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Jüdische Presse · 1920-10-29 · 16/32 (29.10.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
6 (1920)
Issue
16/32 (29.10.1920)
Date
1920-10-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16/32 JÜDISCHE PRESSE Seite 3 während die orthodoxen Führer Preßburgs sich zu einer führenden Rolle in der orthodoxen Weltorganisation hinaufschwingen konnten. Der Artikelschreiber, welcher in einer wahrhaft hysterischen Weise an den Säulen der Orthodoxie rüttelt, wagt noch Vorwürfe wegen eines Mangels an Erfolgen zu machen, er, der der Orthodoxie die Hände voll zu tun gab, um seine Anklagen, seine öffentlichen und — nicht öffentlichen Anklagen abzuwehren! Der Artikelschreiber vergißt sich und sein Amt soweit, in stark unterstrichenen, auffallenden Worten die hämische Bemerkung zu machen, daß es „höchst auffallend und sehr sonderbar sei", daß wir die Atrocitäten in Ungarn nie besprochen haben. Wir machen selbst darauf aufmerksam, daß wir auch nicht viel über die Gräueltaten in anderen Ländern schreiben, daß wir auch nicht sofort in ein lautes Geschrei ausgebrochen sind, wenn in der Tschechoslowakei kleinere antisemitische Vorstöße geschehen. Wir sind seit jeher der Ansicht gewesen, daß diese Methoden, die zuerst in Polen geübt Worden sind, und sich dort gerächt haben, verhängnisvoll fürs Judentum seien. Sie ist nicht nur von den alten jüdischen Stadlonim verpönt gewesen, sondern selbst von den ersten zionistischen Führern verworfen worden. Dieser große Alarmapparat der jüdischnationalen Presse ist ein Produkt der jüdischen Minoritätsrechtler. Sie müssen, der Wahlpropaganda halber, jeden ihrer Schritte fürs Judentum mit dem Glöckchen der Publizität behängen. Sie verstärken die antisemitische Behauptung einer mächtigen, das Christentum einkreisenden mächtigen jüdischen Internationale, mit ihren gaskognischen Uebertreibungen ihrer /Tätigkeit. Wer fühlt das Unglück der ungarischen Juden tiefer, wir, die wir mit ihnen noch vor Jahren brüderlich zusammengewirkt haben oder diejenige jüdische Presse, welche die ungarischen Juden stets angegriffen hat? Die kleinen Pseudo-Journalisten, die ihr Geschäftchen mit dem Unglück des ungarischen Judentums treiben, mit fürchterlichen Schilderungen handeln, die ins Oebiet der Pornographie gehören, oder wir, die wir mit den meisten jüdischen Führern Ungarns in einer Jeschiwa erzogen wurden und jahrzehntelang mit ihnen für das Judentum gewirkt haben? Wir sind mit wärmsten Dank für die ehrlichen Anstrengungen der freisinnigen und sozialistischen Presse erfüllt, die sich gegen jede Verfolgung der Religion und Rasse wendet. Die spezifisch jüdische Presse hat aber darauf zu achten, ob ihre Haltung dem Judentum nützt oder schadet. Nach all diesem darf der Oberrabbiner Reich- Verbo nicht mehr staunen, daß wir an der Stelle der ohnedies weltbekannten Vorfalle in Ungarn, eine Ehrung seines Vaters, des Oberrabbiners Koppel Reich n. j. gebracht haben, in dessen Sechus der Oberrabbiner von Verbo die Langmut der orthodoxen Organisation auf eine solche harte Probe stellen darf. Wir brauchen und wollen niemand darauf nachdrücklicher aufmerksam machen, welche böse Bedeutung der hämischen Bemerkung des Artiketschreibers innewohnt. Es ist erstaunlich, mit welcher messires... hanefesch der Verfasser seiner Partei dient! NACHRICHTEN. Deut$cl)5$terreiclh Das Kriegswaisenhaus in Baden. Sonntag, den 