Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 19/35 (19.11.1920)
- Date
- 1920-11-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE PRESSE Nr. 19/35 Verbreitung verholfen werden. Es wird beabsichtigt, eine Ausprache über die verschiedenen Richtungen im Judentum zu veranstalten, um Verständnis und Achtung vor der sittlichen Auffassung der verschiedenen Weltanschauungen im Judentum zu verbreiten. Die Berichte der einzelnen Kommissionen über das Heim in Neu-Isenburg, die Bshnhofshilfe, das Kartell der Arbeitsnachweise und aridere Arbeiten des Jüdischen Frauenbundes wurden entgegengenommen. Ein geselliges Zusammensein schloß die von intensiver Arbeit erfüllte Tagung. Der nächste Delegierten tag soll in Elberfeld 1921 stattfinden. Gemeindetag. Der für 17. November anberaumte jüdische Gemeindetag wurde vertagt und ist für die zweite Hälfte Jänner in Aussicht genommen. Palästina. Nachdem die Häfen Jaffa und Haifa für den deutschen Verkehr nunmehr freigegeben sind, hat die deutsche Levante-Linie ihren regel» mäßigen Dienst nach dort wieder aufgenommen. Vor dem Karlsruher Schwurgericht hatte sich der 24jährige Student Rohert Engplhorn aus Baden-Baden, Sohn des bekannten Kunstmalers Professor Engelhorn, wegun Mordes zu verantworten. Der Angeklagte hat am 7. März in Baden-Baden auf offener Straße den etwa gleichaltrigen Studenten Hans Kahn, einen Sohn des Badener Bankiers Kahn, ohne jeden Anlaß erschossen und ich dann selber einen Schuß in den Oberschenkel beigebracht. Die Tat erregte damals groQes Aufsehen und gab zu der Vermutung Anlaß, Engelhorn habe aus antisemitischen Motiven heraus gehandelt. Der Angeklagte gab an, er habe in jener Zeit häufig Selbstmordgedanken gehabt. In den kritischen Tagen sei in ihm der Entschluß gereift, irgend einen Menschen zu töten. Es sei deshalb gegen Mittag auf die Straße gegangen und habe seine Absicht bei verschiedenen Passanten, die ihm begegneten, ausführen wollen, habe aber immer wieder davon abgesehen. Schließlich habe er den ihm persönlich nicht bekannten Kahn, der ihm durch seine elegante Kleidung aufgefallen sei, von hinten durch einen Schuß in den Kopf getötet. Der Angeklagte bestritt entschieden, aus antisemitischen Beweggründen gehandelt zu haben Er sei zwar einmal kurze Zeit Antisemit gewesen, aber schon zur Zeit der Tat sei er wieder ein Gegner des Antisemitismus gewesen; er sei auch nicht Mitglied des „Schutz- und Trutzbundes". Sein eigentlicher Beweggrund sei das Verlangen gewesen, aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen zu werden; Reue« über die Tat habe er nicht empfunden. Die medizinischen Sachverständigen kamen zu dem Ergebnis, daß der Angeklagte an dementia praecox leide und daß er für die Tat nicht verantwortlich gemacht werden könne. Der Staatsanwalt plädierte für Bejahung der Schuldfrage auf Mord, die Geschworenen verneinten diese jedoch und ebenso die auf Totschlag. Der Angeklagte wurde darauf freigesprochen und einer Irrenanstalt überwiesen. Amerika. Harding über die Pogrome. Das „Jüdische Tagblatt* in New York hat vor der Präsidentenwahl die beiden Kandidaten Harding und Cox telegraphisch befragt, was sie im Falle ihrer Wahl für die verfolgten Juden in Osteuropa tun wollten. Harding antwortete, daß er die Gräueltaten gegen die Juden verdamme. Cox hingegen drückte sich allgemein für alle unterdrückten und verfolgten Völker aus. Letzterer fügt hinzu, daß Amerika bisher nicht eingreifen konnte, weil es den Friedensvertrag noch nicht ratifiziert hätte. Das „Tagblatt8 findet beide Antworten für ungenügend. Weizmanns Amerikareise. Auf der am 17. Oktober stattgefundenen Sitzung der amerikanischen