Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1920-12-31 · 25/41 (31.12.1920) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
6 (1920)
Issue
25/41 (31.12.1920)
Date
1920-12-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2629891-2629892-2629905--0098-2631691
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 JÜDISCHE PRISSfi Mr. 25/41 ror Augen zu halten, daß daraus für uns die Verpflichtung erwächst,, den gleichen Weg zu gehen und den gleichen Idealen zu dienen. Und zweitens: Ihr seid am Sinai gestanden und habet die Thora empfangen. In jenem Momente seid ihr ein „Volk", ein G-ttesvolk geworden. Das will sagen, das jüdische Volk hat bis Ende der Zeiten als Volk der Thora und nur als solches zu leben und in der Welt zu wirken. Alles, was dieses Volk unternimmt und leistet auf Erden, hat im Lichte der Thora zu geschehen. Es gibt hiervon keine Ausnahme. Auch nicht die Politik darf als eine solche betrachtet werden. Das religiöse Judentum ist in der letzten Zeit geschwächt worden. Die Frommen haben die Zügel aus der Hand verloren. Das muß anders werden, soll das religiöse Judentum seiner Mission gerecht werden. Die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten in Gemeinde und Politik müssen wieder die frommen Juden in die Hand nehmen und sie dürfen nicht zugeben, daß Abgefallene und Ungläubige die Sachwalter bleiben. Bei diesen Schlußworten des Redners schlug ein kleines Häuflein junger Leute Lärm. Es gelang ihm aber nicht, die würdige Fortsetzung des Meetings zu verhindern. Solizitor Isaak Landau ergreift nun das Wort zu seinem einleitenden Referate über die Geschichte und die Ziele der Agudas-Bewegung. In prägnanten Sätzen schildert der Redner die Zustände des orthodoxen Judentums während der letzten Jahrzehnte vor der Gründung der Aguda, berichtet über die Motive, aus denen die Oganisation entstanden ist, und erklärt ihre Eigenart unter den sonstigen organisatorischen Bestrebungen im Judentum. Die Aufgaben der Agudas Jisroel sind für die Gesamtheit des Judentums von so entscheidender Bedeutung, daß es insbesondere im gegenwärtigen Moment für jeden englischen Juden eine unabweisbare Pflicht ist, sich ihr anzuschließen und sie mit allen Kräften zu fördern. Zum Schlüsse empfiehlt er eine Resolution zur Annahme. J. M. Lew in (Warschau) erstattet hierauf sein Referat über das Programm der Aguda und ihren gegenwärtigen1 Stand in Polen und in anderen Ländern. Der Referent betont nachdrücklich, daß das Endziel der Aguda auf die Erhaltung des Friedens und des friedlichen Zusammenwirkens aller positiven Organisationen im Judentum gerichtet ist. Die Voraussetzung hiefür ist indessen der Bestand einer festgefügten, in sich geschlossenen und ausschließlich den Interessen der Thoratreue gewidmeten vollständigen, unabhängigen und sich lediglich dem Thoraworte und den Thora-Autoritäten unterordnenden Organisation, wie die Agudas Isroel. Niemals werden die vielen Ahuncjert Rabbinen und Talmide Ghachomim Polens und'Üer anderen osteuropäischen Länder, die jetzt in der Aguda vereinigt sind, an einer Organisation mitwirken, die dieser Voraussetzung nicht entspricht. Ist einmal die selbständige Organisation geschaffen und sind erst ihre Institutionen finanziell und mit dem Rüstzeug der modernen Technik gehörig ausgestattet, so wird der Zeitpunkt auch für eine Arbeitsgemeinschaft mit solchen Organisationen kommen, von denen uns Prinzipien trennen. Nur im Wege einer unabhängigen Organisation ist es möglich, die Kräfte des orthodoxen Judentums für die großen Zwecke der jüdischen Gemeinschaft nützlich zu machen. Es muß eine Organisation da sein, zu der die frommen Massen und ihre rabbinischen Führer Vertrauen haben. Und