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Jüdische Presse · 1920-10-22 · 15/31 (22.10.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
6 (1920)
Issue
15/31 (22.10.1920)
Date
1920-10-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr. 15/31 je weitere und je einflußreichere Kreise zu diesem Werke heranzuziehen; in der Tat aber war man bemüht, den Kreis womöglich zu verengen, ihn auf eine Partei zu beschränken und ließ die Oeffentlichkeit so wenig wie möglich vom eigentlichen Wesen des amerikanischen Hilfswerkes wissen. Ja, es entstand sogar ein recht eigentümliches Ringen zwischen den Gebern und den Nehmern. Man begann in Amerika mit steigendem Nachdruck gegen sichtbar werdende politische Einflüsse bei der Verteilung aufzutreten und hatte Mühe, dem Widerstand seiner eigenen Expositur zu begegnen. Es erhob sich immer lauter die Klage, daß das .,Joint"-Geld in den Dienst der jüdisch-nationalen Politik gestellt werde und das amerikanische Komitee war kaum imstande, seinen gerechten Willen bei der Verwendung des eigenen Geldes gegen die Kühnheit der jüdisch-nationalen Politicians durchzuführen. Als die amerikanische Zentrale endlich energischer eingegriffen hat und es besonders den Orthodoxen, die überall in den Winkel gedrückt wurden, gelungen war, etwas Gerechtigkeit zu erkämpfen, entstand der Gedanke einer eigenen Hilfsaktion und der Schaffung einer „Welthilfszentrale*, die aber nichts anderes bedeutet, als die Bekämpfung des amerikanischen Einflusses und die ungestörte Verquickung der Hilfsaktion mit politischen Ambitionen. Das war der Sinn der Karlsbader Hilfskonferenz, die natürlich unter der Aegide Nahum Sokolows stand. So ward das große Werk des „Joint", das wir fördern und in seinen segensreichen Wirkungen vervielfachen konnten, das Opfer der unseligen Gewaltherrschaft, die eine engere Clique über das Gesamt]udentum auszubreiten droht. Aber Amerika hat für uns nicht bloß dieses grandiose Werk materieller Hilfe geschaffen, sondern mit einem großzügigen Plane auch die Grundlagen einer späteren Zukunft des jüdischen Volkes in Erez Israel und im Golus legen wollen. Auch dieses Werk großzügig demokratischer und jüdischer Politik' wird jetzt von demselben Kreise durchquert und seinem Vertreter Louis Dembitzer Brandeis, der den Absichten der Clique im Wege steht, soll nun im eigenen Lande der Boden unter den Füßen entzogen werden. Das ist der Sinn der Reise Weizmanns nach Amerika, welche wir in einem zweiten Artikel behandeln wollen.?liici)tllng$$ci)utz. Eine Aufgabe der Israelitischen Kultusgemeinde. Die Wahl in die Nationalversammlung hat den jüdischnationalen Kandidaten eine Niederlage gebracht. Die Jüdischnationale Partei bleibt somit ohne parlamentarische Vertretung. Obwohl nun diese Partei infolge von Gegensätzen religiöser und politischer Natur keine Anhänger in der selbständig organisierten Orthodoxie hat, blieb diese Niederlage nicht ohne Eindruck auf diese der jüdisch-nationalen Partei nicht mit besonderer Sympathie gegenüberstehenden Kreise. Viele aufrechte Verfechter der selbständigen Orthodoxie, die sonst jedes Zusammengehen mit Organisationen, welche die Thora nicht als Grundverfassung jeder jüdischen Körperschaft anerkennt, ablehnen, haben diesmal auf die jüdisch-nationale Liste gestimmt, nicht etwa aus Schwärmerei für das Programm dieser Partei, die österreichische Judenheit unter den Schutz des in dem Friedensvertrag zugesicherten Minoritätenrechtes zu stellen, sondern in Anerkennung der Tatsache, daß der bisherige parlamentarische Vertreter dieser Partei oft mannhafte und unerschrockene Worte für die Zurückweisung der Angriffe, welche die Schmälerung des jüdischen Rechtes zur Absicht hatten, gesprochen hat. Nun ist diese Stimme, die in dem wilden Geschrei der Antisemiten aller Schattierungen sich nur schwer Gehör verschaffen konnte, im Parlamente gänzlich verstummt. Die Wiener Judenheit besitzt nunmehr keine anders gesetzlich anerkannte