Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 20/36 (26.11.1920)
- Date
- 1920-11-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 0/36 JÜDISCHE PRESSE Seite 5 Judenhasses die wirksamsten Ingredienzien für ihr Hexengebräu zu liefern. Auf diesem Judenkongreß werden nicht die Millionen jüdischer Seelen sichtbar sein, die in selbstlos bescheidener Sittlichkeit ihr kleines, großes Leben der Erfüllung des Gotteswillens, dem fernen Ziel der Menschheitsvollendung weihen — nicht die Betenden und Hoffenden, nicht die Schaffenden, Lernenden und Duldenden, nicht die unzähligen stillen Opfer zähester religiöser Treue wird man schauen und hören, sondern die Rufer im Streite, die Politiker und Rechtsvertreter, die Ankläger und Richter! Man wird schelten, fordern, drohen — wird dem Machtnationalismus der Völker den Nationalismus des jüdischen Volkes in ganz der gleichen Aufmachung mit der ultima ratio des Schwertes oder des Revolvers entgegensetzen, wird dem Märchen von der Interessensolidarität der Weltjudenheit durch eine parlamentarische Tragikomödie den Schein der Wirklichkeit zu verleihen suchen und so — in fast unbegreiflicher Blindheit — die Triebkräfte zu neuen Katastrophen schaffen, ehe noch die Wunden der kaum erst erlebten vernarbt sind. Eifersüchtig wachen die neu geschaffenen wie die alten Staaten über ihre nationale Geschlossenheit — last nirgendwo ist man beflissen, die den nationalen Fremdkörpern widerwillig zugestandenen Minderheitsrechte auch nur mit erheuchelter Freudigkeit zu wahren oder gar auszugestalten. Und in einem solchen Augenblicke, zwischen Tod und Leben schwebend, soll die Judenheit der ganzen Welt sich einer kleinen Gruppe von weltfremden Theoretikern zuliebe mit lautem Getöse als politisch-nationale Einheit, das heißt als politischer Fremdkörper in jedem Staate proklamieren? Man komme uns nicht mit ethischen Einwänden, die uns nicht treffen. Wir verachten und verwerfen die assimilatorische Lüge — wir bekennen uns stolz und kühn als Söhne des unsterblichen, allen Völkern wohlbekannten Volkes der Bibel, aber wir bekämpfen mit ebensolcher Entschiedenheit die zionistische Lüge, die aus diesem Volke der Bibel ein Volk unter Völkern macht, politische Forderungen, ja ein ganzes System jüdischnationaler Politik nach dem Schema der Macht- und Interessenpolitik der Völker konstruiert und durch dieses Unterfangen das in alle Welt zerstreute machtlose Volk des Geistes in eine geradezu unmögliche Lage bringt. Der Weltkongreß der Judenheit auf Grund allgemeiner Wahlen in allen Ländern wäre ein glänzendes Mittel, um die gesamte Judenheit wider ihren Willen auf die zionistisch-nationalistiscshe Politik festzulegen. Damit aber berühren wir das letzte und für unn nicht unwichtigste Bedenken, das uns, abgesehet, von den entwickelten Erwägungen, dazu dräng. vschon jetzt gegen den Kongreßplan Front zu m achen' das jüdische Volk ist uns zu heilig, als daß wir die Bekundung seines Wesens und Wollens von der unberechenbaren Zufälligkeit parlamentarischer Wahlen und parlamentarischer Mehrheitsbildung abhängig machen dürften. Uns ist der nationale Wille für alle Zeiten von Sinais Höhen bestimmt worden, und solange nicht im voraus das sinaitische Volksprogramm von allen Schichten und . Parteien der Gesamtheit als unveräußerliche Verfassungsgrundlage des parlamentarischen Schaffens anerkannt ist, dürfen und können die Träger des historischen Judentums, die man als „Orthodoxie" zu bezeichnen