Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 18/34 (12.11.1920)
- Date
- 1920-11-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II. Bezirk, Malzgasse Nr. 12 a. Tschechoslowakei: Bratislava, Tarnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich und Ungarn d. Ö.K120*—.Tschechoslowakei^. 60*—, DeutschlandMk.60-—, Schweiz Frcs. 10* — , Amerika 2 Dollar. Einzelnummer d.-ö. K 3 —, Kc. 1*20. Inseraten - Preis: Ganze Seite K 3000'—, halbe Seite £ 1500-—, viertel Seite K 800'—, achtel Seite E 400*-, sechzehntel Seite E 260*-. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 18/34 Wien-Bratislava, 12. November 1920 K'snn iSds k rwDDina " rrjn 6. Jahrg. mebr Würde. In unserer Zeit, die trotz revolutionären Gepräges so verschwenderisch mit Würden geworden ist, fehlt oft und fast überall eines, die wahre innere Würde. Sie fehlt den einzelnen Individuen, sie fehlt der Gesamtheit. Mancher Mißerfolg erklärt sich daraus; heiastet ein solcher Mißerfolg die Gesamtheit, so wäre Schweigen ein Verbrechen. Würde bewährt und offenbart sich am ehesten in der Abwehr von solchen Angriffen, die ihre vergifteten Pfeile gegen unser Innenleben richten und unsere Selbstachtung zu mindern drohen. Wird uns diese geraubt, so stürzt alles zusammen, zuweilen unter blendendem äußeren Erfolg. Dies gilt auch von den Methoden der sogenannten Abwehr gegen den Antisemitismus. (Hier sei eine Klammerbemerkung gestattet. Es wäre schon endlich an der Zeit, daß dieser Name geändert wird und statt der kunstvollen Drapierung mit dem Fremdwort sich schlechthin in Judenfeindschaft wandeln würde. Denn es war wirklich grotesk, wenn man in jüngster Zeit von einem Antisemitismus der semitischen Araber sprach. Klarheit wäre auch hier ein Gewinn.) Die erste und beste Form der Abwehr ist klare Erkenntnis dessen, was man in uns angreift und dessen, was wir zu verteidigen haben. Sind wir uns erst des Ewigkeitswertes unserer Tradition bewußt, dann haben wir dasselbe also in uns zu festigen, daß kein noch so perfider Angriff sie uns rauben kann. Das gilt beispielsweise gegenüber der Methode Delitzsch. Wenn wir da uns alle darüber Aufschluß gegeben hätten, was an Bausteinen für die sogenannte Urgeschichte heilige Schrift und älteste Erklärer uns bieten, so hätten wir vor Delitzsch nicht bangen dürfen, sondern im Bewußtsein des sicheren Besitzes seiner lachen können. Allgemein, müßte man zunächst in die Motive unserer Gegner Einblick gewinnen und das erste Gefühl jeder Abwehr müßte weinendes Mitleid" sein darob, daß Menschenkinder in solche Fluten des Hasses versinken können. Daraus würde die Erkenntnis strömen, daß mit zwingender Notwendigkeit jedes reine Wollen, jede ethische Tat die Zahl der Gegner mindert. Die vornehmste Form des Kampfes liegt in dem Bestreben, Ewigkeitswerte zu schaffer; und Taten zu leisten, deren Auswirkung der Gesamtmenschheit zugute kommt. Man hüte sich in den Ajaxton der Gegner zu verfallen, das wäre eine Verletzung unserer Würde. Aber noch weit wichtiger und vordringlicher ist die Würde bei den Kämpfen im Innern. Da herrscht schreckenerregende Entartung. Es geht wirklich nicht an, die Methoden gewissenloser Demagogie auf die Behandlung jüdischer Dinge zu