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Jüdische Presse · 1920-12-17 · 23/39 (17.12.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
6 (1920)
Issue
23/39 (17.12.1920)
Date
1920-12-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion nnd Administration: Wien, IL, Malzgasse 12 a. - Telephon Nr. 49.054. Ischechoslowakei: Bratislava, Tnrnergasse 14. Erscheint jeden Freitag:. — Redaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich und Ungarn d .-ö. K180'—, Tsche choslo wakei Kc. 80*—, Dentschland Mk. 80*—, Schweiz Fr es. 10*—, Amerika 2 Dollar. Einzelnummer d.-ö. K 3 —, Kc. 1*20. Inseraten - Preis: Ganze Seite K 3000*—,??»l*e Seite K 1500*-, viertel Seite K 800'—, achtel Seite K 400*—, sechzehntel Seite K 260*—. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 23/39 | Wien-Bratislawa, 17. Dezember 1920 «Kann rata i mapppia " nn rrga_| 6, Jahrg, Der Bundespräsident Rainisch. In dem kritischesten Momente des sechsjährigen Martyriums hat die Vorsehung dem österreichischen Staate dasjenige verliehen, was er am dringendsten brauchte: die Persönlichkeit. Die Persönlichkeit, die nicht mit der Schneiderelle der Partei ausgemessen wird, sondern über die Scheidewände der Parteien hinausreicht, wie der Turm, der, aus seinem Kreise hinausragend, allen als Wegzeichen gilt. Denn die Not des Staates kennt kein Gebot der Parteien und der Konfessionen. Hainisch repräsentiert den Burgfrieden der Parteien, der allein die Rettung Oesterreichs anbahnen kann. Die Sehnsucht nach einer Persönlichkeit war schon so mächtig geworden, daß sie in alte Zeiten zurücklangte und sich in einer starken Deklination nach rechts geäußert hätte, wenn nicht ein guter Stern die kämpfenden Parteien bewogen hätte, selbst die ersehnte Persönlichkeit zu bieten. Auch im Auslande wird der Eindruck ein günstiger sein. In den Staaten, wohin wir am« meisten wirken wollen, in England und besonders in Amerika, gilt die personality als stärkster Faktor im öffentlichen Leben und ist vielleicht eine der Ursachen der Gesundheit ihrer Politik. Auch wir wollen nicht an der Person des Präsidenten das Parteimaß probieren und die übliche schmöckische Anpreisung seines Philosemitismus versuchen. Der höchste Ehrentitel der Bibel ist: der Gerechte. Wir brauchen nichts als Gerechtigkeit. Gerechtigkeit für unsere Unschuldigen und Gerechtigkeit gegen die Sünder unter uns, Gerechtigkeit für unsere Leidenden und Darbenden und Gerechtigkeit gegen den Mißbrauch und die Völlerei, wo sie vorbanden sind. Und wir freuen uns, feststellen zu können, daß an die Spitze dieses Märtyrerstaates ein Gerechter gelangt ist und erblicken darin die langersehnte Wendung'zum Guten. mächtiger Aufschwung der Hguda in London. Hinter dem trotzig-einfachen fensterlosen Gebäude der Bank of England in London beginnt mit einem Male eine andere Welt, als ob man nicht einen anderen Stadtteil betreten würde, sondern die Grenzen vom Abendland zum Oriente überschritten hätte. Hat man sich im Holborn-Viaduct von der Unmasse durcheinander wimmelnder blonder, schlanker und kalt dreinschauender Engländer zur Herzkammer des Londoner Verkehrskreislaufes, dem Rathausplatz, hinunterschwemmen lassen und sich mit der Hilfe des Verkehrspolizisten, der gleich Moses mit erhobenem Stab das Gewimmel von Menschen und Fahrzeugen spaltet, um dich heil durchzuführen, mühsam den Platz überquert, so gelangst du in der Tat nach Erez Israel, nach der Londoner Judenstadt, der East side, der Ostseite, wohin sich dieses Volk dos Ostens in allen großen Metropolen niederläßt, als ob etwas es unbewußt nach Misrach drängen würde. Neben dem Mammontempel der englischen Bank vorbei führt der Weg zu den klassischen Stätten der Armut und der Genügsamkeit ins Whitechapel. Wie sich da urplötzlich die Ethnographie wandelt, der schlanke, blonde, kühle Engländer verliert