Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 17/33 (5.11.1920)
- Date
- 1920-11-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr. 17/38 vollzieht sich hier nur sehr langsam, da noch bis vor kurzem Kriegszustand im Lande herrschte und die von den Juden eingenommenen Beamtenstellen fast immer die Sabbatentweihung voraussetzen. Die amerikanischen Hilfsgelder fließen zwar aus Kreisen, die an der Erhaltung des alten Judentums volles Interesse haben, werden aber durch Leute verwaltet und verteilt, die dem jüdischen Leben vollständig fern stehen. Es ist eines der höchsten Verdienste Herbert Samuels, daß er durch die Einführung der Sabbatruhe in allen Amtsstellen den Sabbatgedanken gerettet hat. Die Schulen sind von Kindern bevölkert, deren Eltern religiöse Juden alten Schlages sind, diese Kinder werden aber in den Schulanstalten areligiös erzogen. Die Jeschiwaus und Talmud Thora- Schtilen haben unter den schwierigsten Finanznöten um ihr Leben zu kämpfen. Doch darf uns, in der Ueberzeugung, daß eine gute jüdische Sache nie an äußeren Umständen, wie Geldmangel, zugrunde gehen kann, dieses nicht entmutigen. Immerhin haben zurzeit die Jeschiwaus ihren Betrieb einschränken müssen. So, zählt die „Talmud Thora« heute nur noch 500 Schüler gegen 900 in früheren Jahren. Die zionistischen Lehranstalten sind mit Ausnahme des misrachistiscbcn Lehrerseminars durchwegs unreligiös, wenn nicht gar antireligiös. Schuld daran ist die gesamte Diaspora, die es ruhig zusieht, wie in der heiligen Stadt Hunderte von jüdischen Kindern religionslos, ja sogar religionsfeindlich erzogen werden. In der palästinensischen Provinz, in Jaffa, Haifa und vielen Kolonien stehen die Dinge nicht viel besser. Nicht genügend bekannt in der jüdischen Oeffentlichkeit ist das Diskinsche Waisenhaus in Jerusalem, wo 200 Kinder erzogen werden und auch zu tüchtigen Handwerkern ausgebildet werden. Das allgemeine Bild ist jedoch trostlos und zwingt zur dringenden Abhilfe. Die erhoffte Einheitsfront mit dem Misrachi ist leider nicht zustande gekommen. Die Tragik liegt darin, daß die Zionisten das amerikanische Geld verwalten und damit alles unter ihre Abhängigkeit gebracht haben. Die Folge davon ist, daß die Thora-Gelehrten und die Jeschiwaus sich in größter Notlage befinden. Es darf aber nicht übersehen werden, daß die Frage der Jeschiwaus1 keine palästinensische Frage, sondern eine Sache des gesamten Judentums aller Länder ist. Auch die gesamte Presse bis auf das kleine orthodoxe Blatt „Maehsike Hadaß" liegt heute in zionistischen Händen, und es ist nicht zu leugnen, daß ein reges geistiges Leben im Lande herrscht, das aber von den Gesetzestreuen, in Ermangelung eines geeigneten Organes, nicht im geringsten beeinflußt werden kann. Die wirtschaftliche Lage Palästinas ist kritisch, .darf uns aber keineswegs zur Verzweiflung bringen. Palästina ist ein Agrarstaat und hauptsächlich auf Getreidebau angewiesen. Nun aber ist der Getreideboden nur in sehr geringem Maße in jüdischen Händen. Die jüdischen Kolonien sind zumeist auf Pflanzungen eingestellt, weshalb sie unter der Teuerung am bittersten zu leiden haben, während die arabischen Getreidebauern sich unermeßlich an ihren Produkten bereichern. Die Preise der von den Juden Man kannte Hersch und man wußte, daß es ihm gelingen werde, dem Fürsten treffende Antworten zu geben. Hersch tat einen Ghalat und einen Spodek an und reiste nach Luzk. Als er vor dem Fürsten erschien, ließ er sich die Fragen vorlegen. Auf die Frage, „wie groß ist der Boden, den er sein eigen nennen darf," antwortete Hersch: Ich könnte das leicht sagen, wenn ich wüßte, wieviel an Wasserfläche dem Fürsten gehört: ich bitte