Der treue Zionswächter
- Journal
- Der treue Zionswächter
- Volume
- 1 (1845)
- Issue
- 24 (9.12.1845)
- Date
- 1845-12-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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196 setze ansgeben können. Hier müsset Ihr einen ganz eigenthümlichcn chemischen Prozeß anwenden, um das Judenthum Ln seine Elemente z« zerlegen, wenn Ihr auch nur einem Theile desselben Fortbildungsfähigkeit vindiziren wollet. Hören wir auch hierüber , was Philippson, „der Unparteiische", sagt! Es sei nicht wahr, daß, wie ich behauptete, die Propheten nur zur Erhaltung und Fortpflanzung des Judenthums, nicht zu dessen Fortbildung, berufen waren, sondern „sie hatten oft neue Seiten der Offenbarungslehre hervor zu wenden, die von Moscheh minder hervor gehoben waren". „Und darum", so fragte ich hierauf, „darum ist das Prophetenthum eine Fortbildung? Die Propheten hatten nur solche Seiten hervorgewendet» welche das jeweilige religiöse Volksbedürfniß hervor zu wenden erheischt hatte, und auf welchen bloß der Schein der Neuheit ruhete. Wenn das Volk eine mosaische Lehre mißverstand, oder mißachtete, da traten sie, die treuen Hirten, in ihrem heiligen Eifer, mit ihrem traditionellen Kommentar auf, um zwar nicht das Judenthum, aber die Juden fortzubilden, d. h. sie zum Mosaismus zurück zu führen. Wurden auch solche Seiten von Moscheh minder hervorgehoben, so waren sie doch in seiner Lehre nicht minder enthalten und können daher nicht als Beweise für die Fortbildung des Judeuthums angeführt werden. Wenn z. B. