Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 1 (7.1.1921)
- Date
- 1921-01-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr. 1 technischen Mittel zur Wiedervereinigung an die Hand gibt, die Möglichkeit der Organisation. Durch die Organisation vermöchten wir die Nachteile der Zerstreuung überwinden und mit geeinten Kräften an die Wiederherstellung unserer Einheit im Geiste der Thora schreiten.* Hierauf legt der Redner das Programm der Aguda dar, das vollständig identisch sei mit den ewigen Aufgaben des Judentums, angewendet auf die Notwendigkeiten unserer Zeit. Um aber diesen Aufgaben in, möglichst vollem Maße gewachsen zu sein, bedarf sie für die Gestaltung ihrer Organisation und für die Leitung ihrer Tätigkeit einer Reihe „methodischer Prinzipien", durch die sie sich sehr wesentlich von allen anderen Organisationen unterscheidet. Diese Prinzipien sind: 1. Die bedingungslose Anerkennung der Au t o ri tät der Thor a als entschiedener Faktor bei allen ihren Maßnahmen. Diesem Zwecke dient der „rabbinische Rat", ein Gremium bestehend aus den anerkanntesten Thora-Gelehrten aller Länder, an der Spitze der Organisation. 2. Die Unabhängigkeit der Organisation von jeder wie immer gearteten Bindung,1 die nicht im Thoragesetz begründet ist. 3. Universalität ihrer Tätigkeit. Sie muß sich zum Endziele setzen, das gesamte jüdische Volk zu um- ■ fassen und es ihren Leitideen zugänglich zu machen. ' Sie darf die Thora und das thoragemäße Leben nicht zur Sache einer Partei hinabsinken lassen, sondern sie hat werbend zu wirken mit allen Mitteln der ehrlichen Propaganda und alle Gesamtheitsaufgaben nach Maßgabe ihre Kräfte in den Bereich ihrer Tätigkeit zu ziehen. 4. Dif fern zier the it. Sie rechnet mit der Tatsache, daß die Verhältnisse der gesetzestreuen Judenheit je nach den Ländern verschieden sind und somit auch die, Mittel zu ihrer Erhaltung notwendig sich in diesen Verhältnissen anpassen müssen, um zu cjem einheitlichen gemeinsamen Ziele zu führen. Sie gründet deshalb ihre Organisation trotz der Universalität ihrer Aufgaben auf die relative Autonomie der einzelnen Landesverbände im Rahmen der Gesamtaguda. Diese Grundsätze haben die Aguda bis auf den heutigen Tag geleitet und auch ihre zukünftige Tätigkeit wird nur Erfolg haben, wenn diese Leitgedanken nicht verlassen werden. Rauschender Beifall wird dem Redner von allen Seiten gezollt. Rabbiner Jonathan H o r o v i c z-Jerusalem erstattete das Palästinareferat in hebräischer Sprache. Er führt aus, daß die allgemeinen Lebensverhältnisse in Palästina sowohl wirtschaftlich als auch hygienisch einen Aufschwung nehmen. Der Zivilregierung ist es gelungen, die Luft vom Rassenhaß zu reinigen, so daß die Ereignisse vom vorigen Frühling sich nicht wiederholten. Man, zittert nicht mehr in Jerusalem für 'Leben und Gut. Ein starker Wille beseelt alle' Einwohner, in Frieden und Eintracht mit einander zu leben. Traurig und besorgniserregend sind bloß die religiösen Verhältnisse. Redner schildert sodann die von Ghairman erwähnten Zustände infolge des öffentlichen Ghillul Schabbos, der Trefoh-Verpflegung und des unreligiösen Schulwesens. Dem High Commissioner ist es in verhältnismäßig kurzer Zeit geglückt, die ungeteilte Liebe und Verehrung der Gesamtbevölkerung sich zu erwerben. Unbeschadet der Interessen der nichtjüdischen Bevölkerung arbeitet er mit Liebe und Energie an der ihm überantworteten Hauptaufgabe, dem Aufbau des jüdischen nationalen Heims. Der Sabbat ist für die jüdischen Beamten in Palästina offizieller Ruhetag, wie es der Freitag für die Moslems ist. Die hebräische Sprache ist in allen Aemtern als jüdische Volkssprache offiziell