Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 17/33 (5.11.1920)
- Date
- 1920-11-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II. Bezirk, Malzgasse Nr. 12 a. Tschechoslowakei: Bratislava, Tarnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich und Ungarn d.-ö. K120*—, Tschechoslowakei Kc. 60-—, Deutschland Mk. 60*—, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar. Einzelnummer d.-ö. KS-, Kc. l'SO. Inseraten - Preis: Ganze Seite K 3000'—, halbe Seite K lfiOO--, viertel Seite K 800 -, achtel Seite K 400' — , sechzehntel Seite K 250*—. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 17/33 | Wien-Bratislava, 5, November 1920 ,X'£-r pffn 13 aTOPgTB-iW .Tgl j 6, Jahrg. Die Tdee des Weltkongresses* Wenn wir uns nicht täuschen, so wird in den nächsten Monden ein neues Agitationsmittel in die jüdischen Massen geworfen unter dem Stichwort: Weltkongreß. Der objektive Beobachter könnte ganz genau die Geburtsstunde dieses Gedankens feststellen, und das war San Remo. Damit hatte der politische Zionismus seine Rolle ausgespielt, aus Mangel an einem Ziel. Denn einerlei, wie sich die ßalfour- Erklärung in die Praxis umsetzt, ob das national Lomo den Träumen und — Versprechungen des Zionismus entspricht oder nichts es bleibt dabei, daß die Verfügung über Palästina auch seitens der Zionisten rückhaltlos in die Hände der Mandatarmacht gelegtist. Das alles hätte man eigentlich gelegentlich der etwas deplacierten Hallelfeiern sagen und erwägen müssen, und wir glauben, daß beispielsweise Achad-Haam und noch andere ernste Menschen die tragische Verantwortung dieser Stunde ganz anders empfunden haben, als die barnumartigen Kommandeure des schnöden Mißbrauchs unseres heiligsten Wortes: Geula. Wer entrückt dem Lärm des Tages diese Dinge betrachtete, wird die logische Notwendigkeit des aus diesem Zwiespalt zwischen ehrlichem Eingeständnis und parteimäßiger Aufmachung geborenen Verlaufes der Londoner Konferenz einsehen. Auch der erbittertste Gegner bedauert Ursache und Wirkung. Mehr soll in diesem Zusammenhang däf über "nicht gesagt sein, da man doch endlich hoffen darf, daß die Hausknechtsmanieren aus der Behandlung jüdischer Dinge verschwinden und 'ernste Männer zti ernsten Männern, ein ernstes Wort wagen dürfen. Durch St. Remo und London wurden viele Kräfte, viele geistige Potenzen, viele Energien frei, Kräfte, die gewohnt waren., aufs Ganze zu gehen, mid nur , "«1^0^ offen die Liquidation der Partei beschlossen und damit so viel Schutt weggeräumt, dann wäre vielleicht freie Bahn für wirkliche Aufbauarbeit geschaffen worden und das Verhängnis hätte erträglichere Formen angenommen. Tatsächlich aber geschah ein anderes. Schon die sogenannte Welthilfskonferenz in Karlsbad war ein nicht mißzuverstehender Auftakt des Versuches, Parteiideologie durchzusetzen und Parteisieg zu erzwingen. Der Beschluß der Londoner Konferenz, Erziehung und Kultur in der Diaspora in die Hand zu nehmen, sprach gleichfalls eine sehr deutliche Sprache. Das war eigentlich ein Zionismus, der Zion negierte und sich in einen jüdischen^Nationalismus schlechthin wandelte, dem das faszinierende Substrat eines greifbaren Zieles fehlt und der gerade deshalb mit umso größeren Ungestüm seine Forderungen stellt. Dergestalt sind die Wünsche und Gedanken beschaffen, welche an der Wiege der Weltkongreßidee standen. Es ist begreiflich für.den Kenner der Psyche des amerikanischen Judentums, daß dieses für diese neue, wenig greifbare Form der zionistischen Ideologie sich nicht begeistern konnte.' Der Amerikaner hat neben nüchterner Betrachtung der Dinge feine politische Witterung. Er konnte allenfalls die mit diesem Gedanken notwendig erfolgende innere Entwurzelung ertragen, solange und insoweit der Ersatz in einem neuen Heim in Aussicht stand. Aber das ganze Denken und Fühlen homeless zu machen, es zwischen Himmel und Erde zu stellen, das verträgt ein Mann wie Brandeis nicht. Allein weder diese Gedankenrichtung, noch auch die Erwägung, daß letzten Endes