Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 16/32 (29.10.1920)
- Date
- 1920-10-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion nnd Administration: Wien, II. Bezirk, Malzgass© Kr. 12 a. Tschechoslowakei: Bratislava, Turnergasse 14. Erscheint jeden Freitag1. — Redaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich nnd Ungarn d.-ö.K120'—, Tschechoslowakei Kc. 80-—, Deutschland Mk. 60*—, Schweiz Frcs. 10-—, Amerika 2 Dollar. Einzelnummer d.-ö. K 3 -, Kc. 1-20. Inseraten - Preis: Ganze Seite K 3000*—, hall Seite K 1600-—, viertel Seite K 800 —, acht Seite K 400'—, sechzehnte! Seite K 250« — . Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 16/32 | Wien-Bratislava, 29. Oktober 1920 ♦s'Bm r\m v aTODj^!D-?w njw 6. Jahrgi Unsere Palästina-Arbeit* Unsere Liebe zu Erez Israel muß nicht erweckt, sondern nur in organisatorische Formen gekleidet werden. Je heiliger der Begriff Erez Israel dem Juden ist, desto länger zögert er, das hohe Ideal in reale Tätigkeiten umzusetzen, und desto länger erscheint ihm der Weg von der Tageserscheinung zur Erfüllung. Die Pessia gassa, der eilige, große Sphritt ist des traditionstreuen Führers unter allen Umständen unwürdig. Zu allen Zeiten ist der fromme Jakob langsam dem Sturmschritte seines minder verantwortungsvollen, leichtfertigen Bruder nach Se'ir gefolgt. Nun haben selbst die Führer der Charedim, der Fromm-Aengstlichen, der Besorgten, das erwartete Zeichen zum Aufbruche gegeben. Nun Ist es an uns, der in uns gesetzten Erwartungen gerecht zu werden. Das bekannte alte Wort des Weisen: „So wie ich einen Lohn für die Befürwortung erhalten habe, werde ich auch einen Lohn für die Zurückhaltung haben", darf auch in dem Sinne verstanden werden, daß wir erst dann Anerkennimg für unsere bisherige Zurückhaltung erhalten werden, wenn wir nun in positiver Arbeit bezeugen werden, daß die Zurückhaltung keine Passivität und Schwäche war, sondern die Folge eines höheren Anspruches auf die Betätigung für Palästina, die sich nur auf altgebahnten Wegen entwickeln will und welche bei gegebenen Bedingungen, wie sie die Aguda erfüllt, mit elementarer Kraft hervorbricht. Werden wir nun groß in der Tat erscheinen, so wird diese auch unserer bisherigen Zurückhaltung den Zug der Größe verleihen. Unsere Palästina-Arbeit knüpft natürlich an die uns heiligen Formen der Altkolonisation, des Jischuw hajoschon Dreifach groß ist unsere Pflicht! Zur Liebe des Landes und des Volkes, die große Massen unseres Volkes ergriffen hat, gesellt sich in unserem' Lager noch die mächtigste der Dreien, die Liebe zur Thora. Dieser Schilusch Keduscha muß uns mit dreifacher Begeisterung, dreifacher Kraft und dreifacher Opferfähigkeit durchglühen, unsere Gabe muß die höchste der Dreien, [ein wahres Korban Oschir, das Opfer des Reichsten an Treue, an Hingabe und Zukunftsglauben sein. Das Banner der Thora ist entfaltet, Jünger der Thora, beschämet sie nicht! ßigh°£ommi$$ioner Samuel an die Orthodoxie. Jerusalem, 15. Oktober. Mittwoch nachmittag besuchte Herbert Samuel in Begleitung des Lord Hay das auf dem Berge Zion befindliche „Bäte Machsse* und wurde dort von Rabbiner Horowicz im Namen des Amsterdamer Kolel begrüßt. Am Eingange des Viertels „Bäte Machsse« war ein Triumphbogen errichtet und Schüler der Erziehungsanstalten des Amsterdamer Koleis bildeten Spalier. Ein Chor der Talmidim trug einen zu dieser Gelegenheit gedichteten Gesang vor. Im Namen des Lehrkörpers und der Schüler begrüßte Rabbi Katzenellenbogen und Rabbi J. Kostil den hohen Gast, worauf Sir Herbert Samuel herzliche Dankesworte sprach.Vor der Synagoge trat Oberrabbi Ghaim Sonnenfeld mit der Thorarolle am Arm dem High-Commissioner entgegen und segnete ihn im Namen der Synagoge, die auf dem Berge Zion gegenüber dem Tempelplatz , erbaut ist. Es möge der Wille des •an^t^indUi^ wir treu bewahren, wir haben sie daher nie so leicht preisgeben wollen, wie jene jüdischen Kreise, die keine ererbte Erinnerung an die Werke der Altkolonisation knüpft. Uns steht ein riesiges Reservoir von wertvollen Kräften der Ueberzeugung