoch eine innerjüdische Angelegenheit, die Ostjuden ihrerseits zahlten den Westlern mit* gleicher Münze heifh, indem sie in jedem einen Goi, einen Ignoranten in religiösen ' Dingen, einen Am-Haarez sahen und sich nie dazu entschlossen hätten, einen solchen mit „Schischi" zu beehren. Dieser Stand der Dinge war keineswegs erfreulich. Aber die Sache mutet wie ein Kinderspiel an, wenn man die heutigen Verhältnisse in Betracht zieht. Wie' gesagt, unsere Nationalisten waren es, die bereits einige Jahre vor dem Weltkrieg die Ent „Zwei Cräume, die eins sind." (Nach einer wahren Begebenheit.) „Ich kannte ihn noch", erzählte uns der hochseiige Preßburger Dayan, Rabbi Nate Wolf, mit seinem schönen, reichsdeutschen Akzent, der unseren tiefen Respekt vor dieser ehrfurchtsgebietenden Persönlichkeit noch erhöht hat, „ich kannte ihn noch, ich erinnere mich noch deutlich daran, wie er mir als junges Kind gezeigt wurde: das ist der Mann, dem mit einem Traume so wunderbar geholfen wurde." Er nannte uns damals den Namen. Name und genaue Ortsbestimmung sind mir aber entfallen. Das im folgenden Erzählte mag sich etwa in Fürth, Frankfurt und Mannheim abgespielt haben. X. war ein frommer jüdisch«- Kaufmann alten Schlages, der sein Geschäft mit viel Redlichkeit aber wenig Ambition geführt haben mag. Die treibende Kraft des Erwerbsinnes fehlte ihm, sein Ideal war Streben nach G-ttesfurcht und Nützlichkeit für die Gesellschaft. Andere kamen neben ihm stark empor, er war den Anforderungen der Konkurrenz nicht gewachsen. Das Dekorum des guten Hauses, das er in seinem Orte mit Würde zu repräsentieren suchte, mußte gewahrt werden. Die Einnahmen sanken, die Ausgaben durften es tfieht. Die Sorge fraß von innen, wie ein Wurm in einem reifen Apfel, solange es ging. Lange war es nimmer zu halten. Der Zusammenbruch seines Hauses, er schien dem in patriarchalischer Weise 1 vrzogenen, mit seiner Vaterstadt Verwachsenen wie drohender Weltuntergang. Sein Gebet war heißer, .-eine Liebeswerke eifriger, er spähte auf die günstige Wendung von G-tteshand aus. Der Horizont der Zukunft ward aber immer düsterer. Pessach kam ins Land: er, der durch so viele Jahre vielen anderen die Sorge ob des unerschwinglichen Pessach verscheucht hatte, er sah trotz festen G-ttesvertrauens mit Grauen den kommenden Zeiten entgegen. Der Schlaf mied ihn und die wenigen Stunden des Halbschlafes waren von der Sorge beherrscht. Was Wunder, wenn" Bangen untf Hoffen im 'Halbschlafe ihre Dialoge hielt. Da erwachte er einmal unter dem wohligen Eindrucke eines Traumes, der mit eigenartiger scharfer Lebenswahrheit verflossen war. Eine Stimme befahl ihm, nach F. auf den Markt zu fahren und dort unterhalb der Brücke zu warten. Er werde dort sein Glück finden! „Träume sind Gedanken des Tages!", sägte er sich mit dem Talmud und achtete nicht weiter darauf. Auch dann nicht, als nach einigen Tagen sich derselbe Trauni mit stärkerer Lebhaftigkeit wiederholte. Eines Morgens erwachte er aber mit heftig bewegtem Gemüte, wie es in den Träumen der Bibel geschildert wird. Nochmals und mit außergewöhnlichem Eindrucke ward ihm im Traume geheißen, sich naeü dem bezeichneten Orte zu begeben und dort unterhalb der Brücke sein Glück zu erwarten. Nun widerstand er nicht länger. Er reiste ab, kam in F. an und drängte sich durch das Marktgewühl zur Brücke. Der Anblick des lebhaften Geschäftstreibens drückte ihn nieder und erfüllte ihn mit Mißmut über seine unmännliche, kindische Handlung. Diese böse Stimmung wuchs zur Verzweiflung, als Stunde um' Stunde verflossen war, ohne daß sich irgend ein Zeichen der Erfüllung gezeigt hätte. Er kam sich, wie er hier unter Zehntausenden von Klardenkenden und Schaffenden müßig einem Wahne nachhing, wie ein Geistesgestörter vor. Schon wollte er sich wieder betrübt auf den Heimweg machen, als er seinen Jugendfreund vom Heimatsorte von der Brücke her kommen sah. Dem Jugendfreund war das Schicksal gnädiger gewesen, er war als erfolgreicher Kaufmann weit im Umkreise bekannt. Man begrüßt sich herzlich. Der Freund frägt ihn nach seinem Geschäfte, was er auf dem Markte erzielt hatte? Dem kaitberechnenden Kaufmanne gegenüber kam er sich gar erbärmlich vor. Er versucht mit ihm, der der letzte Hoffnungsstrahl für die Erfüllung seines Traumes war, irgend ein Geschäft anzuknüpfen. Erfolglos! Schon will er sich von ihm verabschieden. Unser Mann will aber bleiben. „Auf wen wartest du denn noch hier? Der Markt ist zu Endel" Unser Mann läßt da jede Zurückhaltung fahren. „Ich gestehe es dir offen", sagte er, „du magst darüber lachen, mir wurde im Trauine anbefohlen, hieherzu kommen und bei der Brücke zu warten; ich würde hier das Glück finden." Aber schon gereute ihn seine Aufrichtigkeil, als er das mit Mitleid gemischte Erstaunen in den Mienen seines Freundes sah. „Lieber Freund", sagte jener, „wie kann ein ernster Kaufmann an solche Torheiten «glauben?" X. war aufs Tiefste bedrückt. „Ich habe es ja", wendete er verzweifelt ein, „anfangs nicht beachtet, aber habe es noch zweimal mit steigender Lebhaftigkeit geträumt, daß ich. . „Dummheiten!", gab sein Freund ärgerlich zurück, „ich habe erst jüngst auch dreimal hintereinander geträumt, daß bei unser alten Nachbarin in der Heimat, erinnerst du dich an die Alte?, ein Schatz unter dem Fußboden, unter dem Kachelofen seit alten Zeiten vergraben liege! Welcher ernste Mensch wird sich damit abgeben?" Da durchfuhr es unseren Mann wie ein elektrischer Schlag. Das wars! Er verabschiedete sich rasch, fuhr nach Hause, suchte die alte Nachbarin auf, kaufte, mietete oder, weiß ich wie, erwarb den Ofen, trug ihn ab, öffnete den Fußboden--der Schatz war da! Das ßlück kehrte wieder in ein gutes frommes Haus ein.

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