Zionistischen Exekutive wurde ein Telegramm Weizmanns vorgelesen, wonach er seine Heise nach Palästina bis zur Rückkehr der jetzt dorthin abgegangenen zionistischen Kommission verschiebe und bald nach Amerika zu kommen gedenke, wo er an der in Buffiilo vom 25. bis 28. November stattfindenden Jahreskonferenz teilzunehmen beabsichtige. Nach längerer Diskussion wurde eine von Mack vorgelegte Resolution angenommen, wonach Weizmann in Amerika stets willkommen sei, jedoch folgende Wünsche ausgesprochen werden: Wegen der ökonomischen Fragen sei es wichtig, daß er jetzt nach Amerika komme. Im Einklang mit ,der Verständigung, die zwischen ihm und der amerikanischen Delegation getroffen wurde, wird nochmals wiederholt, daß -es höchst wünschenswert wäre, wenn er nach Amerika bestimmte Pläne mitbringen würde, besonders bezüglich der Konzessionen auf die Kronländereien. Er sollte auch in Begleitung von Sir Alfred Mond oder einer anderen einem ähnlichen Stande angehörenden Persönlichkeit kommen, um auch in Amerika bei denselben Kreisen Interesse zu erwecken. Der G-alizianerverband faßte unter Vorsitz von Dr. Margosches u. a. den Beschluß, in Lemberg ein Emigrationsbureau zu ei-öffnen, dem mit der Zeit Bureaus auch in anderen galizischen Städtchen folgen sollen. Joint. Auf einer Sitzung der Exekutive des „Joint" in New York erklärte Felix Warburg, daß als Resultat seiner Informationsreise nach Europa die Hilfsarbeit umgestaltet und sich von nun ab konzentrieren wird auf rekonstruktive Hilfe, Versorgung von Kindern und Waisen und Verbesserung der sanitären Zustände. An Stelle des zurückkehrenden hochverdienten Direktors, Dr. Goldmann, werde kein Direktor für Europa bestimmt werden, sondern ein aus drei Personen bestehender Exekutivrat, dem angehören werden: Dr. Bogen, der die momentane Hilfsarbeit leitet und zu trachten hat, daß sie in eine Form von konstruktiver Hilfe überführt werde; die momentane Hilfe soll nur dort gewährt werden, wo sie unbedingt nötig ist und von Monat zu Monat eingeschränkt werden und an ihrer Stelle Hilfe, die geeignet ist, das ökonomische jüdische Leben auf eigenes und sicheres Fundament zu stellen, treten, Dr. Peiser, der die Kinderarbeiten leitet und der bekannte Typhusspezialist, Dr. Plötz, als Leiter der sanitären Hilfe. Jeder von diesen wird auf seinem Gebiete selbständig sein. Vor dem Inkrafttreten dieser neuen Organisierung wird der neue Exekutivrat auf einer, nach Wien für den 15. November einberufenen Konferenz aller Rayonsdirektoren zusammenkommen, um ein genaues Programm für die Arbeit des nächsten Jahres aufzustellen. Auch das Emigrationsproblem sei von ungeheurer Wichtigkeit, aber der «Joint" sei nicht imstande, sich mit diesem Problem seiner ganzen Größe nach zu befassen. Nach der Art der jüdischen Wanderung müssen die notleidenden jüdischen Emigranten nach gewissen Klassen eingeteilt werden und könne sich der .Joint" nur mit einzelnen dieser Klassen befassen. Das „People Belief Commitae" hat auf seiner letzten Konferenz mit 21 gegen 19 Stimmen seinen Austritt aus dem »Joint Distribution Conimitee" beschlossen. Nachträglich wurde jedoch der Beschluß gefaßt, binnen einem Monate eine spezielle Konferenz nach Philadelphia einzuberufen, die oberwähnten Beschluß zu ratifizieren haben wird. („Joint8 besteht nämlich aus drei vereinigten [Joint] Sammelkomitees, dem „aristokratische" American Jewish Relief Gommittee, dem bürgerlichen [meist orthodoxen] Central Relief Gommittee und dem sozialistischen People relief committee. D. R.) Das Testament Jakob H. Schilfs. Schiff hinterließ der Vereinigung der jüdischen Philantropischen Gesellschaften