und der Opferfähigkeit zu Gebote; noch sind die eigentlichen tiefer gelegenen und ergiebigeren Schächte echter jüdischer Begeisterung nicht eröffnet worden. Eine innere Stimme hat nun das Stichwort gegeben, aus der Passivität hervorzutreten auf die Bühne des Lebens. missioner gelinge, ein Heim für das jüdische Volk zu bauen in Erez Israel, zum Heile des Volkes, der Thora und der Heiligentümer. In der Synagoge hatte die Bevölkerung von „Bäte Machsse", an ihrer Spitze die angesehensten Rabbiner Platz genommen. Der Kantor R. J. Eisenbach sang den 87. Psalm, i worauf Rabbiner Horowicz den High-Gommissioner mit einer feierlichen hebräischen Rede begrüßte. Redner wählte als Text die Erzählung der Weisen: „Als die Söhne Esaus, Ismaels und Keturas gegen Israel zum Kampfe zogen, sahen sie auf dem Sarge Jakobs die Krone des Josef hängen, da nahmen sie alle ihre Kronen ab und legten sie auf den Sarg Jakobs. Früher, da sie keine Ehrung Israels sahen, ehrten sie sie auch nicht, später, als sie Israel geehrt sahen, ehrten sie es auch." So wäre Israel in diesem Lande bisher auch zu wenig geachtet gewesen, seitdem aber der Herrscher Englands, gleich Koresch, die Rückkehr Israels nach dem heiligen Lande verkündet hat, glauben alle an die Sendung des High-Gommissioners, an die Verwirklichung der Verheißung des Allmächtigen an Abraham, eine nationale Heimstätte in Palästina zu gründen. Redner begrüßt den Gast im Namen der Traditionstreuen, im Namen des Amsterdamer Kolel, derNzwei Jobel hindurch Pionierarbeit in Erez-Israel gejleistet hat. Die Augen t Israels seien auf Samuel gerichtet, möge die historische Aufgabe gelingen, mit Seiner Hilfe das jüdische Heim im edlen Geiste der Thora zu schaffen, Friede und Wohlfahrt zwischen ihren Bewohnern zu begründen, bis es dem Allmächtigen gefällt und die Erlösten nach Zion zurückkehren. Nachdem die Rede zu Ende war, öffnete der High-Gommissioner den Aronhakodesch, der Ghasan sang „Hanossen teschua". Vor der Synagoge war eine kleine Ausstellung von Erzeugnissen der Schüler arrangiert. Sodann besuchte der High-Commissioner den Oberrabbi Ghaim Sonnenfeld in seiner Wohnung, der ihn segnete, worauf Sir Herbert Samuel herzlichst dankte. Hierauf nahm der High-Gommissioner einen Thee im Hause des Rabbi Horowicz, bei welchem auch die Führer des Amsterdamer Kolel anwesend waren. Rabbiner Horowicz überreichte an Samuel eine große aus Olivenholz schön gearbeitete Mesusa. Der High-Gommissioner dankte erfreut und bat dem .jLmsterdameJL^ dem Ausdrucke der Freude über das Gesehene auszudrücken. Samuel blieb eine halbe Stunde in der Gesellschaft. Er bat die Rabbinerin, die ihren Mann auf seine Auslandsreise zu begleiten sich anschickte, bald zurückzukehren, da er sie gerne seiner Frau vorstellen wolle. Beim Abschied ersuchte der High-Gommissioner den Rabbiner Horovicz, der sich auf eine längere Reise nach Ghuz-laarez .begibt, dem orthodoxen Judentume im Exil seine besten Grüße und Wünsche, sowie die Hoffnung auszudrücken, daß sie ihn in seiner Arbeit unterstützen mögen. Bilder aus Alt°Pre$burg. Zur Jahrhundertfeier der Primär-Schule. (2. Fortsetzung.) Der Kampf des Ghassam-Sofer s. A. und seiner Getreuen war kein solch zuversichtlicher und zukunftssicherer, wie er oft dem rückschauenden Blicke scheint. Es war vielmehr die verzweifelte Position der tapferen Besatzung einer von einer Uebermacht belagerten und von Entbehrungen heimgesuchten Festung, die Forts um Forts verloren hat. Draußen lockte Erfolg, schöneres, freieres -Leben, drinnen im Ghetto gab's harte Disziplin, Entbehrungen und Unmöglichkeit des Fortkommens. Die großen Kaufläden, die sich in der Gasse aneinandergereiht hatten, rückten allmählich aus derselben. Durch die großen Erfolge einiger Preßburger Ghettokinder in Wien, übte die Kaiserstadt eine mächtige Anziehungskraft auf die Gasse. Demgegenüber stand das trübe Los der Schüler der Rabbinatsschule, welche doch für jeden Jüngling eines gutjüdischen Hauses obligat sein sollte. Die meisten wußten, wenn sie einen Hausstand gründen sollten, nichts Besseres anzufangen