sich allmählich, schwarzhaarige üppige Frauen, lebhaft gestikulierende, leidenschaftlicher bewegte orientalische Typen beherrschen nun die Straßen, welche die charakteristischen Formen des Ghettos annehmen. Jiddisch schlägt ans Ohr und die alten biblischen Quadratzeichen zeigen sich häufiger, bis man plötzlich mitten drinn im Judenstaate ist. Die große Verkehrsader des Judenviertels ist Mile end road, die es gut mit der Praterstraße aufnehmen kann. Jiddische Plakate an allen Ecken und Säulen. Jiddische Riesenzeitungen in allen Händen. Weit ü^fen erhebt sich zwischen kleineren Bauten ein imposanter Hallenbau: es ist die Great Assembly Hall, der politische Tempel der Judenstadt. Die Halle faßt 6000 bis 10.000 Personen. Diese Wände haben so oft widerhallt von jüdischen Apostrophen der Hoffnung, der Verzweiflung des Jubels und der Anklage. Ein großer und nicht der unwichtigste Teil der jüdischen Geschichte der Neuzeit fand hier Darstellung oder doch Widerhall. Vor dem Eingang der Halle prangt jetzt wieder ein großes Plakat, das eine neue Etappe der Entwicklungsgeschichte des neuzeitlichen Judentumes ankündigt: „Großes Massmeeting der Agudas Jisroel" . . . . und von allen Straßenecken und Säulen winkt eine neue Botschaft: Agudas Jisroel ... * Zwanzig Jahre sind es her. Eine frohe Sensation bewegte das Londoner Ghetto. Große Plakate kündigten auch damals ein Massmeeting in Great Assembly Hall an, wo ein festlicher Empfang der zum IV. Zionistenkongreß eingelangten Delegierten fnjniö yy&fiittE) n> «ö* ,w ^ß?»B»w ,279 -.om pk 5*niPvmw: ttW 7VDKD wwn N n i?k uns» untympa* er» .vn b?o (^Nn ^SQUDN P "U .onaja» -i.™ 8 ,tyn nuns p"tP2nD .lyapyNin jsb-18 ori •UjnspB-iND goioonnBa pK jjooipj h i$njp tu1?»» :j:3?ö ojp «pt» BBanjiijta )in n^B»Bfi:nr jen; ,D';3i jomjo :0U3:jpv d'jiä .njino rlBB^pa^^naa nn*w^ß n j,iö ]mv» B'-ijoim't« em> jj^oxnNß n pfi ü*o .njjBonns2-ö,7i^ tji /i?DrnS"i; HW D"n "1 A;N^!W PS P>0 -IÜB3K.p*l2 UH ,sPSK?fl H TNP '1 tti pö ojjpjijps .nyayn i^p -i -lyraamyaK ivi -.up^^B *ps»B -11p V» v?*B»?3&j--\$-n^np "»yt^Dps-^nn*-^ PN ->«p:iH wi!« Ta?»on:^a un .D^^TS in: .T! 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Dieser unseligste der vielen Irrtümer des „Volkes des irrenden Herzens" beraubt nicht nur das davon betroffene Land seiner Ruhe, sondern übt eine verhängnisvolle Rückwirkung auf das Judentum der ganzen Welt aus. Man kann dem amerikanisch-, jüdischen Kongreß nicht den Vorwurf ersparen, daß, er die Frage mit einem gewissen Grad von Leichtsinn behandelt hat. Diese grundstürzendeRevolutionierungdesjüdischen Lebens im Osten war nicht das tiefdurchdachte Werk reifer politischer Führer, vielmehr die mißverständliche Nachahmung nationaler Methoden anderer Volksstämme, die keine Anwendung auf unsere eigen gearteten Lebensbedingungen finden. Ich habe auf dem jüdischen Vorkongreß zu Philadelphia im Frühjahr 1916 die persönliche Erfahrung von der überaus leichtfertigen Behandlung dieser für die Existenz des Ostjudentunis so verhängnissehweren Frage machen können. Dieser Vorkongreß sollte die Tagesordnung und die Formulierung der Postulate des kommenden amerikanisch-jüdischen Kongresses beschließen. Die yiddische Presse machte sich in leidenschaftlicher Weise zum Fürsprecher des jüdischen Minoritätsrechtes, und da sich die amerikanisch-jüdischen Führer in der Regel die drüben geltende politische Lebensweisheit: „Follow the crowd* (Folge dem Haufen) angelegen sein lassen, fand sich außer Jakob H. Schiff kaum jemand, der sich gegen den Strom gestellt hätte. Rabbi Stephen Wise, einer der markantesten Vertreter der oben erwähnten politischen Methode, legte dem Kongresse die Formulierung des vorbereitenden Komitees vor. Demzufojge hätte der amerikanisch-jüdische Kongreß die Forderung nach jüdisch-nationalen Minoritätsrechten zu stellen „für solche Länder, wo