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Jüdische Presse · 1920-10-15 · 14/30 (15.10.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
6 (1920)
Issue
14/30 (15.10.1920)
Date
1920-10-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr. U/30 achtungsvollen Platz in der Gesellschaft und im Staate erworben! Es gibt auch kaum eine wirksamere Unterstützung in der Erziehung der Jugend und in der Erhaltung des jüdischen Charakters des Hauses, als das jüdische traditionstreue Blatt. Jeder Einzelne stelle sich in den Dienst der guten Sache! Mit glaubenstreuem Gruße Die Redaktion der „Jüdischen Presse" („Jüdische Korrespondenz8). Anmerkung. Die Berichte und sonstige Mitteilungen aus der Slowakei sind auch weiterhin an die Adresse: „Jüdische Presse", Bratislava, Turnergasse 14, zu senden. Berichte aus dem Auslande sind an die Wiener Redaktion zu richten. fln die geehrten Ceser! Infolge anderweitiger Inanspruchnahme außerstande, der „Jüdischen Korrespondenz" im vergrößerten Umfange die erforderliche Zeit zu widmen, sehe ich mich veranlaßt, mit heutigem Tage von der Leitung der Redaktion zurückzutreten. Ich danke allen, die mich in meiner Arbeit unterstützt haben, für ihr Wohlwollen und ersuche sie, dasselbe auch meinem Nachfolger angedeihen zu lassen. Wien, 12. Oktober 1920. J. Kreppel. Die Hüter Israels. Der jüdische Nationalrat in Prag versendet ein Communique, in welchem er von sich erzählt, daß er die jüdische Schule in der Tschechoslowakei gerettet habe, er habe in einer Enquete im Ministerium die Erhaltung der jüdischen Schule durchgesetzt, was ein Triumph der jüdischnationalen Sache bedeute. Die jüdischen Blätter drucken das Communique gutgläubig nach, sogar die „Jüd. Vz." in Preßburg, die doch im schönen Gebäude der orth. isr. Volksschule ihren Wohnsitz aufgeschlagen hat und wohl* nicht von einer Gefährdung und Rettung dieser Schule bemerken konnte. Gegenüber winkt das prächtige Gebäude der orth. isr. Bürgerschule, in deren Räumen auch niemand eine Ahnung hat, daß man dem Nationalrat in Prag eine Rettungsmedaille schuldet und daß man den Triumph, des nationalen Gedanken darstelle. Weiter oben ragt das Gebäude der öffentlichen Rabbinatsschule, weiter die Jeszoda-Thora- Schule, die ihre Klassen sogar von vier auf sechs erhöht, daneben wirkt wohl noch ein Dutzend von jüdischen Lehrstätten, von denen keine einzige weder von einer Gesera noch einer Jeschua etwas ahnt, noch auch begreifen will, daß sie dank der Rettungsaktion des jüdischen Nationalrates bestehen wa-bohn von chaotischen Kindervorstellungen. Finsternis war noch, und nur unbewußt webte der Geist G-ttes, der ja im ganzen Hause waltete, auch über das dunkle Seelenleben des Kindes. Da sprach G-tt: „Es werde Licht" und es ward Licht in der Seele des Kindes. ,Der erste Strahl der Lehre, die erste Flamme der Erkenntnis erglomm im kindlichen Bewußtsein. Der Menschheit tiefste Rätsel offenbaren sich ihm in -einfach-erhabenen Worten, die auch dem Aermsten an Geiste begreiflich-sind.. Es knüpft sich sein Schicksal an den höchsten Willen und weiht ihn früh zum willigen Diener des höchsten Schöpfungsgedanken. Das erste große Erlebnis menschlicher Wißbegierde war Thora "als der Urgrund aller Schöpfung. Und Tag für Tag drang der'kleine Forscher an der Hand des alten Rabbi in alle Geheimnisse des g-ttlichen Willens ein und erkannte unbewußt-ahnend den Aufbau einer sittlichen Weltordnung. Keine profane Lehre irritierte den großen, konsequenten