Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 5 (11.2.1921)
- Date
- 1921-02-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 34 JÜDISCHE PRESSE Nr. 5 gelegenheiten bis zur Tagung des Kongresses und sprach sich für eine energische Arbeit für den Keren Hajessod aus, will jedoch das Verfügungsrecht über die Fonds dem Kongresse vorbehalten. Motzkin anerkennt voll den politischen Erfolg der gegenwärtigen Leitung, kritisiert aber heftig den Zustand der Organisation und stellt fest, daß die Exekutive eigentlich nicht existiere. Zlatopolsky begrüßt die Konferenz im Namen des Direktoriums des Keren Hajessod und berichtet über die erzielten Erfolge. In einer Resolution wird die sofortige Einberufung des Kongresses für den Sommer dieses Jahres und die Beibehaltung des t3. Februar als Termin der Sitzung des Ä. 0. gefordert. Die allgemeine Resolution stellt die allgemeine Unzufriedenheil in der zionistischen Organisation fest und betont d i e N o t w e n d i g k e i t. die Organisation neu umzugestalten. .Auch wird die Ausarbeitung einer zionistischen ^Konstitutin verlangt. Die Zionisten Frankreichs verpflichten sich, an dem Keren Hajessod mitzuarbeiten, verlangen aber, daß der letztere sich von großen Unternehmen fernhältsolange das Mandat unbekannt und die Finanzkontrolle nicht festgesetzt ist. „Die Weisen Ton, Zion". Paris. J. Die englische neue Herausgabe der berüchtigten Broschüre von Sergius Nilus „Die Protokolle der. Aeltesten von Zion" ist nunmehr zum zweitenmal ins Französische Übersetzt worden. Urbain Cohier, de* Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes „La vieille France" hat das Buch aus dem englischen übersetzt und die „Action Francaise" widmet ihm in ihrer Nummer; vom 28. Jänner einen' Leitartikel aus der Feder von Leon Daudet, worin sie dieses „Dokument" als authentische Probe für die Berichtigung der Ver-/ tilgung der Juden begrüßt. England. Der Völkerbund an den Chief-Rabbi. Der englische Chief-Rabbi hat vom Völkerbund einen Brief erhalten, in dem die bisherige Tätigkeit des Völkerbundes geschildert wird. Der Chief-Rabbi wird gebeten, die jüdische Oeffentlichkeit mit. der Tätigkeit des Völkerbundes zu bekennen. Ein Massmeeting der Aguda fand am ao. Jänner in London im Jewish girls club statt. Redner waren. der Ostrower Gaon Rabbi M. D. Plotzki, Rabbi Josef Lew, Dayan in Warschau^ Rabbi Ferber und Dr. Fessler. Den Vorsitz führte Herr J. Landau. Näherer Bericht folgt. Mendel Beilis, der bekannt ist aus dem Ritual- Mordprozeß in Kiew und die letzten sieben Jahre in Palästina gelebt, hat, langte auf dem Wege nach Amerika hier an. Er erklärte, daß er. um für sich und seine Familie den Lebensunterhalt zu schaffen, genötigt, sei, nach Amerika auszuwandern. Man hat ihm gesagt, daß für ihn Geld gesammelt sei, um ihm in Palästina eine ländliche Besitzung anzukaufen. Er hat aber weder die Besitzung noch Geld bekommen und befindet sich in bitterster Not. Indien. Der neue Vizekönig von Indien, Lord Reading, wird sich am Aß. März in England einschiffen und am 2. April in Bombay sein. neues Amt antreten. ßbina. Der neue Rabbiner, liier langte der neugewählte Rabbiner Dr. D. Hirsch mit Frau und Kindern an und wurde von dem Komitee der hiesigen Gemeinde herzlich empfangen. Seine Ankunft bedeutet den Beginn einer neuen Epoche der Geschichte des Judentums in €hiria. In seiner Antwort auf die Begrüßung bemerkte der Rabbiner, daß der ferne Osten bisher unproduktiver Boden für das Judentum gewesen ist, und der Geist^ der östlichen Gemeinden in keinem Verhältnis zu deren materiellem Wohlstande gewesen ist. China ist'das einzige Land der Welt, das niemals seine Geschichte mit Judenverfolgung befleckt hat. Andererseits aber ist es auch das einzige Land, das nichts zur jüdischen Geschichte