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Jüdische Presse · 1920-11-05 · 17/33 (5.11.1920) · page 5

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Journal
Jüdische Presse
Volume
6 (1920)
Issue
17/33 (5.11.1920)
Date
1920-11-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 17/33 JÜDISCHE PRESSE Se^te 5 Rewit Die „Jüdische Zeitung" gestellt bei der Besprechung des Mißerfolge.- bei der Wahl: Aber die Schuld liegt, zum Teil auch an uns selbst. Der politische Erfolg der jüdischnationalen Sache ist im Instinkl der österreichischen Juden gegeben, besonders heute, wo sie sich der Einheitsfront des Antisemitismus gegenüber.sehen. Diesen politischen Instinkt aber haben wir bisher nicht zur vollen Auswirkung gelangen lassen. Das ist lediglich eine organisatorische Angelegenheit. Unsere Organisa rion ist nicht so ausgebaut, daß sie die Judenschaff völlig erfassen und sie wirtschaftlich und sozial an sich binden könnte. Wir sind zuviel auf Wahlarbeit, d. h. gelegentlichen Kontakt mit den .luden und auf instinktive Einwirkung auf sie angewiesen. D e r b e s t e Beweis hie f ü r i s t. d a ß ni e h r W ä hier j ü d i s c h n a t. i o na I g e s t i m rn I. h a ben. a 1 s es Mi tg 1 i ed e r der zionistischen Organisation gibt. xVngesichts des Umstandes, dnß eine große Zahl der Mitglieder unserer Organisation als Nichtdeutschösterreicher nicht das Wahlrecht hatten, fällt dies stark ins Gewicht. Hier muß starke organisatorische Ausbauarbeit geleistet werden.. Dann wird die jüdische Vertretung im nächsten Parlament nicht, von der Wirkung von Schlagworten abhängig, sondern durch politische, soziale und wirtschaftliche Bindung der Juden Oesterreichs an unsere Partei gesichert sein. „Der jüdische Arbeiter*' nennt sich das neue Organ der rechten Fraktion der Poale Zion in Wien. Die Redaktion liegt in den Händen Berl Locker's. In der ersten Nummer antwortet Locker auf den Angriff Lenins gegen den Zionismus:* Der zweite Kongreß der dritten Internationale hat die Thesen Lenins über die Nationalitäten- und Kolonialfrage mit geringfügigen Aenderungen angenommen. Er hielt es bei dieser Gelegenheit für nötig, einen Bannfluch gegen den Zionismus zu schleudern. Die betreffende Stelle der Thesen lautet: »Notwendig ist es. unter den breitesten Massen der Werktätigen aller und insbesondere der rückständigen Länder und Nationen fortgesetzt den Betrug aufzudecken und aufzuklären, den die imperialistischen Mächte mit Hilfe der privilegierten Klassen in den unterdrückten Ländern dadurch begehen, daß sie. unter der Maske politisch unabhängiger Staaten, Staatsgebilde ins Leben rufen, die wirtschaftlich, finanziell und militärisch vollständig von ihnen'abhängig sind. Als ein krasses Beispiel eines Betruges der arbeitenden Klassen einer unterdrückten Nation, zu dem der Enlenteimperialismus und die Bourgeoisie der betreffenden Nation ihre Bemühungen vereinigen,- kann die Patästinaaffäre der Zionjsten bezeichnet' werden (wie der Zionismus überhaupt unter dem Deckmantel der Schaffung eines Judenstaates in Palästina die tatsächliche arabische Arbeiterbevölkerung Palästinas, wo die werktätigen Juden nur eine kleine Minderheit bilden, der Ausbeutung Englands preisgibt). In den heutigen internationalen Verhältnissen gibt es für die abhängigen und schwachen Nationen keine andere Rettung mehr als ein Bündnis von Räterepubliken." (Zitiert nach der Berliner „Freiheit" vom 7. September 1920.) Liest man den ganzen zitierten Passus aufmerksam durch, dann fällt gleich auf, daß der Zionismus trotz der entgegengesetzten stilistischen Fassung, nicht als typisches Beispiel einer allgemeinen Erscheinung herangezogen, sondern als ein Ausnahmsfai! betrachtet wird. Denn