Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1920-12-03 · 21/37 (3.12.1920) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
6 (1920)
Issue
21/37 (3.12.1920)
Date
1920-12-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2629891-2629892-2629901--0062-2631651
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr. 21/37 max nordau gegen die Forderung jiidiscbcr IHinoritälsrccMe. Dr. Max Nordau veröffentlicht in der Brüsseler „Hatikwa" einen interessanten Artikel wegen der jüdischen Minderheitsrechte. Er meint, daß es sich während des Krieges gezeigt hat, wie eine neue Agitation unter den Ostjuden, um auf die Führer der Alliierten bei der Friedenskonferenz einzuwirken, entstanden ist. Der Zweck dieser Agitation war, den Juden überall ihre Wiedergeburt als selbständige Nation mit besonderen politischen Rechten und unter dem Schutze des Völkerbundes zu sichern. Das Resultat war, daß in die Friedensverträge sowohl mit den besiegten Völkern, als auch mit den neuentstandenen Staaten besondere Punkte aufgenommen wurden, welche die nationalen und konfessionellen Minoritätsrechte, die freie Ausübung ihrer Religion, die Gleichstellung in den bürgerlichen Rechten mit der ethnischen Volksmehrheit und die Möglichkeit, sich ohne Störung ihrer eigenen Kultur zu entwickeln, garantieren. Die1 Initiative dieser Bewegung zugunsten dieses Zweckes stammte von denjenigen Zionisten, die in den Ländern Osteuropas organisiert sind. Unterstützt wurde diese Bewegung durch Korporationen, wie die Komiteen der englischen und deutschen Juden, an deren Spitze die „Anglo-Juish Association" stand. Dieser unerwartete Beistand dieser zionistischen Unternehmung von Seiten der Assimilatoren sollte bei den Zionisten Verdacht erregen und .ihnen als Warnung dienen, recht vorsichtig zu sein. Die Zionisten sollten dann gleich verstehen, daß, wenn leidenschaftliche Anhänger der Assimilation mit ihnen zusammenhalten und selber an einer politischen Unternehmung von ihnen mitwirken, es dann nicht der zionistischen Sache dienen und uns nicht der Verwirklichung des zionistischen Ideals, welches in dem Aufbau des jüdischen Volkes in seinem historischen Vaterlande, in Palästina besteht, näherbringen werde. Die Zionisten aber, meint Nordau, waren verblendet, arbeiteten zusammen mit den Assimilatoren und feiern jetzt das Resultat, das sie auf der Friedenskonferenz erzielt häben, als großen Sieg. In der Wirklichkeit aber ist das Projekt, die Juden als Minderheitsnation mit besonderen politischen Rechten und speziellen Privilegien zwischen andere Völker einzuordnen, höchst absurd und schädlich und konnte nur den Gehirnen von Politiker- Amateuren entspringen, welche unfähig sind, die direkte oder indirekte Folge dieser Handlung vorauszusehen und einzuschätzen. Dieser Fehler ist besonders bei de» einflußreichen und aktiven Zionisten zu bedauern, weil er, ihre Kräfte gerade in einem' Momente zersplittert, da sie für die Arbeit in Palästina nötig sind. Und eine solche Dummheit, sagt Nordau, begingen sie. Er könnte noch allenfalls verstehen, wie diese Sache den westeuropäischen Assimilatoren genützt Judentum in achtunggebietender Weise repräsentiert. In seinen Zeiten war das Judentum Amerikas auf eine ungewohnte Höhe der Ehre und der Wohlfahrt gelangt. Seine Größe als Mensch hat die Würde des Judentums gehoben und gewahrt. Die ganze jüdische Gesellschaft muß nun den Einen ersetzen und seine Wege wandeln. Die amerikanische jüdische Gesellschaft muß sich als solche in hervorragender Weise an allen Werken der Humanität beteiligen, besonders bei der Bekämpfung der Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und Teuerung betätigen. Die Methodisten, die salvation army, die Y. M. C. A. haben in den letzten drei Jahren ihren Namen groß und geachtet machen können. Das Gleiche kann sich mit