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Jüdische Presse · 1920-12-03 · 21/37 (3.12.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
6 (1920)
Issue
21/37 (3.12.1920)
Date
1920-12-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., fflalzgasse 12 a.Ü- Telephon Nr.r.49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tarnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Rodaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich nnd Ungarn d.-ö.K 120--, Tschechoslowakei Kc. 60»-, DentschlandMk.60'-, Schweis Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar. Einzelnummer d.-ö. K 3 —, Kc. 1*20. Inseraten - Preis: Ganse Seite K 3000' —, halbe Seite K 1500»-, viertel Seite K 800*-, achtel Seite K 400*—, sechzehn fcel Seite K 250*—. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 21/37 Wien-Bratislava, 3. Dezember 1920 n rtiaasr* " nn rrjn 6. Jahrg. CHANUKA @us den kleinen Fenstern der ärmlichen Gassen des Judenviertels leuchten Freudenfeuer auf — als gelte es einen Sieg von gestern festlich zu begehen. Und die Waffentat, von der die Menora mit leuchtendem Blicke erzählt, liegt doch weit mehr alszwanzigJahrhunderte zurück. DieLosungs\gorte,mit welchen die Kämpfer der Chanukageschichte aneinander gestoßen waren, gehören verklungenen Lauten der Iliade an, welche aus dem Gedächtnis der Menschheit längst entschwunden sind und die Helden des großen Freiheitskampfes waren noch Jünger der Kriegskunst des titanischen makedonischen Weltbezwingers! Woher die zweitausend Jahre überdauernde Unmittelbarkeit der Siegesfreude eines Volkes? Etwa, weil es der letzte Triumph eines ahnenstolzen Stammes war, welcher durch die schwarze Nacht seines Exillebens unverblaßt, wie jene ewigen Sterne droben, aus ungeheuren Fernen zu funkeln vermag und dessen Erinnerung sorgfältig bewahrt wird, wie die letzten Reste einstiger Herrlichkeit durch den Sproß eines großen aber verfallenen Adelsgeschlechtes? Nein, Chanuka ist nicht die Feier des letztehy jawohl aber des ersten Triumphes des Thorageistes über die feindliche Kultur der fremden Umwelt. Jedes Jahr der Golusgescbichte, welches das Judentum, in seinen heiligen Geistesschätzen unversehrt, aus den Fluten der Diaspora emportauchen sieht, bedeutet einen neuen Triumph des Thoragedankens, einen glorreichen Sieg der „Wenigen gegen die Vielen, der Schwachen gegen die Starken!" Darum zündet mit ewigjunger Begeisterung die Menora eures Vaters an! Es gilt dem harten Kampfe und dem glorreichen Siege von gestern und ehegestern! Dem ersten großen Kampfe der Makkabäer gegen die Suggestion einer bestechenden, formenschönen Kultur, reiht sich eine einzige Kette von geistigen Kämpfen um den Bestand des eigenen Volksgedankens. Nach Hellas gegen Rom, nach Mohammed gegen Spanien, nach Italien gegen die Uebermacht der westeuropäischen Kultur und dann, ach! gar gegen die Söhne des eigenen Volkes. Durch den Wirbelsturm des Rassenhasses, durch den für euch dreimal schweren Kampf ums Leben, in welchem euch das Schicksal den Uriasposten beschieden hat, und an dem Sirenengesang der Assimilation vorbei, habt ihr in eurer zweitausendjährigen-Gdysseedas ^chifT ^^es-^Vc^kstoi^trnbey schädigt leiten können. Nun, da wieder der Gedächtnistag der großen Hasmonäerwiederkehrt, feiert den Sieg des vergangenen Jahres, der minder grandios, aber nicht minder heroisch ist in seiner aufreibenden stündlichen Bereitschaft, wo euch jede Stunde eine Versuchung und jeder Tag eine Prüfung war! Die dreiseitige Front, von Antisem, von dem Saduccäer und dem verräterischen Hellenisten, dräut heute noch, wie