bei den anderen neuentstandenen Staatsgebilden wird deren Existenzberechtigung nicht an sich geleugnet. Es wird nur daraufhingewiesen, daß die imperialistischen Mächte mit Hilfe der einheimischen, Bourgeoisie das tatsächlich vorhandene Bedürfnis dieser Völker nach Unabhängigkeit für ihre Machtzwecke mißbrauchen. Beim Zionismus aber wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Der ganze Zionismus ist nicht mehr als eine Schwindelerfindung des englischen Imperialismus im Verein mit der jüdischen Bourgeoisie, um mit einem Schlage zwei Fliegen zu fangen: das jüdische Proletariat aller Länder und die Araber in Palästina. Das Einfachste wäre, diese ganze Sache mit dem bekannten Verse Heines abzutun: Wir kennen die Weise, wir kennen den Text, wir kennen auch die Verfasser. Kein Zweifel, daß wir es hier mit „jüdischer Arbeit" zu tun haben. In Lenins Entwurf zu den erwähnten Thesen war der Passus über den Zionismus tatsächlich nicht enthalten. Den haben erst die Rafes, Ester und wie sie alle heißen, die verschiedenen -jüdischen Köpfe" des soeben erst zum Kommunismus übergegangenen „Bund" und der jüdischen Sektionen der Kommunistischen Partei Rußlands hinzufügt. Es ist auch kein Zweifel, daß diese Leute ihren „Erfolg" nur deshalb so leicht erringen könnten, weil auch in der dritten Internationale eine so ansehnliche ZahJ ehemaliger Kinder des Ghettos eine führende Stellung einnehmen, die noch eine blasse Erbschaft des Judentums mit sich herumtragen, die * Wir reproduzieren diese interessante Polemik, unter selbstverständlichen Vorbehalt unseres Standpunktes. Negierung alles dessen, - was mit dem lebendigen, jüdischen Volk zu tun hat. Man könnte sich trösten und . . . bessere Zeiten abwarten. Haben wir nicht vor dem Kriege in der zweiten Internationale dieselbe Erscheinung gehabt? Und haben wir nicht endlich während des Krieges, dem „Bund" und der Autorität der assimilatorisch-jüdischen Führer zum Trotz, die Wand durchbrochen? Gewiß, wir sind des Sieges unserer Wahrheit sicher, und wir werden unsere Stellung im gegenwärtigen großen Kampf um die Schicksalsfrage des Sozialismus nicht davon abhängig machen, welche Seite mit unseren spezifisch jüdischen Bestrebungen mehr oder weniger sympathisiert. Wie wir selbst natürlich auf sie niemals und niemandem zuliebe verzichten werden. Auch nicht um den Preis unserer Aufnahme in die Internationale." ■mai Mm» wm Sigmund Mayer. Nun ist auch er nachgezogen den Männern und Zeiten, die er in so fesselnder Weise testzuhalten veistanden hat. Er beschließt wohl gänzlich den großen Zug der Männer, die dem Ghetto von Böhmen. Mähren, Polen und Ungarn entsproßen. nach Wien verpflanzt worden sind, im milden Klima des Liberalismus großwachsen konnten. Morgenrot. Zenith und Dämmerung des Liberalismus korrespondierten eigenartig mit den gleichen Zeiten seines Lebens. Sigmund Mayer ist im Jahre 1827 in Preßburg geboren, studierte in Wien Jus, nahm an dem Freiheitskampfe Anteil, widmete sich wegen eines Augenübels dem Kaufmannstande, tat sich aber als kommerzieller Journalist hervor, nahm am politischen Leben als Gemeinderat und im jüdischen Leben als einer der Führer der Union lebhaften Anteil. Seine Bücher „Ein jüdischer Kaufmann" und die ..Wiener Juden" sind trotz der Unzuverlässigkeit der Daten von bleibendem Werte. Er hat diese Bücher im Zustande vollständiger. Erblindung geschrieben. Wer ihn seiner verständnisvollen Tochter Frau floscnfeld diktieren sah, glaubte. Milton vor sich zu sehen, wie er seiner Tochter „Das verlorene Paradies" in die Feder dichtete. Er war der typische Assimilant und seine Beschreibung des Preßburger Ghettos fällt durch die Kälte der Empfindung für das dort herrschende jüdische