Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 14/30 (15.10.1920)
- Date
- 1920-10-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 JÜDISCHE PRESSE Nr. 14/30 Teil Litauens sollen überall alle Bürger ohne Unterschied der Nationalität berücksichtigt werden. Um das Zutrauen der jüdischen Bürger zu der Verwaltungsarbeit zu haben, wird außerdem vorgeschlagen, sich an die lokalen jüdischen Gemeinden zu wenden, mit der Bitte, um Zustellung von Listen der durch sie empfohlenen Kandidaten, auf Grund welcher Listen die freien Stellen besetzt werden sollen. Das jüdische Ministerium. Als Bevollmächtigter des jüdischen Ministeriums für den Wilnaer Bezirk wurde bis zur Ueberführung des jüdischen Ministeriums nach Wilna, das im Verlaufe der nächsten Wochen stattfinden soll, fsak Rubinstein genannt. Ukraine. Ein Protest der westukrainischen Regierung. Die westukrainische Regierung erläßt das nachfolgende Communique: Die westukrainische (ostgalizische) Regierung hat sich in einer ihrer letzten Sitzungen mit der Angelegenheit der von einzelnen Truppenteilen Petljuras in Ostgalizien verübten Pogrome befaßt. Auf Grund der aus Ostgalizien eingelangten authentischen Nachrichten, die durch die Meldungen der gesamten Presse des Landes bestätgf werden, konnte festgestellt werden, daß die erwähnten Pogrome ausschließlich gegen die ukrainische und jüdische Bevölkerung Ostgaliziens gerichtet waren und daß in den Ortschaften, wo die Pogrome stattgefunden haben, die Organe der polnischen Militär- und Zivilbehörden den Verbrechern gegenüber sich zumindest passiv verhielten. Die Tatsachen beweisen zweifellos, daß die polnischen Zivil- und Militärbehörden an den erwähnten Gewalttätigkeiten mitschuldig sind und dafür die gleiche Verantwortung wie die daran beteiligten Petljuratruppen tragen. Indem nun die westukrainische Regierung das tiefste Mitgefühl mit den Opfern der jüngsten Pogrome zum Ausdruck bringt, brandmarkt sie vor der ganzen Kulturwelt die bestialischen Verbrechen der zügellosen Räuberbanden sowie der polnischen Militi'ir- und Zivilbehörden, welch letztere dem unglücklichen, durch den sechsjährigen Krieg vollkommen ruinierten ukrainischen und jüdischen Volke so viel Elend gebracht haben. TranKreicft. Marmoreks Demission. Wie der .,.!. P. Z." von verläßlicher Seite mitgeteilt wird, hat Prof. Marmorek, der jetzt, wieder in Paris weilt, noch vor einigen Wochen seinen Austritt aus dem Großen Aktionskomitee erklärt. Iftefopotfttnitn. Araberstaat in Mesopotamien. Das englische Kriegsamt meldet aus Mesopotamien, daß die allgemeine Lage sich gebessert hat, die Unruhen mit Ausnahme von Samarra sich nicht ausgebreitet haben und daß viele der Aufständischen in ihre Heimat zurückgekehrt zu sein scheinen. Generalmajor Sir Percy Cox ist an die Spitze der Zivil Verwaltung getreten: dies ist der erste Schritt zur Bildung eines Arabersf.aaf.es in Mesopotamien. In Reinem jiidlfcben ßau$e fehle die „Jiidilcbe Presse"! |==] Palästina. \= Sefer Thoraspende der amerikanischen Frauen. Aus Jerusalem wird unserem Blatte berichtet: Am 2. September fand die feierliche Einweihung des von dem New Yorker Frauenverein gespendeten Sefer Thora statt. Dieser Frauen verein bezweckt die Unterstützung der Lomcie Thora in Jerusalem. Reiche Kle Kodesch, eine