eine solche Organisation ist die Agudas Jisroel. Dieses Vertrauen hat sich die Aguda durch die Unzweideutigkeit. ihres Programms und ihre bisherigen Leistungen auf dem Gebiete der Erziehung, der Waisenfürsorge nnd der politischen Tätigkeit erworben. Jetzt gilt es. auf dem begonnenen Wege fortzufahren. Die Verlegung der Zentrale nach London gibt den englischen Gesinnungsgenossen Gelegenheit, sich hinter die Führer des Ostens zu stellen, und so den Ring der Landesorganisationen zu schließen. Mit einem warm«n Appell an die Versammlung zur Mitarbeit in der Aguda schließt der Redner seine mit Begeisterung vorgetragenen und von der Versammlung beifälligaufgenommenen Ausführungen. (Fortsetzung folgt.) Brief aus Riga. (Von unserem Korrespondenten.) Riga. 12. Dezember. Die Aguda hat hier kräftige Wurzeln geschlagen. Sie wirkt nicht nur nach* Innen versittlichend und erhebend, sie sichert nicht nur den Bestand der Thora bei der kommenden, verloren geglaubten Generation, sie tritt vielmehr auch als wegweisendes Prinzip bei allen Fragen des Lebens auf. Die Aguda besitzt ausreichende Vertretungen in der Stadtverwaltung und sogar in der Gründungsversammlung. Auch bei den Gemeindewahlen war der Sieg auf unserer Seite. Freilich verdanken wir dies der Energie und dem weit über die Grenzen unserer Stadt hinausreichenden Einfluß unseres Herrn Oberrabbiners R. M. Sack n. j. So konnten wir fast in allen Gemeinden Lettlands Agudavereine gründen, und konnten hier die Zentrale für Lettland errichten. Jüngstens fand hier eine Hilfsversammlung für Lettland statt, wo mit Rücksicht darauf, daß alle Parteien vertreten waren, die Kulturfrage ausgeschlossen war. Trotzdem wurde die Rede unseres Oberrabbiners, der im Geiste der Thora sprach, mit Achtung begleitet, um so mehr als er es taktvoll versteht, mit den sozialistischen Parteien, unter denen es auch extreme Strömungen gibt, ein friedliches Verhältnis zu ermöglichen. Da hier von Jedermann gut Deutsch verstanden wird, können wir das vorhandene Propagandamaterial ohne Uebersetzung verwenden, immerhin wären auch jüdische Schriftwerke erwünscht. Wir sind im Begriffe, gleich Kowno, ein Lehrerseminar zu gründen und wird sich hier für eine tüchtige, geeignete Person ein gutes Tätigkeitsgebiet eröffnen. Wir hoffen, daß Sie uns eine solche Persönlichkeit zur Verfügung stellen werden können. Wir werden uns auch bald einen wirkungsvollen Redner von der Zentrale erbitten, wenn der geeignete Moment da sein wird, wo wir stark einsetzen wollen. Wir bitten noch um eine größere Sendung von Exemplaren der „Jüdischen Presse", um deren Verbreitung wir bestens bemüht sind. C. B. In keinem jüdischen Hause fehle die „Jüdische Presse". besonders die herzlichen Begrüßungsbriefe der Waad Hair Aschkenazim und Rabbi Sonnenfelds (Jerusalem), Rabbi Daiches (Leeds), Kommandant Lipman und Prof. Hawkin (Paris). Unter lautloser Stille begrüßt der Chairman mit einem „Gut Woch" die Erschienenen und weist in einer fein pointierten Ansprache auf die Bedeutung dieser Kundgebung und der Agudas Jisroel bin. Er habe sich, trotzdem er bisher der Aguda nicht angehört, verpflichtet gefühlt, den Vorsitz in dieser Versammlung zu übernehmen, nicht nur weil er als Präsident des Board of Deputies allen positiven Bestrebungen zur Erstarkung des jüdischen Geistes und zur Hebung der materiellen Wohlfahrt des jüdischen Volkes seine Unterstützung gewähren möchte, sondern auch, und vornehmlich deshalb, weil er angesichts der ihm aus den verläßlichsten Quellen bekannten, für das religiöse Judentum so ungemein traurigen religiösen Zustände in Erez Israel einen Zusammenschluß aller orthodoxen Juden und aller orthodoxen Organisationen als eine Lebensnotwendigkeit