anerkannt. Nicht selten kommt es vor, daß englische Beamte in höheren Stellungen sich befleißigen, die hebräische Sprache zu erlernen. Der High Commissioner nimmt auch regen Anteil an den religiösen Lebensäußerungen und ehrt die jüdischen Traditionen. Er erweist sich als Hüter der Interessen aller Schichten der jüdischen Bevölkerung. Dabei zählt er auf die Mitwirkung aller jüdischen Kreise und nicht zuletzt auf die Anteilnahme der orthodoxen Judenheit am ökonomischen Aufbau des neuen Erez Israel Der Redner überreicht dem Ghairman eine Kundgebung des High Gommissioner an die Versammlung. Der Ghairman verliest den folgenden an Rabbiner Horovicz gerichteten Brief: Dear Rabbi Horovicz! I have. been greatly interested to hear of the Conference of representatives of orthodox Jewry, which you are about to attend. I should be grateful if you would convey to them my cordial greetings, and the expression of my hope that they will play their füll part in the development of Erez Israel. The ,work, in which we are engaged is of profound importance both for the present and the ftiture of Jewry and should make a powerful appeal to all sections of the Community in all the countries through which it is dispersed. With best regards, your very sincerely sig. Herbert Samuel. (Ich vernahm mit großem Interesse von der Konferenz der Vertreter des orthodoxen Judentums an der Sie teilzunehmen beabsichtigen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie derselben meine Grüße überbringen und meiner Hoffnung Ausdruck verleihen würden, daß sie an der Entwicklung Erez Israels vollen Anteil nehmen würde. Das begonnene Werk ist von fundamentaler Bedeutung für Gegenwart und Zukunft des jüdischen Volkes und sollte einen mächtigen Appell auslösen in allen Teilen der Gemeinschaft und in allen Ländern, in denen sie zerstreut ist.) Die Verlesung dieses Briefes durch Sir Stuart Samuel ruft unbeschreiblichen Jubel und Begeisterung in der Versammlung hervor. Rabbiner Horovicz schließt seine Rede mit einem Appell an die Orthodoxie, an den dringenden Aufgaben der Gegenwart in Erez Israel regen Anteil zu nehmen. Diese Aufgaben liegen auf den Gebieten der Landwirtschaft, der Gründung von gesetzestreuen Kolonien und Arbeitersiedlungen, Schaffung von Instituten für billige Spar-, Kredit- ^und,^Darlehenskassen.;. Die Förderung17 aer>LWd Regierung sei 'eine Ehrenpflicht der Gesamtjudenheit. Eine besondere Aufgabe des gesetzestreuen Judentums ist es, in Palästina ein Schulwesen in thorätreuem Sinne zu erhalten. Nachdem der Beifall sich gelegt hat, bringt der Ghairman die Resolution zur Abstimmung. Dieselbe wird einstimmig angenommen und hat folgenden Wortlaut: Resolution. „Die am 18. Dezember in der Great Assembly Hall tagende Versammlung von 8000 Personen begrüßt aufs Wärmste den Beschluß der Preßburger Konferenz, die Zentrale der Agudas Jisroel, der Vertretung der selbständig organisierten religiös gesinnten Judenheit der Welt, von Zürich aus nach London zu verlegen. Die Versammlung beauftragt die Organisationsleitung, alle Mittel der geistigen Propaganda und der praktischen Arbeit anzuwenden, um das gesamte jüdische Volk für die Ideale der Agudas Jisroel zu gewinnen und um den leitenden religiösen Grundsätzen des thoratreuen Judentums bei der Behandlung aller jüdiscnen Gesamtheitsfragen die gebührende Berücksichtigung zu sichern. Die Versammlung verpflichtet sich, den Hauptfonds der Agudas Jisroel und die von ihr geschaffenen anderen Fonds, namentlich den Thorafonds (zur Förderung des Thorastudiums und des gesetzestreuen Unterrichtswesens), den Erez Israel-Fonds (zur Stärkung des alten und neuen Jischuw in