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Jüdische Presse · 1920-10-15 · 14/30 (15.10.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
6 (1920)
Issue
14/30 (15.10.1920)
Date
1920-10-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II. Bezirk, Malzgasse Nr. 12 a. Tschechoslowakei: Bratislava, Turnergasse 14. Irscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: GanM^flStS^Für Österreich und Ungarn d. Ö.K120'—,Tschechoslofew&fc^O-—, DeutschlandMk.60«—, Schweiz Frcs^ni^^^Sierika 2 Dollar. Einzelnnmme^lJjUlt 3 —, Kc. 1-20. ft* Inseraten - Preis r Ganze Seite K 3000- —, halbe Seite K 1500«-, viertel Seite K 800*-, achtel Seite K 400'-, sechzehntel Seite E 260*—. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 14 30 | Wien-Bratislava, 15. Oktober 1920 (3. Marcheschwan 5681) | G. Jahrg. Zurück zur Choral Etwas Elementares, über unsere Krall und unser Streben Erhabenes hat mit einem wundersamen Male in Millionen Herzen den machtvollen Zug nach Rückkehr zur alten entschwundenen sittlichen Größe erregt und etwas wie ein Bat-Kol überhallt das vielstimmige Marktgeschrei der Parteien mit dem bezwingenden Imperativ: Zurück zur Thora! . . . gerade in unseren Zeitläuften, wo die ihrer Sklavenfesseln entrafTten Vulkane die müßig genießende Oberwelt erstürmt haben, ihren Hammer zum vernichtenden Schlage gegen die Heiligtümer des Glaubens erhoben halten und menschliche Unzulänglichkeit, den Niedergang der in G-tt vertrauenden und wirkenden Glaubensgemeinschaft voraus kündete. Noch stürmt die große Masse unserer .lugend dein Klange falscher Lebensparolen nach, aber in ihren führenden Geistern selbst hat die erwachende Erkenntnis ihrer mehr oder weniger edlen Irrtümer eine tiefe Wandlung hervorgerufen, die sich oft noch aus falscher Scham nicht in offene, männliche Tal umsetzt, als ob die Rückkehr zur Thora von irgend einem Bekenner des Glaubens oder der Politik als Charakterschwäche mißdeutet werden dürfte, als ob es sträflich wäre, Untreue an Untreue zu üben und den Abfall vom Abfall zu verkünden. Zurück zur Thora! Wie kleinmütig waren auch diejenigen, die aus den voraussichtlichen Enttäuschungen der nurnationalen Palästinabestrebungen die Gefahr der Wiederholung des Massenabfalle« vom Judentum, wie er in früherer Zeit nach gescheiterten messianischen Bewegungen eingetreten war, befürchtet haben. Die Wirklichkeit hat die Kleingläubigen beschämt. Die schweren Enttäuschungen der auf die Friedenskonferenz seit Jahrzehnten "gerichteten' Hoffnungen und die Ungunst der Verhältnisse in Palästina haben bewirkt, daß sich der unversiegbare Glaube an Israels Zukunft emporrankt au der Thora und die wahrhaft unzerstörbare von echter Volksliebe durchglühte nationale Zuversicht läßt sich von der uralten Lehre neue, bessere Wege weisen. Zurück zur Thora! Im selben Momente erdröhnt dieser Zuruf auch aus dem Munde anderer Völker, und Edoms grollender Haßschrei begleitet seifsam die liebende Mahnung unseres guten Engels. Diohender als jemals in der viel tausend jährigen Geschichte unserer Verfolgungen erhebt Antisem seine Stimme gegen uns und scheucht wie ein Schäferhund die Terlorenen Schafe zu dem Hirten zurück, dessen freundlicher Ruf sie nicht zu halten vermochte. Ein furchtbares Element ist ihnen der Feuergeist Israels, wenn er sich aus dem Banne der seiner Individualität angepaßten Thora losreißt und hemmungslos dahinrast auf den Bahnen des Lebens. Ist es nicht das wundersamste der unaufhörlichen Wunder seiner Geschichte zu nennen, wenn es die uralte Erfahrung, die von Jahrhundert zu Jahrhundert wiederkehrt, daß Israel und Thora, wie Leib und Seele zusammen gehören, daß die Thora die Grundbedingung seines Daseins, seines CUückes und seiner Ehre unter den Völkern ist, immer wieder mit neuen Leiden neu erwerben will, um sie als eigenes Erlebnis d*n folgenden Geschlechtern weiterzugeben? Zurück zur Thora! Der Ruf der Zeit gilt aber 'auch denjenigen, von denen der Prophet für alle Zeiten den Satz geprägt hat: .Die die Thora umfassen, haben mich nicht erkannt." Die Thora sei ihnen fürderhin nicht Wissen und Hebung, sondern