Vertretung als die Israelitische Kultusgemeinde. Diese Kultusgeineinde ist nicht nur durch das Gesetz als Vertretung der Wiener Judenheit anerkannt, sondern durch die freie Wahl. Seit der Sommerwahl sind darin alle Parteirichtungen der Wiener Juden vertreten. Unseres Erachtens ist diese Kultusgemeinde nun allein befugt und verpflichtet, bei etwaigen Rechtsverletzungen, denen Juden und besonders die Flüchtlinge, die eines besonderen Schutzes bedürfen, ausgesetzt sind, bei den Behörden einzuschreiten. Die Ausweisung der Flüchtlinge wurde von verschiedenen Mandatsbewerbern als Agitationsmittel benutzt. Die Hetze und der Haß gegen die Flüchtlinge, die infolge der Verhältnisse nirgends hin können und deren Vertreibung aus Wien kaum jemandem leider auch künftighin eine Erleichterung oder bessere Lebensmöglichkeit bieten könnte, wird von gewissen gewissenlosen Politikern als gutes Ablenkungsmittel für ihre Fehler und staatsmännische Unfähigkeit benützt. Es ist unsere jüdische Pflicht, diesen armen Brüdern in ihrer schweren Not beizustehen und das, was das bestehende Recht und Gesetz ihnen läßt, mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln zu verteidigen. Diese Verteidigung soll nicht Parteisache, sondern Aufgabe der Gesamtheit sein. Und die einzige gesetzliche Vertretung dieser Gesamtheit ist die Kultusgemeinde. Es wird wohl der Majoritätspartei in der Kultusgemeinde keine besondere Freundlichkeit den Ostjuden gegenüber nacherzählt, wir können aber nicht glauben, daß sie diese primitivste Pflicht eines Juden verletze und nicht das Gefühl der Solidarität besitzt, das uns als Gemeinschaft in Leid und Freud' zusammenhält. Möge aber die Majoritätspartei in dieser Angelegenheit denken wie sie will, Sache der orthodoxen Vertreter in der Kultusgemeinde wird es sein, mit aller Energie und mit der ganzen Autorität, die ihnen als Vertreter der thoratreuen Judenheit in der Kultusgemeinde zukommt, dafür einzutreten, daß im Interesse und zum Schutze dieser Flüchtlinge alles mögliche geschehe. Die thoratreue Judenheit erwartet von ihnen, daß sie ihre heilige Pflicht voll und ganz tun werden. J, Spendet für die jugendgruppe! Klarheit. Berlin, den 11. Oktober 1920. Die Hauptaufgabe der Aguda besteht darin, ihre Freunde und Mitglieder zur Klarheit des Erkennens, zur Klarheit des Wollens und zum Mut der Tat zu erziehen. Bevor jedoch dieses Ziel auch nur einigermaßen in erreichbarer Nähe erscheint, bedarf es der Hinwegräumung von sehr vielem Schutt, der sich seit Jahrzehnten auf dem Wege zur Reinlichkeit des Denkens und Wollens aufgehäuft hat. Schon die .Zeit vor dem Kriege brachte viel Verwirrung und nur so konnte es kommen, daß sich in vielen Kreisen die Aguda als Partei begreift und infolgedessen ihre Pflichten gegen die Gesamtheit nicht immer eingedenk ist. Es mußte vor allen Dingen eine Reinigung des Sprachschatzes eintreten, wenn Agudas Jisroel ihrer Aufgabe gerecht werden soll. Selbstvertrauen kann nur aus klarer Selbsterkenntnis geboren werden. Da geht nun fast durch die ganze Welt eine Unklarheit. Man hält es mit Recht als die Pflicht eines jeden anständigen Menschen, die Ueberzeugung der Gegenseite zu achten, allein das kann natürlich nur heißen, daß ich die subjektive Wahrheit der gegenteiligen Ueberzeugung anerkenne oder klarer ausgedrückt, ich bin gehalten, anzunehmen, daß ein anderer von denjenigen Anschauungen, die er mir als seine Ueberzeugung mitteilt, auch wirklich überzeugt ist. Es wäre aber natürlich der Gipfelpunkt der Unwahrheit, wenn man der gegenteiligen Ueberzeugung die objektive Wahrheit zuerkennen würde. Denn dann wäre ich unehrlich, wenn ieh dieser objektiven Wahrheit meine Ueberzeugung entgegenhalte. Aus der Verkennung dieser gedanklichen Sachlage entsteht sehr leicht ein Unding auf dem Gebiete des Gedankens, das man wohlwollend als Neutralität bezeichnet. Bei ehrlich gedachten und ehrlich empfundenen Gegensätzen kann es eine solche Neutralität nicht