Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 7 (25.2.1921)
- Date
- 1921-02-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 50 JÜDISCHE PRESSE Nr. 7 firoökapitalisten, sondern auch von Privaten, Gewerbetreibenden und dergleichen, auch von Arbeitern wurde in der jüngsten Zeit die Beobachtung gemacht, daß sie den gut verzinslichen Schatzschein sehr gerne als Anlagepapier ansprechen. Durch die neue Verfügung des Bundesministeriums für Finanzen, wonach jene Schatzscheine, welche länger als ein Jahr ungekündigt bleiben, eine Sonderprämie von 0-4% jährlich erhalten, bot einen neuen Anreiz, den Schatzscheinen die Aufmerksamkeit zuzuwenden, zumal man es dann mit einem Papier zu tun hat, welches jährlich einen Nutzertrag von 6-4 % liefert. Es steht zu erwarten, daß diese neue Verzinsungsart in der Bevölkerung zahlreiche Freunde linden werde und auch die Schatzscheinaktion weiter einen günstigen Verlauf nimmt. C$clKcbo$lowakei. Die orthodoxe Landeskanzlei hat sich zufolge des Vertrauensmißbrauches des „Jüdischen Volksverbandes8 genötigt gesehen, folgendes Schreiben an denselben zu richten. An das löbliche Präsidium des Volksverbandes der Juden in der Slowakei Bratislava. Wir beehren uns hiemit das löbliche Präsidium zu verständigen, daß wir das Material der Verhandlungen mit der vom Piestanyer Delegiertentag entsendeten Kommission unserem am 8. Februar getagten Verwaltungsausschusse unterbreitet haben, und es wurde nach eingehender Dehatte folgender Beschluß erbracht: „Das Präsidium des Zentralbureaus wird ermächtigt, von Fall zu Fall nach vorheriger Einholung der Zustimmung des Verwaltungsausschusses in wirtschaftlichen, sozialen und politischen Fragen mit dem Präsidium des Volksverbandes vorzugehen. Für momentan wird gemeinschaftliches Vorgehen in Lizenzen und Flüchtlingsfragen gebilligt. Dieser Beschluß hat der ehestens einzuberufenden Sitzung der Landesrepräsentanz behufs nachträglicher Stellungnahme vorgelegt zu werden. Indem wir unserer Genugtuung Ausdruck geben, daß wir gegenwärtig in der brennenden Frage der Lizenzen, um der Verelendung jüdischer Volksschichten vorzubeugen, zusammenarbeiten können, können wir es nicht verschweigen, daß die maßlose Agitation, die in letzter Zeit im Interesse des nationaljüdischen Prinzips entfaltet wird, die so weit geht, daß man in Flugzetteln unter den Massen verhreitet, daß das Nichtbekennen zur jüdischen Nationalität der Taufe gleichkomme, unser Bestreben, in gewissen Fragen zusammen zu arbeiten, sehr erschwert, ganz abgesehen davon, daß dies auch gegen den Beschluß des jüngsten Delegiertentages des Volksverbandes in Piestany verstößt. Schließlich gestatten wir uns noch, die Bemerkung, daß der Großteil des orthodox-gesinnten Judentums im Bekennen und Betonen des jüdisch-nationalen Prinzips geradezu eine Gefahr für das Torajudentum erblickt. Obwohl wir es peinlich vermeiden, uns in Ihre internen Angelegenheiten einzumengen, glauben wir im Interesse der Sache diese Bemerkungen nicht unterdrücken zu dürfen. Bratislava, am 18. Februar 1921. Mit glaubenstreuem Gruße: Für das Zentralbureau: Oberrabbiner Koloman Weber m. p. Oberrabbiner Simon Hirschler m. p. Präses. Heinrich Schwartz m. p. Sekretär.' Wir wurden um Veröffentlichung folgender Zeilen ersucht: P. T. Ich offeriere Ihnen unter Aufsicht des Preßburger orthodoxen israelitischen Oberrabbinates aus rumänischem Steinsalz feinst gemahlenes Tafelsalz f"IÜS De' Abnahme von mindestens 10 Meterzentner zum Preis von K 240"— per 100 Kilogramm inklusive neuer Säcke. Ich ersuche Sie, mir Ihren werten Auftrag prompt zu überschreiben, da ich später einlangende Ordres nicht berücksichtigen könnte, um so mehr, als mein Vorrat in Steinsalz zur Neige geht. Hochachtungvoll Nax Leitersdorf Bratislava. Ungarn. 