den Juden wiederholen, wenn es seine sittlichen und materiellen Kräfte in ein großes allgemein menschliches Streben vereinigt. „Alles hat seine Zeit." Es gab eine Zeit, wo wir gegen die Zuwendungen „ohne Unterschied der Konfession" ankämpften, es gibt aber Zeiten, wo dies unerläßliche Pflicht gegenüber — dem Judentume wird. Das bedeutet freilich gewaltige Arbeit und Opfer, und schließt die billigen Lorbeeren der sogenannten „Bekämpfer des Antisemitismus", die keinen der Propheten oder der großen Führer in Israel ihr Vorbild nennen können, gänzlich aus. Aber kein Volk auf Erden kann seine .Ehre, Existenz und Sicherheit mit billigen Protestversammlungen und Artikeln erringen. Der „Joint" hat ja ähnlich nach Budapest 12 Millionen Kronen zur Verteilung ohne Unterschied der Konfessionen gesendet. Ob dieses Mittel bei chronisch gewordenem Pogromismus die erwünschte Wirkung zeigt, bleibt abzuwarten; sicherer ist es, daß es in akuten Fällen oder als Vorsichtsmaßregel treffliche Dienste geleistet hätte. Wir wiederholen in bezug auf die amerikanischen Verhältnisse unsere alte Warnung: „Man muß den Pogrom bekämpfen, bevor er ausbricht, nachher ist es zu spät". Geterum censeo, das Judentum muß zum Segen für sein Land werden. Es kann es werden, wenn es ernstlich will und kann dem zum Fluchen ausholenden Bileam noch den Segen abringen. (Fortsetzung folgt.) hat, denn sie rühmen sich jetzt, daß sie für die politische Lage der Ostjuden gesorgt haben, und hoffen auch, daß es ihnen jetzt gelingen wird, dieselben vom Zionismus abzulenken; er könne aber gar nicht verstehen, wie sich die Zionisten in eine Politik begeben konnten, welche doch der gerade Gegensatz aller ihrer Strömungen ist. Und hier weist Dr. Nordau darauf hin, daß doch das Ziel des Zionismus die Schaffung eines eigenen jüdischen Gemeinwesens mit einer jüdischen Mehrheit in Palästina sei, und daß doch für die Zionisten außerhalb Palästinas gar keine jüdische Nationalität existieren dürfe, welche sich als solche zwischen fremden Völkern einleben und gar nicht nach irgendeiner Aenderung streben sollte. Alle Strebungen der Zionisten hätten doch nur ein Ziel: Die Juden zur Auswanderung nach Erez Israel vorzubereiten und sich dort für immer zu besetzen. Weiter führt Dr. Nordau aus, daß doch diejenigen Juden, die entschlossen wären ins jüdische Land zu gehen, kein Verlangen haben können, im Lande, in dem sie gegenwärtig wohnen, eine politische Rolle zu spielen und sich in dessen Existenz und Schicksal einzumischen. Sie seien ja doch endgültig Fremde in diesen Ländern geworden, ja noch bevor sie ihr Projekt, selber und mit den Kindern aus freiem das Land zu verlassen, verwirklicht hätten. Alles was sie hoffen und erwarten können, sei nur, daß man ihnen mit jener Gastfreundlichkeit gegenübertrete, welche alle freien und zivilisierten Staaten Fremden erweisen, die eine gute Aufführung haben, alle ihre Gesetze beachten und deren Anwesenheit im Lande ökonomisch, moralisch und intellektuell nützlich sei. Wie stellen sich, fragt Nordau, die Anhänger der nationalen Minderheitsrechte der Juden, die gesetzliche Lage, welche sie in den neuen Staaten Osteuropas beschaffen wollen, vor? Sind sie denn wirklich so blind, daß sie die unglücklichen Konsequenzen nicht sehen, die daraus hervorgehen müssen. Der Antisemitismus, welcher doch ohnehin rege genug sei, werde hier ungewöhnliche Kraft finden. Doppelte Nationalität, meint Nordau, Mangel an echtem Patriotismus und Aufrichtigkeit fürs Land werden die geringsten Vorwürfe sein, die man ihnen jeden Augenblick ins Gesicht schleudern werde, und wenn die Juden der verschiedenen Länder versuchen1 würden, einen Kongreß wegen speziell jüdischer Angelegenheiten abzuhalten. — was sie doch haben müssen —, werde man ihnen vorwerfen, daß sie bestrebt seien, eine internationale