nationale Minderheitsrechte anerkannt würden". Dem gegenüber stand der Antrag der radikalen Partei unter der Führung Syrkins, der stets die unmöglichste Politik macht, nach welchem der Kongreß schlechthin die Anerkennung jüdischnationaler Minderheitsrechte fordern möge. Das widersprach allerdings dem Patriotismus des Rabbi Stephen Wise und seiner Freunde, beidenen das jüdische Minderheitsrecht zu jenen Artikeln zu gehören scheint, welche für die Ausfuhr nach Europa brauchbar sind, aber für den heimischen Konsum nicht gut genug sind. Hatte ja der Zionistenführer und Vorkämpfer für jüdische Minderheitsrechte Rabbi Stephen Wise in einer Rede bei Amerikanern sehr nachdrücklich gesagt: „Als Jude bin ich Jude, und als Amerikaner bin ich ganz Amerikaner, und zwar kein jüdischer Amerikaner, sondern amerikanischer Amerikaner." Der Philadelphiaer Kongreß verfolgte mit dem Interesse eines Sportpublikums den Kampf zwischen Wise mit Syrkin. Man beschloß endlich, daß sich Wise mit Syrkin zurückziehen möge, um sich auf einen Kompromißantrag zu einigen. Bei diesem Kompromiß kam die Erwägung, über die Wirkung einer solchen Forderung auf das Schicksal der Ostjuden in Europa kaum in Betracht. Es handelte sich bloß um die Kombination der Interessen zweier amerikanischer Parteien. Nach einer überraschend kurzen Pause erschienen Wise und Syrkin mit viel Befriedigung in ihren Mienen. Wise verliest den Vermittlungsantrag: „Nationale Minderheitsrechte in allen Ländern, wo Minoritätsrechte anerkannt werden, oder anerkannt werden sollten." Der Nachsatz, mehr Witz als ernster Kongreßbeschluß zu nennen, wurde nicht ohne leise Ironie verlesen und mit ebenso ironischen Lächeln auf allen Gesichtern, daß so viel besagt, als „gut aus der Affäre gezogen", angehört. Man dachte weniger an die Schützlinge in Europa, als an die Wähler und die Presse in New York. Der einzige, der seine Brust dargeboten hat, war Jakob H. Schiff. Er bekämpfte diesen politischen Wahnwitz mit dem ganzen Einsätze seiner Popularität — und verlor, diesen Einsatz. Eine unglaublich rücksichtslose Kampagne ging gegen den Mann los, der ein halbes Jahrhundert lang mit beispielloser Hingabe seiner Rasse gedient hatte. In den meisten yiddischen Zeitungen und Versammlungen zeterte man gegen ihn, hieß ihn Verräter, der sich von der jüdischen Gemeinschaft losgesagt habe. Das waren die Präludien zu dem 70. Geburtstage Schiffs. Selbst ein Versuch zum „Frieden mit Schiff" galt als Verrat. Als der greise Rabbi Abrahamovicz in Chicago beim dortigen Misrachisten-Banket Worte des Friedens mit Schiff riskierte, wurde er in der heftigsten Weise angegriffen. Die wilde Hetze nahm solche erbitterte Formen an, daß der edle Greis in einem Meeting in Thränen ausgebrochen ist und seinen Abschied von der öffentlichen Wirksamkeit ankündigte. Damit war der „Kleimäks" (climax) erreicht, den drüben solche Sturmfluten von politischen Bewegungen, (die „Stempied") erreichen müssen, um plötzlich zusammen zu fallen. Ich erhielt damals auf Anregung eines Freundes von Jakob Schiff eine Einladung zu einem Besuche. Es war gegen Ende Juni 1916. Schiff hatte Aufenthalt auf dem Lande in der Nähe New Yorks genommen und kam nur nachmittags auf einige Stunden in sein Bureau nach New York. In dieser kurzen Zeit fand der Leiter des Welthauses Khuen, Loeb & Co. noch immer Zeit genug, sich jüdischen Angelegenheiten zu widmen. Sehr wohltuend wirkte seine von der kühlen, geschäftlichen Art, mit welcher man drüben auch politische Dinge behandelt, abstechende warme Herzlichkeit im persönlichen Verkehr und der tiefe selbstvergessene Ernst, wenn er von den Interessen des Judentums sprach. Da saß der Mann, dem das Glück wie wenigen hold war, mit tiefbekümmerten Mienen über die Verirrungen seines Volkes. (Fortsetzung folgt.) <

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