Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 18/34 (12.11.1920)
- Date
- 1920-11-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Kr. 18/34 So muß sich unaufhaltsam eine starke Wendung nach rechts vollziehen, die nicht allein im Misrachi ihren Ausdruck finden kann, der durch sein nun vollständig paralleles Zusammengehen mit den chauvinistischen Zionistenführern sich nicht das Vertrauen des Andersgläubigen in dem gleichen Maße erfreuen können wird, wie die in der alten Tradition Wandelnden. So vollzieht sich noch unmerklich, aber in seiner Konsequenz unaufhaltsam, der Sieg des Glaubens über den aus Ungläubigkeit entspringenden entheiligten Nationalismus. Ein Pariser Feuilleton. In der „Neuen Freien Presse" erschien da dieser Tage — wie eine Erinnerung au alte Friedenszeiten — wieder ein Nordausches Feuilleton, von Paris datiert. Nicht die leiseste Beziehung zum Judentum ist darin zu erhorchen, und dennoch ist diese mit alter sicherer Kunst gezeichnete Skizze des veränderten Paris, vielsagend für den jüdischen Tageschronisten. Nord au scheint seinen alten Ehrensitz in der Pariser Gesellschaft bezogen zu haben. Wo hat man nur vorgemacht, daß Nordau in Paris unmöglich sei, daß er gar keinen Paß nach Frankreich bekäme und daß sich der sonst so bescheiden geartete Sokolow darum schweren Herzens — bemakom scheen anoschim! — entschließen mußte, statt Nordau, der doch, wie kein Zweiter geschaffen war, der Führer der jüdischen Delegation vor der Friedenskonferenz zu sein, einzuspringen. Dabei prüft man das Feuilleton voreingenommen auf seinen geistigen Grad. Es muß etwas Seniles darin zu verspüren sein, denn die jüdisch-nationalen Führer haben auf die tausendfache naive Frage, warum eigentlich Nordau, der alte Führer, einer der besten Kenner der europäischen Politik, auf dessen berühmtes politisches Sylvesterfeuilleton Potentaten und Staatsmänner jahrzehntelange geachtet haben, wie Schüler auf das Jahreszeugnis .. ., warum dieser Nordau, dessen Prädestination für die Anwaltschaft der jüdischen Sache und dessen klarer, ehrlicher Wille selbst von seinen politischen Gegnern anerkannt worden wäre, warum nicht Nordau die jüdische Sache in Paris und London vertreten hat, — stets so treuherzig versichert, daß Nordau ,owar u-botela sei. Das war ein diplomatisches Geheimnis der Führer der Zionisten, das man unter sich weitergegeben hat. Die übrige Welt wußte gar nichts davon. Die deutsche, französische, englische, spanische und wer weiß noch welche Presse bewarb sich — ohne davon etwas zu merken — auch weiterhin sehr angelegentlich um die Mitarbeiterschaft Nordaus. Nur sie haben es längst wahrgenommen. Schon am Wiener Zionistenkongreß, anno 1913, gab es eine scharfe Debatte wegen Nordau. Eine Gruppe hat da die Leitung beschuldigt, Nordau, dessen Rede stets den Clou des Kongresses gebildet hatte, an dem Erscheinen beim Kongresse verhindert)™ haben. DieNordaurede mußte schon damals von — Sokolow gehalten werden. Dieser Charif hat wohl schon damals als Erster, schmerzlich wahrgenommen, wie senil Nordau geworden sei, und hat sich für ihn geopfert.