Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 14/30 (15.10.1920)
- Date
- 1920-10-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nivu/ap- JÜDISCHE PRESSE Seite 3 Wenn nun der Preßburger Beschluß verlangt, daß die bescheidenen finanziellen Kräfte der „ Aguda Zentralkasse, soweit sie für höhere £ulturzwecke Verwendung finden, bewußt und ausschließlich den Jeschiwos alten Schlages zugute komme, so gehört schon die ganze verbissene Wut des Misrachi- Leitartiklers dazu, um daraus einen Bannstrahl gegen profane Bildung überhaupt herzuleiten. Wir sagen mit Bedacht: höhere Kulturzwecke. Denn die Rabbinen in Preßburg sind in ihrem Verständnis für die Notwendigkeiten des Lebens soweit gegangen, daß sie die Unterstützung von Ghadorim und Talmud-Thoras — also dort wo der staatliche Schulzwang zu berücksichtigen ist — in ihren Beschluß nicht mit einbezogen, sondern hierbei nicht nur — wie bei den Jeschiwos — die innere Gestaltung jedem Lande und seinem rabbinischen Führern, ja jedem Orte überlassen, sondern auch der Zentralkasse der „ Aguda" die finanzielle Förderung aller dieser Chadorim und Talmud-Thora-Schulen zur Pflicht gemacht haben! Bedingung ist hierbei nur die Uebereinstimmung. mit der religiösen Ueber- „The Jewish ÖaBette" in New York bringt einen Artikel des bekannten jüdischen Schriftstellers Gerschom Bader (des ehemaligen Redakteur des Lemberger Tagblattes) mit dem Titel : „Größe Hoffnungen einer kleinen Assifa" und dem Untertitel: „Wo die Idee eine große ist, spielt es keine Rolle, wenn die Anzahl der Teilnehmer eine knappe ist." Nach einer Schilderung des bisherigen Mangel an Organisation in der Orthodoxie bemerkt das Blatt:' Insolange die Vorsteher derAguda Gegner des Aufbaues eines Heimes für das jüdische Volk in Erez Israel waren, konnten wir mit ihren Tendenzen nicht sympathisieren: nachdem sie aber jetzt beschlossen haben, sich beim Aufbau Erez Israels zu beteiligen, so stellen wir uns an ihre Seite, bereit, ihre religiösen Tendenzen zu unterstützen. „Als sich ein Teil der jüdischen Orthodoxie unterder Fahne der Misrachi o rganisiert hatte, hat es jeden von uns schmerzen müssen, daß es keine Organisation von jenen orthodoxen Juden gibt, welche nicht glauben wollen, daß der Zionismus der einzig richtige Weg für die Geula ist, trotzdem sie ebenso besorgt um die jüdische Zukunft waren und ihr Herz sie Orthodoxen, die unter der Fahne der Misrachi organisiert sind. Nun haben sich die nichtzionistischen Orthodoxen in dem alten jüdischen Preßburg zu einer Konferenz vereinigt. Nur 45 Delegierte haben sich dort versammelt, aber diese legten den Grundstein zu einer Weltorganisation, die in sich die Kraft trägt, zum höchsten Niveau emporzuwachsen. Was aus dieser Organisation noch für das jüdische Volk und für die Machtstellung der Orthodoxie wird, kann noch nicht berechnet werden." Der Artikel widmet der Persönlichkeit Nathan Birnbaums warme Worte der herzlichsten Sympathie. („Jewish Gazette8 ist misrachistisch gesinnt und die europäischen Misrachim können von „Jewish Gazette* lernen, wie man objektiv über die Aguda zu urteilen hat. Diese Conciliance der amerikanischen Presse und der amerikanischen Judenheit ist die Ursache ihrer Stärke und ihres Einflusses. D. R.) Spendet für die Jupdpppe! 