Leben auf. bei sonstiger anziehender Darstellung. Das Leichenbegängnis fand Montag, den 1. November, unter großer Beteiligung am Döblinger Friedhof statt. IAabbiner Feuchtwanger schilderte die Bedeutung des Verbliebenen. Die mm. Die Sidra „0baje $araft'\ „Und es Avaren die Jahre des Lebens Sarahs, sieben Jahre und zwanzig Jahre und hundert Jahre, die Jahre des Lebens Sarahs. Und Sarah starb." Wie eine schonende Vorbereitung vor der dumpfen Kunde des Todes der großen Ahnfrau, „die Fürstin", setzt die Schrift den verhängnisschweren Worten , Watomos Soroh" in zögernden, fast abgebrochenen Sätzen die Angabe ihrer Lebenszeit voraus. „Die Jahre des Lebens Sarahs" wiederholt die Schrift. Demi der Tod einer Frau, gleich Sarah beschließt nicht nur ein Menschenleben, sondern eine Aera, „die Aera des Lebens der Sarah". Die Weisen bemerken noch hinzu „sie war gleich schön zu sieben Jahren, wie zu zwanzig Jahren, wie zu hundert Jahren''. Denn in jenen Zeiten, wo das jüdische Weib seine Vollendung und seine Aufgabe in der Ausgestaltung eines wahren jüdischen Heimes finden will, hat jedes Lebensalter seine Schönheit. Das zum Bewußtsein reifende Kind, wie die Priesterin am häuslichen Herd und die Krone des Hauses, die ehrwürdige Matrone, die verkörperte Tradition. Wo unheilige Lebensfreude, ungeadelt vom Geiste der Thora das Haus erfüllt, gilt das Weib nur zur Zeit der körperlichen Blüte und darum entstand in unjüdischen Häusern das schnöde Bestreben, diese Jahre so früh als möglich zu beginnen und spät zu beenden, dem Kind früh die Natürlichkeit zu rauben und das Alter mit den Künsten der Kosmetik zu beschwören. Wie anders hat man im alten jüdischenHeim die Würde des Alters begriffen, wie anders hat das jetzt oft verlachte Großmütterchen es vermocht, im Hause den alten guten Geist der Würde, des Lebensernstes, des höheren Pflichtbewußtseins zu wahren. Bot nicht die ehrwürdige Greisin, als in deren vergeistigtem Antlitz sich noch eine Vergangenheit voll frommer, edler Wirksamkeit eingezeichnet hatte, das Bild höherer Schönheit? Jedes echt jüdische Weib, das seinem Hause eine „Sarah" sein will, bleibt gleich liebenswert zu sieben, zu zwanzig und zu hundert Jahren, sie gewinnt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, denn Geistigkeit veredelt sich mit den Jahren, wie Körperlichkeit dahinwelkt. . . Ephron, heißt der erste Ghewra-Kadischa»Gabbe, der die undankbare Mission hat, dem unglücklich Trauernden in seinem Zustande der Trostlosigkeit noch die Qual des Feilschens aufzubürden und ihm möglich viel Schekel abzuknöpfen. Ein packendes Bild des Handelslebens der Urzeit tritt plastisch hervor. Ein melancholischer Gedanke entsteht da. . . Da ist ein Rechtsvertrag geschehen, den alle Generationen gekannt haben und der jedem Kulturmenschen der Jetztzeit bewußt ist . . . Unser Recht auf das Feld Ephrons, unser Recht auf Meorat ha-machpela! Alle Menschenkinder sind Zeugen geworden und das heiligste Dokument, spricht dafür, daß „das Feld Ephrons sich erhob in den Besitz Abrahams" um^ „400 Schekel Silber gangbar bei Händlern" ... Elieser am Brunnen ist eine der unsterblichen Erinnerungen der Menschheit. Abraham sieht den Geist des Hauses nur durch die Familientradition gesichert. Elieser hegt im Geheimen einen anderen Gedanken. Natürlicher Herzerisadel ohne Familientradition scheint ihm auch Bürgschaft für die Erhaltung des Abrahamitischen Geistes zu sein; ebenso wie es möglich ist, daß die Familientradition so verknöchert und entartet, daß er die Möglichkeit erwägt, ob das Weib, aus der Familie Abrahams „garnicht gewillt sein werde mit ihm" ins Haus Abrahams zu gehen. Ihm genügt die Probe auf natürliche Herzengüte, auf das Zeichen „Trinke