25. Oktober, machte der Vorstand des Kriegswaisenfonds der Agudas-Jisroel eine Exkursion nach Baden, um das dort zu eröffnende Waisenhaus zu besichtigen. Herr Direktor Hecht vom Springerschen Waisenhaus hatte die Liebenswürdigkeit, die Reise mitzumachen, um dem Vorstand mit seinem fachmäßigen Rat an die Hand zu gehen. Die Besichtigung ergab, daß das Haus seinem Zwecke entspricht. Die nötigen Vorbereitungen werden mit größter Beschleunigung durchgeführt, so daß die Eröffnung des Hauses jedenfalls im Laufe dieses Jahres stattfinden wird. Dieses Werk wird sich wohl würdig an die von der Agudas-Jisroel in Polen errichteten Waisenhäuser anreihen. Adresse gesucht: Mayer, rekte Emil E t t i n g e r aus Stryj in Galizien, verheiratet. 48 Jahre alt, weilt seit 18 Jahren in Ne^w York und wohnte vor längerer Zeit Longstreet. Das Zentralbureau der Agudas Jisroel, Wien, IL, Malzgasse 12 a, bittet, seine derzeitige. Adresse anher bekanntgeben zu wollen. C$cbecfto$lowaRei. Zurückgezogener Bescheid. Der Jessode Hatora, welche seit vielen Jahrzehnten besteht und eine Vorschule für die Rabbinatshochschule bildet, wurde als Privatschule die Sanktion des Ministeriumes verweigert, was die Sperrung des Institutes zur Folge hätte. Oberrabbiner Präses Weber hat bei dem Sektionschef Stefanek interveniert zufolgedessen dieser Bescheid zurückgezogen wurde. Die Jessode Hatora ist mit zwei Klassen vergrößert worden und besitzt jetzt 0 Klassen. Die Räume, welche sich im Gebäude der ehemaligen Volksschule befinden, werden mit großen Kosten neu adaptiert. Siebenbürgen. Ausweisung. Wie das Komitee der jüdischen Delegationen mitteilt, fahren die rumänischen Beamten trotz des Friedensvertrages, der die nationalen Minoritätsrechte proklamiert und der 1 feierlichen Deklarationen seitens verschiedener rumänischer Staatsmänner fort, die Juden, die rumänisches Territorium bewohnen, systematisch zu verfolgen. So erläßt die jüdischnationale Union Siebenbürgens einen Alarmruf, wegen der Massenausweisungen, deren Opfer jüdische Familien sind, die seit Jahrzehnten auf diesem Territorium wohnen, das kürzlich Rumänien angeschlossen wurde. Die richtige Methode! Seit die Kiausenburger Judenheit die Bauaktion energisch in die Hand nahm, (s. frühere Nummer), haben die Judenausweisungen aus Klausenburg nicht nur im Prinzip, sondern auch in der Praxis aufgehört. Jüdisches Lyzeum. Anfang Oktober wurde das jüdische Lyzeum in Großwardein mit einem feierlichen Gottesdienst durch Oberrabbiner Kecskemeti und dem Direktor des Lyzeums Dr. Arpad Hegedüs eröffnet. Die Zahl der Schüler beträgt 200, darunter auch Nichtjuden. Unterrichtssprache ist vorläufig Ungarisch, nach zehn Jahren wird jedoch, laut Ministerialerlaß, die hebräische Sprache eingeführt werden. Jahreskonferenz der Zionisteii. Die für Mitte Oktober nach Klausenburg einberufene Jahreskonferenz der Zionisten Siebenbürgens wurde auf Mitte November verschoben. Jugoslawien. Außenminister Dr. Trurnbic versicherte dem Generalsekretär Landman, der bei ihm intervenierte, daß er alles unternehmen werde, um die den durchreisenden Palästina-Auswanderern sich in Jugoslawien entgegenstellenden Hindernisse zu beseitigen. Amerika. Das Kongreßkomitee. Die Exekutive des amerikanisch-jüdischen Kongresses beschloß die unverzügliche Einberufung einer. Konferenz, um zu beraten, was zugunsten der Juden in Polen unternommen werden könnte. Der politisch administrative Ausschuß