geben. Diese muß zur Lüge und Verschwommenheit führen. Wenden wir diese allgemeine Erwägung auf die aktuellen Fragen an, so ergibt sich folgendes: Zurzeit unterscheiden wir zwei Anschauungen in bezug auf unsere innere Stellung zum Judentum, Die eine Anschauung stellt etwas Festes in den Mittelpunkt des Judentums und bezieht alles, was an uns herantritt, auf diesen festen Punkt, aus dem sie auch alles ableitet, was aus uns strömt. Diesen festen, klar umrissenen Mittelpunkt findet Agudas Jisroel in der heiligen Lehre. Indem sie also für die Empfindungen und Gedanken, welche die Umwelt aus uns auslöst ebenso, wie für die Empfindungen und Gedanken, die wir an die Umwelt heranbringen, eine symetrisehe Harmonie schafft, gestaltet sie aus jedem Einzelnen eine geschlossene Persönlichkeit und erhebt den Anspruch, auch die Gesamtheit aller Juden als eine derartig geschlossene Persönlichkeit zu umfassen und zu gestalten. Die entgegengesetzte Anschauung entbehrt bewußt dieses Mittelpunktes oder wenigstens eines solchen Mittelpunktes, dessen Radien so scharf umrissen und so klar erkennbar sind. Sie stellt vielmehr an deren Stelle die nach Zahl der Individuen verschieden abgestuften Interessengruppen dar. Es ist klar, daß diese beiden Anschauungen einander ausschließen. Diese Erkenntnis müßte erst einmal Gemeingut aller Glieder der Aguda geworden sein, bevor irgend jemand für die Aguda werbend auftritt. Man müßte ferner auch darüber zur Klarheit gelangen, daß der Weg sehr steil ist, daß man aut diesem Weg aller Schlagworte entraten muß. Aber auch darüber müßte klare Erkenntnis gewonnen werden, daß dieser Weg denn doch der einzige ist, auf dem durchaus menschliches Glück sich findet. Es wäre deshalb garnicht vermessen, wenn man Agudas Jisroel als eine Vereinigung der Glücklichen anspricht, denn gerade der Zusammensturz der jüngsten sechs Jahre hat denn doch das eine Gute gehabt, daß eine heiße Sehnsucht entstand, im Leben Ewigkeitswerte zu schaffen und vielleicht sind die Suchenden, welche nach diesen Ewigkeitswerten ausschauen, die Glücklichsten seit Jahrtausenden. Was scheinbar sich in dem engen Rahmen religiöser Treue darstellt, und was deshalb so vielen Verkennungen und Anfeindungen ausgesetzt ist, ist letzten Endes'der klare Weg zur Wiedergenesung und zum Glück der Menschheit. p: K. Kritische Rundschau. Weizmann prolongiert. In London fand beim Ghiefrabbi bei Gelegenheit seiner Abreise nach den Kolonien ein großes Bankett statt, bei welchem unter Anderen Lord Milner sprach. Auch Weizmann, dessen Enunziationen uns nun einmal von Wichtigkeit sein müssen. „Palästina sei kein Experiment!" sagte er in seiner beliebten aphoristischen Weise. (Mit Aphorismen kann man aber nicht kolonisieren.) „Die jetzige Generation werde nicht mehr die Erfüllung des Zionismus sehen, aber die künftige sicher. ** — Ist das derselbe Weizmann, Ghaim Weizmann, der sich in seiner Rede bei der unseligen Londoner Konferenz beklagt hat, daß die gebührliche „messianische Stimmung" fehle? Woher dieser niederschmetternde Pessimismus? Wer berechtigt ihn, im Namen des ganzen Judentums für die Zeit einer ganzen Generation auf die Erfüllung des Palästinagedankens zu verzichten? Warum war noch Jedermann, der vor der — Londoner Konferenz nicht glauben wollte, daß das Baseler Programm restlos erfüllt sei, ein Verräter am Judentum? Vielleicht liegt der Mißerfolg des Zionismus in seiner Person? Gibt es in der zionistischen Politik nicht — wie bei allen anderen normalen Völkern — die Pflicht der Demission, wenn sich ein Mangel an erfolgreicher Tätigkeit zeigt? Wir konstatieren mit Konsternation die vollständige Abwesenheit des Verantwortlichkeitsgefühls im Regime Weizmann— Sokolow! Wie muß die Palästinasache, für welche Weizmann verantwortlich ist, eigentlich aussehen, um damit sich der regierende Zionistenführer veranlaßt sehen würde, sein Amt einem Anderen zu übergeben? Wie muß die Lage des Judentums in den Golusländern sich