Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 23/39 (17.12.1920)
- Date
- 1920-12-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23/39 4 JÜDISCHE PRESSE Seite 3 Was in politischer Hinsicht gesagt wurde, trifft auch in wirtschaftlicher Beziehung zu. Die provisorischen Grenzen Palästinas gegen Osten, die bloß bis zum Jordan reichen und Eber-Hajarden außerhalb des Landes lassen, rauben dem heutigen Palästina jede wirtschaftliche Entwickelungsmöglichkeit, ebenso wie die Unterbindung der freien Einwanderung und des freien Bodenerwerbes. Nach dieser Richtung hin sind aber auch die Zionistenführer selbst schuldig. Aus Angst, es könnten orthodoxe Juden nach Palästina kommen, haben sie die Einschränkung der Einwanderung gerne gesehen. Mit der Hilfe des „blau-weißen Zetteln" haben sie es dahin gebracht, daß Palästina anstatt ein Zufluchtsort der jüdischen Massen zu werden, eine Versuchststation für kulturelle und soziale Experimente geworden ist. Die Ghaluzim, die auf Grund einer bestimmten Wahl nach Palästina geschickt werden, haben dort Zustände geschaffen, vor denen es schon heute den zionistischen Führern graut. Unter solchen Verhältnissen kann keine Entwickelung Platz greifen. Haben da die Zionisten ein Recht, sich zu rühmen und als die Herren des Jischub in Eres Israel zu betrachten? Du darfst mich .aber, lieber Freund, nicht mißverstehen. Indem ich dir die Erfolge der Zionisten in Palästina so schildere, wie sie in Wirklichkeit aussehen, bin ich keineswegs der Meinung, es sei alles rettungslos verloren und jede Arbeit zwecklos. Im Gegenteil, der Stand der Dinge macht es jedem Juden zur Pflicht, für Palästina zu arbeiten, um mitzuhelfen, daß die bisherigen Fehler eine Remedur erfahren. Wenn sich die Zionisten über das Eingreifen der Agudas Jisroel in der Palästinasache beklagen und darin eine „Konkurrenz" erblicken, so beweist dies, daß sie noch heute die Situation verkennen. Gerade das Abhängigkeitsverhältnis, in welches die zionistischen Führer gewissermaßen zur englischen Regierung geraten sind, läßt es als wünschenswert erscheinen, daß auch von einwanderen jüdischen Seite eingegriffen wird. Die Agudas Jisroel hat England gegenüber keine Verpflichtungen, sie kann offener und mutiger auftreten und auf die freie Oeffnung der Grenzen Palästinas drängen. Davon aber, von der Oeffnung der Grenzen, hängt alles ab. Gelingt dies, dann wird das heilige Land kein Versuchskaninchen mehr für kulturelle und soziale Experimente sein, dann werden die breiten jüdischen Massen, die des Existenzkampfes gewohnt sind und die es immer verstanden haben, sich selbst unter den schwierigsten Bedingungen zu helfen, neues Leben ins heilige Land bringen, neues wirtschaftliches, aber auch jüdisches Leben, die einzige Bürgschaft für ein Gedeihen in Erez Israel. (Wer weiß, ob die gegenwärtige Krise nicht eine Folge der Entweihung des heiligen Landes mit einer Kinokultur ist?!) Dann wird auch die gegenwärtige Krise ihr Ende finden und Palästina das werden, was es sein soll. Bis dahin aber ist es verfehlt, die zionistischen Erfolge zu überschätzen und die Zurückhaltung der Orthodoxie falsch zu deuten. Die Orthodoxie ist gewohnt, immer praktischen Zielen zuzustreben. Du und deine Freunde werden daher gut tun, ihre Anschauung über gewisse Vorgänge innerhalb des Judentums zu revidieren. Interview mit König Konstantin. Der Herausgeber der „Jüdischen Preßzentrale Zürich", Dr. Grün, suchte dieser Tage bei dem gegenwärtig in Luzern weilenden griechischen König um eine Unterredung nach und wurde Mittwoch, den 24. November, von Seiner Majestät dem König Konstantin in den Räumlichkeiten des Hotels National in einer vierzig Minuten lang währenden, durchaus in einem warmen herzlichen Tone gehaltenen