Der treue Zionswächter
- Journal
- Der treue Zionswächter
- Volume
- 5 (1849)
- Issue
- 1 (5.1.1849)
- Date
- 1849-01-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2625941-2626254-2626256--1709-2629374- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
»LH 4 GL» die äußerst schwierige Frage aus, wenn wir eigentlich streng genommen, als Nichtjuden erklären sollen, und wen als Juden? Wem wir das ehrende Prädikat „orthodox beilegen sollen, und wem nicht? Bekanntlich sind nicht alle Ansichten darin einstimmig, was alles zur eigentlichen Orthodoxie gehört? Der eine glaubt, der schon sei nicht streng rechtgläubig, der sich auch mit dem außertalmudischcn Studien befasse. Ein anderer erlaubt dies zwar verbietet aber die profanen Wissenschaften, besonders die Philosophie, wozu ihm wol unsere Ncformheroen ein Recht geben, da sie durch ihre allzuhelle Aufklärung Alles blenden, und durch allzugroßes, philosophisches Lichlverbreiten alles in Brand versetzen. Dem gegenüber hält sich wieder ein Anderer, trotz seiner philosophisch wissenschaftlichen Bildung noch für streng orthodox, weil er die jüdischen Dogmen treu im Herzen bewahrt und bas mosaische wie talmudische Ceremoniell genau beobachtet. Mancher hat sich auch von Letzterem thcilweise dispensier, und will doch rechtgläubig sein und so jetzt das stufenweise abwärts in unzählige Nuancen. Wollte man demnach bei so beschaffener Sachlage den Satz allgemein hinstellen: Wer seinen Nachbar für nicht orthodox hält, der hält ihn auch legal für Nichtjube, wohin würde das führen? Es muß daher ein anderes, weniger durch den Ge, brauch zweideutig gemachtes Wort gewählt werden, das den Begriff, den man damit bezeichnen will, sicher ohne mögliche Nebenbedeutung ausdrückt, und welches dann den Kämpfern für den wahren, alten, jüdischen Glauben zur Parole dienen könnte. Nach mcmem Dafürhalten wäre hiezu am Geeignetsten das Wort: Talmudist. Wir Orthodoxen glauben einmal, daß Gott die mündliche Thora so gut, wie die schriftliche am Sinai geoffenbaret, daß beide zusammen nur eine Thora sind, jede allein nur ein Theil des Ganzen ist, der ohne den andern nur Bruchstück bleibt; ja, wir halten uns überzeugt, daß der schriftliche Theil gar nicht zur historischen Praxis sich eignen würde, ohne der mündlichen, und daß diese in jenem durchaus nvlhwendig bedingt ist. Diese Ansicht zu mvtivircn, gehört nicht hieher; genug, wir im Väterglauben Verharrenden glauben nur nach den im Talmud enthaltenen Erklärungen, Auslegungen, Satzungen, Vorschriften und Verordnungen als wahre Juden leben zu können. Und da unseres Dafürhaltens die ganze mündliche Uebcrlieferung ln den Talmud uns aufbewahrt wurde, so sind wir rm eigentlichsten Sinne des Wortes, Talmudisten Wer aber den Talmud nicht als verpflichtend anerkennt, ihm jede Autorität absprickk, folglich auch nicht nach ihm lebt, der ist kein Talmudist, befindet sich außerhalb des Zudenkhums, welches wir allein als wahrhaft anerkennen, und wir haben uns gegen ihn, wie gegen jeden, nicht unfern Glauben Theilenden zu verhalten. Alle die aber, welche auf dem Gebiete des ralmudischen Zndeuthums stehen, wenn sie auch in noch so vielen Specialiräten innerhalb desselben von einander divergiren, haben sich freund- und friedlich die Hand zur Wahrung und Schirmung des beiderseits anerkannten heiligen Gutes zu bieten. Zu jeder Zeit gab es Dogmenstreit im Judenthum, immer Meinungsverschiedenheit. der Talmud aber diente allen diesen zur allgemeinen Basis. Der Eine band, der andere löste, dieser erlaubte, jener verbot, Alle erkannten aber den Talmud als die Urquelle ihrer Meinungen, und so soll und so wird's ferner im Judenkhume bleiben, wenigstens V'siII -w. (Fortsetzung felgt.) Die Schule der Zeitereignisse. Lehren uns nun die Tagesereignisse Gerechtigkeit gegen die Vorsehung Gottes, so lasset uns noch ferner Gerechtigkeit widerfahren seiner heiligen Thora. Wir Israeliten wissen nicht, was die künftige Zerr uns bringen werde. Das aber wissen wir, waS die Vergangenheit uns gebracht hat. Wir wissen eS nur zu gut, wir sehr wir in früherer Zeit und zum Theile jetzt noch zurückgesetzt, verachtet und in unfern angebornen Dtensckel'rcchren verkürzt und gekränkt waren. Und wäre Dieses noch das Schlimmste gewesen! — Ach! noch viel Schlimmeres entstand ja hieraus. DaS Schmerzgefühl jener Zurücksetzung wurde so allgemein, so lebhaft empfunden, daß zu den verschiedenartigsten, ja zu den verkehrtesten Mitteln gegriffen wurde, um den Schmerz zu lindern, um die Krankheit zu heben. Genesen wollte man durch eine neue Krankheit, erstarken durch ein neues Siechthum. Um sich den Mitbürgern eines andern Glaubens anzuschmiegen, um sich in ihre Gunst cinzuschmeicheln, suchten Viele aus Israel alles DaS abzusireifen, was uns in religiöser Beziehung von andern deutschen Stämmen unterscheidet. Man lcngne es; man sage waS man wolle: es ist dennoch also. Der Versuch zur Reformation entstand in der