Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 1 (7.1.1921)
- Date
- 1921-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zustände, die gegenwärtig in den Massenzentren des Judentums, in Palästina, in den orthodoxen Ländern und ganz besonders in den englischen neuen Ghetti herrschen. Mit eigenartiger Ironie deckt er die Wunden auf, an denen die englischen jüdischen Gemeinden sich verbluten, geißelt besonders die Prinzipienlosigkeit, zu der diese Massen durch unverstandene Schlagworte erzogen werden. Die Versammlung lohnt den Redner mit reichem Beifall. Sir Stuart Samuel schließt die Versammlung mit einigen bewegten Worten und Sollicitor Zeitlin und Dr. Landau sprechen dem Chairman den Dank für seine vortreffliche Leitung der Versammlung aus.x Briefe über Juden und. Judentum. IV. Religiöse oder nationale Kultur? Lieber Freund! Wenn du mich fragst, was ich unter den heutigen Verhältnissen für das größte Unglück des judischen Volkes betrachte, so ist es meiner Ansicht nach die Zugänglichkeit und die Empfänglichkeit für jedes Schlagwort. Die Juden waren;^it jeher mit einem kritischen Geist beseelt, mit kritischem Blick beurteilten sie jede Erscheinung im eigenen und im ''Leben der Völker, keine Sache entging ihrer kritischen Lupe und vielfach war da sogar zuviel des Guten und weniger wäre mehr. Heute aber hat alles ins Gegenteil umgeschlagen, in Dingen des öffentlichen Lebensnahen sie jedeft kritischen Blick aufgegeben, sie laufen jedem Scharjatan nach, wenn er es versteht, ihnen eine schöne "Rede zu halten, sie bewerten jeden Zeitungsartikel als unumstößliches Axiom und sie sind gewissermaßen Sklaven der Phrase und des Schlagwortes geworden. Merkwürdig, ja geradezu komisch mutet tjies.e Erscheinung an. Juden, die eine heilige, am. Sinai unter Donner .und Blitz gegebene Thora haben, losen seit Jahrtausende jeden Satz dieser Thor?/ mit kritischem Blick und trotz hunderter und aberhunderter Kommentare der größten Autoritäten jfindnh sie noch immer vieles zu fragen und zu erklären. Juden, die einen Talmud besitzen, eine Geistesarbeit großer Heroen, die Jahrhunderte hindurch nu diesem Werk gearbeitet haben und keinen '■ P/jmkf Imaufgeklärt ließen, einen Talmud, an dem s^eit :*•.'• fzehn Jahrhunderten die größten Männer erkläru.-.T und kommentierend arbeiten, und docfö wirn man selten einen Juden finden, der nur jhal*—,:" *"7—,'7; ösche Lehre beherrscht; dem trcJ und Achraunim nicht noch so* bedürftig ist. Vielleicht wjrfl- * übertrieben, aber es ist der kr, Virder sich da offenbart und h4$vr>d.äs' Suchen und Forsoh'ery^nacfow^ '-Zit1 \ \%at\i'! Und " nun seilen wir dieselben M$?ftjiri artikel, den vielleicht ein unrtfiTer ßursi'.h^ geschrieben hat, furchtbar ernst nehmen;Rodo irgend eines Demagogen, der vielfach pi^dfe oder Parteiinteressen verfolgt, als unerschütteijliche \\ ^hrheit bewerten und. alles gläubig hiimclinien, ,\s wäre es heilige Lehre! — Ist das nicht! tragikomisch?! — Darin aber, in dieser traurige^ Erscheinung liegt das größte Unglück der heutigen juxikdierißeneration. Eines dieser Schlagworte, weigern m<in so blindlings nachbetet und das so turch'rbas 0 Verheerungen anrichtet, ist das Gerede "von| der „nationalen Kultur", die der moderne Nationalismus; zu fördern vorgibt und der die „Erhaltung (!}) de« Judentums" zu verdanken sein wird. Auch dJu, lieber Freund, scheinst da den Schlauen auf den Leim gegangen zu sein, denn du findest dich veranlaßt, in deinem letzten Briefe die große Wandlung1;'zu schildern, die Ädie nationalistische Erziehung unter der jüdischen Jugend gezeitigt hat. Bisher war «.Jie.se Jugend dem Judentume ganz verloren, sie xvav infolge der Verhältnisse nicht mehr dazu zu bringen, an dem religiösen Judentum festzukitten, da dieses ihnen große Unbequemlichkeiten auferlog!.. Eb drohte die Gefahr, daß die ganze- Generation völlig unjüdisch werden wird. Da kam der Nationalismus als Retter in der Not, er brachte das Programm der „nationalen Kultur" auf das Tapet und siehe Wunder über Wunder: die Jugend, die dem Judentum schon ganz fremd war, ist zurückgekehrt, sie lernt Hebräisch, jüdische Geschichte, feiert jüdische Fessttage, ist von nationalem Gefühl beseelt und trotz der Antireligiosität gut jüdisch. Das sei eine nicht zu unterschätzende Leistung, der auch ein streng religiöser Jude die Anerkennung nicht versagen darf, da viele dann vom bloßen Nationalismus zur Religion zurückkehren würden! % Will man der Sache auf den Grund gehen, so muß zuerst die Frage untersucht werden: was ist das, „nationale Kultur"? Unter nationaler Kultur versteht man bei jedem Volke eine Kultur, die der Vergangenheit und der Tradition des Volkes, seinem Geiste, seinen Aufgaben und seinen Hoffnungen angepaßt ist. Bei uns Juden kann dies keine andere als die Kultur der Thora sein. Alles, was auf dem Gebiete der religiösen Literatur geschaffen worden ist, ist jüdisch-nationale Kultur. Das jüdische Kind, das im Alter von fünf bis sechs Jahren ins Cheder ging und dort den Alef-Beth, die ersten Sätze des uwegs die talmudiz aller Rischaunim vielen erklärungsiesbezü glich etwas he GeWi des Volkes, Siddur, der heiligen Schrift kennen lernte, dem wurde nationale Kultur beigebracht, ebenso wie später dem Talniudschüler, dem Jeschiwabachur und schließlich dem reifen Gelehrten. Ob der Jude Psalmen rezitierte, ob er den Wochenabschnitt mit oder ohne Kommentare studierte, ob er einen Perek Mischnajoth lernte oder sich im Talmud vertiefte, ob er in Sifre-Mussar seinen Gefallen fand oder gar für den Sefer Hakusri, dem Ikrim, der Akedah usw. Interesse hatte, all das war jüdischnationale Kultur, ebenso wie die spezielle Frauenliteratur Zeene-ureno, Nachlas-Zwi, Menorat hamoor und dergleichen. All das war Geist vom jüdischen Geiste, der jüdischen Lehre und dem jüdischen Leben angepaßt. Alles, was auf diesem Gebiete geschaffen wurde, auch das unbedeutendste ■ Werk, war eine Bereicherung der jüdischen Kultur. Freilich, nicht jeder Jude war dazu berufen, alle Geistesschätze in sich aufzunehmen, aber bei jedem ist etwas von der „Girsa dejankussa* geblieben und wie bekannt, gab es in der jüdischen Rasse keine An'alphabeten. Sehen wir uns nun die moderne nationalistische Literatur an. Nur das allerwenigste davon kann als jüdisch bewertet werden. Selbst ein großer Teil der 'modernen hebräischen Literatur hat nichts jüdisches in sich. Die modernen Romane, die vielfach pornographischen Erzählungen, die Liebesgedichte, die Uebersetzungen aus fremden Literaturen — was hat das mit dem jüdischen Geiste zu tun, mit der jüdischen Tradition, mit den jüdischen Hoffnungen? Das sind fremde Aufpfropfungen, die in jüdischer Erde nicht einmal Wurzel fassen können, diese Kultur wird keinen bleibenden Wert haben und verdient nicht einmal diesen Namen. Kann man demnach das Ueberhandnehmen dieser Kultur mit ihren Theatern, Kinos usw. als einen Fortschritt bewerten? Und das jüdische Gefühl, das Interesse für judisches Leben? — wirst du vielleicht fragen. Ja, die nationalistische Jugend ist äußerlich etwas jüdischer als die assimilatorische, dafür aber etwas zahlreicher und gefährlicher. Die Assimilatoren waren bei uns die „Gezeichneten". Man