prächtige Goldkrone durch einen besonderen Boten aus Amerika überbracht, zieren das Sefer Thora. Eine große Menge mit Musik folgte dem Baldachin, unter welchem die Thora getragen wurde. Der Kantor sang schöne Einleitungsgesänge, wodann Rabbi Salomon Aaron Wertheimer eine schöne Derascha hielt, die frommen Frauen New Yorks rühmte, welche den Talmudspruch beherzigten: -„Mipneho omelim, mipne lomdeho lo kol scheken". Möge sich auch in der Slowakei ein solcher Bund hochherziger Frauen gründen. H. S. Herbert Samuel. Am Versöhnungstage betete Herbert Samuel in der Synagoge des sephardischen Waisenhauses. Er weilte den ganzen Tag über in der Synagoge, wo er auch zur Thora aufgerufen wurde. Die kurze Pause zwischen Mussaph und Mincha verbrachte der Oberkommissär im Hause des Herrn Borochow, wohin er sich auch am Abend nach Schluß des Gottesdienstes begab, um sich nach dem Fasten — Samuel hielt den Fasttag streng ein — an Tee und Backwerk zu erlaben. Märtyrertod. Der Haifaer Korrespondent des „ Haaretz * telegraphiert, daß einige Ghaluzim von Arabern überfallen wurden, wobei letztere den Chaluz Soloweitschik aus Nazarath töteten. Die Raubmörder wurden nicht festgenommen. Soloweitschik ist erst vor einigen Wochen aus Polen in Palästina eingetroffen. Die Assefath haniweharim. Der Waad hasmani hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, daß die im April gewählte Delegiertenversammlung der palästinensischen Juden (Assefath haniweharim) Donnerstag, den 25. Tischri 5ü8t (7. Oktober) am Abend eröffnet werden soll. Der „Advisory Council". Sir Herbert Samuel hat ein beratendes Komitee („Advisory Council") von zehn Mitgliedern ernannt. Davon sind sieben Christen und Mohammedaner und drei Juden. Die drei Juden sind Dawid Jellin, Kalwarisky und Ben Zwi. Die Krise. Bei der Zionistischen Organisation in London traf folgendes Telegramm aus Jerusalem ein: 31. August. Ersuchen die zionistische Exekutive, alle Organisationen von dem drohenden Unglück zu verständigen und alle jüdischen Kräfte zu sammeln, um der Krise Herr zu werden. Die Suspendierung der Immigration im jetzigen Moment wäre unheilvoll. Gez. Waad hasmani. .1. P. Z. Uon der Ot$t.-ung* Tsraelittttdtmtinüe in Jerusalem. Das Wiener Komitee der Oest.-ung. Israelitengemeinde in Jerusalem ersucht, die Sammelbüchsen und Spenden an die Firma B. Schiffs Söhne, 1., Neutorgasse 5, zu übermitteln. In Anbetracht der großen Teuerung in Jerusalem und der Valutaverhältnisse wird gebeten, ein Vielfaches der früheren Spenden zu widmen, damit der schweren Not doch einigermaßen gesteuert werden könne. Auf Verlangen werden die Büchsen durch legitimierte Inkassanten abgeholt. Wien, im Tischri 5681. Rabbiner S. Fürst. Obmann. Die Woche. Die Sidra „noaefr". Die jüdische Geschichte, ist sie nicht die Jakobsleiter, die unser Volksdasein mit dem Himmel verbindet: sie reicht von unseren Tagen bis zum Urbeginn hinauf und der Ewige selbst steht oben, und seine himmlischen Boten vermitteln auf- und absteigend zwischen Seinen Geist, und unser Leben, dieses unser flüchtige, unstete Leben, dessen Wert im Träumen von einer besseren Volkszukunft besteht. In einem wundersam raschen Fluge trägt uns die Meisterin Thora durch das erste Jahrtausend und was menschlicher Forschergeist der Wissenschaft als