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Jüdische Presse · 1920-10-29 · 16/32 (29.10.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
6 (1920)
Issue
16/32 (29.10.1920)
Date
1920-10-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr. 16/32 Undank gegenüber Amerika. ii. Die europäische offizielle zionistische Presse hat ihrem Leserkreise nie verraten, daß es die ameri- * kanischen Juden waren, welche im Kriege die Initiative zu einer großzügigen jüdischen Politik ergriffen haben und den vollständig verfahrenen Karren der offiziellen zionistischen Leitung flott gemacht haben. Die Leitung und besonders die ostjüdischen Führer haben zum Beginne des Krieges vollständig versagt. Währenddem die Herzische Schule, die sogenannten politischen Zionisten, den Weltkrieg respektive die darauffolgende Friedenskonferenz als die große Chance des Zionismus betrachtet haben, hat die Leitung, welche auf der naiven, sogenannten „praktischen" Methode eingelernt war, über die Zerstörung ihrer Pläne durch den Krieg gejammert und quasi ein Moratorium ihrer Tätigkeit über Kriegsdauer erbeten. Brandeis war es, der bereits im Herbste 1914 mit fester* zielsicherer Hand die Zügel der Bewegung in die Hand genommen hat. Er konstituierte das provisional zionist comittee (Provisorisches zionistisches Komitee). In einer Versammlung am Chanuka 1914 hat Brandeis es zuerst ausgesprochen, daß die Zionisten ihren Anspruch auf Palästina an die Friedenskonferenz gelangen werden lassen. Bald darauf im Jänner wurde im „Jüdischen Tagblatt" die Idee eines allgemeinen jüdischen Kongresses propagiert, der als demokratischer Ausdruck des AVillens des Gesamtjudentums die Ansprüche des jüdischen Volkes an die Friedenskonferenz formulieren solle und dieselben durch einen jüdischen Delegierten vertreten lassen werde. Trotz der zahlreichen Hindernisse ist es gelungen, im März 1916 den vorbereitenden Kongreß in Philadelphia zusammen zu berufen. Derselbe hat in großen Umrissen das Programm des Kongresses entworfen. Bei zwei Punkten ergab sich eine starke Differenz. Bei der Formulierung des Anspruches auf Palästina und bei der Frage des jüdischen Minoritätsrechtes. Die Gemäßigten wollten, um die Juden der Zentralmächte und besonders der Türkei nicht in eine peinliche Situation zu verwickeln, und um den gegebenen Möglichkeiten Rechnung zu tragen, blos unbeschränkte Einwanderung, freie Kolonisation und nationale Rechte, während die Radikalen und Ententeanhänger die volle Erfüllung des Baseler Programmes, oder nach Dr. Syrkin »eine jüdische Republik in Palästina" forderten. Ebenso verlangten die Radikalen jüdisch-nationale Rechte in allen Ländern, wo nationale Minoritätsrechte anerkannt würden oder auch „anerkannt werden sollten" (or ought to be recognized). Beide Parteien haben damals ein gemeinsames Komitee eingesetzt, welches eine beiden Parteien entsprechende Formel festsetzen sollte. Das Kompromiß-Komitee verwarf den Anspruch des jüdischnationalen Minoritätsrechtes und erfand in der Verlegenheit die Forderung von „Gruppenrechten"•. Da geschah etwas, was im europäischen Judentum undenkbar wäre. Die jüdische öffentliche Meinung (wo gibt es eine solche in Europa?) lehnte sich gegen den Beschluß auf, verlangte eine allgemeine Volksabstimmung (ein Referendum). Diese Abstimmung konnte tatsächlich durchgeführt' werden und ergab die Ablehnung des Kompromisses. Der Einfluß der Kongreßbewegung erstreckte sich weit über die Grenzen des Judentums; sie war zu einer vielbeachteten Massenbewegung geworden, in deren Fahrwasser schon die verschiedenen Kandidaten ins Parlament, den Senat und in die Gouverneurschaft zu segeln versuchten. Jede Wahlkampagne brachte eine reichliche Ernte von Kundgebungen für den jüdischen Kongreß, die Errichtung einer öffentlich-rechtlichen Heimstätte in Palästina