daher mir genau anzugeben, wie groß die Teiche und Bäche in euren Ländereien sind, ich werde dann die Frage genau beantworten können. Da sprach der Fürst: „Das ist ein jüdischer Kniff, ihr wollt euch, Rabbi, der Beantwortung dieser Frage entziehen. Also diese Frage sei euch geschenkt. Nun die zweite Frage: Wie schwer ist der Mond?" „Der wiegt genau ein Pfund," erwiderte Hersch, „wenn ihr aber nicht glaubt, dann geruht gnadenvoll nachwiegen zu lassen." Der Fürst lachte. Nun sprach er; „Die dritte Frage: Wieviel bin ich wert?" „Soviel" antwortete Hersch, „als unser Erzvater Abraham." Der Fürst fühlte sich darob sehr gehoben, doch sprach er: .,Und das wäre?" Hersch darauf: „Es steht in der heiligen Schrift, daß Abraham zu G-tt sprach, er sei Erde und Asche, es steht aber nicht wieviel Erde und Asche, doch da wir die Bescheidenheit Abrahams kennen, da müssen wir annehmen, daß es sich um ein sehr kleines Maß handelte, und nach diesem Verhältnis ließe sich euer Wert, Fürst, bemessen." Dem Fürsten gefiel die Antwort vorzüglich und er gab sich mit ihr zufrieden. Nun die vierte Frage: „Was glaubt der Fürst?" Hersch antwortete: „Ihr glaubt den Rabbi von Miedziborz vor euch zu haben, ihr habt aber nur seinen niedrigsten Diener vor euch, nämlich Hersch von Ostropole." auf den Markt gebrachten Orangen und anderen Luxusprodukte können nicht mit der für Getreide und andere Artikel des täglichen Bedarfes gleichen Schritt halten. Wohl ist die Weinkultur rentabel. Die Folge davon ist, daß der jüdische Bauer bei ungeheueren Auslagen und Ausgaben nicht genug einnimmt, um wirtschaftlich Stand zu halten. Wohltuend wird die Rothschildsehe Anleihe empfunden, die gegen kleinen Zins Kredit gewährt. Die kritische Lage ist auch durch den Stillstand im Baugewerbe, wie überhaupt in der Industrie bedingt, der viele Handwerker, Arbeiter und besonders Maurer zur Auswanderung zwingt. Die Lebenshaltung ist zurzeit, doppelt so teuer als in Amerika. Der Landverkauf wird wohl demnächst von der englischen Regierung freigegeben werden. Doch sind hierbei bereits von der falschen zionistischen Politik, die immer mit Lärm arbeitete, Fehler begangen worden, die kaum noch gut zu machen sind. Die Araber können es nicht vergessen, daß von einer gewissen Seite auf eine Enteignung der arabischen Besitzer durch die englische Regierung hingearbeitet worden ist. Das war, abgesehen von der moralischen Seite der Sache, auch politisch unklug und gefährlich. Auch bei der Einwanderungsagitation sind schwere Fehler begangen worden. Einer davon war, daß viele Chaluzim im Hochsommer bei großer Hitze ankamen und sich unter der glühenden Sonne den neuen Verhältnissen anpassen mußten. Nach der großen unverantwortlichen Progaganda für die Einwanderung in Palästina, wird es jetzt den Zionisten kaum gelingen, den Strom noch einzudämmen. Die Enttäuschung führt zur Auswanderung, die noch stärker ist, als die Einwanderung und uns insofern schwer trifft, als sie die besseren, eingesessenen, erfahrenen Elemente aus dem Lande führt, für die die neuen Ankömmlinge keinen vollen Ersatz bieten. Es ist schon an sich ungesund und gefährlich, daß 50 Prozent Intellektuelle sich unter den Bauern und Arbeitern befinden. Alles, was heute in und für Palästina getan wird, besonders auf dem Gebiete *der Einwanderung und des Landankaufes, muß in aller Ruhe und Stille vor sich gehen. Es ist unumgänglich nötig, daß recht viele praktische Kaufleute, Fabrikanten und Finanzmänner nach Palästina hingehen, um vorerst die Verhältnisse nach neuen Industriemöglichkeiten zu studieren. Vor der Einwanderung Besitzloser ist zur Stunde dringend zu warnen. Einen Lichtblick bildet die politische Lage. Die