Palastina) und den Wirtschaftsfonds (zur Hebung der ökonomischen Lage der notleidenden Volksschichten) ideell und materiell zu unterstützen. Die Versammlung erklärt ihren fernsten Willen und ihre Bereitwilligkeit, gemäß der von Sr. M. High Gommissioner Herbert Samuel ergangenen Aufforderung an den Wiederaufbau Erez Israels mitzuwirken. Die Versammlung spricht Sir Herbert Samuel aufrichtigen Dank aus für seine wohlwollende Haltung gegenüber den religiösen Traditionen des Judentums und gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß der organisierten thoratreuen Judenheit der gebührende Einfluß auf die ^Gestaltung des neuen Lebens in Erez Israel von, der Regierung gewahrt werden wird." Rabbiner Dr. (Jung (London) verweist darauf, daß die Juden erst um Fuße des Sinai und eben durch die Thora j ein Volk geworden sind. Auch später, als unsere Vorfahren das heilige Land verlassen mußten, war i es wieder ausschließlich die Thora, die das J* .-ritum als völkische Einheit in seiner Eigenart -£iar umrissen und gesondert von allen anderen V^kerrj' der Erde erhalten hat. Aber nicht nur das"-.ladeniuin als Volk hat der Thora ihren Bestand b^, nnl' den heutigen Tag zu danken, sondern auch fiK' ftrhaltung Palästinas als Erez Israels, denn ny'r jdie Kraft der Thora brachte es Jahrhundertelang fertig, Hunderten und Tausenden den Mut und die Ausdauer zu geben, unter unsäglichen Schwierigle II on nach Palästina auszuwandern und dort trotz 'lallt\r Entbehrungen nicht nur auszuharren und für "die Liebe zu Zi'on zu sterben, treu hüteten. Man legte sich).ü -Forderungen aufgenommen all das hinzuw5iset iäbSan^gemo'-? man nichY aut mt c -«( j'- orthodoxen Judt; Wenn wir nun / jüdischen Lande nur möglich seü vollem Maße beat'ih'/ verkündet. (Tosei-di,, Als letzter Redneji » (Leeds) das Wort. (iVi diese große Versag ti, zahlreiche Bibelun'i •r!z;^srael' geschaffen haben, u mit'Ernst Palästina zum wollen, so wird das wieder dabt1, die Grundgesetze in rden. die die Agudas Jisroel •r;ii >ft Rabbiner Hörowitz 1 ,>i.i'i,ondem Humor weiß er ,u fesseln. Er erklärt 1 ifi, a° ihstellen zum Wochenabschnitt und schilfert zwischendurch die traurigen tat der gute Mann, er verteilte oft seinen Gehalt, sogar die Wäsche und Kleider nahm er aus dem Kasten, um Unbemittelte zu beschenken. Viel konnte Rabbi Moses nicht geben, denn zu jener Zeit war das Einkommen der Rabbiner ein beschränktes. Seine Fähigkeiten waren enorm, so daß sie ihn manchesmal .selbst wunderten. Wiederholt sagte er zu seinen Schülern: Gott hat mir eine dreifache Denkkraft gegeben. Während ich darauf bedacht bin, den zahlreichen Parteien Recht zu sprechen, denke ich gleichzeitig über den Schiur nach, den ich im nächsten Vortrag den Talmud-Jüngern vortragen werde, und arbeite an der Drascha, die ich Samstag in der Synagoge zu halten habe. Moses war mit Leib und Seele der Thora zugetan, und diese Liebe zur G-tteslehre erhob sich manchmal bis zum IJeroismus. Als einst seine alte Mutter von Sehnsucht ergriffen nach ihm verlangte und in einem Briefe aus Frankfurt andeutete, 'daß sie ihn gerne noch einmal sehen möchte, da erschrak Moses ungemein und kämpfte einen schweren Kampf zwischen seiner Kindespflicht und seiner Pflicht als Rabbi und Lehrer. Er selbst hielt sich nicht für kompetent, in diesem Konflikte zu entscheiden, und er richtete eine eigene Anfrage an das Frankfurter Rabbinat, welches nach feierlicher Erwägung das Gutachten abgab, Moses brauche die Reise nach Frankfurt nicht zu unternehmen. In der Tat blieb der Rabbi in Preßburg, sandte aber einen eigenen Vertrauensmann nach Frankfurt, welcher der greisen Mutter Entschuldigungen, Grüße und