Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 17/33 (5.11.1920)
- Date
- 1920-11-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE PRESSE Nr. 17/33 geführt, auf ausländischem Gebiete geschachtet und das Fleisch in die Schweiz zurückgebracht wurde. Gegen diese Umgehung des Schächtverbotes hat der Regierungsrat des Kantons Aargau beim Bundesrat Einspruch erhoben und das Begehren gestellt, es seien keine derartigen Bewilligungen mehr zu erteilen. Das Begehren ist vom schweizerischen Volkswirtschaftsdepartement abgewiesen worden mit der Begründung, es liege in demselben eine unzulässige Erweiterung der Bundesverfassung. Der Zentralvorstand deutsch-schweizerischer Tterschutzvereine, der sich hierauf der Angelegenheit angenommen hat. erblickt in dem Vorgehen der Bundesbehörden eine ausgesprochene Begünstigung zur Umgehung der Bestimmung von Art. 25 der Bundesverfassung und hat eine Protesteingabe an den Bundesrat gerichtet. — Aus dieser Eingabe ersieht man, daß wir wieder auf dem „qui vive" sein müssen, weil man wieder Gründe oder Scheingründe sucht, um gegen den Genuß geschächteten Fleisches überhaupt Sturm zu laufen. Amerika. Anarchie im Zionismus. Im New Yorker „Moraing Journal" vom 24. September veröffentlicht der bekannte amerikanische Journalist B. Shehvin seine Eindrücke von den Umwälzungen im Zentralbureau der Zionistischen Organisation in London. Er habe das Bureau nach seiner vierwöchentlichen Abwesenheit gar nicht wiedererkannt. Die unter Einfluß von Brandeis gefaßten Beschlüsse haben bewirkt, daß fast alle bekannten führenden Zionisten teils entfernt, teils sich zurückgezogen hätten. Weizmann und Sokolow seien fast stets mit politischen Dingen beschäftigt und größtenteils abwesend. Die ganze Leitung liege also in den Händen von Julius Simon, der ein geradezu diktatorisches Regiment führe. Auch Hantke, der bereits ein Haus in London erworben hatte, ist nach Berlin zurückgekehrt. Alle Beamten, die eigene Meinungen hatten, wurden entfernt, während das Büro von jungen Leuten geleitet wird, so von Dr. Sonne, Lauterbach und Singer, die, fast unbekannt in der zionistischen Bewegung, die Plätze eines Goris Goldberg, Naiditsch und Slatopolsky einnehmen, nur deshalb, weil sie gut parieren. Gerade während seiner Anwesenheit in London sei es vorgekommen, daß sowohl Sokolow, wie auch Slatopolsky und Naiditsch den Adjudanten des Diktators Simon nachgeben mußten. Man spricht sogar davon, daß Slatopolsky und Naiditsch, die Schöpfer des Keren Hajessod, sich zurückziehen wollen und an Weizmann ein Ultimatum gestellt hätten. Man ist allgemein' der Ansicht, daß man die Mitglieder des Großen Aktionskomitees ehestens alarmieren und zu einer Sitzung einberufen müsse, um dem jetzigen Kurse ein Ende zu bereiten. Nicht nur Nordau, Marmorek und Sacher hätten resigniert, sondern auch die Resignation Ussischkins soll, wie es heißt, bevorstehen; alles Opfer des neuen sogenannten amerikanischen Kurses. Da in den ^Londoner zionistischen Kreisen große Entrüstung herrsche, habe er sich verpflichtet gefühlt, den Amerikanern die Lage zu schildern, damit sie sehen, was die amerikanische Delegation in London angerichtet habe. (Nordau, Marmorek und Sacher haben nicht wegen den Amerikanern resigniert.) Felix Warburg hat gleich nach seiner Rückkehr nach Amerika die allgemein verbreiteten Gerüchte, er hätte in Europa Verhandlungen