beigetragen hat, obwohl es sicher ist, daß hier Juden seit vielen Jahrhunderten leben. lttaroRko. Znfolge der in Marokko herrschendei* Militarg-osetze, die die Tätigkeit politischer Organisationen im Lande unterbiöden, wurde auch die Arbeit der zionistischen Vereine stark gestört, indem sie nicht die Legalisierung durch die Behörden erwirken konnten. Auf die diesbezügliche Intervention Sokolows beim französischen Oberkommissär in Tunis ging die schriftliche Antwort des französischen .Vertreters ein, wonach sich dieser an die Behörden in Marokko in dieser Angelegenheit gewandt, habe unter Unterstützung der zionistischen Forderung.' Der Oberkommissiir spricht den Zionisten in Tunis seine Anerkennung aus, die er als treue und loyale Freunde Frankreichs bezeichnet. ' Palästina. Franz Oppenheimer tibor Palästina. Der hervorragende Gelehrte Professor Dr. Franz Oppenheimer, dessen bahnbrechende Ideen und grundlegende Theorien auf dem Gebiete 'der Nationalökonomie ihn zu einer Autorität von Weltruf erhoben haben, beantwortete dem Herausgeber der „Jüdischen Preßzentrale Zürich^die weiter angeführten Fragen: „Wie stellen Sie sich bei den jetzigen. Verhältnissen die Entwicklung des Genossenschaftswesens und speziell der landwirtschaftlichen Genossenschaften (Kwuzoth) in Palästina vor?" »Meine Meinung ist. nach wie vor, daß die Leitung ihr Hauptaugenmerk auf die Entwicklung des Genossenschaftswesens, vor allein des landwirtschaftlichen, zu legen hat. Es kann nicht genug Land in öffentlichen Besitz gebracht werden, für landwirtschaftliche und-Gartenstadt-Genossenschaften'. Dann, bei genügender „terra libera", ist der Kapitalismus nicht gefährlich, wie Marx wußte, und man kann die private Initiativ«' frei walten lassen. Ohne sie kommt weder genug Geld noch wirtschaftliche Energie ins Land. Was nun Ihre Frage über die Aussichten einer jüdischen Mas.-onemigiation in auderc Länder als Palästina betrifft, kann ich nichts sagen. Ich fürchte, daß die Valuta jede Hilfsaktion im großen in dieser Hinsreh! unmöglich machen möchte. Außerdem stellen wir offenbar vor dem Ausbruch einer sehr schweren und verbreiteten industriellen Krisis, und da sind die Aussichten für eine vorwiegend industriell« und kommerzielle .Bevölkerung sehr trübe." Auf die Frage, welche .Stellung Professor Oppenheimer jetzt zur Zionistischen Organisation und deren Wiederaufbau pläuc in Palästina einnehme, lautete die Antwort: „Ich habe meine Stellung zu dem Zionismus niemals geändert. Ich sehe mit Vergnügen, daß die Bewegung nach einer Periode, in der ich mich gezwungen sah, bei Seite zu stehen, sich meinem Standpunkt wieder nähert. Einer der ersten Führer hat mir während meines Aufenthaltes in London diese Tatsache ausdrücklich bestätigt. - Ic.ii kann es nur hilligen, daß die jetzige- Leitung das Kolonisationsprublem als ein zunächst rein wirtschaftliches Problem nuffaUl und behandelt. Wir müssen uns, wenn uicht unübersehbares Unglück geschehen soll, nach unserer Decke strecken, und ich bedaurft, sagen zu müssen, daß die Decke viel größer sein würde, wenn' meine Auffassung nicht zur Seite gedrängt worden wäre. Was mir aber vor allein am Heizen liegt, int die Frage der Araber. Wenu die Juden es nicht über sich gewinnen, die Araber durchaus nicht nur als gleichberechtigt, sondern uI.