damals und verdreifacht die Mühsal eures Kampfes, um euer Dasein als G-ttesvolk. Nicht in einem einzigen, gewaltigen Aufflammen der Begeisterung, wohl aber in tausenden oft kleinlichen Kämpfen mit der Versuchung, welche auf allen Scheidewegen eures Golusleben lockend steht, offenbart ihr die hingebungsvolle Treue zu eurem Stamme, zu seiner Mission und zu seinem ewigen, unzerstörbaren Ideale. Von dem stiefmütterlichen Schicksal zu rastlosem, seelentötendem Erwerbe gedrängt, bewahrt ihr, geschmähtes Volk der Händler und Krämer, ungetrübt die reine Flamme des jüdischen Ethos in eurer Brust. Heroisch ist der Kampf jedes anderen Volkes um seine nationale Existenz, aber dein Kampf ist wunderbar! Wunderbar zu jenen Tragen, wie noch ^AtrWMBteif IZeit; ."r bäjomim hohem, basmari hase! Darum zündet mit ewig junger Siegesfreude (die Menora eurer Väter an! tr -v^-^r DU Krise d« anwrikanisclKn Judentums. Von S. Bettelheim, gew. Präsident der Federation of Hungarian Jews in America. \2. Fortsetzung.) „Ich sehe das Antlitz eures "Vaters und siehe, es ist nimmer wie gestern und ehegestern." Das unglückseligste Kapitel in der Geschichte der Entwicklung des Antisemitismus in jedem Lande ist das erste; jener Moment, wo das erste Grollen des herannahenden Unwetters die Feinergearteten erschreckt, aber die Weisheit der Führer unseres Volkes ihr Bestes zu geben glaubt, wenn sie, statt zu warnen, in sträfliche Sicherheit lullt: in dürren Blättern säusle nur der Wind. Bereits vor mehr als einem Jahrzehnt hat der berühmte jüdisch-ungarische Lyriker Josef Kiss die ewigen Versicherungen der jüdischen Führer in Ungarn, daß es in ihrem Lande keinen Antisemitismus gab, gebe und geben werde, mit folgender Anekdote scharf charakterisiert: Ein feiger Ehemann wird nachts von seinem zitternden Weibe geweckt; es schleiche jemand Fremder im Zimmer herum. Der Entsetzte leuchtet schaudernd unter den Tisch und ruft aufatmend: „Da ist niemand!" Unterm Bett? „Da ist niemand!" Im Kasten! Er leuchtet in den.Kasten — die Haare stehen ihm zu Berge — es steht ein Mensch mit einem großen Messer in der Hapd drinnen. „Da ist auch niemand!" schreit der Arme und schlägt die Kastentüre hastig zu. Das ist die Psychologie jener Leidenden, welche daran zu Grunde gehen, daß sie bei den ersten Anzeichen ihres Leidens keinen Arzt konsultieren wollen, um sich in der Einbildung erhalten zu können, daß es sich um ein vorübergehendes Unwohlsein handle. „Eine vorübergehende Erscheinung" heißt ja auch stets der Antisemitismus in den vom Optimismus lebenden Assimilationsblättern. Auch die amerikanischen Juden haben von der jüdischen Geschichte nichts gelernt und nichts vergessen. Es sind schon vor dem Eintritte Amerikas in den Krieg, besonders im Süden, die ersten charakteristischen Anzeichen des kommenden Uebels aufgetreten. Der Krieg aber ist gar ein arger Entwickler des Antisemitismus. Je furchtbarer der Krieg, desto schlimmer gestaltet sich das Schicksal des Judentumes. Antisemitismus gehört zu den unausbleiblichen Nachwehen des Krieges, wie Teuerung und Hungersnot. Dabei wiederholt sich in jedem Lande die gleiche Täuschung, daß die ersten Schläge des Krieges die Nation zu einem einheitlichen Ganzen zusammenhämmert, das Gebot des Burgfriedens für den ersten Moment ein außerordentlich herzliches Verhältnis mit den Juden schafft, einen fast idealen Zustand, der die Illusion des ewigen konfessionellen Friedens erzeugt; ein Moment, der sich späterhin, wie das letzte Aufflammen des Philosemitismus darstellt, aber zu seiner Zeit als der Anfang des Endes aller Mißverständnisse