Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 23/39 (17.12.1920)
- Date
- 1920-12-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 aus allen vier Ecken der Welt stattfinden sollte. Ein geistiger Genuß seltener Art, Herzl, Nordau. Zangwill, Mandelstamm und andere an einem Abend zu sehen und zu hören, jüdische Delegierte aus allen Zonen und Kulturen zu begrüßen, das gab wildleidenschaftliche Kämpfe um Einlaß in den Raum, der bei all seiner Ausdehnung kaum den dritten Teil der Anstürmenden fassen konnte. Drinnen wogt ein Meer von Menschenköpfen, braust das tausendstimmige Geplauder wie ein Orkan. Man erzählt sich mit Enttäuschung, daß Herzl, der schon damals ein Mythos geworden, durch Krankheit verhindert sei, an dem Meeting teilzunehmen. Auf der amphitheatralisch aufsteigenden Tribüne sitzen, von der Menge angestaunt, die Delegierten. Jemand gibt das Zeichen zum Beginne. Ein Männerchor setzt ein mit einem Gesänge. Man horcht, überrascht der Melodie . . . wahrhaftig . . Iedowid boruch . . es ist Samstag abends . . Das Meeting wird offiziell mit dem Maariwgebet eröffnet! Der Vorbeter begann Borchu, allein er konnte sich im Getöse des Publikums der Halle nicht hörbar machen. Jemand schwenkt da die Fahne als Zeichen —- wie, zur Zeiten des alexandrinischen Tempels, der so groß war, daß man mit einer Schwenkung der Fahne angegeben hat, wo die Gemeinde mit Amen einzufallen habe — und ein 800-faches Minjan antwortete wie das Brausen des Meeres. Ein Redner beginnt, aber plötzlich wendet sich alles gegen den Eingang. Herzl erscheint unvermutet. Ein tausendstimmiger Aufschrei der Ueberraschung und des Enthusiasmus rollt wie ein Donnerschlag durch die Halle. Ein extasischer Taumel erfaßt die Menge, von welchem jedermann widerstandslos mitgerissen wird. Die Halle erdröhnt von einem unerhörten vieltausendstimmigen Menschenlaut, in dem sich Schmerz, Hoffnung, Liebe, Fanatismus zu einem überwältigenden Chor mischen. — Was sie an diesem Abende sagten, war nur Versammlungsstyl. Aber am nächsten Tag in Queenshall, eröffnete Herzl in seiner kategorischen Art mit folgenden Worten: „England, das freie, das große, das über alle Meere blickt, wird uns verstehen. Von hier aus wird erst unsere Bewegung ihren Aufschwung nehmen." Es war zur Zeit der Emigration der rumänischen Juden und Zionismus hieß damals nichts anderes als eine sichere Heimat für alle Flüchtlinge zu schaffen. Es war ergreifend, als Nordau, der trotz seiner 50 Jahre schon damals schneeweiß wie ein Greis war, mit schmerzlicher Vorahnung ausgerufen hat: „Das ist noch gar nichts! Es wird viel ärger kommen! Was werdet Ihr erst tun, wenn ein Meer von Hunderttausenden schreiender Flüchtlinge an Eure Schwelle branden wird?" * * * Zwanzig Jahre sind seither verflossen. Die Frage Nordaus hat keine Antwort gefunden. Wieder steht die jüdische Masse vor großen jiddischen Plakaten, die eine neue Heilsbotschaft verkünden und wieder wird die Riesenmenge um Einlaß bei den Eingängen von Great Assembly Hall kämpfen, um eine Antwort auf die bange offene Schicksalsfrage zu hören. Falsche Propheten haben vorausgesagt, daß der Aguda in England kein Weizen blühe. Die Thora stehe im Verdachte der Deutschfreundlichkeit. Die Vorzeichen haben sie schon Lügen gestraft. Die Begeisterung für die Aguda hat die Eastside erfaßt und kein anderer als Stuart Samuel wird den Vorsitz führen, als guter Jude und guter Engländer. Und er dürfte mit den Worten beginnen: „England, das große, das freie, das über alle Meere blickt, wird uns verstehen. Von hier aus erst wird unsere Bewegung den Aufschwung nehmen!" * .i: * Öroftc Begeisterung für die Jfguda in Condon €a$t. Die Ankunft der Aguda-Delegation in