für das Judentum betrachte. Er führt hierbei besonders den in Erez Israel von den neuen zionistischen Ankömmlingen zum Schrecken aller guten Juden eingeführten öffentlichen Ghillul Schabbos und die empörende Uebertretung der Speisegesetze an. Die Agudas Jisroel vereinigt in sich den Großteil aller rabbinischen Autoritäten und die besten Kräfte des orthodoxen Judentums. Diese müssen auch für Erez Israel wirksam werden, ganz abgesehen von dem positiven Aufbauprogramm der Aguda. Durch die Einigkeit im orthodoxen Lager könnte die orthodoxe Judenheit die Führung wieder erlangen. Trotzdem die Vorschläge der Aguda bisher von der Gegenseite zurückgewiesen wurden, hält er es im Interesse der gemeinsamen religiösen Ideale für notwendig, die Bemühungen nach dieser Richtung hin ohne Preisgabe der organisatorischen Selbstständigkeit und der politischen und religiösen Grundgesetze fortzusetzen. In dieser Hoffnung wolle er seinen Einfluß geltend machen. Oberrabbiner PI otzky (Ostrowo) überbringt hierauf die Grüße der polnischen Aguda und ihren Dank für die von der englischen Judenheit den Brüdern in Polen geleistete Hilfe. Bei der Schilderung der Leiden der polnischen Juden während der letzten Jahre bricht der greise Gaon in Tränen aus. Er legt Wert darauf, hier und unzweideutig festzustellen, daß in bezug auf die Aguda und ihre Notwendigkeit für das jüdische Volk mit ganz geringen Ausnahmen die gesamte polnische selbstbewußte Orthodoxie, sämtliche Rabbinen und Rabbis einer Meinung seien, und bittet die Gleichgesinnten in England sich mit Begeisterung in den Dienst der Agudaziele zu stellen. Der Eindruck der schlichten Worte des Rabbi ist auf allen Gesichtern erkennbar und findet in stürmischen Beifallskundgebungen seinen Ausdruck. Hierauf erhält Dr. Nathan Birnbaum das Wort. Er möchte der Versammlung nur zwei Tatsachen in Erinnerung bringen, durch die der Lebensweg und die Aufgaben des jüdischen Volkes für alle Zeiten unwiderruflich bestimmt wurden. Erstens: Ihr seid Nachkommen von Awrohom Owinu, des ersten Menschen auf Erden, der durch die Gnade G-ttes seinen heiligen Namen. erkannt und sein Leben seinem- Dienste geweiht hat. Wir haben uns nichtjüdischen Massen begreiflich machen, daß dieses so kluge, realistische, mit seinem scharfen Zweckverstande überlegene Volk sich gerade in großen Fragen seiner Allgemeinheit ohne Widerstand und Kritik von sträflich leichtsinnigen Führern ins Ungewisse und Uferlose zerren läßt? Wer will sie davon überzeugen, daß hinter diesem Gezeter und Getue nichts, absolut nichts stecke?! Dieses Märchen vom „Rate der Weisen von Zion", das einfach den Antisemitismus zur Notwehr mobilisiert und von verhängnisvollerer Wirkung ist, als alle bisher patentierten antisemitischen Erfindungen, wird vergeblich mit Protesten bekämpft, wenn auf der anderen Seite das K. d. j. D. mit Drommeten- und Trommelschall beim Völkerbund aufmarschiert und die Presse mit Kommuniques über seine auf den ganzen Erdball verzweigten mächtigen Organisationen bedrängt. Der amerikanisch-jüdische Kongreß hat einen schweren Fehler gutzumachen, der sich in Amerika selbst zu rächen beginnt. Der nächste amerikanische Kongreß hat eine gründliche Revision derFrage des jüdischen Minoritätsrechtes vorzunehmen. Die unglückseligen Wirkungen des traurigen Irrtumes des jüdischen Minoritätsrechtes muß jeden ehrlichen Führer dazu bewegen, scharf Kontredampf zu geben. Der nächste amerikanischeKongreßmuß gemäß derWeisung Hilleis: „Was dir nicht recht ist, tue deinem Genossen nicht an" auch den Juden aller Länder nachdrucksvoll bedeuten, daß ihr Verhältnis zu ihrem Wohnlande das der fraglosen Zuverlässigkeit sein muß, die von keinem Wenn und Aber eingeschränkt werden