-- So ehrlich und rechtschaffen handeln die Herren mit ihren greisen Führern — man darf daraus lehrreiche Schlüsse auf andere Beziehungen ziehen. So verfällt eine noch so idealistisch begonnene jüdische Bewegung in den Zustand der Demoralisation, wenn sie nicht anders von dem Ethos der Thora durchglüht ist. Der deutschösterreichische Zionistentag. Wir sind aufrichtig und bescheiden genug, um vorauszusetzen, daß die „Wiener Morgenzeitung" durch ihre gewiß größere Verbreitung urbi et orbi über den großen Gewinn, den der Parteitag für die Menschheit im Allgemeinen und die Judenheit insbesondere zweifellos bedeutet, sowohl informiert als auch überzeugt hat. Uns erübrigt bloß die Nachlese der unter dem Redaktionstisch der „Wiener Morgenzeitung" gefallenen Details. Diese Details bestehen in der Regel in Tatsachen, welche der Leitung nicht angenehm sind. Die Morgenzeitung ist kein süßliches Lämmerschwänzchen; sie unterdrückt mit kräftiger Faust Namen und Tatsache», die nicht für ihre Ziele taugen. Man erfährt aus den Berichten nichts von den Angriffen, die gegen Stricker gefallen sind. Man hat sich da auf die „Jüdische Presse" berufen und -horribile dictu* die Ansicht des darin erschienenen Artikels „der Mißerfolg der Stricker-Partei" geteilt, die Wahlspesen wären besser in Zion verwendet gewesen, es herrsche tatsächlich ein „blauweißer Terror" usw. Staatseisenbahnrat Stricker erhob sich da mit der Haltung eines angegriffenen englischen Premiers, parierte mit staatsmännischer Sicherheit die Angriffe des Hapoelhazairisten: „Das streitbare Organ der Orthodoxie* sagte der große Mann, habe die Wahlspesen übertrieben. Tatsächlich hätte die Wahl nur 800.000 Kronen gekostet und die Perspnen. welche diesen Betrag aufgebracht hätten, haben auch denselben Betrag für Zion gespendet. — An eines Staatseisenbahnrates Wort wagen wir nicht zu zweifeln. Allein wir vermissen die genauere Angabe, ob 800.000 tschechische oder dänische Kronen gemeint waren, wir wissen nur das Eine sicher, daß unmöglich österreichische Kronen gemeint waren. Was veranlaßt den Herrn Staatseisenbahnrat auch zu glauben, daß wir nur die Spesen dieser Wahl' und nicht auch der vorigen und alles, was drum und dran hängt, glauben. Teilen die Herren nicht auch die Ansicht, daß, ohne die durch den unseligen Minoritätsrechtwahn erzeugte Spaltung, viele Millionen durch Assimilantenkreise für Erez Israel aufgebracht werden konnten, und daß es hier Männer gibt, die den ganzen Bausteinkasten fürs „dritte jüdische Reich", der bisher nicht den zehnten Teil der Wahlkosten ausmacht, allein geleistet hätten? Dürfen wir nicht auch die Millionenkosten der „Morgenzeitung" rechnen, die ein höchst wertvolles Instrument für das Judentum in Erez Israel und im Golus sein könnte, wenn sie nicht ganz und gar auf die Ziele eines kleinen konzentrischen Kreises innerhalb einer einzelnen Partei eingestellt wäre, bei der der Wille des Herrn Staatseisenbahnrates oberstes Gesetz ist? Deutscböstcrrcicb. 516.905 Kronen hat die „Jüdische Presse" im Monat Oktober allein an eingelaufenen Spenden ausgewiesen. Der größte Teil war den Flüchtlingen, Chaluzim und Kranken gewidmet und wird ohne Verwaltungsspesen verwendet. Die Tätigkeit der Aguda scheint denn doch nicht so negativ zu sein, wie wir sie so oft geschildert finden. Man darf noch die Bemerkung hinzufügen, daß der Kreis, aus welchem sich die Spender rekrutieren, seine täglichen unsichtbaren Opfer auf dem Altare des jüdischen,Lebens bringt. Die Steuer des rituellen Lebens, der tägliche Tempelbesuch, die diskreten Unterstützungen, das summiert sich selbst bei den Aermsten der Glaubenstreuen zu einem Betrage, den die Herren Gegner mit Applomb einmal im Jahre als großmütige Gabe des Reichen publizieren lassen. 