Leben. Sie muß wie einst die Atmosphäre des Hauses bilden, das Denken durchdringen und heiligen, das Empfinden befeuern und adeln. Sie muß die historische Rekonstruktion, des alten, puritanischen Lebens des wahren Ben-Thora erzwingen können. Zurück zur vornehmen, sittlichen Heimkunst der Ahnen, zurück, zu der, von edlen Humanismus ._getrtfa^ene^^..4fiipr., Wetteifer ■wahrer: Genüfut''cnassämniiebeneten jüdischen GesellschanV zurück zu dem reinen, vor Chilttlhaschem scheuenden Berufsleben. Der große Typus des Ben-Thöra', der im eigenen Hause die Thora vertrat, in seinem Volke die Bruderliebe, im Verkehr mit Andersgläubigen die jüdische Ehre, muß und wird atavistisch wieder in den Enkeln wiedererstehen. An uns ist es gelegen, diese Wiedergeburt, die sich als eit ewig wiederkehrendes Gesetz mit oder gegen unserer Willen ereignen muß, weniger oder mehr schmerz lieh zu gestalten. Die Uereinigung der „'jüdischen Korrespondenz" und der „jüdischen Presse4'. An unsere Leser! Erwägungen ideeler und praktischer Natur haben zu dem Entschlüsse geführt, die beiden, in einer gleichen Sphäre wirkenden Schwesterorgane in einer Weise zu vereinigen, daß mehrere zur Verfügung stehende geistige Kräfte besser konzentriert und die unnützen, hohen doppelten Ausgaben vereinfacht werden, ohne daß eine der beiden orthodoxen Zentren die bisherigen Möglichkeiten der Publizist entbehren solle. Es bleibt auch weiterhin eine Redaktion für Deutschösterreich in Wien bestehen, während die Angelegenheiten des tschechoslowakischen Judentums auch weiterhin in gleicher eingehender Weise durch eine Redaktion in Preßburg versehen werden sollen. Wir wenden uns bei dieser Gelegenheit nochmals an unsere Leser und Freunde mit der herzlichen Bitte, Förderer und Mitarbeiter an dem Ausbau unseres Blattes zu werden. Wenn jeder einzelne unserer Freunde seine Pflicht nur im bescheidensten Ausmaße erfüllen wird, so wird er Mitwirkender an der Schaffung eines 'mächtigen; •.. Wlerkzewgös; Ä: den Kidusch haschem, für jd.en.'Kewgd:-hato*ra./:]j^el; für . die Erziehung der Massen für ein höheres,' reineres, vor Gott und Menschen wohlgefälliges Judentum. In Ländern, wo die Bedeutung der orthodoxen Presse von einer hochsinnigeren und opferfreudigeren Gesellschaft in ihrem hohen Werte begriffen wird, hat das strenggläubige Judentum sich einen 3akob fi. Schiff. Der „melting pot% der Schmelztopf Amerika, der all die heterogenen Elemente, die das Schicksal an die Küste der Vereinigten Staaten wirft, zu einer gleichförmigen Masse verwandelt, vermochte ihm nach 55 Jahren amerikanischer Bürgerschaft nichts anzuhaben; er starb als ein Frankfurter Jude. Im Jahre 1865 war er in dem bildsamen Alter von 18 Jahren nach New York gekommen, er erfaßte alle Erscheinungen und Möglichkeiten amerikanischer Finanzkunst, er erreichte bald die Höhe eines anderen in der Finanzwelt sowohl, als in dem Kreise der hohen Spitzen der Philanthropie berühmten Frankfurter Hauses. Vor Jahren noch mit dem Titel des New Yorker Rothschild gemessen, ward sein Name bald mit Montefiore und Hirsch genannt, aber die große Zeit des Weltkrieges trug seinen Ruhm höher über die Beiden. Was er zum Aufbau dieses für uns so wichtigen amerikanischen Judentums beigetragen hat, ist nicht abzuschätzen. Betrat der arme, zaghafte Flüchtling den Boden Amerikas, so empfing ihn ein Vertreter des „Jüdischen Emigranten- Hilfsvereins" in brüderlich-herzlicher Weise, geleitete ihn ins Emigrantenheim und versah ihn mit Obdach, Speise und Wegweisung. Schiff hatte diese Institution geschaffen und gefördert. Fehlten dem Immigranten die Mittel zu einem Geschäfte, so bot sie ihm die „Jüdische freie Darlehensgesellschaft", die von Schiff gegründet und gehalten wurde. Seine Kinder nahm die „Jüdische Schule" auf, deren Mittelpunkt Jakob H. Schiff war. Ging man in die prächtige „New Yorker Bibliothek" und berauschte sich an der Fülle der Werke des „jüdischen Departements", so fand man auf jedem der Zehntausende von Werken die Bezeichnung: „Ueberreicht von Jakob H. Schiff." Wer anders hatte die Mittel zur großen „Jewish Encyclopädie" geliefert, als Jakob