antisemitischer Natur erscheint. Das vertieft den ohnedies verhängnisvollen, an Leichtsinn grenzenden Optimismus des jüdischen Volkes, der schon in den Echas mit dem Verse beklagt wird: „Wenn das Unheil schon bis an den Rand gestiegen ist, denkt es nicht an sein Ende, darum fällt es so wunderbar!" Auch das amerikanische Judentum bemerkt die antisemitische Gefahr erst in dem Moment, wo der Manometer schon auf 99 steht. Der berühmte Autofabrikant (und Politiker dazu) Henry Ford ist eine zu bescheidene Fähigkeit, um Strömungen zu erzeugen; er hat sich vielmehr stets von der.Strömung tragen lassen; er war Pazifist, als die Friedenspropaganda ein populäres Schlagwort war, überschrie alle anderen an Kriegseifer, als der Krieg da war, und galt als Anarchist, als der „Salonbolschewismus" drüben im Schwange war. Sein Debüt als Antisemit ist daher als ein sehr ernstes Symptom anzusehen, daß ganz breite Schichten der amerikanischen Gesellschaft von Judenfeindlichkeit ergriffen sind. Es verschlägt daher wenig, wenn man sich in Wort und Schrift über die in der Tat sehr unzulänglichen geistigen Fähigkeiten des Autokönigs moquiert. Ebenso wenig ist damit gedient, wenn man die ganze Gefahr mit dem beliebten kontradiktatorischen Verfahren zu bannen bemüht ist. Die Rabbiner Wise, Schulmann und Silverman üben, wie es aus den Blättern ersichtlich ist, die alte Methode der „Bekämpfung des Antisemitismus," die etwa dann von Erfolg sein könnte, wenn diese Disputation noch wie zur Zeit (deren Stil sie trägt) durch einen autokratischen Herrscher endgültig entschieden würde. Unter obwaltenden Umständen wäre aber nichts verfehlter als zu glauben, daß man mit den Argumenten des Antisemitismus auch die Bewegung selbst schwächen könne. Das hieße Ursache mit Wirkung verwechseln. Nie hat das Ritualmärchen eine antisemitische Bewegung erzeugt, sondern umgekehrt. Dernachkriegerische Antisemitismus ist eine Auswirkung einer schweren nationalen und besonders wirtschaftlichen Depression. Wie diese Depression zu beheben, zu verhindern oder zu erleichtern ist, oder zumindest wie der Eindruck zu vermeiden sei, daß die Juden diesen Zustand herbeigeführt, gefördert oder demselben gleichgültig gegenüberstünden, das sind die wichtigsten Kapitel der Therapie der Judenfrage' Das sind allerdings große Aufgaben, die nur durch eine weit ausholende, umfassende Aktion weiter jüdischer Kreise gelöst werden können, geleitet von gewissenhaften selbstverleugnenden Führern, die jede Ostentation scheuen. Das bedeutet allerdings gerade für das amerikanische jüdische Leben ein schweres Opfer und eine energische Abkehr von bisherigen politischen Gewohnheiten, bei denen Publicity zu den guten Tugenden zählte. Man liebt in Amerika kurze Parolen, den Slogan. Dieser sollte nun etwa heißen: Zurück zum Stadion! Das Resultat der jüdischen Demokratie, auf dessen Geltung man drüben sfolz ist, soll darum nicht fallen gelassen werden; es muß eine Synthese alter und neuer politischer Formen gesucht werden. Die Ostentation, sowohl die politische wie die wirtschaftliche, ist zu meiden. Man hüte sich vor Schaustellungen von wirtschaftlichen Erfolgen und leeren Demonstrationen politischen Einflusses. Es wäre ein Glück zu nennen, wenn der Geist Jakob H. Schiffs s. A. nicht mit ihm ins Grab gesunken und das amerikanische Judentum mit Recht sagen dürfte: „Jaakow owinu lo mess*. Man hat den Finanzier, den Philantropen Schiff geschätzt, aber seine wahrhaft staatsmännische Qualität nicht genug hoch eingeschätzt. Jahrzehntelang hat er in Amerika das

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