pflegt, nicht ohne Not auf den Boden dieses Parlamentarismus treten. So erscheint die ganze Propaganda für den Weltkongreß als eine der schwersten Gefahren der Stunde. Die Verwirklichung der Kongreßidee wäre praktisch unzweckmäßig, politisch eine katastrophale Gefahr, religiös mit schweren Bedenken verknüpft. Will man für Palästina und zur Lösung des Ernigrationsproblems ehrlich etwas Praktisches leisten, so gibt es dafür bessere Wege der Zusammenarbeit als die Revolutionierung der Gesamtjudenheit durch eine Welt-Wahlbewegung. Es bedarf dazu nur der Aussprache unter den vorhandenen wenigen Weltorganisationen und großen Hilfsinstitutionen in Europa und Amerika. Die lüocbe. Die Sidra „Wajiscftlal)". Probleme, die seit uralter Zeit die Geschichte bewegen, Israels Beziehung zu Edom, finden hier Verkörperung, die auch den einfachsten Geist*ansprechen. Jaakow ist, zumal wenn er sein Genie gänzlich darauf konzentriert, Meister im wirtschaftlichen Kampfe, und steigt unaufhaltsam über den rauhen, geraden, von der Thora gar nicht lieblos gezeichneten Esau empor. Esau erobert sich wirtschaftliche Gebiete mit der Schärfe des Schwertes. Im friedlichen Wettbewerb unterliegt er allmählich dem Jüngeren, aber die Geschichte sieht ihn wiederholt die Prophezeiung Isaks erfüllen: „wenn du zu tief sinkst, so schüttelst du sein Joch von deinem Halse." Dies geschieht in der Regel, wenn eine Katastrophe im Vaterhause .... im Vaterlande eintritt „wenn da nahen die Trauertage des Vaters"... Je mehr aber Jakob seinen Geist dem Thoraleben dienstbar macht, deren eherne Schranken der Lehre seine Expansion eindämmen, d£sto ferner ist di£ Gefahr des Konfliktes mit Edom. Tritt dieser durch unbezwungene Leidenschaft zu irdischen Gütern dennoch ein, so wird Heimatslosigkeit zum strafenden Schicksal. „Umipne chatoenu golinu mearzenu." Golus hat aber eine zweifache Wirkung: es reinigt und stählt die starken, zerknüllt und demoralisiert noch mehr die schwachen Elemente unseres Volkes. In der Nacht, die Jakobs Golus von der Heimat trennt, geschieht etwas Mysteriöses, wie eine erschütternde Pantomime, die den Sinn des Golusschicksals darstellt. Edom ringt mit Jakob in der Golusnacht und bezwingt ihn nicht, aber das eine Bein Jakobs konnte er schlagen. Da bricht der Morgen der Geula an und der Dämon Golus strebt zu entweichen. Allein Jakob klammert sich an ihn; die sühnende segensreiche Wirkung des Golus is.t ihm noch nicht offenbar; an einem Teile des Volkskörpers ist die Verkümmerung schlimmer als je! Er will ihn nicht lassen, bis er die segensvolle Wirkung des Golus empfände. Er selbst fühlt nicht, daß er -ein anderer geworden sei; aus Jakob, dem Listigen, ist Israel, der G-ttesstreiter geworden. Wenn auch verkümmert, auf einer Seite geht ihm die Sonne der Heimat bei Peniel auf, und es gibt schon eine Generation Israels, die, frei von der Schwäche der einen Seite, g-tteserfülit genug sind, um. in ihrem Beruf als „Israel", als G-ttesstreiter, den schönsten Inhalt des Lebens sehen und keinen Anteil wollen an dem Genüsse, den die Schwäche Jakobs, die Leidenschaft zum Erwerbe bietet; diese „Kinder Israels" verabscheuen den Genuß der „Gid Hanosche," denn sie versinnbildlicht die Schwäche, die im . harten Golusringen sich entwickelt hat. (Darauf spielt etwa auch die Glosse zu „we-sagid liwne jisroel" — deworim koschin kegidin — an.) In Sukkot, die historische Stadt des Geula-Beginnes, langt Jakob, der dem Esau das Seine gegeben hat, wieder