gepflogen, um womöglich die jüdische Einwanderung nach Amerika einzudämmen, aufs energischste dementiert. Eine derartige Tat in der jetzigen kritischen Zeit würde er geradezu als verbrecherisch bezeichnen. Bei der großen Explosion wurde auch ein aus Frankfurt a. M. gebürtiger 23jähriger junger Mann, namens Alfred G. Mayer — er hatte in Frankfurt die Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft besucht — tödlich getroffen. England. Die Exekutive der Jüdischen Welthilfskonferenz wird ihre regelmäßige Tätigkeit mit dem 1. Jänner 1921 in London aufnehmen, bis dahin wird die Arbeit teilweise bereits in Paris begonnen, wo sich ein großer Teil der Exekutivmitglieder befindet. Vor allem hat die Exekutive beschlossen, festzustellen, welche jüdische Institutionen sich mit Hilfstätigkeit beschäftigen und worin ihre diesbezügliche Arbeit bestehe. Zu diesem Zwecke wird eine Enquete veranstaltest werden. Gleichzeitig werden die Vorarbeiten geleistet, um die Möglichkeiten für eine ausgiebigere Hilfsarbeit auf realer Basis zu schaffen. Misrachi. (J. G. B.) Wie verlautet, hat die Welt- Organisation des „Misrachi" beschlossen, das Londoner Zentralbureau nach Palästina zu verlegen. Zu diesem Zwecke wird sich Professor Pick demnächst nach Jerusalem begeben. Die Deklaration. Im Unterhause interpellierte Ormsby-Gore, welche Fortschritte bei der Konzeption des Mandates über Palästina gemacht worden seien, und ob die englische Regierung den Allierten und dem Völkerbundsrate deutlich erklärt habe, daß England nur dann das Mandat annehmen werde, falls in dieses die Bedingungen der Balfour-Deklaration, wie sie im türkischen Friedensvertrage bestimmt sind, inkorporiert werden. Des weiteren betraf seine Anfrage die Grenzen Palästinas. Namens der Regierung erklärte Ghamberlain: Man hofft das Mandat in Bälde dem Vülkerbundsrat vorlegen zu können. Allen interessierten Parteien ist genügend klar gemacht worden, daß die englische Regierung bei Annahme des Mandates die Absicht habe, die Balfour-Deklaration durchzuführen. Ueber die Grenzfrage sei es noch zu früh, öffentliche Erklärungen abzugeben, bevor die Grenzen endgültig bestimmt worden sind. Sir Alfred Mond, der jetzige Minister für öffentliche Arbeiten, soll demnächst auf einen anderen hohen Regierungsposten, der mit jüdischen Interessen zusammenhängt, berufen werden. Die Annahme liegt wohl nahe, daß es sich wahrscheinlich um ein Amt in Palästina handelt. Trankreicb. Die Nationalbibliothek. Die französische Regierung hat verfügt, daß von jedem auf dem Gebiete der französischen Republik erscheinenden Buche ein Exemplar der Jüdischen Nationalbibliothek in Jerusalem frei zugeschickt werde. Antisemitische Weltpropag-anda. Aus ernstzunehmenden journalistischen Kreisen erfährt unser Pariser Berichterstatter, daß sich in Polen in der letzten Zeit ein Zentrum für eine antisemitische Weltpropaganda gebildet hat. Von dort aus wird direkt und indirekt versucht, antisemitische Artikel und Notizen in verschiedene Zeitungen Westeuropas zu lancieren. Besonderes Augenmerk wird der französischen Presse zugewendet, da man in Frankreich günstigen Boden für derartige Propaganda zu finden hofft. Das in der letzten Zeit besonders auffällige Anwachsen der antisemitischen Propaganda in der französischen Presse wird auf diese Einflüsse' zurückgeführt. Es scheint, daß für die Organisation