übertragen, selbst auf sogenanntem wissenschaftlichem Gebiet, allwo wir es jüngst erst erlebt haben, daß statt der Bücher der Verfasser kritisiert wird, statt der Rede der Redner. Das sind billige Witze, die durch persönliche Pikanterien natürlich große Massen entflammen können. Bedauerlich ist die Vermischung von Person und Sache, wenn sie aus geistigem Unvermögen stammt, verbrecherisch, wenn sie absichtlich zur Verwirrung und Betäubung von geschickten Faiseuren mißbraucht wird. Gerade wenn man, wie das unter gesitteten Menschen der Fall zu sein pflegt, die subjektive Wahrheit anders gearteter Ueberzeugung anerkennt, sollte man doch der Würde der Sache bewußt bleiben und es wirklich einmal versuchen, sowohl in der Auswahl der Führer als auch in Bestellung der Glaque etwas mehr auf geistige Qualität zu sehen.,Es wäre ein Segen von unendlicher Tragweite, wenn man auch unterwegs auf c}er Bahn zum Ziel der Wahrheit bei jedem einzelnen Schritt auf dem Wege nur Wahrheit gelten ließe. Und vor allen Dingen, sich nicht blenden lassen durch /Scheinerfolge! Mehr Würde, auch in den schweren Stunden und Tagen, in denen dem äußeren Anschein nach Erfolg, das heißt Nachbeten der Masse, auf der Gegenseite ist. Schon die Alten sagten, der roges, die Verstimmung, ist ein schlechter Berater. Nur nicht an der eigenen Sache zweifeln, auch wenn Tausende versuchen, sie zu überrennen. Mißerfolge würdevoll zu tragen, ist ein Zeichen der Güte der Sache, das Gegenteil ist kleines Werk kleiner Menschen. Wahre Würde aber ist untilgbar und unveräußerlich. P. K. Der Sieg de$*0täuben$. Das Schlimmste, was unser Glaube an den Glauben zu bestehen hatte, scheint, wenn die Zeichen nicht trügen, endgültig hinter uns zu liegen. Das waren Momente, wo schwachmütige Seelen unter der Belastungsprobe der Geschehnisse einzubrechen gedroht haben. Diejenigen, deren leichtfertige Auffassung von jüdischer Pflicht und eine schwächere Eignung zur Opferfähigkeit und harter Selbstdisziplin kein höheres Pflichtmaß als ^billigen Nationalismus achten wollten, schienen Herren der Geschicke im heiligen Lande zu werden. Ihr geringer Anteil am Thoraleben schien doch genug großer sittlicher Schatz zur Erwerbung des Rechtes auf Erez Israel gewesen zu sein. Selbst Thorakinder, die doch ein ganz anderes Idealbild von wahrer Geula kennen gelernt hatten, und weit höhere Forderungen ethischer Kraft als Bedingung der wirklichen Landnahme Erez Israels als nötig erachtet hatten, widerstanden oft dieser Windhose von San Remo-Begeisterung nicht, die so rasch verschwunden als gekommen ist. Die ersten Wellen der Immigration schwemmten glaubensfeindliche Elemente ins heilige Land. Dreist lehnte sich die Charakterschwäche gegen das eherne Joch der Thora auf. Der Thorajude sollte als Mohr, der seine Schuldigkeit im Golus getan hatte, verabschiedet werden. Die Thora, lästerten sie, sei eine Art Essenz, die an sich nur von wenigen ertragen wird und erst im aqua destillata ihres Nationsbegriffes für die Allgemeinheit genießbar und heilsam geschaffen werden könnte. Die Orthodoxie ward eine Ehrenpension für die begrenzte Dauer ihres Daseins zugebilligt, die im Altersheim der in ihren Diensten stehenden Misrachi aufgezehrt werden