jahrtausendlanger Mühe Ergebnis dargeboten hat, ward uns in wahrhaft göttlicher Art dem Weisesten zu wunderbar und zugleich dein Kinde klar erfaßbar, als Geschenk der Offenbarung verliehen. Das größte Mysterium der Menschheitsgeschichte, die Sintflut, dem tiefsten Denker unergründlich in seiner Lehre von dem ersten Zusammenbruche eines fehlerhaft konstruierten Aufbau menschlichen Gesellschaftswesens, kann sich selbst in die unbewußte Kinderseele scharf projezieren und ein fürs Leben bleibendes Vorstellungsbild vom Walten göttlicher Gerechtigkeit einbrennen. „Das Ende alles Fleisches ist. vor mir gekommen, denn die* Erde ist. voller Gewalt vor ihnen und Ich will sie nunmehr verderben mit der Erde." Das isl die erste Kunde von dem Gesetze der sittlichen Weltordnung, die furchtbare Parabel von dem katastrophalen Untergang der Herrschaft der Gewalt; vielleicht durch nichts übertroffen in seiner Wirkung auf die Entwicklung des Rechtsbewußtseins der Menschheit. Eine Gesellschaft, unbegnadet vom göttlichen Funken der Kultur und ihrer edelsten Blüte des Glaubens, baut sich auf das tierische Zuchtwahlgesetz des Stärkeren auf. Unterdrücker und Unterdrückte scheiden sich hoffnungslos wie Himmel und Erde, wie Himmelssöhne und Erdensöhne, und die „Söhne des Himmels" entreißen die „Töchter der Erdeusöhne" mit dem geltenden, sündigen Gesetze des Faustrechtes. Die Herrschaft der Gewalt bricht stets katastrophal in dem Moment zusammen, wo sie scheinbar ihre Macht am sichersten befestigt hat. Der stets vereinsamte Gerechte entgeht ihr, weil er in seinem Rechtsbewußtsein den Untergang sicher vorempfindet und darauf vorbereitet ist. Er überlebt die Katastrophe und überliefert die Lehre: Gleichheit aller „im Ebenbilde G-ttes erschaffenen Menschen" und die gleiche Unverletzlichkeit des Lebens. Seine Söhne bilden nun die drei Stufen der emporstrebenden Kulturwelt. Cham wurzelt noch im alten Geschlecht, ein Kind roher, tierischer Instinkte, Sklave seiner Leidenschaften, und nach einer Epoche seiner Gewaltherrschaft seiner Abkömmlinge Kanaan und Mizraim wird er „sklavischer Sklaveseiner über ihn geistig emporsteigenden Brüder, lieber den rohen Sinnenmenschen Cham erhebt sich Japhel, der Künstler, der Schöpfer höherer, doch im Bannkreis menschlichen Könnens wirkender Gesittung. Sem trägt den Namen des Schöpfers und ist bestimmt Mittler seiner Offenbarung zu werden. Mit der Epoche der Pharaonen hat die Macht der weltbeherrsclienden Tyrannei der Söhne Chams den Höhepunkt erreicht, und wird von dem Zeilalter der Japhet- Söhne, den Griechen und Römern abgewechselt, deren Künstlertum einen schwachen Funken himmlischen Wesens bedeutet, und die Mitte hält zwischen den Sinnenknecht Cham und dem vergeistigten Sem . . . Noch eine zweite wundersam geheimnisvolle Kunde aus der Menschheil Kindestagen bedeutet die Erzählung vom Turmbau zu Babel. Große Bauten sind stets Denkmäler der Gewalt, sie bleiben mahnende Wahrzeichen vom traurigen Ende blasphemischer Himmelsstürmerei. Aber zum Schlüsse der Sidra steigt wie der Morgenstern am dunklen Horizont, die Erscheinung des jungen Abrahams auf, im Begriffe, das kleine Götzennest Ur-kasdim zu verlassen und einem übersinnlichen Wanderzuge folgend, Lieh! zwischen die Völker zu tragen. Jlguda. Cboraftudium, die