50.000 Kronen für dasKriegswaisenhaus der Aguda ist diese Woche von einem Gönner der Aguda gespendet worden. Möge dieses Beispiel zahlreiche Nachahmer finden. Die6prozentigen österreichischen Schatzscheine. Die Stücke der 6 prozentigen österreichischen Staatsschatzscheine, welche die Finanz Verwaltung ausgegeben hat, um der wachsenden Geldüberflutung und deren .schädlichen Folgen entgegenzuwirken, sind nunmehr fertiggestellt und können bei allen Postämtern und Geldinstituten bezogen werden. Diese Schatzscheine haben bekanntlich eine Laufzeit von sechs Jahren, werden al pari ausgegeben, können aber zu jeder Zeit für den ersten Tag des der Kündigung nachfolgenden vierten Kalendermonates gekündigt werden. Die Rückzahlung erfolgt iiierauF abzugsfrei zum vollen Nennwerte samt Zinsen. Mit diesem Schatzscheine gelangt man eigentlich in den Besitz von verzinslichen Noten, die vielleicht die Anziehungskraft besitzen werden, um auch aufgesparte Banknoten aus dem Verkehr herauszuholen, den Umlauf an Banknoten zu verringern und damit den endlichen Abbau der ungeheuerlich belastenden Teuerung herbeizuführen. Eine Zeichnung auf diese Schatzscheine findet nicht statt. Sie sind jederzeit bei allen Anstalten zu haben und die Art der Anleihe ist eine dauernde Einrichtung, die auch in anderen Staaten besteht, damit überschüssige Gelder in vorteilhafter Weise veranlagt werden können. Im Bedarfsfall sind diese Schatzscheine leicht zu realisieren, indem sie bei jedem Postamte leicht gekündigt werden können. tscnecboslowakci. Das amerikanische Hilfskomitee für die Orthodoxie. Im Auftrage der orthodoxen Landeskanzlei hat Redakteur Bettelheim für das amerikanische Hilfskomitee ein Memorandum über die Lage der orthodoxen Rabbiner der Slowakei sowie der Jeschiwos verfaßt, worin besonders auf die ungerechte Behandlung der orthodoxen Rabbiner und der Jeschiwos seitens des Joint-Komitees in Preßburg hingewiesen wurde. Mr. Morris Engelmann hat dieses Memorandum persönlich stark befürwortet und teilt uns nun aus New York mit, daß an die orthodoxe Landeskanzlei ein Check von 400.000 tschechischen Kronen für die orthodoxen Rabbiner und die Jeschiwos abgegangen sei. So erfreulich dieser Umstand auch für die Orthodoxie sowohl in materieller, als auch in moralischer Hinsicht ist, muß darauf hingewiesen werden, daß diese Zuwendung nur eine unzureichende Entschädigung für die jahrelange Vernachlässigung der Orthodoxie in der Slovakei bedeutet, die schon seinerzeit, als das amerikanische Hilfsgeld in Budapest zentralisiert war, sehr schlecht weggekommen ist, aber gar von dem seit zwei Jahren in Preßburg wirkenden Komitee in der unverantwortlichsten Weise übergangen worden ist. Diese Spende enthebt das Preßburger Joint-Komitee durchaus nicht der Pflicht, in Hinkunft den notleidenden Rabbinerfamilien und Jeschibot ihre Aufmerksamkeit besser zuzuwenden, sondern soll eher ein Memento für eine fernere, gerechtere Verteilung sein. Rabbinerwahl in Uzhorod (Ungvär). Der seit dem vor zwei Jahren erfolgten Ableben des Rabbi Lazar Low s. j. o. leerstehende Rabbinatssitz ist endlich durch die Wahl des jetzigen Huszter Oberrabbiners Grünwald in der zufriedenstellendsten Weise besetzt worden. Es war an der Zeit, daß diese Gemeinde, eine der größten in der Slowakei, wo es noch eine solche Menge von Thoratreuen gibt, die aber durch das lange Interregnum von der alten Hislahawus und Opferfreudigkeit wieder stark nachgelassen hat, eine Autorität als Führer und Leiter in der schweren Zeit erhalten hat. Hoffentlich wird es dem neuen Oberhaupt der Gemeinde