und die Gleichberechtigung der Juden. Ein mächtigerer Impuls belebte die damals etwas stagnierende Bewegung, als Amerika in den Krieg eingetreten war und besonders als die Nachricht vom Sturze des Zarentumes eintraf. Die Allianz mit dem Zaren hatte die amerikanisch-jüdische Masse bisher mit feindseliger Stimmung gegen die Entente erfüllt und an die Seite der Zentralmächte gestellt. Der Ausbruch der Revolution in Rußland wurde in Amerika wie ein eigenes nationales Fest gefeiert. Der Kampf Rußlands gegen Deutschland ward mit einem Male der heilige Kampf gegen den Militarismus. Die bisher gegenüber den Türken gehegte Pietät durfte der nun feindlichen Macht nicht mehr bezeugt werden. Eine „Message" Wilsons, daß er das zionistische Programm bestens unterstützen werde, eine Deklaration, welche von weittragenderer Bedeutung als die ein halbes Jahr später erfolgte Balfoursche gewesen sein mag, löste einen gewaltigen Enthusiasmus aus. Patriotische und zionistische Pflicht floß in einem Willen zusammen. Jakob H. Schiff und andere jüdische Führer traten in die zionistische Bewegung ein. Es war der Höhepunkt der jüdischen Bewegung, von welchem man damals den freundschaftlichsten Ausblick in die Zukunft gewann. Das englische Judentum hatte sich einer unfreundlichen Haltung gegenüber der Kongreßbewegung beflissen. Die scharfen Resolutionen gegen den russischen Alliierten, welche die ständige Repertoirnummer einer jeden Versammlung der Kongreßbewegung gebildet hatte, machte es den englischen Juden schwer, sich mit der Bewegung zu identifizieren. Als die Engländer jedoch Jerusalem eingenommen hatten, ergriffen sie die Initiative in der Palästina- Sache. Die „Jüdische Volksstimme" hat seinerzeit, gleich beim Bekanntwerden der Balfourschen Deklaration, dieselbe als einen Nachteil für die zionistische Bewegung bezeichnet und ausgeführt, daß damit aus der jüdischen Volksbewegung eine geheimdiplomatische Sache wird, auf welche das jüdische Volk keinen Einfluß haben wird. Der amerikanisch-jüdische Kongreß ist nicht bloß von lokaler Bedeutung. Durch den Umstand, daß sich die amerikanisch-jüdische Masse aus aller Herren Länder rekrutiert, hat der amerikanische Kongreß, bei welchem auch tatsächlich die aus den verschiedenen europäischen Ländern stammenden Juden ihre eigenen Vertreter hatten, den Anspruch erheben können, den Ausdruck des Willens des ganzen jüdischen Volkes darzustellen. Es ist genug unerklärlioh, daß das amerikanische Judentum, insbesondere Brandeis, es so ruhig hingenommen haben, daß ihr großes Werk, das nur durch die politische Massenwirkung, durch die große New Yorker jüdische Tagespresse und den demokratischen Geist Amerikas geschaffen werden konnte, das Objekt der geheimen Diplomatie werden konnte. Es war nur zu selbstverständlich, daß die amerikanischen Kongreßführer, denen ihr wahrhaft demokratisches Werk aus den Händen gerissen wurde, nun nicht gar noch die Kosten aus eigenem nachliefern würden. Dieser Konflikt zwischen den konstitutionellen amerikanischen Führern und des autokratischen Regimes Weizmann-Sokolws mußte bei der ersten Gelegenheit zum Ausbruche kommen. Statt die in der Politik üblichen Konsequenzen zu ziehen, plant Weizmann nach Amerika zu gehen, um die leichtentzündliche jüdische Masse, die in Weizmann außer dem Führer auch den engeren Landsmann bejubeln wird, gegen Brandeis zu gewinnen. Dabei wird ihm wohl die Unterstützung einer Anzahl von nialkontenten Führern zuteil werden. Solchergestalt wird das alle bisher gekannten Dimensionen der materiellen und moralischen Hilfe übersteigende große Werk des amerikanischen Judentumes statt in seinen Wirkungen vervielfacht, von den Vertretern der unglücklichen europäischen jüdischen Masse übermütig zerstört, und währenddem al/e Völker und Länder sich um den Beistand und die Gunst