Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 5 (11.2.1921)
- Date
- 1921-02-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN OES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tnrnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: J?tir Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich nnd Ungarn d.-ö. K 200--, Tschechoslowakei Kc. 60--, Deutschland Mk. 60«-, Schweiz Frcs. 10-—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 30 Lei, Jugoslawien 20 Dinar, Polen Mk. 240-—. Einzelnummer d.-ö. K 4Kc. 1*20. Die 6 mal gespaltene Petitaeile d.-ö. K 8* — . Fürs Ausland 100 Prosen* Tenerugsznscklajr. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 5 i Wien-Bratislava, 11. Februar 1921 wtnn tik arvoDDjns - ,tjd 7. Jahrg. Der lücg zur Kettling* Wenn Gutzkol&Mn seinem Drama „Uriel Acosta" «las Schwergewicht von Empfindungen und Argumenten dadurch entkräften zu lassen sucht, daß eisernen Rahbi Akiba eintönig wiederholen läßt: „Alles schon dagewesen", so hat er das Wort des Kohelet zwar nicht ganz verstanden, aber doch einen tiefen Einblick in die geheimsten Seelenvorgänge gewählt. Tatsächlich ist in allen Lagen ruhige, nüchterne Erwägung nur dann möglich, wenn man die geschichtliche Entwicklung des Gedankens kennt, welcher die jeweilige Lage bestimmend beherrscht, wenn das Neue, Unerhörte seines Reizes entkleidet ist. Wäre nun der Rahmen eines leitenden Artikels nicht gar zu enge gespannt, so wäre es ein leichtes, nachzuweisen, daß all diexErregungcn und Spaltungen unserer Zeit, letzten Endes nur formale Wiederholungen uralter Gedankengänge sind, und daß bei allem Streit sich füglich in veränderten formen Kain und Abel aufs Neue entstanden sind. Aus der Erkenntnis, daß der Mensch den Menschen braucht, wachsen an der Schwelle jedes geschichtlichen Werdens zwei entgegengesetzte Anschauungen, auf der einen Seite das Bestreben, den Nebenmenschen ohne Gegenleistung zu gebrauchen, die Kraft des oder der Anderen rücksichtslos in den Dienst der eigenen Interessen zu stellen — die' Blüte dieser Anschauung ist asiatischer Despotismus, der m" Jnem wahren Gesicht das furchtbare Bild der e\ju avodim zeigt —, auf der anderen Seite die Fähigkeit, sein ganzes Wollen und Können in den Dienst der Menschheit zu stellen ohne Anspruch auf Gegenleistung — die Blüte dieser Anschauung ist der onov, wie heiliges Wort den Führer Moses kenn- ^^^^^^^^^^^Ä^J^^I^^^^^0^^^^• Mengchen zu einem gemeinsamen Zwecke, der Vergesellschaftung von Menschen, wie-man es nennt'. Das Gesetz von Leistung und Gegenleistung wurde grundlegend und verdichtete sich schließlich zu der Frage, was der Einzelne an Kräften und Opfern, an Tat und Verzichtleistung in die Interessengemeinschaft einbringe. In diesem Ausgleich liegt die Grundlage jedes Staatswesens,, jeder Gemeinde, jedes Vereines und letzten Endes sogar jeder Familie. Wird dieses Gleichgewicht gestört, dann bricht die jeweilige Form der Vergesellschaftung in sich zusammen und ehe neues Gleichgewicht gefunden ist, ergibt sich das widrige Hyänenbild, das unsere Zeiten bieten, da mit rücksichtslosem Egoismus die meisten zwischen den Ruinen vergangener Herrlichkeit hausen und schonungslos nur an ihr eigenes Behagen denken. Allein die ganze Weltgeschichte verläuft in denselben Kurven. Wenn wirklich eine neue Welt geboren werden sollte, dann müßten sich die Staaten und alle Gemeinschaftsformen entschließen, ihr Gebäude' so aufzurichten, daß ßle Leistungen des Einzelnen an die Gesamtheit stets um ein sichtbares Quantum größer sind, als die Gegenleistung, welche man von der Gesamtheit beansprucht. Dies ist aber nur unter einer Bedingung möglich, der Gesamtheit maß eine Idee zugrunde liegen, der Staat muß nicht nur materiellen Schutz bieten wollen, nicht nur negativ mit seinen Machtmitteln das Unrecht abwehren, er muß vielmehr ein sittliches Gebilde werden, muß positive Ewigkeitswerte schaffen und schaffen helfen. Die Bauer am Staate müssen sich darüber klar sein, entweder es gelingt ihnen den Weg einzuschlagen, welchen die heilige Schrift für die Errichtung des Heiligtums vorschreibt, daß sie es vermögen, jedes Glied der Gesamtheit zu opferbereitem Aufschwung emporzuführen, oder die Sukzessionsslaäten gehen der* Weg aller Diadochenstaaten in der Weltgeschich ie, der eine früher, der andere später. Je mehr sich