5,300.000 Kronen macht der Erlös des Grundbesitzes, welche der seinerzeit verstorbene Präses der Ghewra testiert hatte und welchen die Pester israelitische Gemeinde nun verkauft, da das Erträgnis in keinem Verhältnis zum Verkaufspreise steht. 140.000 Kronen hat Frau Armin Preßler in Budapest gespendet. 100.000 Kronen für jüdische und 40.000 Kronen für interkonfessionelle Zwecke. Rabbiner Wilhelm Kraus. Das Leichenbegängnis des verstorbenen Oberrabbiner der Debrecziner status quo Gemeinde, über dessen Ableben wir in der letzten Nummer berichteten, fand Montag, den 14. Februar, unter großer Beteiligung statt. In der Synagoge, wo die Hespedim stattfinden, hatten sich in der ersten Reihe der reformierte Bischof Balthasar und zahlreiche Vertreter der Behörden eingefunden. Trauerreden hielten Rabbiner Bernstein-Nyiregyhäza, Gemeindepräses Dr. Eugen Freund, der Sohn Rabbiner Leopold Kraus, Rabbiner Friedmann-Nyiregyhaza, Rabbiner Lemberger-Nyirbator. Aktion jüdischer Künstler. Die gesetzliche Einführung dea numerus clausus au den ungarischen Hochschulen bedroht auch eine größere Anzahl jüdischer bildender Künstler, die hiedurch an der Fortsetzung ihrer Studien gehemmt werden. Um nun die ungarische und jüdische Kunst vor dieser Gefahr des Niederbruches zu bewahren, hat das Kulturheim des Ungarischen Jüdischen Landeskultur Vereines mit Unterstützung mehrerer hervorragender Künstler und des Budapester Ausschusses der amerikanischen Judenschaft eine Aktion eingeleitet, die diesen jüdischen Kunstjüngern die Fortsetzung ihrer Studien unter tüchtiger fachmännischer Leitung ermöglichen soll. Im Ritter- Wectiselmannscben Blindeninstitute wurden zwei Säle zu Ateliers eingerichtet, in denen die berühmten Professoren Gustav Magyar-Mannheimer und Adolf Fenyes entsprechende Kurse leiten, die Anfangs Februar begonnen haben. Als Professoren dieser Kurse wirken noch die Künstler Aladar Gardos, Armin Glatter, Leopold Hermann, Josef Röna, Mozart Rothmann und Stefan Zädor in selbstlosester Weise mit. Bisher wurden bereits sechzehn Zöglinge aufgenommen, von denen die ärmeren an der Mensa des Kulturvereines verköstigt werden und auch materielle Unterstützungen erhalten. Chalnz-Cabaret. Unter diesem vielsagenden Titel kündigt die Budapester C.haluz-Abteilung des Palästinaamtes ein mit Tanz verbundenes Gabaret zugunsten der Chaluzim an. Das ist doch die höchste Foxtrottelei. Auch die „Deborah6 in Preßburg kündigt einen Maskenball, den „Repräsentationsbau der jüdischen Jugend" an. Jung-Zion scheint mehr Fußais Kopfarbeit zu verrichten. Wie sagt ein Sprichwort: Was man nicht im Kopf hat, hat man in den Füßen. Aguda, das arme Mauerblümchen, kann nicht mittanzen. Vor lauter Neid schimpft sie auf die glücklichere Misrachi-Rivalin! Graf Johann Zichy über den Antisemitismus. Einer der ältesten und angesehendsten politischen Führer Altungarns, Graf Johann Zichy, hat vor kurzem einen Artikel über die Notwendigkeit einer neuen innerpolitischen Orientierung des ungarischen öffentlichen Lebens veröffentlicht, in dem er unter anderem auch gegen den Antisemitismus Stellung nimmt Der angesehene Politiker schreibt: „Konservatismus in der nationalen Idee und Liberalismus auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete — beide in ihrem klassisch edlen Sinne genommen — werden alle Kräfte der Gesellschaft einen können, denn in dem Werke der Verwirklichung der die Gesamtheit der Nation umfassenden Ziele der Nation müssen die Unterschiede der Rasse, der Klasse, der Konfession und der wirtschaftlichen Auffassung verschmelzen. Der Antisemitismus als politischer Faktor muß mithin vorschwinden ... Ich zögere nicht zu erklären, daß ich die Dieuste der ehrlichen ungarischeu Judenheit bei dem Werke der Wiederaufrichtnng ebenso in Anspruch zu nehmen wünsche, wie die der christlichen Gesellschaft. Es ist meine Ueberzeugung, daß wir die Mitwirkung dieser patriotischen Judenheit, namentlich