H. Schiff? Sein Bankcomptoir war ein wahres jüdisches Wohlfahrtsministerium. Sein Name führte auf Tausenden und Abertausenden von Wohltätigkeitslisten ohne Unterschied der Konfession. Er gab aber nicht mit der herablassenden Geste des Wohltätigkeitsprotzen, sondern wie der Bruder dem Bruder: er nahm lebhaften persönlichen Anteil bei allen Fragen des jüdischen Lebens: es verging kaum eine Woche, wo er, der Vielbeschäftigte, nicht in einem Volksmeeting als Redner, als Berater und Wegweiser aufgetreten wäre. Seine Wirksamkeit war ein wahrer Kidusch-haschem. Er war der letzte und größte Repräsentant des Stadlonimtumes. Wahrer Amerikanismus im edlen Sinne des Wortes, Treue zum Judentum und Liebe zum Deutschtum konnte er in ein Lebensziel vereinigen. Weit über die Grenzen seines Landes wirkte die Schwenkung seines goldenen Zepters. Im russisch-japanischen Kriege hatte er das kapitalsarme Japan mit Finanzmitteln versehen, um das Zarentum zu erschüttern, ebenso wie er die russische Revolution im Frühjahr 1917 stützte. Vierzig Jahre lang halte er das amerikanische Judentum durch die Wüste des amerikanischen Materiaiismus geführt; in den letzten Jahren hatte er auch die Bitterkeiten des jüdischen Führers verkosten müssen. Er hat, als die jüdische Kongreßbewegung die Forderung des jüdischen Minoritäts-r rechtes an die Friedenskonferenz zur Plattform des jüdischen Kongresses machen wollte, mit aller Macht dagegen angekämpft. Die jüdische Presse begann da eine schrankenlose Kampagne gegen seine Person, die solch arge Formen angenommen hatte, daß der damals siebzigjährige Philanthrop in einer Rede in einem Massenmeeting in Tränen ausbrach und erklärt hat, sich gänzlich vom jüdisch-politischen Leben zurückzuziehen. Der Fall erregte auch in der Tagespresse großes Aufsehen und bewirkte ein Abflauen der Angriffe . gegen. seine Person. Seine Verdienste um das große Hilfswerk und um die Kriegsgefangenen sind unschätzbar. Mit ihm geht vielleicht der größte Baal Zedoko aller Zeiten verloren. Sein Sohn Mortimer Schiff hat schon bisher Großes auf dem Gebiete der Wohltätigkeit geleistet, als sein eigentlicher Nachfolger ist jedoch wohl sein Schwiegersohn Felix Warburg, der Schatzmeister des „Joint", zu nennen. 3om eebod. Vor Jahrzehnten noch, als die Thora das ganze jüdische Leben durchdrungen hat, wie die Seele den Körper, als Gevatterin neben der Wiege stand, Leitband für das Kind, Lehrer dem Knaben, Berater dem Jüngling, Helfer dem kämpfenden Manne und Jugendfreund dem Greise gewesen war, gab es keine Wendung im Leben, wo die Fee fhora nicht zu Gaste geladen war und mit ihrem Segenspruche den Moment geweiht hätte. Eines der bescheidensten, wenn auch vielleicht stimmungsvollsten Feste der Thora — der gegenwärtigen Generation, wohl schon gänzlich unbekannt — war die „Jörn edkod-Feier'". AVenn das Kind mit seinem reinen, so empfänglichen Geiste zum ersten Male das Chümesch aufgeschlagen hatte und, ohne erst, iwrit-be-iwrit gelernt zu haben, in der heiligen Ursprache den ersten Schöpfungstag absolviert hatte, lud die glückstrahlende Mutter die Altersgenossen ihres nun geweihten Söhnchens zu einem Jörn echod-Mahle, das aus einem duftenden Friedenskaffee, mit köstlichen Feiertags- Bohles garniert, bestanden hat, und eine entzückende Harmonie seelischer und leiblicher Freuden beherrschte die kleine Gesellschaft. Man darf dabei nicht den aus gegenwärtigen Verhältnissen stammenden Fehlschluß machen, daß eine solche Jörn echod-Feier aus stämmigen sechs- oder siebenjährigen Bürschchen bestand. Bewahre! Das war noch eine putzige Chawrussa von drei- bis vierjährigen Zwerglein, unbeholfen rührend wie eine Schar von Küchlein. Der Held des Tages, der in fließendem Hebräisch — trotz Kant-Laplace — seine Schöplüngstheorie hersagte, konnte sich noch kaum recht in seiner Muttersprache ausdrücken. Da galt noch das Talmudgebot: „Wie das Kind zu sprechen beginnt, hat der Vater ihn Thora zu lehren." Noch hatten fremde Götter ihren Sitz nicht in dem kleinen Herzen aufgeschlagen. Sein Geist selbst war noch ein Tohu-

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