vollkommen an Körper, Seele und Besitz an; eine Harmonie sittlichen und weltlichen Strebens erhebt ihn zur alten Höhe, und „Israel" ruft wieder den Namen des Ewigen seines G-ttes an. Die Tragödie Dinas, aus der Sucht, den „Töchtern des Landes" gleichzutun entstanden, enthält eine genug allgemein verständliche Mahnung. Bald folgt die traurige Kunde von der Sterbestunde der gefeierten Ahnfrau Rahel. Auf einsamer Landstraße steht das von der Dichtung umwobene große Grab, aus welchen dem geistigen Gehöre unserer Seher Wehlaute vernehmlich sind, bis der Zug der Wiederkehrenden nicht an dem Grabe der großen Mutter vorbeischreiten wird. Rahel tauscht ihr Leben um das des Benjamin, Benoni, nennt sie ihn, das Kind der Schmerzen; das rechte Kind, nennt ihn den Vater. Das ward dem Stamme Benjamins zum Fatum, er blieb der Stolz und der Schmerz Israels zugleich. flguda. 9ߣ^$^99^$fi^ In Baden bei Wien fand Sonntag, den 21. November, unter Beteiligung des Herrn Oberrabbiner Reich, Rabbiner Assessor Salomon Friedmann und Rabbiner Ungar sowie unter großer Beteiligung der dortigen Jereim die Konstituierung der Ortsgruppe der Agudas Jisroel in Baden statt. Von der Zentrale in Wien haben an der Konstituierung teilgenommen: Obmann der Agudas Jisroel Wolf Pappenheim, Salomon Schreiber aus Sereth, Salomon Schreiber aus Wien, Moritz Kamm, Dr. Pollak und eine Abordnung der Wiener Jugendgruppe unter Leitung der Herreft Emanuel Felsenburg und Alfred Stroh. Nach Eröffnung der konstituierenden Versammlung seitens des Herrn David Daniel legte Herr Wolf Pappenheim Ziele und Aufgaben der Agudas Jisroel in faßlicher Form dar. Nachdem Herr Salomon Schreiber aus Sereth an einzelnen praktischen Arbeiten der Agudas Jisroel besonders in der Slowakei, woher er kam, die Bedeutung der Agudas Jisroel den Hörern nahegelegt hatte, ergriff Herr Oberrabbiner Reich (Baden) das Wort und schilderte mit warmen Worten besonders die Arbeit der Agudas Jisroel auf dem Gebiete des Taurohlernens und Taurohfördems und ihre Aufgabe bei dem Aufbau Palästinas in echt jüdischem Geiste auf den Grundlagen unserer heiligen Thora mitzuarbeiten und als seine Ehrenaufgabe bezeichnen könne, frommen Mitgliedern der Badener Gemeinde die Gründung einer Aguda- Gruppe empfehlen zu können. Nach dem warmen Appell des Herrn Oberrabbiners wurde unter großer Begeisterung die Aguda-Ortsgruppe als konstituiert erklärt. Herr Dr. Rappaport hatte eine Resolutiön eingebracht, um die Richtlinien der Tätigkeit der Badener Ortsgruppe festzulegen. Dieselbe wurde als überflüssig von der Tagesordnung ausgeschaltet. Nachdem noch Herr Salomon Schreiber und Herr Dr. Pollak der neuen Ortsgruppe nahegelegt hatten, im Geiste der thoratreuen Judenheit die Aufgaben der Agudas Jisroel zu lösen, wurde nach dem Schlußworte des Herrn Oberrabbiner Reich die konstituierende Versammlung geschlossen. Schomre Schabbos-Sektion. Um das wirtschaftliche Programm der Agudas Jisroel zu verwirklichen, hat die jüngst konstituierte Schomre Schabbos-Sektion der Agudas Jisroel einen großangelegten Wirtschaftsplan entworfen. Bei diesem Projekt ist man von der Auffassung ausgegangen, daß als Kernpunkt dieses wirtschaftlichen Programmes die Hochhaltung des Schabbostages zu betrachten ist. Die Leitung dieser Sektion steht unter bewährter Führung der Herren Kaiman Pappenheim, Moritz Leitner, Moritz Felsenburg und Alfred Stroh. Vor allem wurde beschlossen, bevor man größere Werkstätten errichten kann, die kleineren