Segenswünsche des Sohnes überbrachte. Seine Mutter fragte: „Was macht mein Jung'?" Noch über einen anderen ähnlichen Zug des Heroismus läßt sich berichten: In seinem Werke flSchaaloth Tschuwoth" finden wir die ergreifende Stelle: „Während ich hier schreibe, liegt meine arme Frau im Todeskampfe", und mit einem Seufzer geht er wieder an die wissenschaftliche Frage, die ihn beschäftigt. Sein schriftstellerischer Fleiß war einzig in seiner Art, und es ist charakteristisch, daß eisernem ältesten Sohne und späteren Nachfolger einstens sagte: „So viel Papier wie heuer hab' ich noch nicht gebraucht; ich habe bereits ein ganzes Riß verschrieben, trotzdem ist mein Kopf rein, aber die Hände Moses sind schwer." Dabei ist zu bemerken, daß der Rabbi, der in seinem Kasten Schätze von geistreichen und scharfsinnigen talmudischen Arbeiten druckfähig liegen hatte, sich nicht entschließen konnte, auch nur eine Zeile davon der Oeffentlichkeit zu überliefern. Er kannte weder die Gier nach Ruhm noch diejenige nach Gold, er war zu bescheiden und zu einfach, um die Werke herauszugeben, die nach seinem Tode einen Schrei der Bewunderung hervorriefen. Von allen Seiten strömten Talmud-Jünger aus den angesehensten Familien nach Preßburg, um aus dem heiligen Munde Sofers Thora zu schöpfen. Auch zeichnete sich die Preßburger Kultusgemeinde durch Wohltätigkeitssinn aus, sie. unterstützte ausgiebig diejenigen Bachurim, die unbemittelt waren, verschaffte denselben Wohnungen unentgeltlich und verabreichte ihnen überdies Kleidungsstücke. Selbstverständlich hat Rabbi Moses nicht wenig dazu beigetragen, um das Los seiner Schüler, die ihn abgöttisch verehrten und an ihn wie die Flamme an der Kohle hingen, zu verbessern. Seitdem die großen erhabenen Hochschulen zu Tiberias, Nhardoe' und Pumbeditha eingingen, seit cfen Zeiten von Rabbi Isaak Alfasi war keine solche ansehnliche weltberühmte Jeschiwa wie die zu Preßburg in Rabbi .Moses Sofers Zeiten. Etwa 400 Talmud-Jünger waren gewöhnlich in Preßburg, die dem Talmud-Studium mit großem Fleiße oblagen. Viele derselben fungierten als Rabbiner in Oesterreich-Ungarn. Rabbi Moses erteilte seinen Schülern stehend den Unterricht. Bevor er ein Halacha Tosfoth begann, sendete er etwas Magidoth voraus und erzählte hie und da moralische Abhandlungen aus dem Buche der Herzenspflichten. Rabbi Moses förderte auch das Schulwesen im allgemeinen und widmete den Schulangelegenheiten große Aufmerksamkeit. Zu seiner Zeit wurde die Hauptschule eröffnet, und sendete er auch seineKinder dorthin, da diese Schule unter seiner Aufsicht stand. Müßiggang konnte Rabbi Moses nicht dulden. Wenn er sich nicht in den Talmud vertiefte, lernte er Kabbala. War ein Schüler während des Unterrichtes unaufmerksam oder schläfrig, so sprach er: „Wozu schläfst du, du hast wahrlich Zeit zu schlafen, wenn du gestorben sein wirst." Auch bis Zion und Jerusalem erstreckte sich seine Tätigkeit, und er stiftete dort Friede zwischen den verschiedenen Parteien. Im Sommer war einst Rabbi Moses mit Rabbi Markus-Banet in Baden bei Wien, und nachdem sie abreisten, wurde erzählt, daß die zwei Geistesgroßen Ghaß Bawli und Jeruschalmi und die Schriften des heiligen Ari usw. durchgegangen sind. Was Rabbi Moses zu Zeiten Aron Ghoriners und in bezug auf die in Hamburg und Berlin aufgetauchten Reformbestrebungen gewirkt, ist weltbekannt. Nach jüdischer Zeitrechnung 5572 überschwemmten die Franzosen Preßburg und Denunzianten gaben an, daß Chassam Sofer ein Deutscher und ein Spion sei. Hierauf wurde Sofer vor ein Kriegsgericht gestellt, welches indes seine Schuldlosigkeit bald herausfand und die Denunzianten bestrafte. (Fortsetzung folgt.)