1 NACHRICHTEN. Deut$cbö$Urreicb. Abgeordneter Stricker hat in den Tagesblättern die auch von der „Jüdischen Korrespondenz" reproduzierte Nachricht der „Arbeiter-Zeitung" über seine angeblichen Beziehungen zum Prefibureau der hiesigen ungarischen Gesandtschaft, entschieden dementiert. Wir halten es für eine Pflicht der Loyalität, die wir auch dem politischen Gegner gegenüber nicht vernachlässigen wollen, diese Tatsache auch in unserem Blatte zu registrieren. Aguda und Misrachi. Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Fürst hat in den vergangenen Jomim lowim in einer eindrucksvollen Kanzelrede über das Verhältnis der Aguda zur Misrachi gesprochen und die Misrachi ermahnt, ihre religiösen Bestrebungen doch mehr im Kreise der zionistischen Organisation, wo noch sehr viel zu bessern wäre, als gegenüber der Aguda zur Geltung bringen zu wollen und der Aguda gegenüber sich bloß auf soziale Fragen zu beschränken. Ocbecftoflowakei. Traurige Zustände. Ghaluzim, welche seit Monaten von der. Preßburger Judenschaft, die doch in ihrer Gesamtheit die Tradition, wenn auch nicht immer befolgt; doch immerhin ehrt, gastfreundlich bewirtet werden, haben in der Kolriidrenacht im Gebäude der orthodoxen israelitischen Volksschule gekocht und soupiert. Das bedeutet nicht bloß einen Faustschlag in das Antlitz der Frommen, sondern einen Akt der Gemütsroheit und zynischer Undankbarkeit. Aber ist es auch ein Symptom für den Geist der Leitung des Zionismus in Preßburg. Eine solche Untat wäre undenkbar, wenn Männer von wahrhafter jüdischer Begeisterung an der Spitze des slowakischen Zionismus stünden. Es ist ja unter ihnen selbst anerkannt, daß im slowakischen Zionismus jede Führung und jede Autorität fehlt und anarchische Zustände sondergleichen eingerissen sind. Wüster Terror ersetzt jetzt bei ihnen die schwindende Agitationskraft. Am Szimchat-Tora gab es in mehreren Synagogen wüste Szenen, der Kampf gegen die Aguda wird von ihnen nicht mit geistigen Waffen, sondern mit Störung von Versammlungen und persönlichen Attaken geführt. Es ist im slowakischen Zionismus zugestandenerweise keine Persönlichkeit da, die Ordnung in diese Anarchie bringen könnte, mit welcher in verantwortlicher Weise verhandelt werden könnte. Auch dem „Joinf-Bureau ist der Vorwurf nicht zu ersparen, daß bei einer vorwiegend konservativen Kommission, wie sie nach allen Regeln der Demokratie dem slowakischen Judentum zukommt, eine ähnliche Schandtat seitens der Ghaluzim, die finanziell doch gänzlich vom „Joint" gehalten werden, unmöglich gewesen wäre. . Bsrogim-Aktion. Die Agndas Jisroel-Organisation in Preßburg hatte im heurigen Jahre die Kontrolle des Esrogim-Verkaufes in der Slowakei übernommen und hiemit die Möglichkeit geschaffen, in breitesten Kreisen die Erfüllung dieser schönen Mizwoh zu ermöglichen. Durch diese Aktion konnte die Aguda auch einen namhaften Betrag für die Jeschiwa- Aktion sicherstellen. Aus Novo Zamky (Neuhäusl). An unserer Talmud- Thora-Schule hat unlängst die Schlußprüfung in Anwesenheit des Präses Oberrabbiner Tigermann und eines zahlreichen Publikums stattgefunden. Das Resultat der Prüfung lieferte ein beredtes Zeugnis für die hervorragenden Leistungen der neuen Melamdim, die der Vorstand mit großen Opfern neu angestellt hat. Die präzisen Antworten der Kinder sowie die Wahrnehmung, daß denselben ein echt jüdischer Geist eingeprägt wurde, erfüllte alle Freunde von Thora und Emuna mit Freude und Genugtuung. Jetzt beginnt der neue Semester und wird auch für Unterbringung der Zöglinge Sorge