Handwerker, die Schabbos halten oder, falls der auf ihnen lastende wirtschaftliche Druck erleichtert werden kann, Schabbos gerne halten würden, bei Erweiterung und Vergrößerung ihres Betriebes zu unterstützen. Zu diesem Zwecke haben die Schomre Schabbos-Sektionen einen größeren Fonds gesammelt und sind bestrebt, diesen Fonds den Zeitverhältnissen gemäß zu vergrößern. Die Schomre Schabbos-Sektion hält wöchentlich Sonntag, nachmittags von 2 bis 4 Uhr, im Lokale der Agudas Jisroel, IL, Malzgasse 12 a, ihre Beratungen ab. Uercmswesen. „Tiferes Bachurim". Die Jeschiwo-Aktion des „liferes-Bachurim"-Vereines veranstaltet zugunsten der in verschiedenen Jeschiwos in Ungarn und der Slowakei lernenden Bachurin, am ersten Tage des Chanuka-Festes, am 6. Dezember 1920, um 6 Uhr abends, in dem Turnsaale der Talmud Thora- Schule ein Festbankett. Bei demselben fungiert als Festredner Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner S. Fürst. Wie unseren Mitgliedern, Freunden und Gönnern bekannt, befinden sich derzeit in verschiedenen Jeschiwos bei 50 Bachurim, welche von der vereinigten Jeschiwo-Aktion des „Tiferes-Bachurim"- Vereines und der „Jugendgruppe" versorgt werden. Zu dem stattfindenden Festbankett laden wir auf diesem Wege unsere werten Mitglieder, Freunde und Gönner ein. Die Diner-Karten sind bei allen Vorstandsmitgliedern zu haben. AGUDA- JUGEND GRUPPE. Agudas 3i$roel-mädclKngruppe. „Des Wissens Blüte sei das Leben — doch daß dem Wissen das Leben entblühe, dazu genügt das Wissen nicht. Was du allgemein in den Wissenskreis aufgenommen, muß auf dich bezogen, das Erkannte muß anerkannt werden, muß vom Wissen ins^flerz, in diesen Quell der Lebensentschlüsse treten, muß dich ganz durchdringen, muß Teil deiner selbst werden. — Dann wird es Boden deiner Wirksamkeit, wird Leben (Hirsch 3*V)I"1)." Vor Beginn eines jeden Lehrkurses, vor Beginn eines jeden Vortrages, bevor wir uns unter Führung von Lehrern oder allein in den hohen Geist des T3n oder der PlTSn vertiefen, wollen wir uns die Wahrheit dieser Worte ins Bewußtsein rufen, wenn wir uns allsabbathlich in Sidrah und Haftauroh vertiefen, so wollen wir es nie vergessen, an das Obige zu denken. Nicht jüdische Wissenschaft zu betreiben und unser Wissen über Judentum zu vergrößern, sei der Zweck unseres jüdischen Lernens in der Mädehengruppe. Nicht oft genug können wir es uns sagen, nicht jüdisches Wissen, jüdisches Leben; Wissen zu Leben machen, das ist es! Leider hält bei uns das Leben nicht immer Schritt mit dem Wissen. Und das soll unser Streben in den Mädchengruppen sein, daß wir viel lernen, nicht um zu wissen, nur um zu handeln, Wissen in Leben umzusetzen, den Kopf dem Herz, den Willen der guten Tat dienstbar zu machen, das heißt, kurz immer bewußtere und darum immer bessere, reinere jüdische Frauen zu werden. Darum geht, ihr lieben Schwestern, ich bitte euch, nur in Kurse und Vorträge, aus denen ihr mit einem guten Vorsatz mehr herausgeht als ihr kamt und — — verwirklicht diesen dann. Ein Lehrer, ein Buch, alles Wissen haben nur. dann Wert, wenn es euch in der Selbstarbeit unterstützt. Nicht die Zahl der Stunden, die ihr in der Mädchengruppe oder daheim „lernt", ist die Hauptsache, die Menge der inneren Bereicherung, die ihr euch für euer jüdisches Pflichtenleben holet, das ist der Kernpunkt. Laßt es euch nicht allzu imponieren, wenn euch eure Schwestern erzählen: ich habe tägUch iT^fiTl, ttfÖlfT Unterricht, jüdischen Sprachkurs, jüdische