wicbtlgfte Hufgäbe der Jugend. Nach einer an Arbeiten und ErMgen reichen Sommerperiode steht unsere aufstrebende Agudajugend vor neuen und schwierigen Aufgaben. Der Winter naht. Die anbrechende Kalte war immer eine Mahnung an die -lugend, die erzwungene Beschränkung der körperlichen Bewegungsfreiheit zu geistigem Aufschwung, zur Vertiefung unserer Thora hakedoscho zu benutzen. Das früh anbrechende Dunkel der langen Abende diente als Antrieb, das Licht der Thora immer heller und heller leuchten zu lassen. Die Bedürfnisse der heutigen Zeit, die an unsere, .lugend schwere materielle Anforderungen stellen und an dem Studium der Thora verhindern könnten, legte der Agudajugend die Pflicht auf, mit aller Anstrengung danach zu streben, das alte Ideal, das eifrige Studium der Thora zu pflegen. Diese Mahnung der Rückkehr gewinnt in dem heutigen Stande unserer Bewegung eine tiefe Bedeutung. Die Nürnberger Tagung der Agudajugend hat ein Bild gezeigt, dessen Anblick alle Freunde der Thora mit Begeisterung erfüllt hat. Die westliche Jugend, die so oft zum Klagewort „Thora munachas bekeren sowis\ daß die Thora beiseite in den Winkel gestellt worden ist, Anlaß gegeben, hat bei der Nürnberger Tagung einmütig, in ihrem jugendlichen Gernüte lief überzeugt, das Bekenntnis abgelegt, „en lonu Schiur rak hathora hasos", daß wir keine andere Waffe zur Fortführung unseres Kampfes nach innen uud außen brauchen, kein anderes Prinzip zum Aufbau eines jüdischen Lebens, kein anderes Mittel zur Erfassung aller lebenden Kräfte des Judentums gebe und geben kann, als eben diese Thora, die im Westen so lange in den Winkel gestanden hat. Nach all den Kümmernissen, mit denen uns thoratreue Juden der Osten seit Kriegsausbruch überhäuft hat,, war dies der erste Sonnenstrahl, der aus dem Osten auf den Westen gefallen ist und in den Herzen unserer Jugend die unter der Asche westlicher Kultur glimmende Liebe zur Thora zu heller Flamme entfachte. Dieses überzeugungsfeste Bekenntnis unserer westlichen Brüder war umso eindrucksvoller, weil sie gleich mit der Krone der Arbeit geschmückt war. Die Jugend, deren Ideal noch vor kurzer Zeit der Doktorhut der verschiedenen Universitäten war, wurde nun auf einmal von einer Sehnsucht nach gründlicher Thorakennlnis, die an den Jeschivos zu erlangen ist, gepackt, die nur mit der unzerstörbaren Liebe und unstillbaren Sehnsucht nach Erez Jisroel, die wir in allen Jahrhunderten des bitleren Golus gehegt haben, zu vergleichen ist. Nach Nürnberg, wo die Jugend zu Worte kam, haben in Preßburg die Alten gesprochen. Der feierlich verkündete Beschluß unserer Gaonim, daß die wichtigste Aufgabe der Aguda, die Errichtung und Erhaltung der Anstalten sei, die uns die Möglichkeit geben, wahre Thoragrößen nach dem alten Schlage zu erziehen und daher die finanziellen Kräfte der Weltorganisation auf die Errichtung von Thoralehranstalten zu verwenden, wo ausschließlich Thora gelehrt wird, hat uns wiederum mit aller Eindringlichkeil gezeigt, daß unsere Jisroel-Aufgabe auf allen Gebieten des Lebens nur dann geleistet werden kann, wenn sie die Thora zur Grundlage hat. In Wien, wo seit jeher Ost und West sich zusammentrifft, obliegt der Jugend die besondere Pflicht, im Sinne der Kundgebung von Nürnberg und Preßburg, daß die Thora Fundament und