wurde beauftragt, der amerikanischen Regierung das vorliegende Tatsachenmaterial zu unterbreiten und deren Intervention zu verlangen. Felix Warburg, der nach den Beratungen in Paris kurze Zeit in der Schweiz weilte, von wo er noch nach Wien und Polen zu gehen gedachte, ist sofort nach Erhalt der Meldung von der Erkrankung Schiffs auf der Rotterdam nach Amerika zurückgekehrt. Da die Rotterdam, infolge Nebels, außerhalb New Yorks aufgehalten wurde, schiffte sich Warburg, als er vom Tode seines Schwiegervaters erfuhr, auf einem besonderen Schiffe unverzüglich nach New York ein. Bekanntlich hat sich Warburg für die Einschränkung der Einwanderung nach Amerika ausgesprochen und soll, wie es heißt, bei seinem Aufenthalte in Paris in dieser Angelegenheit mit verschiedenen Persönlichkeiten, darunter auch mit Sokolow, konferiert haben. Auf einer Sitzung des administrativen Komitees des Jüdischen Kongresses wurde nun beschlossen, beim „Joint" brieflich anzufragen, wieso es dazu'komme, derartige Verhandlungen ohne Zustimmung der anderen großen jüdischen Organisationen zu führen. J. P. Z. Polen, Verschweigung der Minoritätsreohte. Abg. Thon brachte eine Interpellation ein, wegen Nichtveröffentlichung im Gesetzblatte des zwischen Polen und den Alliierten abgeschlossenen Vertrages über den Schutz' der Minoritäten, obwohl der Vertrag vom Reichstag ratifiziert worden ist. Trotz des Sejm- Beschlusses scheine also die Regierung den Minoritätenvertrag nicht als bindendes Gesetz anerkennen zu wollen, was mit ihren internationalen Verpflichtungen kollidiere. i Die jüdischen Schwestern. Abg. Hirschhorn interpellierte im Reichstage wegen Entfernung der jüdischen Schwestern aus den Militärspitälern. Lehrerseminar. Das misrachistische „Taehkernoni" Seminar wurde in Warschau am 24. Oktober eröffnet. Das Oeffentlichkeitsrecht besitzende Lehrerseminar umfaßt acht Klassen, von denen die drei ersten Vorbereitungsklassen sind. Nach Beendigung des Seminars werden die Absolventen ein Rabbinerdiplom erhalten. Dieses Jahr werden nur die zwei ersten Vorbereitungsklassen eröffnet, in deren erste ausschließlich 14 bis 16jährige und in deren zweite 15 bis 17jährige Schüler aufgenommen werden. Das Schulgeld beträgt 6000 Mark jährlich, jedoch werden besonders talentierten und armen Schülern Erleichterungen gewährt. England. Jabotinsky über Weizmans Amerikareise. In der „Jewish Times" vom 15. Oktober wendet sich Jabotinsky in einem Artikel „Erez Israel, die Amerikaner und die Führer" gegen den Versuch, die Verantwortung für das Versagen der Londoner Konferenz auf die Amerikaner abzuwälzen. Nicht die Amerikaner, sondern politische Kurzsichtigkeit, oder richtiger gesagt die Versklavung des gesunden politischen Gedankens an die diplomatischen Bedürfnisse brachten uns zu den traurigen Ostervorfällen, zu einem Mandate, das, falls nicht noch Aenderungen zur Besserung vorgenommen werden, die ganze praktische Bedeutung der Balfourdeklaration und des Beschlusses von San Remo zunichte macht und zum Absterben der jüdischen Legion. In Palästina selbst wurden bedeutende Summen ausgegeben, ohne daß eine einzige gesund e Institution geschaffen worden wäre, außer der Hadassa, die nicht in die Kompetenz der offiziellen Leitung fällt. Wenn auch der Plan der amerikanischen Delegierten vielleicht kein richtiger ist, sei er zumindest in der Kritik richtig gewesen. Für ein derartiges „Bauen" können nicht einmal im