dieser Propaganda und für die Gewinnung geeigneter Preßorgane aus polnischen Quellen große Summen fließen. Italien. Emigration. In Verbindung mit den lokalen Wohltäligkeitsanstalten wurde hier ein Emigrationskomitee errichtet, um die jüdischen Durchwanderer durch Italien auf ihrem Wege nach Amerika oder Palästina zu unterstützen. CürKd. Der Emigrantenstrom in Konstantinopel wächst täglich; hauptsächlich kommen Flüchtlinge aus Südrußland und dem Kaukasus, letztens auch sephardische Juden, die vor den Banden Khemal Paschas flüchten. Mehr als 1000 Emigranten harren auf Einschiffung nach Palästina. Griechenland. Zum Chachainbaschi von Saloniki dürfte der Oberrabbiner von Jaffa. Rabbi Benzion Uziel, gewählt werden. Holland. Die Gesamteinnahmen des Jüdischen Nationalfonds für die Zeit vom 1. Jänner 1920 bis 30. September 1920 betragen 99.359*18*4 Pf. St. und verteilen sich.auf folgende Länder: Amerika 70.674*1:-} Dollar, England 15.426-15-1, China (Shanghai) 11.992-19-2 Pf. St. und Frcs. 4600. Mesopotamien 10.298-4-8, Deutschland Mk. 1,058.418-42, Argentinien 37.824-30 arg. Pesos und Frcs. 3027-60; Polen 2,211.770-55 polnische Mark. Tschecho-Slowakei 616-583-06 tsch. Kronen und 15.784-87 poln. Mark, Palästina 100 Pf. St. und 225.031-8 engl. Pf. St., Rumänien 366.681-15 Lei und 3 Pf. St., Holland 22.922-19 Hfl., Kanada 7655*89 Dollar, Südsl. Länder K 1,059.412-05, Belgien Frcs. 61.017-66, Hfl. 963-60 und 15 — -2, Griechenland (Saloniki) 11.500 Drachmen und 1050 Pf. St., Janina 8812-50 Drachmen, Ost- Galizien K 520.251-42 und 408.136-46 poln. Mark, Deutschösterreich 920.706-34 und 7 Pf. St., Südafrika 1324*1*— Pf. St., West-Galizien 39.277.01 poln. Mark und K 627.028-41, Schweiz Frcs. 21.593-8*, Mk. 99-90, K 40-—, Hfl. 2-—, Frankreich Frcs. 35.620-05 und 2 Pf. St„ Elsaß-Lothringen Frcs. 36.207-65, Italien 46.490-86 Lires, Litauen (Wilna) 148.750 poln, Mark und 8 Pf. St., Ungarn K 283.515*74, Ukraine 42.090 poln. Mark und Frcs. 15.000 und 40 Pf. St., Bukowina K 188.971, Weißrußland 181.158-90 poln. Mark, Australien 301-1-2; Transylvanien 250.830-16; Aegypten 102.927 engl. Pf. St. und 167-10 Pf. St., Brasilien 262-18-1 Pf. St., Dänemark 5107-53 dän. Kronen, Niedeii. Indien 1884-5, Bessarabien 26.206-40, Neu-Seeland 159-3; Bulgarien 342.868-31; Litauen (Republik) 50.059-60; Lettland Rbl. 40.682-17. Norwegen 1000 nord. Kronen, Tunis 2402-10 Franken, Schweden 748*61 schw. Kronen. Marokko 686 Frcs., Türkei 10 Ff. St., Finnland 260 finn. Mark. — Die Gesamteinnahme des Jüdischen Nationalfonds für die ersten neun Monate des Jahres 1920 beträgt: in Frcs. 5.167.000. in Mark: 21.860.000, in Kronen*. 80,428.000, in poln. Mark: 89,425.000. Hanada. Immigranten. Mit Rücksicht darauf, daß zahlreiche Immigranten, darunter hauptsächlich russische und polnische Juden, gegen die existierenden Regulative ins Land gelangen, hat das Immigrations- Departement der kanadischen Regierung an die Schifl'sgesellschaften eine Warnung erlassen, nur solche Immigranten zu befördern, die die Einreisebewilligung dokumentarisch beweisen können. Die Normalspurbahn Jerusalem-Tel-Awiw-Jaffa, wurde am 5. Oktober dem allgemeinen Verkehr übergeben. Ausstellung. Am 20. Oktober wird in Jaffa eine große landwirtschaftliche Ausstellung, verbunden mit Pferdekonkurrenzen, stattfinden. Rabbiner als Erdarbeiter. Wie der Doar-Hajom berichtet, hat der Waad von „Ramah1auf seiner Sitzung vom 9. Oktober beschlossen: daß jedes Mitglied der Kolonie Ramah verpflichtet sei, entweder selbst fünf Tage in der Saison Erdarbeit zu leisten, oder einen Vertreter zu stellen, dem 22-5 ägyptische Gr. pro Tag gezahlt werden müssen. Infolge dieses Beschlusses erschienen am 10. Oktober morgens 20 Mitglieder, unter denen sich Rabbiner Riwlin und der greise Rabbiner der jemenitischen Gemeinde, Rabbi Alschich, befanden, die mit Landarbeitsgeräten ausgerüstet waren und die ihnen auferlegte Arbeit verrichteten. Per Oberste Gerichtshof. (Jewish CJorr. Bur.) Der Oberkommissär Sir Samuel hat ein Appellationsgericht zusammengesetzt, das die Funktionen eines Obersten Gerichtshofes im Lande übernimmt. Das Appellationsgericht ist aus sechs Mitgliedern mit Major Corrie als Präsidenten zusammengesetzt. Diesem Gerichtshof gehört der jüdische Richter Gad Trumkin, der Sohn des Begründers der ersten hebräischen Zeitschrift in Palästina «lisrael Dow Trumkin, an. Ferner wurde der jüdische Richter Zidkija Harkari zum öffentlichen Anwalt beim Gericht erster Instanz in Nazareth und Tiberias ernannt. Städtebauausstellung in Jerusalem. (Jewish Corr. Bur.) Professor Patrick Geddes, der bekanntlich im vergangenen Winter in Jerusalem über Auftrag der. Zionistischen Organisation die Pläne für den Bau der hebräischen Universität auf dem Skopusberg entworfen hat, verbrachte den Sommer wiederum in Palästina und hat jetzt in Jerusalem eine Städtebauausstellung zusammengestellt. Die Ausstellung ist in dem großem Gebäude der Knabenschule untergebracht worden und wurde am 24. September durch den High Conmiissioner Sir Herbert Samuel feierlich eröffnet. Die Eröffnungsfeier gab Anlaß zu einigen bedeutungsvollen Kundgebungen. Sir Herbert Samuel wies in seiner Eröffnungsansprache darauf hin, daß der Ru( nach gesünderen und schöneren, Wohnhäusern immer stärker wird. „Wir erwarten eine starke Einwanderung nach Palästina8, sap*te Samuel. „Die Städte werden wachsen. Es wird eine zentrale Städtebaukommission von der Regierung. eingesetzt werden, ferner werden in den größeren Städten — Jerusalem, Jaffa, Haifa, Tiberias — Lofcalkomitees gemeinsam mit den Munizipalbehörden die Entwicklung der Städte beaufsichtigen. Heute ist Jerusalem das typische Beispiel einer schlechten Stadtanlage. Die neuen Stadtteile sind planlos und zufällig entstanden. Das muß anders werden. Palästina muß in einem Geiste erneuert werden, der würdig seiner großen Vergangenheit ist. Nicht ein fremder Stil darf nach Palästina eingeschleppt werden, denn auch die besten und erfolgreichsten Baustile Europas sind nicht wert, nach dem Heiligen Lande verpflanzt zu werden. Der Geist des Landes wird einen palästinensischen Stil schaffen." Nach dem HigrwCommissioner sprach der Bürgermeister von Jerusalem arabisch über das Zusammenwirken von Ost und West beim Neuaufbau Jerusalems. David Yellin übersetzte die Worte des Bürgermeisters ins Hebräische und dankte, fortfahrend, namens der jüdischen Gemeinde von Jerusalem Sir Herbert Samuel für sein Interesse am Aufbau Jerusalems, um den alle Juden täglich beten. Zum Schlüsse sprach' Ussischkin namens der Zionistischen Organisation. Er betonte, daß die Berufung Professor Geddes' nach Jerusalem der Initiative der Zionistischen Organisation zu verdanken sei. Die Ausstellung blieb 14 Tage geöffnet. Spendet für den leschivQfonds!