und auch die Kamele will ich tränken". Aber siehe, das Mädchen, daß diese Probe besteht, ist doch auch nur vom Stamme Abrahams , . . Auch Abraham stirbt, und vereint im gleichen Leide, finden wir zum ersten Male Ismael und Isak gemeinsam die traurige Pflicht erfüllen. Hpüa-Ucr$amm!uns in Badem Sonntag, den 25. Oktober 1. J, fand in Raden bei Wien eine Versammlung der dortigen Agudafreunde statt. Herr Kultusvorstand Daniel eröffnete die Versammlung und begrüßt die zum Besuche des Badner Waisenhauses der Agudas Jisroel erschienenen Herren von der Leitung der Agudazentrale Wien. Herr Pappenheirn und fjerr Thumim legten hierauf jn kurzen klaren Worten die Aufgaben dar, welche Agudas Jisroel im Geiste unserer heiligen Thora lösen wird. Es sind dies: die Förderung der Thorastätten, Aufbau von Erez Israel im echt jüdischen Sinne und Organisation der thoratreuen Judenbeit zur Lösung dieser Aufgabe. Herr Dr. J. Pollak fordert im Anschluß an die vorangegangenen Reden die thoratreuen Juden auf, in Baden ebenfalls eine Ortsgruppe zu gründen. Gegen diesen Antrag erhob Herr Dr. Rappaport, Obmann der misrachistischen Organisation, Widerspruch und wendet sich in vehementer Weise mit einer Menge von Anklagen gegen die Richtung upd den Geist der Agudas Jisroel. Redner meint, daß die Agudas Jisroel bisher nur im negativen Sinne gearbeitet hat. So macht er für alle Mißgeschicke, die die zionistische Organisation getroffen haben, speziell die Agudas Jisroel verantwortlich und warf ihr vor, daß sie die Tätigkeit der Zionisten aber auch der Misrachisten lahmgelegt hätten. Er bringt den Ausgang der jüngsten Wahlen als Beispiel und des weiteren, die Eingabe der polnischen Schlome Emune Jisroel in Erez Israel-Angelegenheiteb bei' der Friedenskonferenz. Er glaubt, daß Agudas Jisroel gar keine Existenzberechtigung hätte, es sei denn, daß sie ausschließlich mit Gründung von Ghadorim sich beschäftige, besonders warnt er im heftigen Tone, an Erez Israel zu rühren. Wenn die thoratreue Judenheit überhaupt, etwas schaffen oder etwas zum Aufbau beitragen will, kann das nur durch Misrachi geschehen. Gegen diesen heftigen Angriff wendete sich zuerst Herr Thumim: „Wenn Vorredner meint, daß sich die Tätigkeit der Agudas Jisroel auf Gründungen von Ghadorim beschränken soll, so meint der Vorredner, daß er damit die Tätigkeit der Agudas Jisroel einschränkt und auf ein geringfügiges Maß zurückgewiesen hat. Hingegen glaubt er zu erklären, daß gerade die Aufrechterhaltung dieser Thorastätten allein heilbringend sein kann. Es möge ihnen", fährt Herr Thumim fort, „gedient sein und mögen sie diese meine Erklärung allen ihren Freunden, die nicht nur hier, sondern auch über dem Ozean weilen, mitteilen, daß sie sich gewaltig irren, weun sie annehmen, daß die Agudas Jisroel deshalb keine Sonderpolitik betreibt, weil ihr hiezu die Fähigkeit oder sonst etwas fehlt. Ein gewaltiger Irrtum. Der Grund liegt einfach darin, weil die Agudas Jisroel auf der Basis der heiligen Schrift beruht, welche das ganze jüdische Leben von A bis Z umfaßt. Das häusliche, das gesetzliche, das humane und das ethische Leben. All dies ist bei den thoratreuen Juden Religiosität; so ist auch leisere Politik oder was man so zu nennen pflegt, von unserer Religion vorgeschrieben und daher sind wir nicht berechtigt, eine nicht im Geiste der Thora liegende Politik zu betreiben. Unsere Gesetze sind von der G-ttheit so eingerichtet, daß wir zu allen für uns wichtigen , Fragen aus ihnen heraus Stellung nehmen können. Aber nicht in Form einer Landespolitik, aus rein nationalen Gründen, die nur schädlich und verderblich wirkt, sondern nur im Namen unserer Thora,

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