Gedanken der Thora- Schöpfung und bis zur Schulpflichtigkeit hatte die Thora den Grundstein fertiggelegt gehabt, dem keine geistigen oder realen Erschütterungen mehr eüvas anhaben konnten. So wurden die Heroen der Thora herangezogen. Aus diesem drolligen und zugleich rührenden Kreise des liiiputanisehen Jörn echod-Mahles erwuchs die edle Gesellschaft des Großvatergeschlechtes, das den historischen Kampf gegen die übermächtige Assimilation, den Makkabäer-Kampf der Wenigen gegen die Vielen, der Schwachen gegen die Starken, siegreich bestehen konnte ... ... Der Styl des Möbels des Großvaters ist ein eifrig gesuchtes Objekt geworden, und der Wert alten, mißachteten Hausrates steigt hoch über die glänzendsten Erzeugnisse der Gegenwart. Aber mehr als das verdient der Geist des Großvaters eine neue Heimstätte in euren Räumen, und wenn ihr ein besonders reizendes Miniaturstück aus der wahren Biedermeierzeit euer Eigen nennen wollt, so führt wieder die Jörn echod-Feier in eurem Hause ein! und einen Triumph des jüdisch-nationalen. Gedan^ kens darzustellen haben? Wir sind begierig, etwas näheres über die uns gänzlich entgangene Gefahr unseres Schulwesens und die glückliche Aktion der Prager jüdischen Rettungsgesellschaft zu erfahren! * Antikritik der Preßburger Konferenz. Es ist merkwürdig, daß sich in diesem reichen Gebiete der Parteien keine zweite so sehr darüber chokiert, daß auf der Preßburger Konferenz nur den ausschließlich dem Talmudstudium obliegenden Jeschibot eine Unterstützung der Aguda-Zentrale zugebilligt wurde, als gerade die fromme Misrachi. Sie selbst hat es ja in ihren besseren Zeiten von ihrer Zentrale gefordert, daß aus allgemeinen Kassen nur solche Institutionen unterstützt werden dürften, deren Struktur von der Gesamtheit der Organisation, das heißt auch von den Misrachisten, gebilligt würde. Es steht ja hier jeder Landesorganisation der Aguda frei, im Einverständnis mit den Gedole Thora ihres Landes, die ihnen gutdünkenden Institutionen zu schaffen und zu fördern, aber es ist kein taktischer Zug, sondern ein Gebot der Loyalität und der Gewissenhaftigkeit, daß die der Zentralkasse zufließenden Gelder nur in dem Sinne der Maximalisten der Aguda, die ein ausschließliches Talmudstudium als die einzige Gewähr des Bestandes des Judentums betrachten und mit soviel Selbstaufopferung betätigen, verwendet werden sollen. Dieser Beschluß der Aguda ist so natürlich, daß man eher behaupten könnte, daß er durch seine Selbstverständlichkeit überflüssig geworden wäre. Er war eher nur eine Kundgebung der Ehrfurcht vor jenen Stätten des Thorastudiums, wo die schwersten Opfer der Entsagung, und die höchsten Tribute der innigen, weltverlorenen'Gläubigkeit dargebracht werden, diese ungekünstelte, tiefempfundene Ehrfurcht vor den Urquellen der Thora, die den westlichen und weltlichen Führern der Aguda so gut ansteht. Wenn große und treue Söhne Israels Führer in Misrachi oder auch im Zionismus ihres Amtes walten würden, so würden wir von dort Stimmen der Freude und der Genugtuung darüber hören, daß es der Aguda gelungen ist, was Misrachi nicht vollbringen konnte, selbst die strengsten Wächter der Tradition zur systematischen Tätigkeit für Erez Jisroel zu gewinnen. Die Aguda ist geradezu der Prüfstein für die Ehrlichkeit der Gesinnung der Misrachi-Führer geworden! Ist es ihnen ernst mit ihrer Versicherung, daß sie das gesetzestrene Judentum für die Palästinaarbeit gewinnen wollen und zu diesem Zwecke eine gewisse Separierung