konnte. Modernes Saduccäertum warf sich zum leitenden Prinzipe auf und verdrehte den hehren Begriff des Perischut wieder zur mißächtlichen Bedeutung des Pharisäertums. Den Peruschim sollte überhaupt kein Weizen mehr blühen. Der Kampf um den Preis des Landes sollte nur zwischen den modernen Saduccaern und den hypermodernen Essäern ausgetragen werden. Wie das mit einem erfreulichen Male sich zu wenden anschickt! Der religiöse Gedanke allein ist es nun, der als Ausdruck der jüdischen Geulasehnsucht geäußert werden kann, ohne bei den anderen im Lande Mißtrauen und Haß zu erregen, und jede reale Aufbautätigkeit, die im Zeichen des Glaubens geschehen wird, darf vor allem auf. eine ungestörte Entwicklung rechnen. Die Thora tritt als versöhnendes Element in dem Mta^^ arabischer Aspirationen auf. Der jüdische Nationalismus, der sich konzentrisch innerhalb des von der Thora. gezogenen Kreises bewegen würde, gewinnt nur an Kraft, ohne dabei den Araber, dem der Religionsjude bei aller freien Betonung seines Anspruches auf Erez Israel, Gewähr genug für die friedliche Zusammenarbeit bietet, in den Zustand der Fechterstellung zu zwingen. Für Sir Samuel und für. alle ihrer Verantwortung Bewußten wird die Synagoge nicht nur eine weihevollere Stätte sein, wo sich ihre Liebe zu Land und Volk ausleben können wird, sondern auch das Heiligtum, an das sich der Araber nicht wagt und das auch ein wahres unteilbares {Zentrum aller jüdischen Parteien darstellt. 3idi$cbe?öftrer — einst und letzt. (Im Warschauer Tageblatt „Der Jud", dem Organ der agudistischen „Schlome Emune Israel", ist eine recht wehmütig stimmende Parallele zwischen jüdischen Führern der Vergangenheit und der Gegenwart erschienen, die wir im jüdischen Originale wiedergeben, da sich bei der Uebertragung vieles Ton der dem Jüdischen eigenen Gefühlswärme verflüchtigen würde.) Amolige Stadlonim un haintige A skonim1. Nischt viel sennen haint geblieben Menschen bei uns, welche gedenken noch dem verzeitigen Typ vun a-jiddischem Stadien; obber afilu2 di, wos gedenken es allein nischt, hobben oich die Meglichkeit zu bekennen sich8 mit ihm vun unsere alte Pinkossim4 un vun verschiedene historische Monografles, chotsch5 mir hobben sei leider noch nischt rieh Es sennen obber varhan6 Sekenim7 welche weissen viel, viel zu derzälen wegen dem verzeitigen jüdischen Stadien. Dos is gewöhn tomio)8 an'echter Aristokrat in scheusten un besten Sin: a mejuches9, a lamden10, an' oischer11, wos hot gehat sain Aschires bijeruschei* un }10t es vargressert durch an' ehrlicher un gewissenhafter Tetigkeit; a Mensch, wos hot sich oisgezeichnet mit a warim jüdisch Geßehl im mit a hoicher Mo: s vun Liebschaft zu Menschen bichlal1:{ un vun rachmonus14 var'n arimeren Bruder bifrat16; a Mensch, wos is weit gewehn vun jeder Eigennützigkeit un taawas hakowoid16 wehapirssum17 im hot tomid18 gehat in Sinnen nor dem toiwas hakla*, wehaprat19. Der verzeitiger jüdische Sl adlen hat zulieb seine eigene groisse Gescheften oder zulieb die Gescheften vun seine Eltern, gehat groiss Bekanntschaft mit viel Srores20 in derheim un in der Hoiptstodt. Er hot oich durch seine maassim toiwim'21 oif'n Gebiet vun Zedocko22 im allgemeine Injonim23 gehat a schemtow24 