in New York 500.000 Dollar, dem Montesiore-Heim und Krankenhaus für chronische Krankheiten 350.000 Dollar, dem Jüdisch Theologischen Seminar von Amerika 150.000 Dollar, dem Hebrew Union College in Cincinnati 100.000 Dollar und einer Reihe weiterer Institutionen Beträge von 50.000, 25.000, 10.000 und 5000 Dollar. Polen. Lehrerstreik. Die Lehrer der jüdischen Volksschulen Warschaus haben die Forderung auf hundertprozentige Gehaltserhöhung erhoben, wonach ihr Monatsgehalt für den fünfstündigen Arbeitstag 6000 Mark betragen würde. Nach langen Unterhandlungen wurden diese Forderungen durch das Kuratorium der jiddischen Volesschulen akzeptiert, während das die hebräischen Volksschulen verwaltende zionistische Kuratorium die Lehrer abschlägig beschied, woraufhin über 70 Lehrer der acht zionistischen Volksschulen in den Streik traten. 2000 Kinder sind infolgedessen ohne Aufsicht und Unterricht. Im Sejm kam es bei einer jesuitischen Rede des allpolnischen Abg. Lutoslawski, der behauptete, daß das Erziehungssystem der jüdischen Religionsschulen darauf ausgehe, Haß und Verachtung gegen die anderen Religionen zu schüren, zu großem Skandal. Abg. Rabbiner Malpern nagelte die .Behauptung Lutoslawskis als Verleumdung fest. Bei den entstehenden Wirrwarr drohten manche polnische Abgeordnete den Juden mit Handgreiflichkeiten. Am nächsten Tage widerlegte Abg. Grünbaum in einer längeren Rede die Behauptungen Lutoslawskis. In Lodz brannte das größte jüdische Theater Europas ab. 200 Artisten-Familien sind brotlos geworden. Rumänien. Konferenz. Sämtliche jüdische Kooperativen Bessarabiens sollen demnächst zu einer Konferenz zusammentreten, um über die wirtschaftliche Umschichtung der bessarabischen Juden nach einheitlichen Grundsätzen und mit Hilfe einer zentralen Organisation zu beraten. Siebenbürgen. Rabbinerwahl in Szatmär. Die orthodoxe Gemeinde in Szatmär hat den Oberrabbiner Grünwald in Felsö-Viso zu ihrem Oberrabbiner gewählt. Der neue Szatmärer Raw war früher in Deutsch-Kreuz und Duna-Szerdahely Rabbiner und ist als Talmud Chochom godol über die Grenzen des Landes bekannt. Bukowina. Zwecks Beruhigung der jüdischen Bevölkerung in der Süd-Bukowina, \vo in letzter Zeit — speziell in Dorna-Kandreny — s'ich unliebsame Vorfälle abgespielt hatten, erklärte der Landesgendarmeriekommandant, daß er persönlich die volle Verantwortung für die weitere Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung übernehme und daß die dortige Judenheit keinerlei Besorgnisse mehr zu hegen brauche; es seien alle Vorkehrungen getroffen, daß sich derartige Vorfälle nicht mehr wiederholen. Bulgarien. Bnigarisch-palästinensische Bank. In Sofia (Bulgarien) wurde eine bulgarisch-palästinensische Bank gegründet, die den Zweck verfolgt, die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Bulgarien und Palästina zu pflegen und sich finanziell und kommerziell in Palästina zu betätigen. Litauen. Jiddisoher Moniteur. Der Minister für jüdische Angelegenheiten, Dr. Soloweitschik, teilte auf einer Versammlung des Waad-Hapoel mit, daß die litauische Regierung beabsichtigt, eine offizielle Zeitung im Jiddisch herauszugeben. Auch hat. die Regierung versprochen, 14 Tage im Jahre als offizielle jüdische Feiertage anzuerkennen. England. Herbert Samuels Matter gestorben. Die Mutter Sir Herbert Samuels, Mrs. Edwin Samuel, ist in London im Alter von 84 Jahren gestorben. Sie war die Witwe nach Mr. Edwin L. Samuel, dem Bruder des ersten Lord Swaythling und Partner der Firma Samuel, Montague and Co. Die Konstituierung des Hauptbureaus des Kereti Hajessod in London ist erfolgt. Ein Direktorium ist bis zum nächsten Zionistischen