London hat im Eastviertel zündend gewirkt. Es zeigt sich, daß die breite Masse mit ihrer ganzen Psyche im Erdreich der Thora wurzelt und niemand tiefer auf sie wirken kann, als die Thoralührer. Samstag, den 18. Dezember, findet in der Riescnhalie „Great Assembly Hall" ein Massenmeeting statt, bei welchem Stuart Samuel präsidieren wird und Rabbi Grodsenski (Wilna), Rabbi Plotzki, Dr. Birnbaum (Wien) und andere sprechen werden. Von der Slowakei wird statt des angekündigten Präses Weber, Oberrabbiner Spitzer (Kirchdrauf) sprechen. empfang der polnischen Rabbiner in Condom Mittwoch, den 8. Dezember abends, fand in der „Maehsilke Hadas" -Synagoge ein feierlicher Empfang der Rabbiner Polens statt, die als Aguda-Delegation nach London gekommen sind. Aus allen Stadtteilen Londons strömten die Juden zahlreich herbei, um die Gedole Polens zu begrüßen, und um 8 Uhr, als die Rabbiner erschienen, war das Rathaus bereits derart voll, daß es mit schwerer Mühe gelang, den großen Gästen den Weg frei zu machen. JÜDISCHE PR8SSE Rabbiner Dr. Jung hielt eine Begrüßungsansprache, worin er die Rabbiner als Vertreter aller Zadikim und Geonim und des gesamten religiösen Judentums Osteuropas vorstellte. Sie seien nicht hergekommen, sagte er, um Hilfe für ein kleines Häuflein zu bitten, sondern für die Träger des Thoragedankens, für die Quelle der Jüdischkeit, für die Waisen.; Nach seiner Rede, die mit Begeisterung aufgenommen wurde, hielt Rabbiner Josef Löw aus Warschau eine eindrucksvolle Drosche. Er verglich die heutige Zeit mit dem Zeitalter der Hasmonäer und setzte dabei das Programm der Agudas Jisroel auseinander. Zum Schlüsse sprach noch Rabbiner Jizchak Meir Lewin, Schwiegersohn des Gerer Rabbi. In seiner Rede führte er aus, daß das Hauptziel der Agudas Jisroel sei, Frieden unter den Juden auf Grund der Thora zu machen, da nur so die echte Einheit geschaffen werden könne; das sei jedoch nur möglich, wenn die Aguda gestärkt werde. Er begründete, warum die Aguda als selbständige Organisation auftrete. Seine Rede löste bei allen Anwesenden stürmischen Beifall aus. Briefe über Juden und Judentum. III. Was ist in der Palästinasache erreicht worden? Lieber Freund! Es mag wohl demjenigen, der etwas für sein Volk leisten will, ein magerer Trost sein, zu erfahren, daß auch die anderen nichts greifbares geschaffen haben. Du wirst daher wenig Trost in meinen nachstehenden Ausführungen finden. Wenn ich mich trotzdem bemüßigt sehe, dir die sogenannten „Erfolge" der Zionisten in der Palästinasache ins richtige Licht zu rücken, so geschieht es deswegen, um dir den Beweis zu^liefern, daß dein Pessimismus hinsichtlich der Arbeit der Othodoxie unbegründet ist. Sie hat bisher zum Schutze der Juden in der Diaspora wenig getan und noch weniger bezüglich der Schaffung einer jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina, weil die Verhältnisse jede reale Arbeit einfach unmöglich machen. Diejenigen aber, die sich ihrer Arbeit rühmen, tun dies sehr oft auf Kosten der Wahrheit, mögen sie sich auch viel Mühe gegeben haben. Die Orthodoxie hat es unterlassen, für etwas Kräfte zu verwenden, das kaum Aussicht auf Erfolg hat. In dem Momente, da tatsächlich etwas zu erreichen sein wird, dürfte die Orthodoxie sicherlich ihren Mann stellen. Wenn man die Arbeit der Zionisten hinsichtlich der Sicherstellung der Rechte der Juden in den Ländern der Diaspora richtig bewerten will, so mag an eine Rede eines Zionistenführers vor etwa 16 Jahren erinnert werden. Es war dies nach den traurigen Tagen von Kischenew. In einer europäischen Hauptstadt fand damals eine jener „Protestversammlungen" statt, an deren Arrangement die Zionisten bekanntlich Meister sind, und ihr