ein Staat als sogenannter Nationalitätenstaat etabliert, in dem der Natur der Sache nach vom Staate mehr Gegenleistung beansprucht wird, als die sittliche, ideelle Leistung seiner Glieder gibt, desto rascher muß ihn das Schicksal ereilen. Legt man nun diesen Maaßstab an die jüdischem Gemeinschaftsformen an, so ergibt sich dasselbe Hesultat. Es mag sein, daß in einer materiellen Welt der Beutezüge diejenige Gemeinschaft die meisten Mitläufer hat, die dem Einzelnen ein Plus an Gewinn, an Erfolg verspricht, aber sie ist zum Tode verurteilt. Ein Heiligtum kann nur dann erstehen, wenn darüber volle Klarheit herrscht, daß das Ganze nicht zerteilt wird durch Augenblicksforderungen seiner Glieder, wenn die Erkenntnis sich Bahn bricht, daß jeder bauen will mit dgm Heraen und das heilige Land harret des heiligen Volkes. P. K. Dämmer°$timmung» Wenn man die Berichte, die aus Erez Israel zum Teil unmittelbar, zum Teil durch die Presse in die Diaspora gelangen, auf sich wirken läßt, so erhält man den Eindruck einer seltsamen, aus Licht und Finsternis gewobenen Dämmerstimmung. Die Herzen schlagen höher, wenn der jüdische Vizekönig von Palästina, über dessen gesellschaftliches Tun und Lassen tägliche Bulletins ausgegeben werden, beim synagogalen G-ttesdienste erscheint oder die Huldigungen der arabischen, jüdischen und christlichen Bevölkerung entgegennimmt; in diefinstre Golusnacht der Entrechtung find des durch Jahrhunderte geschleppten politischen Heldentums föltt »ein Strahl halbwm#«his«m^ den die Propheten ihrem Volke "verheißen. Und dennoch entzieht sich heute kaum noch ein palästinensischer Jude von halbwegs gereiftem Verstände der Erkenntnis, daß es sich bei diesen angenehmen Stimmungen vielleicht nur um halbe Träume , handelt, die „wie die-Morgenwolke" über die Seele hinwegziehen und in der Welt der taghellen politischen Wirklichkeit nur sehr schwache Wurzeln aufweisen. Die Anerkenuung der hebräischen Sprache als dritte Landessprache, die zwei Buchstaben vj$, <Jje von den Palästina- Briefmarken das jüdische Auge begrüßen und erfreuen — es sind doch, wfe der jüdische High-Commissioner selbst, im Grunde unverbindliche Kundgebungen des Respektes vor der historischen Würde der unverjährbaren Ansprüche des Bibelvolkes auf das heilige Land, Kundgebungen, die des realpolitischen' Gewichtes entbehren, gar leicht aber eines Tages als vollwertige Einlösung der- Balfour-Deklaration hingestellt werden könnten. Die von jedem Zufall abhängige Gebrechlichkeit politischer*Emmgenschaften wird gerade in diesem Augenblicke durch die merkwürdige Tatsache illustriert, daB urplötzlich die Kontrolle der englischen Mandate einsphlieHijÖi Palästinas dem Foreign Office entzogen und dem Kolonialamte übertragen wird, an dessen Spifze Herr Winston Churchill steht, ein Mann, der die abenteuerlichsten Dinge über Jüdische Welt-Verschwörungen" geschrieben und verbreitet hat. Man braucht keineswegs dem Radikalismus der Herren Nordau und Gaster zu huldigen, um in dem politischen Ergebnis der zionistischen Verhandlungen mit der Mandatarmacht eine tambe Nuß zu erblicken. Denn es sind im Endresultat nichts anderes ■jüs nationale MiöderheHsrqebte,» die man der jüdischen Siedlang Hm :enibmi^ nationale Kraftaristrengung und ohne die för die Diaspora iiw leugbar gefahrvolle Vortäuschung eines nahenden „Judenstaates" als' selbstverständliche Folge der Neuordnung in jedem Falle hätten in die Erscheinung treten müssen. Steht ja heute — nach den . Veröffentlichungen des Ministers Barnes — dokumentarisch fest, daß die Zusage eines nationalen Heines •in Palästina in der ausgesprochenen Absicht erfolgte, - durch die Wahl dieser Formulierung die Bereitstellung Palästinas als jüdische Heimstätte auszuschließen-, und die ganze Gestaltung der Agrargesetzgebung ist in logischer Konsequenz dieses politischen Grundgedankens darauf berechnet, den arabischen Besitz zu schützen und zu stabilisieren. So sehr diese Politik im Interesse einer ruhigen Entwicklung der jüdischarabischen Beziehungen und daher im individuell-jüdischen Interesse liegt, so wenig eignet sie sich dazu, den gequälten , jüdischen Massen Ersatz zu bieten für die alten messianischen Bilder aus Jnf-Pre|b«rg. Baehurimleben. Rrrrrrring . . .! „Wos is?" stöhnt im Unstern'Zimmer jemand im Halbschlaf. Rrrrrrring. . . klirrt der Wecker