Audienz empfangen. Nachdem der Herausgeber den König zu der wiedererlangten Freiheit des griechischen Volkes beglückwünscht hatte und den Wunsch aussprach, daß es dem König vergönnt sein möge, den alten Ruhm des Hellenentums in erneutem Glanz erstrahlen zu lassen, wies er darauf hin, daß wohl kein anderes Volk mit so vielem innerlichen Verständnis den Jubel der griechischen Nation über die zurückgewonnene Freiheit mitempfinden dürfte, als gerade das jüdische, das seit zweitausend Jahren nach eigener Freiheit lechzt, die ihm nunmehr endlich zu dämmern beginnt. Von den 15 Millionen Juden, die über den ganzen Erdball verstreut leben und deren Angehörige in mehreren Staaten des Ostens heute mehr denn je bedrückt und verfolgt und zu Abertausenden hingemetzelt werden, haben mehr als 100.000 das Glück, innerhalb der heutigen Grenzen Griechenlands als treuergebene Bürger des Staates in Ruhe und Sicherheit leben zu dürfen. Eingedenk des guten Verhältnisses, das der König während seiner früheren Herrschaft zu den Juden unterhielt, die wegen ihrer Treue zum König unter Venizelos zu leiden hatten, sprach Dr. Grün die Hoffnung aus, daß die Juden Griechenlands auch fernerhin auf Schutz und Wohlwollen des Königs *wohl rechnen dürfen. Der König betonte, daß er stets den Juden Griechenlands das größte Wohlwollen entgegengebracht habe. Jeder Staat habe die Juden, die er verdiene und er freue sich, daß es den Juden in Griechenland gut ginge und daß Griechenland frei vom Antisemitismus geblieben sei. Mit einzelnen Juden Griechenlands verbände ihn persönliche Freundschaft. Bei dieser Gelegenheit erkundigte sich der König des näheren über den jetzigen Aufenthaltsort und das Befinden des einstigen C.hacham-Baschi von Saloniki, Rabbi Jakob Meir, dem er besondere Wertschätzung und Freundschaft entgegenbringe. Er glaube auch, daß der Weggang Rabbi Meirs nach Jerusalem wahrscheinlich seinen Grund habe in Schikanierungen durch die Venizelisten. Der König forderte den Herausgeber der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" auf, sich diesbezüglich bei Rabbi Meir in Jerusalem zu erkundigen und ihm darüber nach Athen zu berichten. Der König betonte, er wisse, daß die Juden in Griechenland unter dem venizelistischen Regime zu leiden hatten. Habe ja ein höherer französischer Generalstabsoffizier bei der Armee in Griechenland, ehemaliger französischer Staatssekretär, die Juden bezichtigt: „Tous les Juifs sont des conspirants Gonstantiniens." Der jetzt in der Schweiz weilende jüdische Deputierte der griechischen Kammer, Malach, könne darüber nähere Mitteilungen machen. Nun werde dies alles anders werden. Brief aus Krakau. (Von unserem Korrespondenten.) Die Agudabewegung, welche bekanntlich in der „Schlome emune Jisroel" organisiert ist, nimmt eine sehr erfreuliche Entwicklung. Krakau spielt eine bedeutende Rolle als Zentrum des westgalizischen Agudadistriktes. Die „Schlome emune Jisroel" ist in mehreren Distrikten organisiert, deren Sitz in Krakau für Westgalizien, andere Distrikte sind Kielce, Lublin, Radom, deren Zentrale Warschau ist. Besonders rühmenswert ist auch die Tätigkeit der Jugendgruppe. An der Spitze der Aguda wirken die bekannten Askonim, die Herren Frankel, Deutscher, Laufer, Freilich, Luxenburg und andere. Die Erziehung der Mädchen in echtjüdischem Geiste, ist nun eine als wichtig erkannte Aufgabe geworden und hat ihre Erfüllung in der Gründung der „Bes Jakow"- Mädchenschule, in welcher hebräisch und jüdische Kenntnisse sowie Handarbeiten und Hausindustrie gelehrt wird. Geschichtliche Vorträge und sonstige Veranstaltungen sollten dazu dienen, die Liebe zum wahren Judentum einzuprägen. Die Schule steht unter der Leitung der Pädagogin Frau Sara Schenirer, an deren