Juden Palästinas, die unter dem Drucke der Türkenherrschäft in den letzten Jahren schwer gelitten haben, erfreuen sich der absoluten Bürgerfreiheit. Der Oberkommissär Herbert Samuel kann als Geschenk der Vorsehung » betrachtet werden und er ist bis jetzt das einzige erfreuliche Ergebnis von San Remo. Wie rasch es diesem Manne gelungen ist, sich die Liebe der gesamten Bevölkerung, auch der Araber, die ihn erst mit Mißtrauen empfingen, zu erwerben, ist geradezu erstaunlich.. Am Peßach vorigen Jahres fand bekanntlich in Jerusalem ein Pogrom statt. Aber wie erhebend, daß am Sabbat Nachmu des gleichen Jahres der jüdische Oberkommissär durch die gleichen Straßen, in denen einige Monate früher jüdisches Blut geflossen ist, zu Fuß nach der Synagoge wandelt, bejubelt von. allem Volke, nicht zuletzt von den Arabern. Gerade die religiöse Gesinnung Samuels ist es, die den Arabern besonders imponiert und deren Vertrauen stärkt. Die Araber hatten früher oft geklagt, daß die Zionisten durch ihre radikale Weltanschauung die arabische Jugend verderbe, und sie''sind jetzt über den religiösen Geist, der aus dem Verhalten des Gouverneurs spricht, sehr erfreut. Palästina ist ein Nationalitätenstaat unter dem Schutze des Völkerbundes und dem Protektorate Englands. Nationalitätenstaat aber nicht Judenstaat. Denn die Juden bilden nur ein Achtel der Bevölkerung, ein Achtel machen die Levanliner aus, während die Araber sechs Achtel der Bevölkerung bilden. Somit sind die Juden nur in der Minderheit, die aber daium durch die englischen Gesetze vor Druck und Entrechtung vollkommen geschützt ist. Die Arbeit muß dahin gehen, diese Minorität, freilich in aller Stille und Ruhe und nach den Gesetzen der Zweckmäßigkeit, in eine Majorität umzuwandeln, aber auch dann, natürlich auf der Grundlage der Gleichberechtigung aller anderen Nationalitäten. Das Wort „Enteignung" und ähnliches darf aus jüdischem Munde nicht gehört werden. Höchste und vornehmste Aufgabe der Agudas Jisroel ist aber fürs erste, ein selbständiges, unabhängiges Schulwerk zur Pflege der Thora in Palästina zu schaffen. Deutschland allein kann heute bei der enormen Geldentwertung die Arbeit nicht leisten, aber dennoch darf Deutschland seinen Anteil nicht zurückhalten und seine Mitarbeit nicht zurücktreten lassen, da Deutschland eine altbewährte Ehrensteilung in Erez Isroel zu bewahren hat. Palästina muß Kulturzentrum der gesamten Judenheit aller Länder werden. In keinem jüdischen Hause fehle die „Jüdische Presse". Die Bt$cM8$$e <kr palä$tinmi$cDc« Dtkgitrttnoer$ammltMg. Die Assefath Haniwcharim hat ihre mehrtägigen wichtigen Beratungen beendet. Da die Sonderwahlen der Orthodoxen anerkannt wurden, nahmen von der zweiten resp. dritten Sitzung an auch die Misrachisten und die Chareidim an den Sitzungen teil, enthielten sich jedoch der Abstimmung über die Kompetenzen der Delegiertenversammlung und des Nationalkomitees. Die wichtigsten Beschlüsse lauten: Die Delegierlenversammlung ist oberste Instanz für die Ordnung der öffentlichen und nationalen Angelegenheiten des jüd. Volkes in Erez Israel und dessen Bevollmächtigter nach innen wie nach außen. Die Delegiertenversammlung legte in ihrer ersten ' Sitzung den Grundstein zur Bildung der nationalen Autonomie in Erez Israel. Die Delegiertenversamralung wählt aus ihrer Mitte einen nationalen Waad (Nationalkomitee), der gemäß den Beschlüssen der Delegierten Versammlung alle Angelegenheiten der palästinensischen Judenheit. leitet und deren Bevollmächtigter nach innen wie nach außen ist. Dem Nationalkomitee obliegt die Erlangung der Approbierung der Delegiertenversammlung und ihrer Komitees durch die Regierung. Die Delegiertenversammlung