getragen. Es ist daher zweckmäßig, Anmeldungen eher zu machen, um die Kinder in entsprechende Häuser unterbringen zu können. Es wird den Zöglingen auch Gelegenheit geboten, die Bürgerschule zu absolvieren. Erhöhung der Religionsstunden. Wie der „Gech" meldet, sprach beim Unterrichtsministerium eine Deputation der tschechischen Rabbiner vor, um eine Erhöhung der Religionsstunden für den jüdischen Religionsunterricht zu erbitten. Der Minister erwiderte, daß dieses Ansuchen die Absichten des Unterrichtsministeriums durchkreuze, das gerade die Religionsstundenzahl ohneUnterschied der Konfession auf eine Wochenstunde herabzusetzen beabsichtige. Konferenz der Palästinaämter. Die nach Mährisch- Ostrau einberufene Konferenz der Palästinaämter wurde auf den 14.—15. Oktober verschoben und hat folgende Tagesordnung : Eröffnung durch Generalsekretär Landmann, Berichterstattung der einzelnen Palästinaämter (Wien, Warschau, Lemberg, Krakau, Prag, Konstantinopel, Triest, Danzig, Riga usw.), Debatte über die Berichte und Einsetzung dreier Kommissionen für. die Organisierung der Palästinaämter auf Basis der Beschlüsse der. Londoner Konferenz, Regulierung der Emigration und Fürsorge« und Transport. Deutschland Yorstandswahl der Berliner Jüdischen Gemeinde. Bei der Wahl des Vorstandes der Berliner Jüdischen Gemeinde wurden zu Gemeindeältesten folgende Herren gewählt: Dr. Stern, Badt, Wolff, Blankenburg, Kirschsteiri, die dem Gemeinde vorstand bereits angehört haben; neugewählt wurden die Herren Bruno Galewski und Direktor Kareski: zu Aeltesten- Stellvertretern wurden gewählt die Herren Karl Fuchs, Dr. Aron Sandler und Professor Toby Cohn. Amerika. "Wilsons Brief. Die jüdische Bevölkerung Amerikas ist laut den dortigen Zeitungsstimmen mit dem Inhalt dieses Briefes nicht ganz zufrieden, da darin nur Hoffnungen und Wünsche ausgedrückt, aber keine direkten Schritte der amerikanischen Regierung angekündigt sind. Separatistische Tendenzen. Auf einer am 29. Aug. abgehaltenen Sonderkonferenz des. Ordens „Bne" Zion" wurde mit 66 gegen 39 Stimmen beschlossen, daß der Orden sich von der allgemeinen zionistischen Organisation in Amerika lossagt und eine besondere, selbständige Föderation bildet, um deren Anerkennung das A. G. in London angegangen werden wird. Demission Stephan ,Wise's. Der Vizepräsident der amerikanisch - zionistischen Organisation, Rabbi Stephan Wise, hat, eirier Meldung des „Jewish .Chronicle" zufolge, auf sein Amt verzichtet. Der Grund zu diesem Schritt ist die Tatsache, daß er nicht zum Mitglied des Großen A. G. gewählt wurde, und daß er auch nicht mit der Politik einverstanden ist, die Brandeis und de Haas bei der zionistischen Jahreskonferenz betrieben haben. Dia Arbeit des „Joint". Auf der letzten. Sitzung der Exekutive des „Joint Distribution Gommittee" wurden 400.000 Dollar als Unterstützungen für den Monat September bestimmt, davon 105.0Q0 Dollar für die allgemeine Hilfsarbeit in Palästina. Das Komitee hat auch den Plan des Kinderkomittee gutgeheißen, hinsichtlich genauer Untersuchung der Lage der jüdischen Kriegswaisen und Ergreifung von Mitteln um die Kinder aus den Orten, wo sie sich jetzt befinden, zu transferieren, eventuell auch nach Amerika. Die „Kinderkommission" hofft in Bälde einen genauen Plan großzügiger Hilfsarbeit für die Waisenkinder in Europa vorlegen zu können. Brandeis in Amerika, Am 29. August ist Louis Brandeis auf der „Zeeland* aus London in New York eingetroffen. Zeitungsreportern gegenüber erklärte er, er sei mit dem festen Entschluß zurückgekommen,.' das Aeußerste zu. tun, um das jüdische Land in nächster Zukunft aufzubauen. Er sei sicher, daß das jüdische Volk an dieser Arbeit mit ganzer Seele und aller Kraft mitwirken wird. Auf die Frage, weshalb er gegen Ussischkins Wahl gewesen sei, erklärte Jacob de Haas statt Brandeis, daß Ussischkin nicht der richtige Mann am richtigen Platze gewesen sei. Brandeis erklärte noch, daß es keinen Unterschied zwischen amerikanischen und europäischen Zionisten gäbe. Zionisten sind überall Zionisten,' alle meinen nur das Beste und alle haben nur ein Ziel, die jüdische Heimstätte in Palästina^ Bald nach seiner Ankunft wurden bei Nathan Strauß, zwei Sitzungen der Exekutive der amerikanischen zionistischen Organisation abgehalten und beschlossen, die Jahreskonferenz für den Monat November, bald nach Durchführung der Präsidentenwahl, einzuberufen. Hauptthema der Sitzungen waren die erstatteten Berichte über die Londoner Konferenz. Brandeis gab einen ausführlichen Bericht über die Anträge und die Rolle, die die amerikanische Delegation in London gespielt habe. Neben Brandeis berichteten noch Louis Lipsky und de Haas. J. P. Z. Polen/ Verunglückte jüdische Soldaten. Auf der Eisenbahnstrecke Lublin—Rozwadow, zwischen den Stationen Nridrewicamala und Borkowizna, ist ein Eisenbahnunglück geschehen, wobei sieben Menschen getötet und 78 verletzt wurden. Wie die „Jüdischen Blätter" mitteilen, waren die Insassen des entgleisten Zuges ausschließlich jüdische Soldaten, welche aus dem Lager von Jablona transportiert wurden. Die Blätter veröffentlichen eine Liste der auf diese Weise umgekommenen und verwundeten Juden. Aus Bialystock. Mit Rücksicht auf die Hetze der polnischen Presse wandte sich die Bialystoker jüdische Gemeinde an die Stadtgemeinde mit der Bitte um Untersuchung der gegen die Juden vorgebrachten Beschuldigungen. Der Gemeinderat stellt nun in einer Resolution fest, daß die jüdische Bevölkerung sich während der bolschewistischen Invasion loyal verhalten habe. Aus Kattowitz. In der Angelegenheit der sogenannten Kattowitzer'Deserteure hat sich das Feldgericht, auf Einsprache des Verteidigers, als unzu-.i ständig erklärt, nachdem mehr als 14 Tage, seit Verübung desDeliktes verstrichen sind. Die Deserteure kommen also vor ein einfaches Kriegsgericht. J. P. Z. Litauen. Juden im Verwaltungsdienst. Wie die Presseabteilung des jüdischen Ministeriums der „J. P. Z.(: mitteilt, hat der Minister für jüdische Angelegenheiten auf der Sitzung des Ministerrates vom 10. September die Frage der Besetzung der Regierungsstellen durch Juden im befreiten Teile Litauens vorgebracht. Alle Minister sprachen sich für die Notwendigkeit der Hinzuziehung der Juden zum Verwaltungsdienst aus und ersuchten den Minister für jüdische Angelegenheiten eine Liste qualifizierter Kandidaten' vorzulegen. In Wilna hat eine Reihe Juden in den verschiedenen Regierungsstellen Anstellung gefunden. Dagegen sollen aber die niedrigeren Stellen . durchaus, mit Nichtjuden besetzt werden. Auf Grund dieser Berichte wurde die Frage auf der Kabinettssitzung vom 15. September erneut behandelt und im Zusammenhange damit auch die Frage der Sprache, des Samstages und der Feiertage. Der Ministerrat faßte einstimmig folgende Resolution: Bei der Aufnahme von Beamten für den befreiten