¬ Brüder zu behandeln, das heißt in alle Vorteile und Genossenschaften ohne weiteres aufzunehmen, rechtfertigen sie nachträglich alle Ausschreitungen des Antisemitismus und zerstören ihr eigenes Werk, wirtschaftlich und politisch Wirtschaftlich, weil die Aufgabe darin besteht,, keine Klasse „freier Arbeiter"- im Lande zu dulden, vielmehr alle mit Produktionsmitteln aus zustatten, und politisch, weil es sonst niemals Frieden und Ruhe im Lande geben wird. Wenn der Pariah unter den Nationen, der Jude, nicht die moralische Kraft besitzt, das vollkommene Muster des Zusammenlehens mehrerer Nationen aufzustellen, so verdient er nichts besseres, als den Schiffbruch aller, seiner Hoffnungen. Möge die große Stunde ein großes Geschlecht finden!" $ Die erste Advokatonprüfung. Gelegentlich der ersten Advokatenprüfung in Palästina wurden elf Juden und zehn Araber geprüft. Examinaloren waren zwei Araber und zwei Engländer. Acht Juden wurden hebräisch, zwei arabisch und einer englisch geprüft. Ausbreitungdes Grewerkschaftswesens. Die jüdi- - sehen Arbeiter und Beamten der palästinensischen Eisenbahnen sowie des Post- und .Telegraphenwesens haben sich zu einer Berufsgenossenschaft vereinigt. Ferner wurde in einer Sitzung des Bearntenvereines in Jerusalem beschlossen, einen Schlichtungsausschuß zu wählen. Denselben Beschluß faßten auch die Beamten und Angestellten der Jüdischamerikanischen Sanitätsinstitut.ion „Hadassa". Es wurde kürzlich beschlossen, die neuen Organisationen der kürzlich gegründeten .„Gesamtgewerkschaft aller Arbeiter Palästinas" (Tschuth) anzuschließen. Philipp BacK $. M. Worte des Gedenkens von Dr. Leo Wasch. ' Philipp Back ist tot. In der Nacht vom ,24, auf den 25. Schewat ist der Nestor der Wiener glaubenstreuen Judenschaft, der Alterspräsident der „Adas Jisroelgemeinde* als 9Gjähriger sanft zu seinen Vätern hinübergeschlummert.- Noch wenige Tage vor seinem Hinscheiden sahen wir ihn an seinem altgewohnten Synagogenplatze voll Frische und Rüstigkeit beim Gebete; uns allen erschien er stets als das Sinnbild einer alten, längst entschwundenen Zeit, die einen besseren Menschenschlag hervorgebracht. Er glich der wetterfesten Eiche, die allen Stürmen zu Trotz, kraftvoll und sicher den Platz behauptet, an dem sie ihre starken Wurzeln gefaßt. Und nun ist er plötzlich nicht da. Still und geräuschlos ist er dahingegangen, die große Pose und Geste, die ihm im Leben stets fremd geblieben, sie war auch seinem Sterben fern. Und da wir seinen Sarg in die Erde betteten, begruben wir die letzten Ueberreste eines Mannes, der mit allen Fasern seines Herzens dem Glauben seiner Väter angehangen, der mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit jene religiöse Heimstätte gefördert, zu deren ersten Gründern er gezählt, und der er volle fünf Jahrzente in unentwegter Liebe und Treue angehörte. Sein letzter Atemzug hat sicherlich der „Schiffr sehul" gegolten, mit der er fast zwei Menschenalter hindurch untrennbar verwachsen war, jener Gemeinde, an deren Wiege er gestanden, deren Schicksale er geteilt, deren Kämpfe er», gekämpft, deren Aufstieg er erlebt, zu deren Führern und Leitern er sich mit Stolz gezählt hat. Die Grabesschollen umringen einen Mann, der imstande gewesen, an dem wahrhaft religiösen Geiste der altehrwürdigen, heimatlichen Kehilla Preßburg, auch in der Großstadt voll und ganz festzuhalten, der es verstand, auch in den Zeiten des Aufstieges und irdischer Größe, sich echte und wahre Bescheidenheit zu erhalten, einem Manne von Redlichkeit und Rechtlichkeit und ernstem Pflichtgefühl gegen sich und andere. Niemals und Niemandem, gegenüber hat sich Reb Feisch, so nannten ihn alle, die ihn kannten und ehrten, vor irgend einer Autorität. Zwang oder Rückhalt auferlegt, offen und frei trat er jedermann gegenüber. Markig und derb war sein ganzes Wesen, sein' Denken und Handeln von einer erquikendon Natürlichkeit. Obwohl mit Glückstern gesegnet, hat Back für sich und die Seinen eine fast sprichwörtlich gewordene Anspruchslosigkeit, an den Tag gelegt, die soweit ging, daß er sich selbst die notwendigsten Bedürfnisse versagte, für jeglichen Luxus und Aufwand hatte er nur seinen, oft allzuscharfen, beißenden Witz übrig. Was Wunder, wenn er der Gegenwart mit all ihren Auswüchsen