in betreffender Regelung der wirtschaftlichen und finanziellen Fragen und der Wiederherstellung des internationalen Handelsverkehrs, nicht entbehren können. Diese dürfen also nicht abgeschreckt, sondern müssen gewonnen werden. Jeder muß auf den Posten gestellt werden, wohin er gehört und wo er dem Vaterlande zu dienen vermag." Deutschland. Eine sinnige Idee ist die schöne Aktion der Thorakommission der Agudas Jisroel-Jugendorganisation zugunsten der in Deutschland bestehenden Jeschiwos zu nennen, die besonders für die an diesen Jeschiwos lernenden ostjüdischen Flüchtlinge bestimmt ist. Um Jedermann zu ermöglichen, seinen Anteil an Tmichat Hatora zu haben, gibt die Organisation Gutscheine ä 10 Mark heraus, welche den Aufdruck tragen, daß sie hiefür ein Bochur auf einer Jeschiwo einen Tag lang erhalten. Verein für die jüdischen Interessen Rheinlands. Am 26. Jänner fand die elfte ordentliche Mitgliederversammlung des Rbe^nlandvereins statt; Nach Begrüßung des neuen Bezirksrabbiners, Dr. Wey], erstattete der Rendant des? Vereines Herr Grünsfeld den Kassenbericht, der Ausgaben und Einnahmen von rund 30.000 Mark aufweist. Herr Rabbiner Dr. Wolf wies vor allem darauf hin, daß der Verein nach 18jährigem Bestehen daran gehen könne, durch die Errichtung eines zweiten Rabbinates in Düsseldorf seine Wirksamkeit auf eine breitere Basis zu stellen. Der Bericht streift die mit dem Verein in Personalunion stehenden Kölner Institutionen, insbesondere die Talmud Thauro und den Jawne und verbreitet sich über die beim Lernen anzuwendende Methode. Dem Bund gesetzestreuer Gemeinden spricht der Verein besondere Dankbarkeit aus. Die Leistungen des Bundes seien heute schon bedeutender, als alles, was der D. J. G. B. jemals für die Gemeinden der Rheinprovinz geleistet hat. In der anschließenden Diskussion wurden eine Reihe wertvoller Anregungen für die Vereinstätgkeit gegeben. Der Mitgliedsbeitrag wird auf 10 Mark festgesetzt. Polen. Gründung einer Aguda-Ortsgruppe in Bielit«. Am 23. Jänner fand in Bielitz, wo bereits eine tüchtige Jugendgruppe wirkt, auch die Gründung einer Ortsgruppe statt. Der Präses des provisorischen Komitees eröffnete mit einer schönen Rede, in welcher er die Notwendigkeit des Zusammenschlußes der Orthodoxie darlegte, worauf Rabbi Moses Stern (Andrichau) in eindrucksvoller Weise über Keren Erez Israel [und Keren ha-chinuch mit schönen Zitaten aus dem Talmud sprach. Im Namen der Jugendgruppe begrüßte Herr M. Langer, der die Hoffnung aussprach, daß die Zukunft des jüdischen Volkes würdig der großen Erwartungen, die in ihn gesetzt werden, sein wird. Hieraut wurde die Ortsgruppe mit 50 Mitgliedern konstituiert. Weitere Anmeldungen fließen fortwährend ein. Es wurden gewählt: J. Rappaport, Präses; ferner Josef Frankel, Wolf Stern, Jerem. Popper, Rabbi Moses Stern, Sch. Badner, Meir Rappaport, Hirsch Rabbinowitz, Moses Stein, Moses Goldwasser, Moses Frey, Markus Stein, Mark Wolf, Salamon Lang und Andere. Besonders hervorzuheben ist die eifrige Propaganda für die Presse, welche die Herren Markus Langer und Sender Franke! leisten, und wofür wir ihnen an dieser Stelle unsere wärmste Anerkennung ausdrücken. Aguda-Bewegung in Wladimir-Wolynski. In einem Schreiben voll echter Glaubensinnigkeit macht uns das provisorische Aguda-Komitee in Wladimir- Wolynski Mitteilung von dem Beginne seiner Tätigkeit, wie die Zügellosigkeit und G-ttesvergessenheit um sich greife und die Jereim nicht länger den Verfall der jüdischen Tradition untätig mitansehen wollten. In solcher Stimmung wirkte der aus Wien ausgehende Apell des JCzortkower Rabbi KttlE? zündend und man schritt sofort zur Gründung eines Aguda-Verbandes, der von der Behörde genehmigt wurde. Die Männer unseres Ortes, bezeugt das schöne Schreiben, sind vollechte Jereim und Chaschuwim, die nur eines Impulses bedürfen, um eine starke