wußte, daß sie sich dem Judentume entfremdet, haben und behandelte sie darnach. Keinem jüdischen Jüngling, der eine religiöse Erziehung erhielt, wäre es eingefallen, der Assimilationsjugend nachzuahmen/ Sie war ein großes Uebel, die Assimilationserziehung, aber sie war in ihren Auswirkungen beschränkt, sie war mit einer warnenden Etikette versehen „wetome tome jikro". Ganz anders verhält sich die Sache mit der nationalistischen Kultur. Die ist ein Surrogat, das unter falscher Marke auf den Markt gebracht wird. Da ist Täuschng leicht möglich, und selbst du, der doch auf streng religiöser Basis stehtst, bist schon geneigt, ein Auge zuzudrücken, in der Annajhme, es sei dies besser als nichts. Djes^^ vor Täuschungen muß gewarnt werden. Die gesamte jüdische Kultur ist religiös. Was man in Bibliotheken, in Museen usw. findet, zeugt von religiösem Geist. Wer fremdes als jüdische Kultur ausgibt, versündigt sich gegen den Genius des jüdischen Volkes, gegen seine heilige Lehre, gegen seine hohen Ideale. Die religiöse Kultur hat das jüdische Volk durch Jahrtausende trotz aller Stürme erhalten und zu immer neuem Leben geführt. Das, was man heute nationale Kultur nennt, ist nichts anderes als eine Entwertung der Werte, ein Falsifikat, das nur unkritische Geister irreführen kann. Der kritische Blick des jüdischen Volkes wird gar bald die Hohlheit der Phrase erkennen müssen, wenn es sich selbst treu bleiben will. Dazu zu verhelfen, ist die Aufgabe aller Juden, welchen es mit dem. unverfälschten Judentum ernst ist. Keiner darf sich dieser Aufklärungsarbeit entziehen und auch du mußt da deinen Mann stellen. Dein B e n - L e a h. OberRantor Jakob Bauer. Am 6. Jänner 1881 hat der seither zu solcher Popularität gelangte Oberkantor Jakob Bauer sein Amt im türkischen Tempel in Wien (Circusgasse) angetreten und hat vier Jahrzehnte hindurch Tausende und Abertausende von Andächtigen mit seinen herrlichen Stimmitteln, seiner hohen Begabung und seinem künstlerischen Vortrag entzückt. Vierzig Jahre, ,sie sind leichter beschrieben als durchlebt! Oberkantor Bauer hat nicht nach persönlichen Ehren gejagt; die Ehre seines Standes aber hat er in unermüdlichem Streben zu heben gesucht. Schon im Jahre 1882 hat er das erste Fachblatt, die „Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung", gegründet und gleichzeitig den Kantorenverein geschaffen, an dessen Spitze er bis im Vorjahre unermüdlich gewirkt hat und dessen Ehrenpräsident Oberkantor Bauer nun ist. Im Jahre 1883 hat der Unermüdliche die erste österreichisch-ungarische Kantorenschule kreiert, in welcher mehr als 300 in allen Ländern wirkende Kantoren ihre Schulung erhalten haben. Seine Verdienste sind seinerzeit mit Auszeichnungen mehrerer Staaten, wie Serbien, Rumänien und die Türkei gewürdigt worden. Jakob Bauer genießt in seiner Gemeinde und außerhalb derselben die beste Hochachtung und Verehrung. ^Diesmal ist" er, ■ um Jubiläumsfeiern auszuweichen, verreist. Oberkantor Bauer ist seit jeher treuer Anhänger der Adas Jisroel- Gemeinde und genießt den Ruf eines traditionstreueri Jehudi. Wir drücken dem ebenso hochverdienten als bescheidenen G-ttessänger unsere herzlichsten Wünsche aus. Seine hingebungsvolle Wirksamkeit an heiliger Stätte mögesich noch lange in Vollkraft fortsetzen können, *W 1« n»«3 iO "W €i$enftil$päne. Man kann sehr glücklich sein, ohne je Glück gehabt zu haben. Es ist die Kunst des Führers, aus der dürrsten Seele Thora rieseln können zu lassen, wie der Physiker reichen Wassergehalt in Körpern erkennt, von dem die Masse nichts ahnt. Moses schlägt selbst