Seite acht tüchtige Lehrerinnen wirken. Die Schule hat sich große Sympathien in großen Schichten der jüdischen Gesellschaft erworben und zählt schon mehr als 500 Schülerinnen und nur der Mangel an Lokalitäten setzt dem weiteren Wachstum der Schule Schranken. Auch auf wirtschaftlichem Gebiete hat die Äguda sehr viel zur Linderung der Not der Bevölkerung mit der Gründung des Konsumvereines „Israel" beigetragen, welche]* an seine Mitglieder, welche vorläufig auf 1600 Familien gestiegen sind, verbilligte Lebensmittel verkauft. Der Konsumverein „Israel" beschäftigt einen großen Stab von Angestellten, die von mehreren Direktoren geleitet werden. Die Initiative zur Gründung dieses Konsumvereines ist von der Warschauer Zentrale ausgegangen, welche fast in jeder jüdischen Gemeinde Polens solche Vereine gegründet hat, welche zum Segen »der Bevölkerung geworden sind. Man geht jetzt daran, einen Landesverband aller dieser Konsumvereine, zu schaffen, um durch die Zentralisierung eine weitere Verbilligung und größere wirtschaftliche Aktionen durchführen zu können. Besonders gut ist das Pressewesen organisiert. Jede Jugendgruppe hat ihr Preßkomitee, welches sich mit der Verbreitung des Zentralorgans, des brillant redigierten jüdischen Tagblattes „Der Jud", beschäftigt. Die Jeschiwos und Talmud-Thoras gelangen durch die Unterstützung der Aguda zur neuen Blüte, unterstützt teils vom „Keren hachinuch", dem Unterrichtsfonds und von der Sammlung, welche der Sejm-Deputierte, Rabbiner Perlmutter, im Auslande mit glänzendem Erfolge veranstaltet hat. Rabbiner Perlmutter, der bereits das neunzigste Lebensjahr 1. j. überschritten hat, unternahm in seiner Hingabe für die Sache der Thora eine Rundreise ins Ausland für die Jeschiwos und Talmud-Thoras und hat besonders in London in großen Meetings hervorragenden Eindruck gemacht. In der „Joint"-Sache herrschen hier trübe Zustände. Die Zionisten majorisieren die Orthodoxen, die 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung ausmachen, künstlich, indem sie für jede ihrer Fraktionellen besondere Delegierte entsenden und die große orthodoxe Masse ebenfalls nur einen Delegierten erhält. Die Emigration nimmt riesige Dimensionen an. Ganze Gemeinden samt den Rabbinern und Melamdim. wandern aus. Die seit mehr als 15 Jahren vakante Stelle des Krakauer Oberrabbiners soll nun endlich besetzt werden. Die Wahl schwebt zwischen den Glinyaner Raw Maier Schapira und dem Rabbiner von Nagy Szöllös Kornitzer, der als Enkel des Rabbi Simon Sofer s. z. 1. und Jichus azmo viel Anhänger hat. Diese Tage hielt Rabbi Maier Schapira in mehreren Synagogen Vorträge und rief großen Enthusiasmus hervor. Rabbi Schapira ist erst 32 Jahre alt, hat aber schon als Autor des Werkes „Imre daas* einen guten Ruf und ist ein hervorragender Redner. An Stelle des verstorbenen Rabbi Maier Rappaport wurde R. Mendel Dameschek zum Rabbinerstellvertreter gewählt und rückt an seine Stelle nunmehr Rabbi J. Löwy (Osztrowizky) als Dayan vor. während der Labower Raw R. Samuel Aron Müller zum Rosch-Jeschiba erwählt wurde. Wird endlich die Gemeinde Krakau wieder durch einen Godol be-Jisroel gekrönt werden, so wird das jüdische Leben wohl einen außerordentlich großen Aufschwung nehmen. Mabit. Ein großer Erfolg <k$ Rabbi Zirelsofcn. Das Zentralbureau der Agudas Jisroel in Zürich erhielt von der Organisation der Agudas Jisroel Kischenew folgende Mitteilung: Den in unserer Stadt zu Tausenden befindlichen Flüchtlingen wurde dank der ausgezeichneten Intervention des Rabbiners Juda Leib Zirelsohn, Obmann der Landesorganisation der Agudas Jisroel Beßarabiens, wahre „Jeschua" zuteil. Zum Bankett, das der Ortsgemeinderat Kischenews zu Ehren des Ministerpräsidenten General Averescu veranstaltet