des Misrachi innerhalb der zionistischen Bewegung für nötig erachten, so müßten sie in der Aguda, welche durch eine weitere Separierung noch weitere für den Misrachi unnahbare Kreise gewinnt, eine willkommene Ergänzung ihrer unzulänglichen Kräfte begrüßen. Ist es ihnen ernst mit ihrer Versicherung, daß sie Erez Jisroel zu einem wahren mamlechet kohanim gestalten wollen und dem glaubenslosen, oder gar — feindlichen Judentum ein Gegengewicht bieten wollen: mit welchem Jubel müßten sie das Auftreten der Aguda begrüßen, als eingetroffene rettende Verstärkung im Kampfe gegen die Glaubens]osigkeit! Oder, betonen wir endlich, ist es ihnen nur ernst mit ihrer Machtstellung und ihrem Einfluße auf die Massen und erblicken sie in der Aguda die Einschränkung ihrer Machtsphäre und die Verkleinerung ihrer persönlichen Möglichkeiten, dann wird Aguda stets die Zielscheibe der Angriffe seitens der Mis-. rachi-Führer sein. Besot tibochenu! Die „Jüdische Rundschau". Fern sei es uns, ein Wort der Schadenfreude über die nun sichtbar werdende schreckliche Ernüchterung der offiziellen zionistischen Presse in Berlin und.Wien zu wagen! Ihr Schmerz ist auch unser ehrlicher Schmerz. Wir haben ihn freilich schon empfunden, als sie sich in den Opiumrausch des San Remo-Taumels versenkt haben und jeden einen Abtrünnigen an Israel und Erez Jisroel schalten, der ihnen nicht gleichtun wollte, der nicht bezeugen wollte, daß Weizmann das historische Seitenstück von Mosche rabbenu und Sokolow ein Gilgul von Serubabel sei. Aber der Mangel an Solidität ihrer Methoden drückt sich in den unmöglichsten Widersprüchen aus, die oft in einer und derselben Nummer eines Zionistenblattes friedlich nebeneinander gesetzt werden. Da bläst Lichtheim in der „Jüdischen Rundschau" noch in die schmetternde Siegesposaune der Geula: „Unser politischer Erfolg ist über Erwarten groß (!) Palästina steht jeder jüdischen Einwanderung offen. Die Juden können dort, wenn sie wollen, Dörfer und Städte, Häfen und Straßen, Schulen und Universitäten bauen. Die Landesverwaltung ist bemüht, ihnen jeden Schritt zu erleichtern, damit das Land ein jüdisches Land wird!" (Woher nimmt man den Mut, derartigen Bluff zu drucken?) Aber in derselben Nummer wird berichtet, daß die englische Regierung für das erste Jähr blos die Einwanderung von 16.500 Juden erlaubt. (Wieviel Städte, Dörfer, Häfen und Universitäten werden diese sechzehn und einhalb Tausend Juden — nicht genug* um einen Wolkenkratzer in New York auszufüllen — eigentlich bauen? Ist es den Juden in den Golusländern nicht erlaubt, Städte, Dörfer, Häfen und Straßen, Schulen und Universitäten zu bauen? In wieviel Ländern der Welt ist die Einwanderung von Juden denn noch auf sechzehn und auch einhalb Tausend beschränkt?) Aber selbst die sechzehn und einhalb Tausend Juden, von der Lei-* tung sorgsam auf alle Länder verteilt, stehen auf dem Papier. Vorläufig ist die Einwanderung gänzlich eingestellt. Auf einer anderen Seite derselben Nummer befindet sich ein niederschmetternder Bericht über die Sitzung des Waad hasmani in Jerusalem, in welcher Ussischkin über die Londoner Jahreskonferenz referierte, ein Jammerbild, das auch Nicht- und Antizionisten ins Herz sticht, aber Herr Lichtheim, einer der Verantwortlichen an dem Mißerfolge, hat seine ganz originelle Art, die Konsequenzen aus diesem Debacle der Leitung zu ziehen; er drückt ekstasisch wie ein Derwisch die Augen zu und schreit gläubig: „Wir haben es nun schon einigemal