Wortführer erklärte mit Emphase: Schuld an. der Hilfslosigkeit der Juden sind die jüdischen Organisationen, die Allianz usw., die nach Außenhin als die Vertreter der Juden auftreten, aber nichts für sie tun. Hätte die zionistische Organisation 20 Jahre hinter sich, sie wäre sicherlich stark genug, um derartige Vorkommnisse, wie in Kischenew zu verhüten und sie hätte Mittel genug, um der Not der Betroffenen abzuhelfen. Nun hat die zionistische Organisation etwas mehr als 20 Jahre hinter sich, sie arrogiert sich das Recht, als die „einzige" Wortführerin der Juden zu gelten und wo ist ihre Kraft, wo ihre Mittel, wenn wir seit Jahren Geschehnissen gegenüber stehen, vor denen der Kischenew-Progrom wie ein Kinderspiel anmutet? Freilich, die Herren werden sagen: es ist eben die Kriegsperiode mit ihren unnormalen Zuständen, da läßt sich nichts machen. Allein, sie haben doch sehr viel gearbeitet, sie haben das Ohr des Obersten Rates für sich gehabt, sie sind bei Glemenceau, Lloyd George usw. sozusagen aus und eingegangen, sie haben die Ostjuden mit Minoritätsschutzklauseln beglückt und haben sich ihrer Erfolge gerühmt — und gerade diese Klauseln haben sich für die Juden im Osten als das größte Unglück erwiesen, zumindest aber als Seifenblasen, die vor der Wirklichkeit in nichts zerrannen. Wer weiß, ob nicht doch etwas zu retten war, wenn man den Verhältnissen Rechnung getragen und sich nicht darauf verlegt hätte, an dem Feuer des Krieges das Parteisüppchen, zu kochen. Von orthodoxer Seite ist genug gewarnt worden. Ich brauche dich nur an die Beschlüsse der „Agudas Isroel-Konferenz" in Frankfurt a. M. im Februar 1918 zu erinnern, wo man es vermied, einem Phantom nachzujagen und Beschlüsse faßte, die geeignet Avaren, Leben und Vermögen der Juden im Osten zu sichern. Aber die Orthodoxie ist damals, wie immer, als die „Verräterin" verschrieen worden, die die Zionisten „unterbietet", und die Herren Zionisten haben das Heft in die Hand genommen und die Ostjuden mit ihrer Politik „beglückt8. Dasselbe läßt sich nun auch bezüglich der zionistischen Erfolge in der Palästinasache sagen. Es hätte heute gar keinen Sinn, Verlorenem nachzutrauern. Was geschehen ist, läßt sich kaum wieder ungeschehen machen. Der Weltkrieg hat nun ein Nr. 23/39 solches Ende gefunden und man muß damit rechnen. Aber erinnert mag daran werden, daß die Orthodoxie während des Krieges den Standpunkt vertreten hatte, es sei viel eher möglich, in einem der Türkei gehörigen Palästina Konzessionen für die Juden zu erreichen, die im Laufe der Zeit zur Errichtung eines jüdischen Zentrums im heiligen Lande führen dürften, als von einem unter englischer Botmäßigkeit stehenden Palästina. Wie wurde sie damals verspottet und des „Verrates" geziehen, weil sie sich mit wenigem begnügen will und auf das „Große", der Errichtung einer sjüdisch-nationalen Heimstätte", der Vorläuferin eines „Judenstaates", verzichtet. Wie wurde damals mit der Balfoür-Deklaration brilliert und mit welchem Hochmut die Agudas Jisroel behandelt, die die „Goluth-Politik" der „kleinen Konzessionen" nicht aufgeben kann. Du wirst dich vielleicht der Szene bei der erwähnten Konferenz in Frankfurt erinnern, wo ein zionistisch angehauchter Gast aus Litauen zum Antrag, daß die Juden für die jüdischen Kolonien und Gemeinden in Palästina lokale Autonomien forderte, mit großer Emphase fortgesetzt gerufen hat: „Nein, das ist gar nichts, wir müssen ,polne Autonomie'" (volle Autonomie) erhalten!" Auf die Aufklärung, daß man schrittweise vorgehen muß, und daß bei freier Einwanderung die Juden im Laufe der Zeit die Majorität im Lande erhalten und demgemäß die volle Autonomie erlangen werden, blieb er bei seinem „polne