hatte, wurden eingeladen: Rabbiner Zirelsohn, Ing. Gottlieb, Gemeinderat S. Lichtmann, Richter Kenigschitz und Dr. Kohan- Bernstein. Nach den Ansprachen des Bürgermeisters Lewenski, des Ministerpräsidenten Averescu und des Generals Popovics, hielt auch Rabbiner Zirelsohn eine tadellose Begrüßung in französischer Sprache und drückte dem General Averescu den Dank ans im Namen der unglücklichen Flüchtlinge der Ukraine, welche dank der Gnade des Generals hier in Beßarabien, dem Lande der Ordnung und Gerechtigkeit, Schutz und Sicherheit nach ihrer Flucht aus der verwüsteten und von Blut getränkten Ukraine gefunden haben. Diese Rede, die mit starkem Gefühl gesprochen wurde, übte eine große Wirkung auf den General und alle Gäste, unter denen sich mehrere Erzbischöfe, Generäle und andere hohe Beamten befanden, aus. Man erhob sich von den Plätzen und applaudierte stürmisch. Nach dem Mahle (selbstverständlich genoß der Rabbiner nichts davon), als der General sich in Begleitung seiner Adjutanten in seine Gemächer begab, berief er den Rabbiner Zirelsohn zu sich, sprach mit ihm über Verschiedenes und berührte die Flüchtlingsfrage. Der Rabbiner benützte diese Gelegenheit und schilderte in erschöpfenden Ausführungen die traurige Lage der Tausenden von Flüchtlingen, die hier in Beßarabien eine Ruhestätte gefunden haben. Nachher fragte der General den Rabbiner mit Nachdruck: „Wie ist jetzt die Lage der Juden in denjenigen Orten,, die die Bolschewiken verlassen hatten und die Uhrainer wieder einnahmen?" Hierauf erwiderte der Rabbiner: „Die Lage eines irdenen Topfes ist immer schlecht, sei es, daß der Stein auf ihn fällt, oder daß er an den Stein stößt; die Juden sind das schwächste Volk, deshalb leiden sie von beiden Seiten zugleich; die Bolschewiken beschuldigen sie der Konterrevolution, die Ukrainer des Bolschewismus. Beide Beschuldigungen sind nicht richtig; denn nach dem Prozentsatz haben die Juden nicht mehr, wenn nicht weniger, Revolutionsgegner und Bolschewiken als die anderen zivilisierten Völker." Am nächsten Tage stattete der Rabbiner Zirelsohn dem Ministerpäsidenten General Averescu einen Besuch ab und bedeutete ihm, daß er als Ministerpräsident verpflichtet sei, zu versichern, daß sein Wohlwollen gegenüber den Flüchtlingen, behüte G-tt, in keine Katastrophe enden werde. Die Sache v.erhälte sich folgendermaßen: Fast alle Flüchtlinge können und dürfen sich nicht in Beßarabien festsetzen. Ihr erstes Ziel ist nach Erez Israel, Amerika, Australien usw. auszuwandern, um dort ein neues Leben zu beginnen. Sie halten sich aber schon einige Monate auf, weil die Konsule der betreffenden Länder ihnen das Paßvisum nicht geben wollen, ohne die ukrainischen Dokumente anzuerkennen, da sie noch nicht als gesetzliche Regierung anerkannt ist, und die rumänische Regierung folgt, wie bekannt ist, den Untertanen eines fremden Landes keine persönlichen Dokumente aus. Daher kommt es, daß hier die Flüchtlinge wie zwischen Himmel und Erde hängen. Weiter erinnerte der Rabbiner an die vielen Hunderte von Flüchtlingen, die unschuldig im Gefängnis sitzen. Der Rabbiner bat daher: 1. daß die rumänische Regierung den Flüchtlingen Flüchtlingsdokumente ausfolge, auf Grund deren die Konsule ihnen Pässe geben werden; 2. da man das Konsulatsvisum ohne Sittenzeugnis nicht bekommen könne, soll an alle Präfekturen die Weisung ergehen, daß allen Flüchtlingen solche Zeugnisse auszufolgen sind, obwohl sie keine rumänischen Untertanen sind; 3. daß alle in Gefängnissen eingesperrten Flüchtlinge auf freien Fuß zu setzen sind. General Averescu gewährte diese Bitte an Ort und Stelle und befahl es sofort durchzuführen. Die Freude der Tausenden Flüchtlingen ist unbeschreiblich. Männer, Frauen und Kinder weinten vor Freude.