Organisation zu bilden. Propagandaschriften und die „Jüdische Presse" werden erbeten. Wir begrüßen die Tätigkeit der Jereim von Wladimir- Wolynski aufs Wärmste. HÖH YJ? 23*11 rAx Das Aufleben der Aguda in Warschan. Am 13. Februar fand in Warschau die erste Vorwahl- Versammlung der Warschauer Aguda statt. Das Lokal der Aguda-Zentrale war dicht gefüllt von Personen der verschiedenen Schichten der Warschauer Orthodoxie. Rabbi Lewin weist auf die Notwendigkeit einer einheitlichen Aguda hin und zeigt, daß die richtige Erkenntnis überall durchdringe und daß auch jene Kreise, die sich lange Zeit passiv verhalten haben, jetzt an der Auflebung der Aguda mitarbeiten. Betreffs Palästina sagte er, daß alles, was geschaffen werden soll, durch die orthodoxen Juden gemacht werden könne. Der Radziner Rabbi fördert zu Taten auf. Es sei keine Zeit zu reden, man müsse handeln. Kleppisch wies darauf hin, was das provisorische Komitee bereits gemacht habe. Das Wichtigste könne aber erst nach den Wahlen geschehen, wenn ein ständiges Komitee bestehen werde. Rabbiner Friedmann führte aus, daß die Aguda bei vielen das orthodoxe Bewußtsein gehoben habe und daß sie jetzt mit der größten Aufopferung die orthodoxen Interessen vertreten. Zum Schluß forderte der Vorsitzende M. Ochsenberg zur regen Agitation unter der Orthodoxie auf. Rabbi Josef Kornitzer — Oberrabbiner von Krakau. Wie uns mitgeteilt wird, ist der bisherige Rabbiner von Nagy-Szöllös, Rabbi Josef Kornitzer, Sohn des verstorbenen Rabbiners von Krakau. Rabbi Akiba Kornitzer, mit großer Begeisterung aller Parteien zum Oberrabbiner von Krakau gewählt worden. Der neugewählte Oberrabbiner ist bekanntlich ein Enkel des großen Oberrabbiner R. Simon Schreiber s. z. I., der auch Reicbsratsabgeordneter und einflußreiches Mitglied des Polenklubs gewesen ist. Mit diesem erfreulichen Entschluß der Gemeinde ist die Hoffnung erweckt, daß die jahrzehntelang verwaiste Gemeinde nunmehr der ihr harrenden großen Aufgaben gerecht werden könne. Man erwartet, daß durch das konzilante Wesen des neuen Oberhauptes der Gemeinde es gelingen wird, alle Parteien unter dem Degel hatoro weha-jiro zu vereinigen. Die Teuerung und die Aguda. Die Verwaltung der „Agudas Schlome Emune Jisroel" in Lublin hat eine umfassende Aktion zur Hilfe der armen Lubliner Bevölkerung gegen die wachsende Teuerung eingeleitet. Sie hat sich mit einer Reihe von Aufrufen an die Lubliner Bevölkerung gewendet. Am 13. Februar fand eine von der Aguda einberufene Beratung stat, an der hervorragende Personen der Stadt und Vertreter der Gemeinde teilnahmen. Die Konstitution. „Der Israelit" berichtet aus Warschau: Als Resultat der wochenlangen Beratungen im Landtag sind nun sämtliche Anträge ohne die Zusatz- und Verbesserungsvorschläge angenommen worden. Nicht weniger als 60 Artikel der Verfassung sind an einem Tage in größter Eile mit Stimmenmehrheit durchgebracht worden. Die Hauptkosten dieser überstürzten Schlußarbeit tragen natürlich die Juden. Der Antrag Grünbaums, schnellstens ein Gesetzprojekt über die Abschaffung aller von früher her noch obwaltenden rechtlichen Begrenzungen der religiösen Minderheiten einzubringen, wurde abgelehnt. Angenommen dagegen Zusätze zu den Artikeln 40 bis 43, die unter anderen bestimmen, daß Präsident des Landtages nur ein katholischer Pole werden kann, und zwar mit 189 gegen 134 Stimmen. Der jüdische Zusatzantrag zu Artikel 100 mit dem Wortlaute: „Nationalität oder religiöses Bekenntnis darf kein Hindernis bilden, beim Genüsse der bürgerlichen Rechte und bei Erlangung einer Staats- oder Kommunalstelle", blieb unberücksichtigt. Die Einführung der Todesstrafe wurde dagegen trotz Einspruch alier linken Parteien beschlossen. Der ganze Verlauf der Schlußsitzung war wenig erhebend und eröffnet gerade keine freudige Perspektive für die politische Zukunft der Juden in Polen.