gelingen, machsir atoro lejoschno zu sein. Die Brandkatastrophe in Triesch. In der Nacht des 1. November wurde das Judenviertel der alten Gemeinde Triesch ein Opfer der Flammen. Zahlreiche jüdische Familien sind obdachlos geworden. Die früh eingetretene Winterkälte macht die Katastrophe noch schwerer fühlbar. Talmud-Thora-Volksschule. Die Anstalt, welche das Oeffentlichkeitsrecht besitzt, zählt im heurigen Schuljahr in der I. Klasse 45 Schüler, in der II. Klasse 42, in der III. Klasse 41, in der IV. Klasse 50, in der V. Klasse 39 Schüler. Die Familien Leninert und Wechselberg (Hernalser Hauptstraße 19) haben der Schule je K 500 zu Schulzwecken gewidmet. Pessicha. Pessicha bedeutet die feierliche Eröffnung des Semesters an der alten Jeschiba zu Preßburg. Dem ersten Vortrag über das von den Rabbinatsschülern wochenlange * vorher studierte Thema, geht eine Eröffnungsrede, die Pessicha, voraus. Thorabeflissene Gemeindemitglieder finden sich ebenfalls zu dieser feierlichen Gelegenheit ein. So fand auch diesmal nach alter Tradition die Semestereröffnung am vergangenen Sonntag, den 26. Marcheschwan, statt. Oberrabbiner Schreiber eiferte die Jeschiba-Hörer in warmen, begeisternden Worten zum fleißigen Studium an sowie zur traditionellen Ausdauer, die allerdings durch die schwierigen Lebensbedingungen zum schweren Nissojon wird. Sr. Ehrwürden wies auch auf die schwierigen WohnungsVerhältnisse hin, die den Besuch der Jeschiba beeinträchtigen, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Zahl derBachurim, die jetzt an hundert beträgt, sich mit dem Abbau der Wohnungsnot vermehren wird. Wie wir erfahren, plant die Jeschiba- Leitung die Errichtung eines Internates. Zu diesem Zwecke wird eine großzügige Aktion eingeleitet werden. Wir hoffen, daß sich Freunde und Gönner finden werden, die ihr Möglichstes zur Verwirklichung dieses schönen Werkes beitragen werden. Der Distrikttag der mährisch-schlesischen Zionisten tagte am 31. Oktober in Brünn. 42 Delegierte waren von 18 Orte» entsendet. Es wurden zirka eine halbe Million Kronen für den Keren hajessod gezeichnet. Man beschloß, von jedem Mitglied 10 Prozent des Vermögens als Maasser für den Keren-hajessod zu verlangen und durch fünf Jahre 10 Prozent vom Jahreseinkommen. Die Verhandlung war nicht von Bedeutung. Mährisch-Ostrau wurde als Distriktzentrale bestimmt. Deutschland. Rabbinerwahl. Zum Nachfolger des Gemeinderabbiners Herrn Dr. Rosenthal wurde in einer Sitzung Herr Landrabbiner Dr. Moses Hoffmann aus Emden gewählt. Dr. Hoffmann ist am 17. November 1873 als Sohn des damaligen Dozenten, jetzigen Rektors des Rabbinerseminars, Prof. Dr. David Hoffmann geboren, absolvierte 1891 in Berlin das Gymnasium zum grauen Gloster, besuchte alsdann das Rabbinerseminar als Schüler von Israel Hildesheimer, Hirsch Hildesheimer, Barth und Berliner und die Universität Berlin, an welcher er Geschichte, Nationalökonomie und Philosophie studierte, 1902 bestand er dieRabbinatsprüfung am Rabbinerseminar und erhielt außerdem die rabbinische Autorisation von Rabbiner Dr. Feilchenfeld in Posen und Oberrabbiner Hirsch in Hamburg. Während seiner Studienzeit war Hoffmann sieben Jahre Lehrer an der Religionsschule der Gemeinde Adaß Jisroel in Berlin, 1900—1901 Lehrer an der israelitischen Realschule in Fürth, 1902—1903 Rqligionslehrer an der Hauptgemeinde in Frankfurt a. M. unter Rabbiner Dr. Horowitz, 1903—1912 Rabbiner in Randegg in Baden, seit 1912 Landrabbiner in Emden. Von Wissenschaft-