Der treue Zionswächter
- Journal
- Der treue Zionswächter
- Volume
- 2 (1846)
- Issue
- 33 (18.8.1846)
- Date
- 1846-08-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2625941-2626092-2626126--0570-2628111- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
zuerst als jungfräuliches Mädchen im Hause des Weltenvaters, -es hat noch. keine Fußsohle gesetzt auf den Schauplatz der bewegten Welt, hat sich noch nicht gewagt unter die andern — winzig vorhandenen Nationen zu stellen, und da blühet cs wie ein Blümchen Wundcrhold, wie ein bescheidenes Veilchen am spiegelnden Bache des Glaubens, da ist jede Knospe, die cs hervorrreibt gefüllt vom Saameu der Gottesfurcht , Abraham ist eine, Isaac die zweite, Jacob die dritte Knospe; balsamische Düfte streuet es durch die Luft, denn Abraham ziehet, Isaac ziehet und Jacob wandert durch die Morgenwelt den Namen des Herrn verkündend. Was damals das junge, werdende, aufblühende Juda spricht, es ist kein einziges Wort, das nicht sein Vater im Himmel billigt. Ein Gelübde. und zwar das erste in der Bibel hören wir von dem fliehende» Jacob in der Morgendämmerung bei seinem Aufstande vom harten Steinlagcr gesprochen, es ist ei» anmuthiges Wort, ganz wie es aus dem frommen, einfaltsvollen Herzen, und von der zarten Lippe eines Kindes fließt, nicht viel fordernd» mit dem wenigen des Brodes für den Mund und des Nockes für den Leib sich begnügend: „Herr", sagt der -fromme Gelobende dort bei seinem Steine, „wenn Du mich hüten wirst auf dem Wege, den ich gehe, und mir geben wirst Brod zu essen, und ein Gewand anzukleiden, daß ich in meines Vaters Haus in Frieden zurückkomme, so soll dieser Stein*) den ich jetzt als Denkmal aufftelle, mir ein Gotteshaus sein, und was Du mir giebst, will ich Dir verzehnten!" Das Gelübde ward später treulich erfüllt." — „Juda tritt in einer zweiten, hier gleichfalls »rr unserem Terte erwähnten Gestalt auf, als Frau, als Gattin Gottes und seines heiligen Glaubens, da stcht's, wie eine Nosc königlich sich entfaltend, es prangt als Staat unter Staaten, als Nation unter Nationen; auf Sinai brennt die Fackel seiner Hochzeit für ewige Zeiten, und in Jerusalem sicht sein Haus, wo es gewohnt und gewirthschaftct, hier ist Juda eine Natur mit innerem, regen Geiste und starkem Bewußtsein; aber dennoch gegenüber Gott seine Schwäche bekennend, sich nach Gottes Willen richtend, wie das Weib nach dem des Mannes, seinem Worte Alles unterwerfend , weil doppeltes Pflichtband es zum Gehorsam hinziehet, Kind-und Eheverhältniß, und damals, damals in dieser glücklichen Zeit hat Juda nicht geschworen, als nur beim Namen dcs.Herrn nichts gelobt, als nuc, was der Herr gebilligt, und was es dem Herrn feierlich gelobt, hät's ernstlich gehalten!" „Juda tritt endlich drittens auf — ach! — die Kerze auf Sinai brennt dunkel', der Mittag über Jerusalem ist tief herabgesunken, und unter wolkigem Himmel stehet das heilige Haus, aus dem geweihte Psalmlieder zum Himmel emporgeschallt, zerschlagen, zerschmettert, der Sängerchor hat einen Flammentod eingenommen und die Harfe liegt da mit den abgerissenen Saiten. und die Blätter des aufgeschlagenen Notenbuches mit den Davidspsalmen flattern im Abendwinde; David, der mit königlicher Harfe singende, ist nicht da, Salomo, der die Töne des Sanges und Gefühles in klare, kernige Sprüche der Vernunft fassende, ist nicht da, Jesaias mit seinen Brüdcrpropheten, die über der Erde mit ihrer Sehcrmacht den Himmel aufgeschlossen, und eine Welt voll göttlicher Visionen durch ihre lebensvollen, begeisterten Reden gezeigt, sind auch nicht mehr da, — der Trauersänger Jeremias sitzt einsam allein bei den Trümmern, seinen Griffel in die heißen Blutthräncn seines Auges einrauchend, und wimmernd und jammernd hinziehend das düstere Bild des vor ihm betrübt stehenden Juda's : „Sie ist." sagt er, „Juda's Königsstadr, wie eine Wittwe, die einst an Volk glorreiche — womit soll ich dich bczeichcnd abbilden. womit dich vergleichen, Tochter Jerusalems? Was kann ich dir zur Seite stellen, um dich zu beruhigen, jungfräuliche Tochter Zions denn groß und tief, wie das Meer, ist dein Bruchwer kann den heilen? — Stehe auf, sing (mit mir) das Traucrlied in der Nacht bei dem leisen Tritt dev kommenden Nachtwachen, ergieß wie Wasser dein Her; vor dem Antlitze Gottes, heb' zu ihm flehend und ringend auf die Hände ob deiner jungen Kinder Leben, die au allen Straßenecken schmachtend liegen!" — So stehen wir jetzt, so ist das Bild unsres Volks, und treulicher mir seinen Gebrechen und Leiden kann es