Amerikas bewerben, belohnen die jüdisch-nationalen Führer Europas die ihnen geleistete brüderliche Hilfe mit schnödem Undank und zertrümmern im persönlichen Kampfe mutwillig große Möglichkeiten der materiellen und sittlichen Wohlfahrt des Judentumes. Kritische Rundschau. Die „Wiener Morgenzeitung" leistete sich in der Katzenjammerstimmung nach der Wahl einen veritablen Gasbombenangriff auf die Orthodoxie. Zur Auswahl legen wir einige Kosenamen vor, mit denen uns unser Stiefschwesterorgan bedacht hat:'„Ghettomauschel, widerliche Ghetto-Individuen usw." Wir hätten die Christlichsozialen unterstützt! Wer die beiden Nummern unseres Blattes vor und nach der Wahl liest, gewinnt hinreichend den Eindruck, daß wir in Wort und Tat mit weitaus mehr Loyalität gegenüber der „Morgenzeitung" und ihren Männern gehandelt haben, als wir von ihnen gewöhnt sind. Wenn wir nicht in ihre ignoble Ausdrucksweise und Methoden verfallen, so tun wir es, um die eigene Ehre willen. Wir finden, daß eine häßliche Kampfweise stets den aktiven und nicht den passiven Teil herabsetzt. Die Verwilderung der Sitten der „Morgenzeitung" ist nicht allein unsere persönliche schmerzliche Erfahrung. Sie hat das ihrige dazu beigetragen, das Minoritätsprogramm in Verruf zu bringen. Man kann die Wähler nicht mit Nagaikahieben zur Wahlurne treiben. Das Wort vom „blau-weißen Terror" ist nicht von uns, sondern im eigensten Lager geprägt worden. Die „Morgenzeitung" wird nach außen für die jüdische Fahne gehalten; es ist die Aufgabe derer, die etwas auf jüdische Ehre geben, sie sauber zu halten. Wir hätten uns selbst gefreut, wenn das einzige jüdische Tagblatt in nichtjüdischer Sprache sich durch jene elegante, geistreiche Manier, welche jüdischen Schriftstellern eigen zu sein pflegt, vorteilhaft hervorgetan hätte. Passagen wie „sich vom letzten Menschen aus ungewaschenen Maule anspeien lassen" kompromittieren die Redaktion und nicht die Parlamentspartei, gegen welche sie gerichtet waren, und sind nicht geeignet, zum Frühstück ohne Ueblichkeiten genossen zu werden. Wir setzen voraus, daß die „Morgenzeitung" für ihren kleinen, aber mießen Angriff auf die Orthodoxie, der sich mit Recht „Die Schande" betitelt hat, im engsten Kreise wenig Komplimente gesammelt hat; es wird uns wenigstens genug oft versichert, daß die Redaktion über die schlechte Wirkung ihrer Stylgickser nicht uninformiert bleibt. In der Sache selbst ist die Darstellung, als ob die Orthodoxie geschlossen gegen Stricker gestimmt hätte, schwarzer Undank. Die orthodoxen Stimmen haben sich zumeist auf die Sozialisten, Schwarz— Hiller und Stricker verteilt. Der Vorwurf, das christlichsoziale Mandat verschuldet zu haben, wird der jüdischnatiorialen Partei von den Sozialisten gemacht, welche dort genug oft die dringende Vorstellung gemacht haben, daß die Wahl Strickers ausgeschlossen sei und seine Kandidatur nur den Ghristlichsozialen zugute komme. Aber auch dieser Vorwurf ist nicht gerecht, da die Majorität der Christlichsozialen groß ,genug war, um selbst im anderen Falle den Sieg zu halten. Was sollen aber diese Rekriminationen bedeuten, in eintr Zeit, wo der innere Friede des Judentums nötiger als je geworden ist? Die rituelle Bank. In der „Preßburger Zeitung", die liberaler als ihr Leserkreis ist, und an deren Busen unverstandene jüdische Führer so oft ihren Weltschmerz auszuweinen pflegten, unterzieht sich der geräuschvollste Rabbiner, der je in dieser Gemarkung gewirkt hat, der Verboer, der undankbaren Aufgabe, den biederen Preßburger Bürgern die Freude darüber zu suggerieren, daß die Juden jetzt eine Bank gründen wollten, die ausschließlich jüdischen Zwecken dienen werde. Es ist uns unerfindlich, warum er eigentlich von den Blumenthalern oder den Zuckermandlern, die sich nie als Philosemitismus-Protzen gegeben haben, so sicher