aus Felsen reiche Quellen, wo die Masse verzweifelt schmachtet. * Schöne Natur, häßlich verhunzt, Nennt man moderne jüdische Kunst! * G-tt ist der gemeinschaftliche Nenner, auf welchen alle „Brüche" des jüdischen Geistesleben umgerechnet werden müssen, um eine restlose Addition aller Kräfte zu ermöglichen. Es wäre zu paradox, wenn wir Juden uns mit unseren unsoliden Elementen solidarisch erklären--'würden. Der amerikanische Zionistenkongreß. In Buffalo, der alten, würdigen Stadt, wo die meisten Stiefel der Welt produziert werden, auf dem halben Wege zwischen den großen jüdischen Zentren von New York und Chicago, trafen diesmal unter großer Spannung der jüdischen Oeffentlichkeit die Vertreter des Zionismus der Vereinigten Staaten zusammen. Buffalo, die Grenzstadt zwischen - der Union und Englisch-Kanada gelegen, war symbolisch für die Frage: „Hie England, hie Amerika!" Wird die amerikanische Delegation, die auf dem Londoner Kongreß solche separatistische Politik getrieben hat, von der Bnffalo-Konferenz — wie es Weizmann so gern gesehen hätte — desavouiert werden,- oder wird die Konferenz gar ihre gänzliche Trennung von London aussprechen? Sachkundige mußten nur einen Blick auf den Barometer Rabbi Stephen Wise werfen, um zu wissen, ,daß Weizmann von dieser Konferenz nichts zu erwarten hatte. Während Wise nach der Londoner Konferenz demissionierthatte, befand er sichin Buffalo wieder in voller Tätigkeit und pries Brandeis aufs Begeisterste. Eg gabnur einen; Oppositionellen, der für London eine Lanze brach: Dr. Salomon Neuman. Freilich ein Oppositioneller von Geburt. Neümann, ein aus Monastirzyska in Galizien vor zwei Jahrzehnten. nach New York eingewanderter Militärarzt, ist ein prächtiger Typ. Wohl ein Sechziger, besitzt Neumann, mit seinem dichten schwarzen Bart und Krauskopf, ein Temperament, um das ihn jeder Jüngling beneiden könnte. Eine gründliche europäische Bildung, seine ,gefürchtete satyrische Art, seine tiefgehendere Begeisterung für alles Jüdische und seine Wohltätigkeit gegenüber den armen Kranken, machen ihn ebenso gefürchtet, wie beliebt. In seinem Spotte über den kalten Mechanismus des amerikanischen Zionismus, kennt er keine Autorität und. Buffalo ward die Gelegenheit, wo seine, wohlbekannte Philippika vom Cafe Monopol in die weltweite Oeffentlichkeit gedrungen ist. Die diplomatische Antwort des Vorsitzenden Julian Mack konnte aber die Niederlage Weizmanns nicht'verschleiern. Der Keren ha-Jessod war so gut wie offiziell abgelehnt. Kein Kenner der jetzt drüben herrschenden Stimmung, wird davon überrascht sein . . . Aus der schönen Main street, führt die Tramway von der Stadt hinaus zum großen Weltwunder, den Niagarafällen und die biederen Delegierten haben wohl die Gelegenheit nicht verabsäumt, von der Ziegeninsel hinabzustaunen in den grausen Abgrund, in welchen sich der selbstmörderische Niagara mit wahnsinniger Eile stürzt, um gegen das eigene Element zu rasen und tdben und brausen und donnern, wie — sie. Der aus normaler Bahn Gerissene, der Unwegsamste aber Lärmendste unter den Strömen, wie —- sie. (Ein Sambathion, der aber auch am Sabbat nicht ruht, wie — sie.) Jenseits ragen englische Forts . . . Eine kunstvolle Brücke führt über den dort ruhig gewordenen Niagara. Die Hälfte wird von Amerikanern, die Hälfte von Engländern bewacht. Bis zur fünften- Bogenlampe auf der Brücke — das ist amerikanisches Terrain. Amerikanische und englische Wachen stehen da nebeneinander in kameradschaftlicher Freundschaft ... 0, daß sie ewig grünen bliebe! In keinem jüdischen Hause fehle die „Jüdische Presse".