Organisation zu errichten, sie wollen der Kontrolle des Staates entgehen, sie seien Konspiranten, gehorchen den Befehlen des Auslandes, vertreten die Interessen des Auslandes und stellen eine ständige Gefahr für den Staat dar. Würden aber die Juden aus diesem Grunde auf eine Verbindung mit den Brüdern jenseits der Grenze vermeiden, so entwaffnen sie dadurch ihre Feinde und Verleumder nicht, würden aber in viele Nationalitäten zersplittert, welche voneinander getrennt leben, und in so viele Teile gespalten, als es Staaten gibt, die ihnen Minderheitsrechte gegeben haben. Außerdem, sagt er weiter, könne doch kein Mensch, der nur etwas historische Erfahrung hat, so naiv sein und glauben, daß man das Minoritätsrecht verwirklichen könne. Das zeigt bereits Ungarn, welches den Juden die Emanzipation genommen und sie zur ärgsten Lage verurteilt habe, mit dem Vorwand, die Juden seien eine staatsgefährliche Minderheit. Es bestehe kein Zweifel, daß früher oder später die eine oder die andere Regierung dem Beispiel Ungarns folgen werde. Es entstehe eine breite Kluft zwischen den Juden und ihren nichtjüdischen Mitbürgern überall, wo sie jetzt miteinander in Frieden leben. Man werde sie überall als eine fremde Körperschaft im nationalen Staatsorganismus betrachten und bemüht sein, sie los zu werden. Des weiteren führt Dr. Nordau aus, daß der jüdische Nationalismus in der Diaspora (der nur den Zweck haben dürfte, sich zur Auswanderung nach Palästina zu organisieren) gar keinen Sinn habe. Falls man diesen Zweck nicht anerkennt, wenn die Juden entschlossen sind, in der Diaspore zu bleiben, so sei in diesem Falle der jüdische Nationalismus ein Unsinn. Die Juden könnten dann nur darauf prätendieren, treue Anhänger des mosaischen Glaubens zu sein. Das Ecbrmeminar „3a«me" in Litauen. (Von unserem Korrespondenten.) Kaunas (Kowno), Kislevv 5681. Es dürfte für das orthodoxe Judentum von Interesse sein, zu erfahren, daß es der energischen, rührigen Tätigkeit der „Zeire Isroelu von Litauen endlich gelungen ist, die gesetzestreuen Glaubensgenossen in Litauen einigermaßen zu organisieren und für jüdisch-kulturelle Zwecke den Kulturverband „Jawne" ins Leben zu rufen, welcher nun neben den Lehrerkursen, die bereits vor einem Jahre gegründet wurden, an die Eröffnung eines Lehrerseminars geschritten ist, welches allem Anschein nach eine glänzende Entwicklung verspricht. Die Gründung besagter Lehranstalt ist für das Bestehen und Gedeihen der gesetzestreuen Juden Litauens und der umgebenden Provinzen geradezu eine Lebensfrage. Der fluchwürdige Weltkrieg hat, wie fast überall, in erster Linie im Leben der litauischen Juden ungeheure Verheerungen und Verwüstungen angerichtet. Die ebenso grundlose als grausame Vertreibung der Juden, welche das zaristische Regime mit beispielloser Härte binnen wenigen Tagen, ja mitunter auch wenigen Stunden bewirkte, hat das ganze Kulturleben der litauischen Juden von Grund aus zerstört. Als unter der deutschen Okkupation die vertriebenen Juden in ihre alte, verwüstete Heimat nach und nach zurückkehrten, fanden sie nichts als Ruinen und Trümmer, auf welchen sie von neuem zu bauen begannen. Es gebrach aber vollständig an Bausteinen. Besonders machte sich dies auf dem Gebiete des Erziehungswesens fühlbar. Vor allem fehlte es fast gänzlich an „Melamdim" für Chedorim und Talmud toros. Die Erwerbstätigkeit der Melamdim in Litauen war von jeher eine sehr kümmerliche und erwies sich an ihren neuen Wohnorten in den Gouvernements des Innern Rußlands unter den vollständig ruinierten, blutarmen, vertriebenen Juden als so schlecht, daß die Melamdim gezwungen waren, ihre bisherige Tätigkeit aufzugeben und sich nach einer anderen Beschäftigung umzusehen. Viele von ihnen sind in ihren neuen Ansiedlungen gebheben und nur die Wenigsten kehrten zurück — aber nicht mehr