gesagt, und wollen es noch einmal sagen: Unser politischer Erfolg war über Erwarten groß." Die Orthodoxie in der Kultus« gemeinde, Wienr 12. Oktober 1920. Die lange Zeit, die von den Kultuswahlen bis zur Konstituierung des Kultusvorstandes verstrichen ist, hat die Geduld der Gemeindemitglieder auf eine harte Probe gestellt. Man erwartete von Tag zu Tag die Beweise intensiver Tätigkeit und sah nichts kommen. Diese lange Pause hat jedoch dazu beigetragen, daß sich die Gegensätze unter der glaubenstreuen Judenschaft gemildert haben. . Zahlreiche Wähler, die nicht zur Urne gingen, weil sie überhaupt gegen den Eintritt der Orthodoxen in die Kultusstube waren, viele andere, die da fürchteten, daß die Orthodoxen kerne Aussicht haben, Mandate zu erlangen — die einen, weil sie dachten, daß die Orthodoxen zur Bekämpfung der Jüdischnationalen sich mit deren Gegner liieren müßten, die anderen, daß ein Zusammengehen mit den agileren, draufgängerischen Nationalisten diese zwingen werde, in religiösen Dingen Konzessionen zu machen — sie alle waren gegen die ' separate orthodoxe Liste. Nun, da die orthodoxe Liste drei Mandate ergeben hat, erwartet die Orthodoxie eine ersprießliche Tätigkeit von ihren Abgesandten. Sie verlangt von denselben, daß sie sich nach keiner Seite binden, daß sie an den Arbeiten zur Aufrichtung der Kultusgemeinde ernst mitwirken und in erster Linie, daß sie die Kultusgemeinde auch für die glaubenstreue Judenschaft wohnlich einrichten. Dazu gehört, daß jene Gemeindeinstitutionen, die auch von den Orthodoxen benützt werden, so geführt werden, daß der streng religiöse Jude sie auch benützen könne. Die bedeutende Steuerleistung der glaubenstreuen Judenschaft, die fast ohne Gegenleistung bleibt, da dieselben Rabbinat, Sehechita, Gemeindetempel usw. nicht in Anspruch nehmen, ihre Bethäuser, die die Gemeinde beistellen müßte, wenn sie nicht von privater Seite geschaffen und mit großen Opfern erhalten würden, geben der Orthodoxie ein Recht, zu verlangen,^ daß die wenigen Institute, die sie benützen können, auch ihren Ansprüchen in religiöser Beziehung entsprächen. A. Revue. „Der Israelit" erwidert auf die Angriffe gegen den Beschluß der Preßburger Aguda-Konferenz, aus der Zentralkasse nur solche Jeschibot zu unterstützen, welche . ausschließlich Talmudvorträge abhalten, folgendes: Es ist diesen Männern gar nicht in den Sinn gekommen, sich irgendwo „einzumengen", irgend einen Kreis, eine Gemeinde, ja eine Landesorganisation der „Aguda" bei der Ausgestaltung ihrer Erziehungsanstalten beeinflussen zu wollen. Sie haben lediglich folgenden, für jeden unbefangenen Menschen klaren Erwägungen gehorcht. Der überwiegende Teil aller Rabbinen und Talmide Ghachomim des Ostens ist nun einmal der Ueberzeugung, daß nicht nur prinzipiell die G-tteslehre sich selbst genug und keineswegs auf fremde Kulturelemente angewiesen ist, sondern daß es vor allem praktisch unmöglich ist, wahrhafte Thoragröße zu erwerben, wenn die geistige Kraft nicht in voller Ausschließlichkeit viele Jahre lang auf Limud hatora konzentriert wird. Einzelne Ausnahmen bestätigen nur die Regel, und gerade die Erfahrungen in Deutschland, auf die Herr Barth mit naiver Selbstsicherheit den Blick lenkt, sollten auch dem größten Kulturfanatiker zeigen, daß die Erhaltung der Jeschiwos als reiner Thora-Fachschulen geradezu eine Existenzfrage für die chochmat hatora und damit für das Judentum überhaupt ist.

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