noch gestalten, um Sokolow zu bewegen, seine Schmuser mit den französischen und englischen Staatsmännern als unzureichend für die Besserung der Lage der Juden zu erkennen? Aber die beiden Herren, die sich in den Orient und den Okzident geteilt, haben, schicken sich noch an, das amerikanische Judentum, das sich zu unserem Glücke, noch etwas Selbständigkeit bewahren konnte, und das vielleicht noch alles retten könnte, gewaltsam zu zersetzen, um dort die noch fehlende Expositur ihres Regimes zu etablieren, Der „ungeheure Erfolg" des Palästina-Auf baufonds. Die Träger des Vertrauens der tschechischen Zionisten, 68 an der Zahl, nahezu ein Synhedrion, haben sich vergangene Woche in Teplitz versammelt, um über ihre Mitarbeit an der Schaffung des „Keren ha-jessod", des Palästina-Aufbaufonds, zu beraten. Die Begeisterung lieferte Kurt Blumenfeld (Berlin). Der offizielle Bericht erzählt, daß der Eindruck seiner Rede „ein ganz ungeheurer" war. Man ratet etwa auf 100 Millionen, die den „ganz ungeheuren Eindruck" seiner Rede arithmetisch ausgedrückt hätten. Ach, nein! Es war ein bloß weihevoller Moment der geistigen Sammlung! Man beschloß aber einstimmig, 08: 0, sich energisch auch an die materielle Sammlung zu machen. Was Blumenfeld aus Berlin für Novitäten mitgebracht hat, ist so überwältigend, daß wir es auch unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Aber gut aufpassen: „Das Schicksal, welche den Juden eine so tiefe und konsequente Negation aller Lebensformen mitgab, daß selbst der Pessimismus Schopenhauers davor zurücktritt, hat ihnen auch stets die negativsten Lebensformen zuteil werden lassen, hält sie in ständigem Kampt und Gegnerschaft'mit den Geschehnissen. Auch jetzt, 'da das Ziel des Zionismus erreicht und das Baseler Programm erfüllt ist (Vergleiche oben Weizmanns Rede!), zeigt sich die Feindseligkeit der Ereignisse, zeigen sich die Unzulänglichkeiten und die Kleinlichkeiten, die die Erfüllung bedrohen. Es zeigt sich stets das Bedrohliche und Negative, sobald ein Wunsch, ein Ideal konkret zum Ereignis wird, da erst dann seine Einwände und Beengungen gemessen und nicht mehr nur geschätzt werden können.14 — Unser Volk ist ein Volk des Geistes. Die 68 Delegierten, überwältigt von dem „ungeheueren Eindruck" dieses unverständlich klingenden und umso herrlicheren Orakelspruches, vergaßen die schnöden materiellen Sorgen des Aufbaufonds und reisten beglückt nach Hause. In keinem jüdischen Hause fehle die „Jüdische Presse". Die Orthodoxie und die (Uablem Die orthodox» Judenschaft. Wiens war bezüglich der Wahlen geteilt. Die Gegner der Minderheitsrechte, die in der Verfassung auch Schutz zu rinden hoffen, als in der Anrufung des vorläufig noch in Wölkenkuckucksheim thronenden Völkerbundes (siehe Polen) haben nicht national gestimmt. Viele Wiener Juden stimmten für Dr. Schvvarz-Hiller aus Dankbarkeit für seine eminenten Verdienste um die Ostjuden, weil ihnen das demokratische Programm am Besten liegt. Viele stimmten sozialistisch, weil man doch annehmen muß, daß diese Partei am ehesten berufen ist, gegen Gesetzes - Verletzungen einzutreten. Nachdem es jedoch ganz klar Jag, daß ohne Koppelung kein Mandat zu erreichen war, haben die anti-nationalen Führer der Orthodoxie sich jeder Agitation enthalten, damit die Herren .Nationalen nicht behaupten können, die bösen Orthodoxen hätten sie um das einzige jüdische Mandat gebracht. ' Den Schutz, den Abgeordneter Stricker den bedrückten Juden geboten hat, wird selber im Vereine mit den berufenen Faktoren um so leichter bieten können, als ja doch hoffentlich die neue Koalition denn doch daran gehen wird, auch ein wenig an Oesterreich zu denken. Die Austreibung einiger Tausend verelendeter Juden, für die es vorläufig nirgends ein Obdach gibt, ist eine wenig würdige Aktion, die für das Heil Oesterreich nichts bringt, uns aber nur bei allen zivilisierten Völkern zum Aerger macht.

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