schon die Wahlen zu einem jüdischen Weltparlament nicht ohne Folgen für die politische. Stellung der Juden in den Diasporaländern bleiben kann, dürften allein ausschlaggebend' sein. In dieser Hinsicht, hätten wir nur eines zu verlangen und das ist Klarheit. Man ist es den jüdischen Massen schuldig, sie schonungslos darüber aufzuklären, daß diese internationale Aufmachung Konsequenzen haben muß, namentlich in den neu- ,gfkÜj|£lä^JS^ brauchen, um sich über die schwierigen Zeiten des ersten Aufstiegs hinwegzuhelfen. Diese Verantwortung müßte jedem Wähler in den Geist, in das Herz gehämmert werden, damit nicht für ein Phantom grenzenloses Elend erkauft wird. Ist es doch kein Geheimnis mehr, daß die Juden fast aller Länder zu der Einsicht gekommen sind, es müsse trotz aller in allen möglichen Verträgen garantierten Minderheitsrechten unter Ablehnung jeder ausländischen Intervention mit den Behörden, des eigenen Landes verhandelt, der Weg zwischen den Herzen der Bewohner eines Landes gefunden und geebnet werden. Und dieses Beginnen dürfte in seiner segensreichen Entwicklung nicht gehemmt werden durch eine Ideologie, die letzten Endes geradezu eine Exterritorialisierung der Juden einleitet. Doch, wie gesagt, diese politischen Erwägungen dürften trotz ihres Schwergewichtes nicht allein maßgebend sein. Aber wer nur eine Ahnung von dem Wällen hat, welches Agudas Jisroel beseelt, muß Front machen gegen diesen neuen Versuch einer Entg-ttung jüdischen Wesens. Schon allzulange hat man an den Allmächtigen und sein Wort das Verlangen eines Moratoriums gestellt. Man hat die jüdische Gesamtheit mit einer erdrückenden Fülle deckungsloser Schulden belastet. Und haben nicht all' diese Wege versagt? Und deshalb haben wir zunächst auch angesichts der Idee des Weltkongresses nur eine bescheidene . : Heißt es vveanachnü beschem haschem nelech. "der nicht? P. Kn. Die augenblickliche Cagt in Palästina. Von Dr. Moses Auerbach (Petach-Tikwah). Man hält im Gewöhnlichen den wirtschaftlichen Aufbau Palästinas für das Wesentliche, man vergesse aber nicht, daß das Wirtschaftsleben nur einen Rahmen, den Träger für die Seele, die geistigen Güter bildet. Das Bild des geistigen. Lebens in -Palästina -ist aber heute durchaus nicht erfreulich. Die Nichtachtung der Religiöse/) hat gegen früher noch stark zugenommen. Als Grund muß man zunächst den Krieg nnd seine Folgen ansehen, die die Sabbatentweihung und die nichtrituelle Lebensweise zur alltäglichen Erscheinung gemacht haben. Der Uebergang zum geordneten religiösen Leben Bilder aus M-Prefibura. SSur Jahrhundertfeier der Primär-Schule. i3. Fortsetzung.) * Was diese kleine Gasse doch für ein Reich an sich war, mit seiner abgegrenzten Kultur, seinen Parteien, Führern, Dichtern, Künstlern, Gelehrten, Schriftstellern, Bankiers und Handelsleuten. Wie in Mizraim, das doch bereits drei Jahrtausende lange zurücklag, führte der Stand der Gelehrten, der trotz seiner Armut auf clen noch so reichen Handelsmann herabgesehen hat, wenn er bar des Mysteriums des Talmuds war. In dieser Gasse lebten damals neben den großen Gelehrten, die Literaten Mendel Stern, Adolf Dux-Dukes, Lazar Horowitz, hier dichtete Gabriel Südfeld, der Vater Max Nordaus, der Erzieher im Hause des Ghassam Sofers s. A. seine hebräischen Verse für die Zeitschrift „Kochwe Jizchok", und der Schüler der Jeschiba Moritz G. Saphir seine ersten Verse für eine Preßburger Zeitung. Das bekam ihm aber übel. Er wurde aus der Jeschiba ausgewiesen. Aber die traurige Tatsache hatte eine heitere Form. Der Raw ließ ihn rufen und sagte ihm recht bündig: „Saphir, ich höre du machst Gedichte für die Zeitungen; nun ich will dir zeigen, daß ich auch Verse machen kann: „Saphir! marschier von hier!" Hier wuchs der berühmte Violinkünstler Miska Hauser auf. Der herb-fromme Vorsteher Lemberger war nebst seiner profunden Talmudwissenschaft, die er neben seinen bedeutenden Geschäften pflegen konnte, ein wahrer Künstler. In seinem prachtvoll kaliigraphierten Mohelbuch, hat er