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Jüdische Presse · 1920-10-22 · 15/31 (22.10.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
6 (1920)
Issue
15/31 (22.10.1920)
Date
1920-10-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion and Administration: Wien, II. Bezirk, Malzgasse Nr. 12 a. Tschechoslowakei: Bratislava, Tarnergasse 14. Erscheint jeden Freitag:. — Redaktionsschlnß: Für Artikel Montag-, für Nachrichten Dienstag-. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich und Ungarn d.ö.K 120--, Tschechoslowakei Kc. 60--, Deutschland Mk. 60--, Schweiz Frcs. 10'—, Amerika 2 Dollar. Einzelnummer d.-ö. K 3 —, Kc. 1*20. Inseraten - Preis: Ganze Seite K 3000-—, halbe Seite K 1500*—, viertel Seite K 800 —, achtel Seite E 400*—, sechzehntel Seite K 250-—. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 15/: ET Wien-Bratislava, 22. Oktober 1920 ♦«'Bin p&VT " ^'ODyiB-.W njtt 6. Jahrg. Der lttißerfolg der Stricker Partei, Das Postulat des jüdischen Minoritätsrechtes besitzt in der Nationalversammlung keinen Vertreter mehr. Selbst die abgegebenen Stimmen bezeugen nicht für den Wert oder die Notwendigkeit einer nationalen Isolierung des Judentums, denn die Stricker-Partei selbst war derart von der Unmöglichkeit überzeugt, mit der bisher von ihr als eigentliches Parteiprogramm propagierten Forderung einer jüdischnationalen politischen Autonomie auch nur einen kleinen Bruchteil des Wiener Judentums um ihre Fahne zu scharen, daß sie diesen Kardinalpunkt ihres Programmes in keiner der unzähligen Reden und Artikel klar und nachdrücklich zu betonen gewagt hat. Stricker hat bei der Wahl quasi nur die alte, von den Zionisten zuerst verworfene politische Attitüde des Dr. Joseph Bloch adoptiert, sich in der Wahlagitation stets nur auf seine der Allgemeinheit des Judentums erwiesenen Dienste berufen, deren Fortsetzung gelobt und hat dadurch eine Stimmenzahlerreicht, die wohl das Zehnfache seiner eigentlichen engeren Prinzipiengenossen ausmacht. Es wäre ihm bei erfolgter Wahl korrekterweise nicht mehr gegeben gewesen, im Namen seiner Wähler das Danaergeschenk der Friedenskonferenz, das jüdische Minoritätsrecht, zu reklamieren, aber auch der eigenen Partei steht nicht mehr das Recht zu, ein in der Prüfungszeit der Wahl verleugnetes Programm wieder hervorzuholen. Denn die Verleugnung dieses als Ziel, aufs Innigste zu wünschen, gepredigten Postulates wurde nicht im Kompromißwege, als zeitweilige Konzession an eine verbündete Partei, beschlossen, sondern geschah im Schöße der Partei selbst. Immer^ cTrmgircTfer wird Im selbst die Forderung laut, den Zankapfel des jüdischnationalen Minoritätsrechtes zu entfernen, ein unseliges Programm, das alle Kräfte der Zionisten konsumiert,' gerade in dem verhängnisvollsten Momente, wo es gegolten hatte, alle moralischen und materiellen Kräfte auf die Realisierung des vagen Versprechens von San Remo zu konzentrieren. Gerade in Kreisen der erfahrensten Zionisten wird Stricker der Vorwurf gemacht, daß sein Zion an der schönen, blauen Donau läge, sein Har habajit der Franzensring und sein Bet-Hamikdasch das . Parlamentsgebäude sei, daß die verpufften 10 bis 15 Millionen Kronen der Wahlkosten besser in Erez Israel investiert gewesen wären. Natürlich sind die radikalen Anhänger des jüdischen Minoritätsrechtes ebenso unzufrieden mit der Verleugnung des Prinzipes gewesen und gar mit dem Umstände, daß sich die Partei im letzten Momente an die Assimilationspresse klammerte und in derselben große Wahlinserate placiert hat. Trotz aller Unzufriedenheit, zu welcher die Orthodoxen wohl noch am meisten berechtigt waren, haben Tausende von Unzufriedenen — sie werden wohl die Majorität gebildet haben — die Ansicht betätigt, daß die einmal ausgegebene Parole der jüdischen Ehre und der eigenen Vertretung nicht desavouiert werde, und es ist weniger an der sehr pietätsvollen jüdischen Wählerschaft, als an der unglückseligen Haltung der jüdischnationalen Führer gelegen gewesen, daß das österreichische Judentum keinen eigenen Vertreter im Parlamente besitzt. Ein offener, redlicher Verzicht auf den politischen Nonsens des jüdischen Minoritätsrechtes und die zu spät geäußerte Gonciliance gegenüber allen anderen jüdischen Richtungen, hätten, wenn