als Fremder gegenüber stand und nur durch ein stummes und dennoch beredtes Kopfschütteln seinen Unwillen kundgab, \ über Dinge, die er nicht verstehen konnte, odejrichtiger wollte. In so hellerem Lichte muß aber darum der Opfermut erscheinen, den er stets für unsere Sache aufbrachte, um so mehr müssen wir dem Manne Anerkennung zollen, der für seine eigene Person selbst im puritanischen Sinne völlig bedürfnislos war, dabei aber beträchtliche Summen in den Dienst des öffentlichen Wohles stellte, und zwar so, daß seiner ganzen Wesensart entsprechend, nur wenige Eingeweihte darum wußten. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich ein ganzer Legendenkranz um die Gestalt dieses Mannes gewoben. Es sei hier nur eine Begebenheit wiedererzählt, die uns so recht einen Einblick gewährt in die ganze Eigenart des Verstorbenen, und welche dessen Haupteigenschaften: Persönliche Anspruchslosigkeit gepaart mit Wohltätigkeitssinn, scharfe Ironie, die aber nicht kränken, sondern nur unterhalten wollte, am hesten charakterisiert. Ein junger, Landsmann Backs, der ein Monatsgehalt von 50 Gulden bezog, traf diesen, der zur Zeit dieser Geschichte schon ein reicher Mann, in grimmiger .Jännerkälte vor einem Kaffeehaus wartend an. Back bat den jungen Mann, er möge seinen Vorstandskollegen Herrn K. aus dem Kaffeehaus' rufen, da er diesen dringend zu sprechen wünsche und er bereits eine halbe Stunde vergebens auf ihn harre, r Verwundert richtete der Landsmann an Back die; Frage, warum er sich denn während dieser langen j Zeit nicht selbst ins» Kaffeehaus begehen hätte, um K* zu sprechen. Doch da war er mit dieser Frage zu dem richtigen gekommen, „Wenn ich Ihr Geld hütt'", bekam der kleine Angestellte zu hören, „dann freilich könnte ich mir einen Kaffee leisten." Dieser Spott verletzte den also Angesprochenen sehr, doch ging dieses Gefühl bald in Bewunderung über, als der Betreffende später durch Herrn K. erfuhr, Back hätte nur darum solange in der Winterkälte auf ihn gewartet, um ihn die damals immense Summe von 5000 Gulden als Heiratsaussteuer für die Tochter emer hervorragenden kurz vorher verstorbenen Persönlichkeit rascher übergeben zu können. Wahrlich ein fesselnder Zug eines wohl eigenartigen, aber braven und' edlen Mannes. Und so steht nun die gesamte gesetzestreue Judenschaft Wiens von ehrlicher Trauer, erfüllt an der Bahre Philipp Backs, ihres Nestors. Möge etins Grab die Versicherung mitnehmen, daß er selbst, sein Leben und Streben uns allen unvergessen bleiben wird und daß wir stets die Fahne hochhalten werden: die das Banner seines Lebens gewesen. * # * Das Leichenbegängnis. Sein vielfach geäußerter Wunsch, in Preßburg bei seinen Vätern bestattet zu werden, konnte infolge der jetzt herrschenden Verhältnisse nicht erfüllt werden. Diesmal waren die Verhältnisse doch stärker als Phillip Back, der während der vielen Jahrzehnte seines Erdenwallens doch allen Verhältnissen zu trotzen schien, und so kam er hier äii Wien an der Stätte seiner Arbeil ' und seines Kampfes für die thoratreue Judenheit und besonders, für die Schiffschul zu Grabe. Seine Hälwoo gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung. Viele Hunderte waren Sonntag vormittag um das Sterbehaus in der Herminengasse versammelt, die nicht mehr hinauf ins Sterbezimmer kommen konnten, um.die Klageworte, in denen seine Ehrwürden Herr Rabbiner Fürst und Herr Rabbiner Baumgarten der Schiffschui an der Bahre des Verstorbenen zum Ausdruck brachten, zu hören. Die Mitglieder der Adaß Jisroel wollte nicht einmal den Leichenwagen in Anspruch nehmen, sondern nach uraltem Brauche haben ihn seine Verehrer und Freunde auf ihren Schultern getragen, von seiner Wohnung bis in die Vorhallen der Schiffschul auf dem gewohnten Wege, den der Verblichene 'seit