einige Federzeichnungen, Bilder aus dem damaligen religiösen; Leben, hinterlassen. Mehr'Künstelei als* Kurist sind einige noch erhaltene „Schiwisi-Tafeln" von seiner Haijd, und sein Sohn, Rabbi Aron- Lemberger, - hat ein Weizen^brn besessen, auf welches der Valer das ganze Schema-Israel eingraviert ha-tte. Reichtum /und politischer Einfluß* verlieh dem Gäßcben Bedeutung. ^Merkwürdigerweise hatten einige dem Raw nahestehende Familien gewissermaßen das Privilegium auf weltliche Bildung, die der großen Masse versagt blieb, etwa wie das Mysterium Vorrecht einer Kaste geblieben ist. Man bezog Hofmeister aus Deutschland, französische Gouvernanten, ging in die Malschule, gab aber kein „Ukez vom Jud" von der strehgsten Observanz nach. Da gab's aristokratische Frauen und Mädchen, adelig in der Erscheinung, in der Aeußerung und vor allem im Glauben. Man tauschte Visiten mit den Komtessen Zay und Schaafgotsche, aber man fehlte auch nicht bei den Freudenfesten der ärmsten jüdischen Hausiererfamilie, an deren Schicksal man innigen Anteil nahm. Das Preßburger Ghetto war kein trübseliges Milieu wie die Judengasse, die in den Dichtungen russischjüdischer Dichter gezeichnet ist. Kein „Pripitschek", wo ein armer Rebbe hungrigen Kindern Komazolefo lehrte. Da stand das in italienische^ Renaissarice gehaltene Haus des Vorstehers mit der mächtigen Toreinfahrt, durch welche Equipagen auf lautlosen Hölzstöckelpflaster zu den im Hofe befindlichen Remisen rollten; mit besonderen Gesindetreppen, schönem Gitter Werk, hohe weiße Flügeltüren, in die Wand gebaute Biblrotliekskästen, Lustres, Handspiegel u. dgl. Aber mehr als Geld und Gut galt da Thora, persönliche Ehrenhaftigkeit und Lauterkeit der Gesinnung. Rechts und links kämpfte ehrliche Ueberzetigtmg ünd Selbstlosigkeit: gerade darum war der Kämpf ein umso heftigerer. t Fortsetzung folgt.) Ita «Im <i*e$ ftwtwu Aus* demim'B;4ia*z-Verlag, Berlin- Wien, soeben «rsehießenen! Buch »Hersch Ostropole, ein jüdischer '3ffU- Eulenspiegel des 18. Jährhun'derts'' von Chajim Bloch. In Lüzk wohnte ein mächtiger* Fürst, ein kränklicher Mann von finsfeerer und schlechter Laune, •ffetretm^h förfchtete %n. Einmal erfuhr der Fürst, daß in Miedziborz ein Rabbi seinen Sitz habe, der ebenso wie er kränklich, jähzornig und immer traurig war. Da sprach er zu seinen Leuten: „Gewiß tut er es, um meiner zu spotten; ich will ihn eines Besseren belehren." Er ließ seinen Wagen anspannen und seinen ganzen Hofstaat mit sich führend, reiste er nach Miedziborz, um sich an Ort und Stelle zu überzeugen, ob die Kunde von des Rabbis Führung wahr sei. Als er in Miedziborz einlangte, ließ er den Rabbi zu sich rufen. Glücklicherweise war Rabbi Baruch seit einigen Tagen abwesend und der Verwalter des Rabbi konnte das Nichterscheinen des Letzteren entschuldigen. Der Fürst aber ließ dem Verwalter des Rabbi sagen: „Wenn dein Herr von der -Reise zurückkommen wird, dann habe er innerhalb drei Tagen nach Luzk zu reisen, um mir folgende Fragen zu beantworten: Wie groß ist der Boden, den ich mein eigen nennen darf? Wieviel wiegt der Mond? Wieviel ist der Fürst wert? Was glaubt der Fürst? Wenn ich binnen drei Wochen keine Antwort auf meine Fragen haben werde, dann werde ich euren Rabbi und sein ganzes Gesindel in den Kerker werfen." Man kann sich denken, wie bestürzt die Leute wurden. Aber sie beschlossen, dem Rabbi darüber keine Mitteilung zu machen; G-ttes Hilfe werde schon kommen. Am folgenden Tage kehrte Rabbi Baruch heim. Wieder beriet man, was da zu tun sei. Da sagte Herseh: „Ich werde nach Luzk fahren und mich an Stelle des Rabbi dem Fürsten vorstellen; ich werde ihm Rede und Antwort stehen." „Wie willst du es anstellen?" fragten die Leute ganz erstaunt. vGanz einlach, gebt mir einen ,Ghaiat'. und* einen ,Spodek\ ich stelle mich dem Fürsten als,der<B»bbi vor «und wenn »es mir nicht gdmgt, ihn zöfrWensteitetide* Antworten zu* geben, dann werde ich an Stelle des Rabbi in den Kerker kommen, idera Rabbi aber wird kein Haar gekrümmt werden."