als einen Hausierhandel. Den Aermsten gab man Taschentücher und Feuerzeuge in die Hand, mit welchen sie von Haus zu Haus hausieren gingen. Die nachkriegerischen wirtschaftlichen Krisen taten das ihrige dazu, um den leichten Erwerbsverhältnissen, welche bis dahin im Ghetto geherrscht hatten, ein Ende zu setzen. Ein mächtiger Bildungshunger hatte die bessere Gesellschaft des Judenviertels erfaßt. Die innige Hingabe des Vatergeschlechtes zur Thorawissenschaft wandelte sich beim Sohne in einen leidenschaftlichen Kultus des bishin entbehrten weltlichen Wissens. Der Raw sah Zweig auf Zweig fallen und sagte oft zu seiner Umgebung im bitteren Tone: „Hajesch maskil doresch elokim?" „Gibt es noch geistig Hochstehende, die g-ttesfürchtig bleiben?" Es bemächtigte sich seiner oft die pessimistischeste Ansicht über die Zukunft des glaubenstreuen Judentums. Einer seiner Lieblingsschüler, R. Kaiman Bettelheim s. A., hat erzählt, daß er ihm sagte: „AI taschlichenu lees sikno, bezieht sich nicht auf den Jochid (das Individuum), sondern auf den Zibbur (die Gesamtheit). Jisroel ist alt-geworden, ich fürchte das kichlos kochenu (das Verlassen der Kräfte)". Die Jeschiba hatte fortwährend schwere Stürme von außen zu bestehen, die Primärschule hingegen wurde bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet. Als der Fürstprimas v. Rudnay die Gemeinde besucht hat, entstand ein heimlicher Kampf gegen und für seinen Besuch der Primärschule, der zugunsten der Schule endete. Einen gewaltigen Erfolg der Fortschrittler bedeutete aber der Besuch Ferdinand V. in der Schule am 2. November 1830, nach seiner in Preßburg gefeierten Krönung zum König von Ungarn. Mit der Krönung hatte die fromme Gemeindeleitung ohnedies ihre schwere Not. Diese Feierlichkeit war zuerst gerade für den Jörn kipur, den Versöhnungstag, anberaumt, eine peinliche Verlegenheit für den Gemeindevorstand, dessen Anwesenheit bei der Krönung docjh unerläßlich war. Man hatte schweren Herzens beschlossen, eine mehrstündige Pause des G-ttesdienstes eintreten zu lassen. Da geschah ein wahres Wunder! Ein außerordentlich^ schwerer Wolkenbruch verhinderte die Abhaltung der Krönung an dem bestimmten Tage. Der Krönungstag wurde verschoben und der Vorstand, unter der Führung des trefflichen Präsidenten, Rabbi Abraham Hirsch Lemberger, konnte in würdiger Weise an der Feier teilnehmen. Lemberger, der bei Ferdinand V. in solchhoher Gunst gestanden ist, daß dieser ihn sogar*" einmal bei einem Finanzplan zu Rate gezogen haben soll, erzielte bei Gelegenheit der Krönung einen schönen Erfolg. Er erreichte endlich die schon so oft erbetene Erlaubnis zur Niederlassung von Juden in den benachbarten Straßen. Der eigentliche Sieg war aber auf der Seite der Fortschrittspartei. „Se. Majestät beglückte die Schule mit Ihrem Allerhöchsten Besuche und geruhten in Höchsteigener Person die Prüfung derSchulkinder vorzunehmen." Ein Stahlstich, dessen Reproduktion auch in der „Jewish Encyclopädie" zu finden ist, verewigt diese Szene. ' Die Schule sonnte sich auch in der Gunst Rothschilds, dem damaligen größten Stolz Israels. Er hat auch selbst, in Begleitung Mannheimers, die Schule besucht und sollte während seines Aufenthaltes in der Preßburger Gemeinde, Gast im Hause Wolf Pappenheims sein. Dort wurden fieberhafte Vorbereitungen zum Empfange des hohen Gastes getroffen. Die besten Zimmerleute und Tapezierer kamen ins Haus, setzten ein neues glänzendes Parkett ein und legten die teuersten Tapeten im großen Salon, chamois mit grünem Blättergewinde und roten Rosen, im Alkoven sogar Gold auf schwarzem Samtgrund. Aber der hohe Gast, sei es, weil er dem Zwange der frommen Sitten entgehen wollte, oder weil er nicht den Bekämpfer seiner Schule zum Leidwesen ihrer Anhänger auszeichnen wollte, sagte ab und nahm im Gasthofe „zu den drei grünen Bäumen" Quartier. Die herrlichen Tapeten und das schöne Parkett aber erfreuten noch mehrere Generationen und waren noch bis vor nicht lange als wehmütiges Zeugnis verklungener Herrlichkeit der Preßburger Judengasse zu bewundern. (Fortsetzung folgt.)