darf. Das jüdische Amerika kann und soll uns und „ sich auch den Weg zur Ehre zurückfinden helfen. Denn was alle Schrecken dieser furchtbaren Aera der Pogrome überschattet, ist der drohende Verlust unserer Stammesehre. Ein beispielloser Ghilul haschem schmettert unseren Stolz nieder. Aus all diesen Ruinen jüdischer Siedelungen scheint noch — wie in der Talmud-Erzählung — ein Batkol zu wimmern: „Ihr sollt meinen heiligen Namen nicht entweihen". Wir müssen das Schild Davids wieder in alter Reinheit ergänzen lassen! Wir haben die Fähigkeit und alle Behelfe, die niedergeschmetternden Völker und die Massen, die selbst in Siegeriändern der Verzweiflung entgegentaumeln, zu erheben! Unsere gefürchtete Internationalität kann und muß zum sichtbaren, unverkennbaren und unentstellbaren Segen der Völker werden! Wie sich das Würtchen „Joint" zum Begriffe des Segens gestalten konnte, kann eine riesenhaft vergrößerte ähnliche Tätigkeit, die noch auf das Gebiet der Finanzpolitik und der Volksversöhnung übergreift, den Namen „Jude" zur gleichen Verehrung wie „Friends", wie Samaritaner, erheben, wenn diese große weltumspannende, humane Bewegung, würdig der alten amerikanischen Tradition und der neuamerikanischen Proportion, von einer offiziellen Vertretung des Judentumes ausgeht. An unserem heiligsten Tage, dem Jomkippur, wo dem Volksganzen der Sinn seines Daseinszweckes geoffenbart werden soll, spricht der große Prophet Jesaias in alle Zeiten hinaushallende Weisungen aus. „Und sie drängen mich auch täglich, als ob sie ein Volk wären, das Recht und Wohltat üben würde. „Warum quälen wir uns und sehen kein gutes Zeichen?"■• Wißt ihr, wie die Buße ist, die mir wohlgefällt? ,Ist's nicht, daß du dem Darbenden dein Brot vorlegst, Arme, Erschöpfte ins Haus bringst und wo du einen Nackten siehst ihn bekleidest?8 ... „...Durch dich sollen erbaut werden die Ruinen der Welt, und neuerrichtet werden die Grundfesten kommender Geschlechter . . . Dann wirst du wieder erhoben werden zu den Höhen der Menschheit!14 Was das amerikanische Judentum bisher für Europa getan hat, sei das kleine Modell zu einer beginnenden, alle bisher gekannten Dimensionen überragenden Organisierung der Menschenliebe. Amerika besitzt die nötige Konzeption, das uns mangelnde Vertrauen in die unbegrenzten Möglichkeiten der Propaganda und der Organisation; es besitzt ungekannte Schatzkammern, die gewaltig genug sind, um eine Hochleitung von Glück darzustellen, die eine zerstörte Welt mit neuen Kraftströmen versehen kann. „Durch dich sollen erbaut werden die Ruinen der Welt!" Das erhabene Wort des antiken Propheten, dessen Blut in unseren Adern rollt, soll mit der Macht der Kontinuität wiederholt werden, bis es vom hohlen utopistischen Klange zum Massen bewegenden edelsten Feldruf unseres über den Erdball zerstreuten Volkes wird! Und wo sich amerikanische Proportion mit jüdischer Schwungkraft zu einem guten Klange paaren wird, gibt es keine Grenzen der Möglichkeit. Das Judentum Amerikas kann keine patriotischere Tat begehen, als sein Vaterland auf die alte Höhe vorbildlicher Humanität erheben zu helfen. Es gibt nichts Versöhnenderes, als die Gemeinschaftlichkeit an großen Werken. Gab es einen Burgfrieden zum gemeinsamen Hasse, so wird er umso eher im Zusammenwirken über eine Großtat der Menschenliebe zu erringen sein. Und einem in einer solch großen Aufgabe zusammengefaßten Volke werden die versöhnten Nationen den heiligen Wunsch nach dem Besitze des Erbteils von Ahnen, vor welchen die ganze Menschheit in ihren Heiligtümern kniet, nicht verwehren wollen. Denn Zion wird durch ■ .ororlitiykeit erlöst und seine Heirnkehiur durch Wohltun.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.