voraussetzt, daß sie seine Empörung darüber teilen werden, daß die jüdischen Großkapitalisten ihren finanziellen Einfluß nicht in den Dienst der jüdischen Sache stellen wollten. Er erfreut die nichtjüdische Oeffentlichkeit mit der für diese gewiß angenehmen Perspektive, daß die Bank am Sabbat geschlossen sein werde. Bisher stand bloß die koschere Fleisch- Bank unter der Aufsicht des Rabbiners, jetzt entsteht gar eine koschere Kolonial-Bank unter ritueller Aufsicht des Awbesdin von Verbo. Diese Bank ist eigentlich die lange Bank, auf welche die Finanzierung der V.'J. P. geschoben wurde. Ihre Gründung galt schon vor länger als Jahresfrist für bevorstehend. Sie darf wohl als eine Art misrachische Schöpfung betrachtet werden, da sich das Nationale mit dem Religiösen zum guten Klange' paaren wird, sie wird aber auch wohl — andere Geschäfte machen. Pnrimspiele ohne Ende. Es ist ein unbeschreibliches, behagliches Gefühl, beim besten Wohlbefinden seinen eigenen Nekrolog lesen zu können. In der „Jüdischen Volkszeitung", dem Hort der Wahrheit und der Rechtschaffenheit, widmet der Verboer Zaddik unserem Blatte wahrhaftig einen Hesped. Er behauptet, daß wir das Erscheinen eingestellt hätten. Die frühesten Aeußerungen der Talente Sr. exaltierten Ehrwürden waren das Purimspiel. Wir erinnern uns an seinen tragikomischen Hesped, den er als Preßburger Bachur im Purimspiel unter stürmischer Heiterkeit in drollig-traurigem Tonfall zum Besten gab. Dieser Hesped von voriger Woche erinnert uns sehr lebhaft daran. Das Purimspiel ist seine stärkste Neigung geblieben. Er pflegt es noch heute, über dem Striche, unter dem Striche, in Versammlungen, in Beratungen, und er grollt den jüdischen Wählern, daß sie ihm nicht die Möglichkeit gaben, auch in der Nationalversammlung Purimspiele aufzuführen. Seine unverantwortliche Weise und mit dem Amte eines strenggläubigen Rabbiners wenig vereinbare Haltung enthebt uns freilich nicht der Aufgabe, die Streiche des wild um sich schlagenden Hauptmitarbeiters der „Jüdischen Volkszeitung" zu parieren. Er behauptet, daß wir nur Negatives geleistet hätten. Die Leiter des orthodoxen Judentums in der Slowakei haben den unerhörten Wühlarbeiten der Gegenpartei, welche vor den auch im Artikel der „Jüdischen Volkszeitung" offensichtlichen bösen Mitteln des skrupellosen Kampfes nicht zurückgeschreckt sind, zu Trotze, die Organisation geschaffen, die Autonomie erlangt, mit der blanken Hand eine Presse geschaffen, durch die AgudabeAvegung in der Slowakei auch der Weltorganisation eine anerkannte wertvolle Hilfskraft geboten. Die denkwürdige Tagung der Weltkonferenz der Aguda hat die Riesenarbeit einer kleinen Gruppe von begeisterten Männern gekrönt, die noch vor Jahresfrist von dem damals allgewaltigen Volksverband geringschätzig behandelt wurden, und denen es einzig durch die Macht des Glaubens und der Ueberzeugungstreue gegeben war, sich selbst in dem sozialistischen Staate eine geachtete Position zu verschaffen, und ein wertvolles Glied in der Kette des glaubenstreuen Judentums der Welt zu werden. Während die Genossen der Herren Oberrabbiner von Verbo in ihrer eigenen Weltorganisation an allerletzter Stelle rangieren, und sie, trotz der vielen Mittel und Mittelchen, die ihnen zur Verfügung stehen, nicht imstande waren, Bratislava zu einer beachteten Position in ihrer Organisation zu machen, I ahen die orthodoxen Führer es verstanden, den Namcu Preßburg wieder zu einer Station der Entwicklung des Glaubens zu geslalten und den alten Ruhm der Gemeinde würdiy zu behaupten. „Sei lieber das Letzte unter den Löwen und nicht das Haupt unter den Füchsen" lehren die Weisen: aber ihr rangiert ja unter euren Füchsen, den „kleinen Püchslein, dio seinen Weinberg zerstören" in der let/.ten Reihe,

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