Kongreß eingesetzt worden. Die Herren Dr. B. Feiwel, W. Jabotinsky, J. Naiditsch nnd H. Zlatopolski wurden zu Direktoren, ernannt. Die Exekutive der Zionistischen Organisation ist durch einen Gouverneur im Direktorium vertreten. Als solcher fungiert Herr Julius Simon. Sekretär des Direktoriums ist Herr Leo Hermann. Für die Arbeit des Keren Hajessod in verschiedenen Ländern Zentraleuropas ist in Berlin eine besondere Abteilung unter der Leitung der Herren Julius Berger, Kurt Biumenfeld und Dr. Artur Hautke errichtet worden. Jabotinsky. Laut einem Bericht des J. C. B. hat die Zionistische Exekutive mit der um Jabotinsky sich gruppierenden Opposition folgende Vereinbarung getroffen: Die Zionistische Organisation werde bei den Verhandlungen mit England betreffs des Mandates' trachten, einen entscheidenden Einfluf auf die Besetzung des Oberkommissariates zu gewinnen. Die jüdische Legion wird einer der Hauptpunkte des politischen und finanziellen Programms der Zionistischen Organisation sein. Die Zusammensetzung der Zionistischen Kommission in Palästina werde im Einverständnis mit der Delegiertenversammlung erfolgen. Simon de Lieme werden bei ihrer Anwesenheit in Palästina nur das Recht der Inspizierung und Reduzierung des Budgets haben, aber nicht der Ernennung und Entlassung der Beamten. Auf der im Februar stattfindenden Sitzung des A. C. werde eine Reorganisation der Exekutive Platz greifen. Jabotinsky, Naiditsch und Slatopolsky werden dem Direktorium des Keren Hajessod angehören. Orthodoxie und Zionismus. Herr E. Botschko aus Basel hielt vor mehr als 1000 Personen in der Schul der Machsike Hadaß in London einen Vortrag über das jüdische Verhängnis in Osteuropa und verstand es, nach dem „Jüdischen Expreß", das Publikum fortzureißen und zu begeistern. Er sagte unter anderem: „Das orthodoxe Judentum lebt, ist stark und entwickelt sich, trotzdem es seine Gegner schon tot gesagt haben. Als er über die trostlose Lage der Juden des Ostens sprach, erhob sich eine schwere Anklage gegen die Gleichgültigkeit der Großmächte, die als mitschuldig gegen die uns angetanen Mord- und Rohtaten zu betrachten sind. Als einzige Lösung für das unglückliche Volk fand er die eingreifende Tätigkeit des gesamten Volkes für Erez Israel. Seiner Meinung nach hat die zionistische Leitung einen großen Teil daran Schuld, daß wir immer noch in zwei oder mehrere Lager getrennt dastehen und die englische Regierung mit Memorandums überrumpeln. Die zionistische Leitung hat die guten Absichten der Zürcher-Konferenz nicht erkannt und den Verhandlungen mit dem Kowner Raw und Professor Margules keine ernsthafte Aufmerksamkeit geschenkt. Es sei aber immer noch nicht zu spät, und was bis jetzt verpaßt wurde, soll jetzt nachgeholt werden. Das jüdische Volk tränkt sich in einem Meer von Blut und Tränen; eine einheitliche Front muß gebildet werden mit dem Zweck, um unsere Brüder aus den Bedrängnissen zu retten, Palästina so schnell als möglich aufzubauen. Jede Stunde Wartens heißt mit dem Blut unserer Brüder spielen. Wir sollen nicht die linken Elemente von uns abstoßen, aber die Linken dürfen uns auch nicht als totes Element betrachten. Gerade die frommen Juden haben durch ihr 2000jähriges Hoffen und Erflehen Erez Israel erhalten. Während die Zionisten erst vor 30 Jahren sich an Erez Israel erinnerten, haben die frommen Juden noch nie Erez Israel vergessen. Der verfälschte Nationalismus hat die Orthodoxie vom Zionismus zurückgestoßen, aber der wahre echte, echte Nationalismus, vom Geiste der Thora getragen, wird sie wieder zusammenbringen. Das jüdische Volk muß jetzt wieder erwachen und seine Lebensfähigkeit