reichen Amerika Mittel gesammelt werden. Falls in Amerika selbst Brandeis großer Opposition begegnet, sollen wir von außen nicht versuchen, aufdiese inneren Verhältnisse einzuwirken. Auch eine andere Leitung in Amerika wird nichts erreichen, so lange dort ein jeder weiß, daß in London und Jerusalem noch dasselbe System herrscht. Das speziell in Amerika herrschende Gleichgewicht zwischen den sogenannten Westlern und Oestlern, das für unsere Bewegung so notwendig ist, könne durch eine Agitatition von außen nur gestört werden. Der Jischub dürfe also nicht für Umwälzungen agitieren, sondern Verständigung mit ihnen, direkt ohne jeden Vermittler suchen und seine Geschäfte allein führen — in Jerusalem, in London und auch in Amerika. Die Delegiertenversammlung möge Leute nach Amerika schicken, die sich nicht mit Propaganda, sondern mit Aufklärung über die Lage in Palästina befassen und auch die amerikanischen Verhältnisse begreifen. Falls der Jischub — schließt Jabotinsky seinen Artikel — auf einen Rat der Führer warten sollte, so sei ihm als einem, der in London sitzt und von abseits den Wirrwarr betrachtet, dessengleichen er noch nie gesehen habe, erlaubt die Warnung auszusprechen: Falls kein Wunder geschieht, zweifle er, ob die Hilfe von hier kommen wird. Rumänien. Zur Lage der Juden in Rumänien. Dr. J. Niemiro wer äußerte sich dem Herausgeber der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" gegenüber über die gegenwärtige Lage der Juden Großrumäniens. Auf die Frage, welcher Entwicklung die rumänische Judenheit gegenwärtig entgegengeht, erklärte Rabbiner Dr. Niemiro wer: „Selbstredend wird der politische Umschwung in der Lage der rumänischen Juden, in sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Beziehung einen großen Einfluß ausüben. Die politische Lösung der Judenfrage, die hoffentlich immer mehr Realität , annehmen wird, wird sicherlich die Gestaltung der Zukunft günstig bestimmen. Einen wesentlichen Faktor wird die Tatsache bilden, daß die Juden ßeßarabiens, welche der russisch-jüdische Mut charakterisiert, die Juden der Bukowina, die politisch-kulturelle Erfahrungen mitbringen, die Juden aus Siebenbürgen und dem Banat, welche Gelegenheit hatten, ihren Freiheitssinn auszubilden, nunmehr mit den eigentlichen rumänischen Juden, die eine gesunde Schlichtheit und Natürlichkeit auszeichnen, eine Zusammenfassung erfahren. Infolge der quantitativen und qualitativen Erstarkung der rumänischen Judenheit ist zu erwarten, daß dieselbe im vergrößerten, verstärkten und modernisierten Staatswesen sich die berechtigte Geltung auch zum politischen und wirtschaftlichen Nutzen des Landes wird verschaffen können." „Auf welche Weise wird der Vereinigungsprozeß der Juden der verschiedenen Gebietsteile Großrumäniens angestrebt?" „Wie die Verhältnisse liegen, ist jede künstliche Beschleunigung dieses Vereinigungsprozesses zu vermeiden. Ich habe einen ,Vierländerrat' vorgeschlagen, der die Autonomie der Judenheit eines jeden Gebietes wahrt und dennoch eine Gemeinsamkeit herstellt. Bis die Verwirklichung dieses Ideals möglich sein wird, fördern der Zionismus, der alle jüdisch-national Gesinnten zusammenfaßt, der ,Bne Brith' Orden, der alle Sozialtätigen verbindet und verschiedene im Bilden begriffene Organisationen, wie Rabbiner und Lehrerverband usw. die Verbindungsbestrebungen der Juden Alt- und Neurumäniens."

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