setzt ein Budget fest für die Bedürfnisse der Delegiertenversammlung, des Nationalkomitees und seiner Subkomitees, dessen Aufbringung dem Nafionalkomitee obliegt. Dem Nationalkomitee wird die Pflicht auferlegt, für die Bedürfnisse des Jischub ein allgemeines Steuergesetz auszuarbeiten, das der nächsten Tagung der Delegiertenversammlung vorzulegen ist. Dem Nationalkomitee obliegt, es, Wahlordnungen für die Delegiertenversammlung, die Gemeinden und die Kolonien auszuarbeiten und sie der Delegiertenversammlung vorzulegen. Das Nationalkomitee soll Gemeindestatuten ausarbeiten und vorlegen. Die vom INationalkomitee ausgearbeiteten Gesetze und Vorschläge müssen einen Monat vor der zweiten Tagung der Delegiertenversammlung in den Zeitungen veröffentlicht werden. Die Delegiertenversammlung muß nicht später als im Monate Ijar zur zweiten Tagung zusammentreten. Die Dauer der jetzigen Delegiertenversammlung wird an dieser zweiten Tagung bestimmt werden. (J. P. Z,) Kritische Rundschau. Das Rundschreiben der Kolonialbank A.-G. Das Gründungskomitee der von der Vereinigten Jüdischen Partei der Tschechoslowakei zu errichtenden „Kbloniälbank A.-G." erläßt ein Rundschreiben, das1 in ganz eigenartiger Weise es zu beschönigen müssen glaubt, daß die Bank nicht in Preßburg sondern in Prag gegründet werden wird. Aus diesem sonderbaren, durch seinen entsetzlichen Stil ebenso wie durch die offensichtliche Unbehaglichkeit der Darstellung auffallenden Rundschreiben, geht die Absicht hervor, die materielle Last auf den naiven kleinen Juden der Slowakei zu überladen, aber die daraus resultierende politische Position 'selbst zu gemäßen. Das Rundschreiben beginnt mit folgender prachtvoll geschriebenen Einleitung: „Schon seit Jahren sahen wir, wie notwendig ein Bankinstitut wäre, welches in jeder Beziehung die Interessen der slowakischen Judenheit vor Augen hätte. Wie begannen auch vor längerer Zeit die Vorarbeiten zur Schaffung eines solchen Finanzinstitutes, aber die politischen Umwälzungen, die sich Ende 1918 und Anfang 1919 abspielten, verhinderten die Fortsetzung der Arbeit und als wir hernach wieder damit begannen, zwangen uns eben diese Umwälzungen, die Gründungsbewilligung im Wege unserer Prager Freunde anzustreben." Klingt das nicht so lieblich wie das Kratzen der Gabel auf dem Teller? Wie konsequent der Verfasser die Mitvergangenheit anwendet, trotzdem es sich um drei aufeinanderfolgende Zeiten handelt? Wer war der milde Lehrer, der ihn in der Volksschule in deutscher Sprache begnadigt hat? Der Sinn steht dem Stile nicht nach! Schon vor Jahren sahen sie, daß das slowakische Judentum eine Bank mit solchen Augen benötigte, vor welchen die Interessen des damals noch nicht bestehenden slowakischen Judentumes in allen möglichen Beziehungen schweben möge. Sie begannen — immer in der Mitvergangenheit — schon vor längerer Zeit die Vorarbeiten (dazu gehörte wohl auch das Rundschreiben, das mehrjährige Geistesarbeit verrät), aber die Umwälzungen verhinderten die Fortsetzungen und als sie „hernach* wieder begannen, kamen „eben diese" Umwälzungen wieder zurück und zwangen sie — immer in der Mitvergangenheit— die „Gründungsbewilligung* „im Wege* der Prager Freunde anzustreben." — „Du mußt es dreimal sagen" würde Mephisto heischen, so köstlich ist dieser Satz. Das Rundschreiben schildert in rührend kindlicher Weise die kommerziellen Möglichkeiten der Bank und wiederholt zum Schlüsse: „Bei der Gründung der „Kolonialbank" hatten wir nur die Interessen der Judenheit des Slovensko v«r Augen (die Interessen baumeln fortwährend vor dea Augen dieser Bank) und es war daher auch unser Plan (ein tiefgedachter Plan) das Institut mit dem