Autonomie!", da die Zionisten „mehr versprechen". Nun denn, das Schicksal hat es gewollt, daß die Politik der Sokolow und Weizmann gesiegt hat. England ist der Herr von Palästina und San Remo hat die Balfour- Deklaration bestätigt — wie sieht es mit den Erfolgen aus? Palästina hat einen jüdischen High Kommissioner erhalten, aber den Juden ist die Einwanderung dorthin verboten. Kaum 16.500 Juden dürften im Jahre 1920 Einlaß finden. Wenn es so weiter gehen soll, werden die Juden selbst in 50 Jahren die Majorität im Lande nicht erreichen. Dabei favorisiert die englische Politik (und Sir Herbert Samuel macht in Palästina ebenso englische Politik, wie seinerzeit als englischer Minister) die Araber in auffallender Weise, errichtet für sie Schulen (nach dem jüngsten Ausweis besuchen jetzt 115.000 arabische Kinder die öffentlichen Schulen), beglückt sie mit allen Segnungen der europäischen Kultur, derart, daß sie binnen 10 bis 15 Jahren ein Faktor sein werden, gegen den sich die jüdische Minorität nicht wird behaupten können. Diese Lage ist eine solche, daß, wenn die Juden in den nächsten 5 bis 10 Jahren nicht die Majorität im Lande erhalten, sie dann unmöglich zur Geltung werden kommen können, denn der von der Kultur beleckte Araber wird im Judenhaß den Europäern nicht nachstehen. England aber, das schon heute die Araber favorisiert, weil es mit den 40 Millionen Arabern in Aegypten, Arabien, Mesopotamien usw. rechnen muß, wird späterhin noch weniger für die Juden sich einsetzen wollen. Es tut dies auch jetzt sehr wenig. Abgesehen von der Einwanderungsbeschränkung, von der Begrenzung des Erwerbes von Grund und Boden, von den Schwierigkeiten bei der Erlangung von wirtschaftlichen Konzessionen, hält es sich auch mit der Sicherstellung der politischen Rechte der Juden im heiligen Lande zurück. Der Text der Vereinbarung zwischen der englischen Regierung und der zionistischen Organisation ist bis heute nicht veröffentlicht worden, und diejenigen, die den Inhalt der Vereinbarungen kennen, erklären, die Veröffentlichung würde einen Entrüstungssturm im jüdischen Lager auslösen, da England tatsächlich nicht die geringste Gewähr für die Errichtung einer jüdischnationalen Heimstätte in Palastina bietet. Schon die Balfour-Deklaration ist undeutlich genug und kein geringerer als Israel Zangwill erklärt, daß sie England zu nichts verpflichte. Achad- Haam wieder verweist im Vorwort zur neuen Ausgabe seines „Al-paraschat derachim" darauf hin, daß England anstatt des von zionistischer Seite vorgelegten Textes, wonach „Palästina ein jüdischnationales Heim" werden soll, sich des Ausdruckes bediente, „in Palästina ein jüdisch-nationales Heim" zu erreichen. Wer nur eine Ahnung von der Bedeutung politischer Textierengen besitzt, der begreift die Vorsicht der englischen Regierung, aber auch ihre Hintergedanken. Das ganze „jüdische Heim" in Palästina hängt in der Luft und die englische Politik hat freie Hand, ihre Versprechungen zu interpretieren.- Freilich, Zangwill verweist auch darauf, daß Sokolow-Weizmann nicht mehr haben erreichen können. Sie waren ja die ganze Kriegsperiode hindurch gewissermaßen Agenten der englischen Politik und konnten in der entscheidenden Stunde nicht mit der gehörigen Energie auftreten. Aber das alles ändert nichts an der traurigen Tatsache, daß die politischen Erfolge der Zionisten in der Palästinasache höchst problematischen Wertes sind. Daß sie gar keinen Grund haben, sich als die Sieger aufzuspielen, und daß die Orthodoxie keine Veranlassung hat, sich ihrer Passivität zu schämen. Denn die führenden Kreise der Glaubenstreuen haben viel früher den Stand der Dinge erkannt und sich keinen übertriebenen Hoffnungen hingegeben.