unbarmherzig weiter. t „Zwei Uhr is, Schmule, stehen Sie auf!" „Schon zwei Uhr?" ächzt eine zweite Stimme. „Nix möglich!" „Steh'n Sie auf, Schmule, heizen Sie ein und machen Sie den Tee!" sagte der Erste grämlich. «Wir müssen lernen! Dienstag .ist das große Verhören und' Sie sind noch nit klor in den letzten Sugjes." Schmule ist der reiche Talmid des Anderen, des Awrohom Müller, des Chaser-Bochers (Correptitor); der Eine ist älter und gelehrter, der Jüngere aber reicher, das hält die <Wagschale. x Schmule möchte nicht gerne von der warmen Federdecke in die Kälte steigen; er kann jedoch dem älteren Lehrer nicht zumuten, für ihn zu heizen und zu kochen. Er selbst aber ist verweichlichter und denkt, daß der Andere daheim gewohnt war, selbst zu heizen und zu kochen, währenddem er selbst bei guter Bedienung aufgewachsen ist und nur als Bochur gewissermaßen Soldatendienst leistet. »Ich bin. stark erkältet", jammert Schmule von seinem Bette her, „ich kann nicht in der Kälte aufstehen. Sie müssen schon heute moichel sein und selbst einheizen." „Sie sind so erkältet, wie ich ein Seiltänzer bin", brummt der ehrwürdige Ghaser-Bocher. „Dann schwöre ich, daß Sie ein Seiltänzer sind." „Asus Ponim!" stöhnt Müller, aber das Krachen seines Bettes verrät, daß er sich doch erhoben hatte. Er tappt zur Waschgelegenheit und murmelt mit verschlafen hohler Stimme das Waschgebet. Ein Span ist bald entzündet, ein kleiner Scheiterhaufen im Ofen errichtet und unterzündet. . . \ Awrohom Müller konnte nie begreifen, wie ein Feuer aus einem weggeworfenen Zündholz oder, einer Zigarre entstehen könne. Er mühte sich täglich lange ab, bis er seine kleine Feuersbrunst im Ofen verursachen konnte. Er hatte entschieden kein Talent zum Brandstifter. Jetzt blies er wieder verzweifelt aus voller Lunge in den Ofen, stieß mit dem Schürhacken wütend zwischen die Scheiter, versuchte in der Güte und im Zorn, vergebens! Schmule sah aus sicherem Bette behaglich der Sisyphusarbeit seines Meisters zu. „Heizen kann ich!" sagte der Asus ponim noch »unverfroren. „Nun", dann heizen,Sie", sagte Müller wütend und zähneklappernd, „ich habe genug; wenn Sie beim Verhören nix können wollen, wird das Ihre Sache sein. Sie,, kennen den großen Ran nicht, in den' Lechem mischne haben Sie nicht einmal noch hineingesehen. Wegen meiner!" Sagt's und stieg hurtig wieder ins Bett zurück. „Schwer ist das Leben", seufzte der geschlagene Schmule und erhob sich in verzweifelter Unlust. »Da, lernen Sie, wie man Feuer macht!" Er stopfte den Ofen mit Papier voll. „Schma!" schrie Müller entsetzt, „haben Sie mir nit die ,Naie Freie Presse' von gestern benützt V ich hab' das Feuilleton noch nit" gelesen. Hast e Kunst, mit der ganzen Presse Feuer zu machen!" (Die „Neue Freie Presse" war die einzige Quelle der Bildung der Jeschiba.) Der Ofen begann aber das heimliche Gemurmel, das aliein schon die behagliche Illusion von Wärme vortäuschte. Schmule entzündete flink die Petroleumlampe, setzte Jhr den grünen 'Papierschirm auf, stolperte in die Küche um Wasser, langte nach der SpiritusÜasche, zündete den Schnellsieder an und braute den obligaten russischen Tee. > Nun kroch auch dertlhaser-Bocher-aus den Federn. Die Gläser wurden mit Tee gefüllt, die Talmudfolianten aufgeschlagen. Der heiße Trank weckte die Lebensgeister der beiden und versöhnte sie mit dem harten Schicksal des nächtlichen Studiums. Der Ofen glühte und sandte köstliche Hitzwellen. Nochmals wurden die Gläser gefüllt, feuriger Kum hinzu getan, der Zucker zwischen die Zähne geklemmt. Das rann wie Feuer durch die schlaffen Nerven! Der Ghaser-Bocher schlug begeistert mit der flachen Hand auf "den Folianten und begann mit der unvergleichlichen Talmudweise: „Omar Rowo-o-o" und zu seinem tiefen Baß gesellte sich jubelnd der Sopran des Jüngeren: „... hat R^wo geso-o-o-gt!" Und sie flogen vom Lehrhaus der Babylonier zum Afrikaner Raw Alfas, ins Reich der Mauren, zu Maimoni des, in die Provence, durch das Mittelalter Deutschlands, um von dem zauberhaften Geistesfluge wieder heimzukehren zu Rabbi Moses Sofer, dem Rabbi ihrer Jeschiba. . . . Und noch ehe der Hahn gekräht hatte, hatten sje mit wundersam diszipliniertem Geiste gewaltige Strecken des Denkens durchmessen und alle Permutationen der in Sura und Pumpeditha gegebenen Probleme erwogen. Diese armen, mißachteten ßachurim!