sie zum Beginn der Wahlkampagne geübt worden wären, dem Parlamente einen würdigen Vertreter des Gesamtjudentums gegeben und dem österreichischen Judentum den inneren Frieden. Denn der Wahn des jüdischen Minoritätsrechtes ist die Ursache alles Unfriedens im Judentume geworden und zerstört alle Möglichkeiten eines einheitlichen Strebens im Aufbau Palästinas. Das Gamsu-le-toba der immerhin das Gesamtjudentum berührenden Schlappe der jüdischen Partei wäre die Abkehr der Wiener Zionisten von der jüdischnationalen Landespolitik und die Rückkehr zu den reinen Quellen der Palästinaliebe, die aus frommen, opferfreudigen Herzen entsprungen waren. Dort würden sie sich mit allen Parteien des Judentums treffen können. Undank degenüDer Jimerika, i. Die edle, brüderliche Geste des amerikanischen Judentums, das vom ersten Momente der Weltkatastrophe die ihm zugefallene hohe geschichtliche Mission im vollsten Maße begriffen hat und mit seiner unnachahmlichen sozialen Technik durchgeführt hat, hat sonderbarer Weise bei uns, dem empfangenden Teil, nicht die gebührende Würdigung gefunden. Mit Millionen von Herzensfäden an zurückgelassene Freunde und Verwandte mit Europa verbunden, hat die amerikanisch-jüdische Masse unsere Not wie die eigene empfunden; vielleicht noch tiefer, weil sie von der Ferne eine richtigere Perspektive der Dinge besessen hat als wir selbst, die wir von kleinlichen, oft persönlichen Momenten den großen überschauenden Blick über die Möglichkeiten der Gegenwart und Zukunft eingebüßt haben. Schon im August 1914 setzte die großartige. Hilfsbewegung ein, die bisher an 40,000.000 Dollar für unsere Kriegshotleidenden aufgebracht hat. Ist diese Riesenzahl an sich ein vielsagendes Größenmaß für das Wollen und Können der amerikanischen Juden, so wird das Quantitative dieser Aktion noch durch die Qualität des Gebens gehoben, denn die Sammeltätigkeit des „Joint" ist weit entfernt von, der trockenen, bureaukratischen Philanthropie des" europäischen Judentums. Man muß persönlich den zugunsten unserer Kriegsnotleidenden veranstalteten Maßmeetings beigewohnt haben, um mit dem gebührenden Gefühle des Dankes und der Wertschätzung gegenüber den amerikanisch-jüdischen Brüdern erfüllt zu werden. Wie ein in Carnegie-Hall versammeltes atemlos lauschendes Publikum von 4- bis 5000 Personen sich von den Schilderungen der europäischen Not —- wer war da besserer Dolmetsch unserer Leiden, als Dr. Juda L. Magnes — erschüttern läßt; wie schluchzende Frauen ihren Schmuck aus den Ohren genommen und ihn auf den Tisch des Redners gelegt haben und von der erregten Galerie ein Regen von Banknoten auf das Podium der Leitung niederging und endlich wie — gleich den Nessiim beim Mischkan — die großen Finanziers mit ihren großen fünfstelligen Spendenziffern herausrückten! Welches Echo dieser Tausenden von Reden, durchglüht von jüdisch-brüderlicher Liebe und herzlichster Teilnahme, klang da von Europa zurück? Zankendes Geschrei, Anklagen ungerechter Verteilung und zum Zwecke politischer Stimmungsmacherei einseitig geübter Verwendung! Wahrhaftig, wenn es nicht gelungen ist, die Amerikaner zu degoutieren und ein Abflauen der Begeisterung für das Hilfswerk zu erreichen, sind wir gewiß nicht daran schuld! Kann sich der Leser überhaupt daran erinnern, in unseren jüdisch-nationalen Blättern eine eingehendere Würdigung der Hilfsaktion und besonders derjenigen Personen, die sich darin unsterbliche Verdienste erworben haben, gefunden zu' haben, obwohl doch diese Blätter sonst ein außerordentliches, ja leidenschaftliches Interesse für die Verteilung des amerikanischen Hilfsgeldes bekundet haben'? Dieser Mangel an Erkenntlichkeit bedeutet nicht bloß eine Untugend, sondern eine schwere Beeinträchtigung der amerikanischen Hilfsaktion. Bekanntlich bedingt das amerikanische Hilfskomitee, daß die lokalen Hilfsorganisationen in den notleidenden Ländern die gleiche Summe aufbringen sollen, wie die amerikanische Spende. Eine fortlaufende und eingehende Würdigung des grandiosen Hilfswerkes des „Joint" und der darum verdienten Personen war ein Gebot der Moral und der Raison. Man hätte korrekterweise bestrebt sein müssen, Bilder aus M=Prcftburci. Zur Jahrhundertfeier der Primär-Schule. Der 1. April 1820 — GhoJ-hamoed Pessach — das war der Tag der Revolution der Fortschrittlichen im Preßburger Ghetto gegen die bisher als oberstes Gesetz geltende Weisung des Raw. Hatte es bisher Einzelne gegeben, die sich über die eherne Disziplin der Gasse hinwegsetzten und Fühlung mit dem lockenden Kulturleben der Außenwelt gesucht hatten, so war es doch bisher undenkbar geblieben, daß sich das fortschrittliche Bestreben einer Gruppe zu einer Institution verdichten könne, die im Bereiche der „Gasse" selbst, dem Willen der Führer trotzend, systematisch an dem Werke des allgemeinen Unterrichtes unaufhaltsam fortarbeiten werde. Der unbeugsame „Misnagid" Oppenheimer, sowie Wolf Breisach, Schwabacher, Kohn und der aus der alten Parneß-Dynastie Theben-Mandl stammende Koppelman Mandl bildeten den Kreis der sich erkühnte, des Unwillens des Rabbinates und des Vorstehers ungeachtet, im Hause des Wolf Breisach (im heutigen Fränkischen Hause) die Vereinsschule zu gründen. Die Gemeinde hielt zwar seit dem Erlasse Kaiser Josef II. selbst eine Gemeindeschule aufrecht, allein sie entsprach nicht den Ansprüchen, welche der Kreis Breisach an die Pflege weltlicher Bildung erhoben hatte. Der fromme Sinn des Vorstehers reduzierte in der Gemeindeschule den weltlichen Unterricht nach Möglichkeit und räumte dem Thorastudium den größten Teil des Tages ein. Der Lehrer Bendiner erhielt seitens der Behörde eine Extra-Zulage damit er die weltlichen Unterrichtsfächer besser pflege und seitens der Gemeindevorstehung hinwieder eine Gratifikation, um hauptsächlich das Thorastudium zu forcieren. Der tatkräftige und bei Hof wohlgelittene Vorsteher, Rabbi Abraham H. Lemberger, ein ergebener Diener des Ghassam-Sofer s. A. konnte den Lauf der Dinge nicht aufhalten. Die Schule wurde am Pessach mit zehn Zöglingen eröffnet. Der Oberlehrer war Abraham Freyer, ein Fanatiker der Bildung und Aufklärung, wie sie nur zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu finden waren. Frey er war ein Schüler der Rabbiner S. Ulimann und Mordechai Beuel s. A. gewesen, besuchte aber später das Prager Polytechnikum, heiratete die Tochter des Preßburger Kaufmannes Jakob Veßel, betrieb einen Wollhandel und verlor aus Vertrauensseligkeit sein Vermögen, worauf er sich zum Lehrer ausbildete. Der Parneß, Rabbi Abraham H. Lemberger, versuchte vergebens das Unheil zu beschwören. In einer Eingabe an die Statthalterei, welche von den hervorragendsten Gemeindemitgliedern unterschrieben war, wurde diplomatisch, hauptsächlich aus dem Grunde gegen die Konzessionierung der Schule protestiert, weil sie aus freiwilligen Spenden erhalten werde, die später ausbleiben und die Lehrer da nicht mehr besoldet werden könnten; auch genüge die Gemeindeschule und höhere Bildungsansprüche könnten am Gymnasium befriedigt werden. Allein die Schule genoß die Gunst der Behörde, die damals großes Gewicht auf die Ausbildung und die Assimilation der Juden gelegt hat und erfreute sich der Gönnerschaft des Wiener Rothschilds, der Biedermanns und der vielen von Preßburg nach Wien übersiedelten Familien. Lemberger empfand diese Tat der Reform als ein persönliches Unglück, er schnitt sich in den Rock, wie nach einem Familienunglück und hielt sieben Trauer tage. Aber er ließ es nicht bei der Negation allein bewenden. Um das allgemeine Verlangen nach einer mehr Erwerbsmöglichkeiten bietenden Erziehung, als sie in der Gemeindeschule geschah, Rechnung zu tragen, gründete er im selben Jahre die „Handwerks¬ und Ackerbauschuledie als eine der ersten Versuche den Ghettojuden zum Ackerbauer und Handwerker zu erziehen, weit über die Grenzen Ungarns Aufmerksamkeit erregt hat. ■ Auf den Statuten dieses Vereines sind nebst dem Ghassam-Sofer s. A. noch das Besdin, bestehend aus den Dayanim Rabbinern Mordechai Tosk, M. S. Frankel und Daniel Proßnitz unterzeichnet, ferner 200 angesehene Gemeindemitglieder. In der Gasse muß da ein böser Bürgerkrieg gewütet haben. Freyer selbst erzählt, daß er sich ohne Begleitung nicht auf die Gasse wagte, und besonders nicht gerne bei dem „Bergl" vorbeikam. „In der Stadt?, beklagte er sich, „ruft man mir ,Jud' nach, in der Judengasse schreit man mir ,Goj'! ins Gesicht." (Fortsetzung folgt.)

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