als Melamdim, sondern als Händler, Krämer, Vermittler usw. Die Erziehungsfrage,' besonders im gesetzestreuen Geiste und Richtung, wurde eine höchst kritische, ja eine katastrophale, dies um so mehr, als über das. brachliegende Erziehungsfeld neue Bewerber herfielen. Von der einen Seite die kräftig organisierte bundistische „Kulturliga", welche glaubte, nun sei die Zeit gekommen, wo sie die Erziehung der heranwachsenden Generationen ausschließlich in ihre Hände nehmen könnte und sollte, und sie ging an die Eröffnung jüdischer Volksschulen nach ihrem Programm, aus welchem nicht bloß alle religiös-jüdischen Unterrichtsgegenstände völlig ausgeschaltet sind, sondern in welchem auch die bundistische, religionsfeindliche Tendenz unverkennbar ist. Andererseits bemühten sich die Zionisten von ihrer Seite, das verwaiste Gebiet für ihre „ Tarbus *- Schulen zu erobern, welche bekanntlich gegen die Religion ihrer Väter, wenn auch nicht feindlich gestimmt, so doch jedenfalls absolut indifferent sind und nicht bloß für den zukünftigen Judenstaat, sondern auch im Erziehungswesen Religion von Nationalität konsequent ausscheiden. Die große Masse der zurückgekehrten litauischen Juden — obgleich sie unentwegt auf dem angestammten, traditionellreligiösen Boden stand und steht wie zuvor — sah sich zufolge des vollständigen Mangels jedweder Organisation gänzlich hilflos den Eroberungsgelüsten der Bundisten und Zionisten gegenüberstehen. Mit gebrochenem Herzen mußte sie hilflos zusehen, wie ihre Kinder dem Schöße ihres über alles hohen und heiligen Glaubens entrissen wurden. Es bestätigte sich in herzerschütternder Weise der uralte Fluch: pti wfcpi man nna nvb teroinj ym) yn -pT hüb. In dieser für das orthodoxe Judentum höchst traurigen Zeit setzte die Zeire Isroel ihre Tätigkeit ein. Bevor ich jedoch näher auf die Entwicklung der Tätigkeit der Zeire Isroel eingehe, möchte ich der Eröffnung des jüdischen Gymnasiums seitens deutscher gesetzestreuer Juden Erwähnung tun, welche der Tätigkeit derselben voranging. Es war geradezu eine „Jeschua" im besten Sinne des Wortes, daß die deutsche Okkupation Männer wie Dr. Carlebach und seine treuen, würdigen Mitarbeiter hieher gebracht hat, welche sich die traurige Lage ihrer unglücklichen, hart verfolgten litauischen Glaubensgenossen auf dem Gebiete der Erziehung haben angelegen sein lassen und ein jüdisches Knaben- und Mädchengymriasium eröffnet und ihnen einen jüdischen Charakter gegeben haben. Wenn auch durch diese Lehranstalten der Erziehungs- und Unterrichtsnot der breiten jüdischen Volksmassen keineswegs abgeholfen wurde, so haben sie doch Lehrkräfte ins Land geführt, welche geeignet waren, durch ihr Leben und ihre Lehren Licht und Ordnung in den Erziehungswirrwarr der litauischen Juden hineinzubringen, und welche berufen waren, als Vorkämpfer und Wegweiser einer gesunden Richtung in der pädagogischen Sphäre zu dienen, unter energischer, tatkräftiger Beihilfe seitens solcher Elemente, welche der breiten jüdischen Masse nahestanden. Als solche erwiesen sich nämlich die Pioniere der Zeire Isroel. Dazu kam noch als günstiger Umstand, daß der Beginn der Tätigkeit der Zeire Isroel mit der Entstehung und Bildung des litauischen Staatswesens zusammenfiel, bei welcher hiesige Juden — besonders der Vizeminister und Sejmdeputierte Dr. Rachmilewitz — regen Anteil genommen und sich als sehr nützlich erwiesen haben. Wenn die Zeire Isroel politisch erfahrener und kampfgeübt gewesen wären, so hätten sie mit leichter Mühe, da sie aus der Mitte der breiten Massen hervorgingen, ihnen am nächsten standen und in ihrem Geiste, das heißt im Geiste des traditionellen Judentums, welcher eben die breiten Massen beseelte, arbeiteten, die Verwaltung aller jüdischen Angelegenheiten im Lande in die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.