un ot flegt er dos oiszunuzen tomid wenn es hot sich gehandelt wegen a klolischen injon25 oder wenn a prat26 hot sich gefkmen in a schwere Lage, zulieb an' ungerechte bilbul'27, tomid liegt er ohn Tummel un Gepilder allein gehn zu wemen men broich, vorstellen dem injan, erkleren. verenfem28 beten un reiden. Selten, wenn er flegt emizen20 derzehlen frieher, as er hot bedeo30 wegen etwos mistadel zu sein31. Er flegt oich selten mefarsem32 sein wegen seine maassim, chotsch ale hobben gewußt, weinen men hot zu verdanken di oder jene jeschuos83, di oder jene Verleichterung un ale hobben oich gewußt zu wemen men hot sich zu wenden in an' ess zore34 un wer s'wet wirklich können und wellen helfen. Der dosiger Typ Askonim is bei uns haint kimeat35 inganzen verschwunden geworen. Wos is die Sibe36 derfun? Zi is es derfar, wos mir sennen take beemes37 verorimt geworen in wirklich moralisch Keuches38 oder efscher39 stammt es derfun, wos unser Zeit, soll take wirklich sein wenig zugepaßt far stadlonus un nor be-Gewalt soll men eppes können oiftun; a Fakt is, un a Fakt, a sehr trauriger, as der Typ vun schenem verzeitigen Stadion, wos hot gehat i dem kesser toire40 i dem kesser gedule41 is haint bei uns sehr selten. Onstot hobben mir a-najen Typ »Askonim", welche — wos men soll wegen se nischt sogen — sennen ganz wait vun jenem Typ von unsere verzeitige Stadlonim; s' fehlt di toire, s' fehlt di Gedule, s' fehlt der hoiche Aristokratism, welchen men konn bichlal nischt koine42 sein leicht, weil er is a matnas elokim43 Troirig wert es obber, wen men seht, wie di haintigen Thuer stehen un reissen sich ibern „Mi berosch"44, jederer will derweisen, as nor er is der emes'er „poiel tow. beamoi"45 un» nor er hot take wirklich oifgetun groiße massim46; jederer kummt un derzählt uns ale Montog un Donerschtog: Hert, Juden un seid-wissen-ot dos hob ich oifgetun far aich . . . Di gesellschaftliche Meinung hot schoin lang verurteilt asa min askonus47 un a selche Methoden. Sie dermohnt48 mit Wehtog49 im Harzen dem verzeitigen jüdischen Askon un bezieht sich mit Eckel un Zorn zu ale jene naigebackene Askonim, welche hobben gemacht vun der Askonus bezorefte hazibbur50 a Mittel far Karriere. 1 Einstige „Fürsprecher" und heutige Funktionäre. '- sogar. 3 bekannt zu werden. 4 tremeindebüchei*. 5 trotzdem. 6 vorhanden. 7 alte Leute. 8 gewesen — immer. ,J von hoher Abstammung. 10 Talmudgelehrter. u reicher Mann. 18 der seinen Reichtum geerbt hat. 13 im Allgemeinen. 14 Mitgefühl. 15 inabesondere. 10 Ehrsucht. 17 Reklame. 18 immer. 19 Wohl der Gesamtheit und Einzelner. '20 Herrschatten. 21 gute Werke. 22 Wohltätigkeit. 23 Angelegenheiten. 24 guter Name. 25 gemeinnützige Angelegenheit. 2(J Privater. 27 Kabale. 28 beantworten. 29 jemanden. s0 im Sinne. 31 intervenieren. 32 publik machen. 3S Hilfe. 31 Zeit der Not. »5 beinahe. 3C Ursache. « wirklich wahr. «Kräfte. 39 vielleicht. 40 Krone der Thora. 41 Krone der Größe (Position). 42 im allgemeinen nicht kaufen. 4B eine Gabe G-ttes. 44 „Wer soll an die Spitze." 45 wahrhafter „Wohltäter des Volkes". 40 große Taten. 47 eine solche Art öffentliche Tätigkeit. 48 erinnert sich. 49 Wehmut. 5U Betätigung für die Interessen der Oeffentlichkeit.