Der treue Zionswächter
- Journal
- Der treue Zionswächter
- Volume
- 5 (1849)
- Issue
- 37 (14.9.1849)
- Date
- 1849-09-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2625941-2626254-2626292--2034-2629735- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sind seine Entschlüsse! — Woher denn diese Verschiedenheit von heute und ehemals? Habe ich auch Etwas, das mich vor mir selbst entschuldigen, oder doch nur die Schuld einigenmaßen vermindern kann, die ich mir zum Vorwurf machen muß? Allerdings, wenn ich meine ehemaligen Seelenzustände erwäge, fehlte ich schon damals,, 'als jene Gefühle und Entschließungen in mir entstanden. Was mein bewegtes Herz in einer schönen Stunde der Begeisterung, oder im Drange unglückseliger Begebenheiten beschloß, hätte ich nachmals nicht bloß in Empfindungen festhalten, sondern zur Angelegenheit ruhiger Uebcrlegung und fester Grundsätze machen sollen. Dies versäumte ich. Daher kam es, daß mein Lebenslauf leider ein beständiger Wechsel von guten Vorsätzen und leichtsinnigen Vergessenheiten, von Bereuungen, Kämpfen und neuen Vergehungen ward: so, daß ich zuletzt an meiner eigenen Verbesserung verzweifelte oft meine jugendlich frommen Gesinnungen selbst wie Schwärmereien ohne Werth ansehen wollte, und zuweilen nicht an die Möglichkeit glaubt, daß ein Sterblicher, ungeachtet aller Mühe, einend hohen Grad tugendlicher und heiliger Vollendung erschwingen könne. Dies ist die Geschichte vieler Menschen, die in ihren jüngcrn Jahren gewöhnlich edler» Herzens waren, und nach erhabnern Zielen strebten, als in ihren später» Tagen; die Geschichte vieler Menschen, welche ihre Herzensverschlimmernug mit allen gedenkbaren Schcingründen bemänteln oder wol gar rechtfertigen wollten, wozu ihnen die Selbstsucht Vorwände genug darbot. In der That ist aber auch das jugendliche Alter an sich, wenn es nicht durch Erziehung und andere äußere Einflüsse verdorben wird, heiliger, unschuldiger, empfänglicher für das Erhabene der Religion, als es die später» Jahre sind. Der Jüngling und die Jungfrau, kaum den Tagen der Kindheit entgangen, haben von dieser noch immer das schöne Gefühl der Unschuld geerbt. Unbekannt mit den tausend mannigfaltigen Umständen, welche das menschliche Herz erschüttern und ändern können, unerfahren in den Denkarten und verschiedenen, Alles verschlingenden Neigungen der Erwachsenen, halten sie Jeden für so schuldlos und alles Gute ^wollend, wie sie sich selbst kennen. Denn jeder Mensch hat, um Anderer Werth zu richten, keinen andern Maaßstab, als seinen eigenen Werth. So athmen sie sehr hochherzig nur für das, was schön und edel ist; sie verabscheuen das grobe Laster; ihr Sinn ist offen für das Göttliche; die Welt schmückt sich ihnen mit Aauberfarben; ihre reizbaren Empfindungen sind in beständiger Regung: ihrer ungezähmten Einbildungskraft schweben nur schmeichelnde Erwartungen vor; sle verschmähen die Erfahrungen gemeiner Wirklichkeit, und trauen sich voller Selbsttäuschung Muth und Kraft genug zu, immerdar nur das Beste zu thNn, das Höchste zu wollen, was Religion und Verstand darstellen. So kommen dann die feierlichen Augenblicke großer Entschließungen — aber ach! es kommen auch die Augenblicke des Leichtsinns, des Erliegens unter den Reize» der sinnlichen Begierden. Die lebhaften Gefühle, noch vor wenig Tagen im. Dienst eines heiligen Glaubens, treten eben so schnell in den Dienst nnheiliger Leidenschaften. Das Herz kämpft zwischen Pflichten und Sünden, und lernt in den Verkettungen der Schicksale Vergebungen kennen, von welchen es ehemals keine Ahnung hatte. Das Leben verliert seinen himmkischen Glanz; die Wirklichkeit wird immer verächtlicher, und doch ist der Mensch mit jedem Jahr mehr gezwungen, sich mir ihr zu verbinden. Bald verschlingt sie ihn ganz, wenn er sich selbst überlassen im Getümmel dafteht, entzogen der älterlichcn Aufsicht und Fürsorge, und er um seine Nahrung, um sein anständiges Fortkommen in der Welt selbst Sorge tragen muß. Neue Bedürfnisse bedrängen nachher den neuen Hausvater, die junge Hausmutter. Wol sehnen sie sich noch oft nach dem Himmlischen empor, was sonst in ihrem Gemüth einen unbeschreiblich jholden Frieden verbreitete: aber das Irdische umklammern sie immer fester; ihre Verhältnisse mit den Menschen umher werden immer verwickelter, die Sorge um sich und ihre Kinder immer tiefgreifender. — So gleichsam vom Strom des irdischen Lebens und Webens hi'nweggefluther, ermannt sich ihr Herz nur in einzelnen Augenblicken wieder zu den verlassenen Bessern, zu der ersten Liebe ihres Geistes, und mit Schauer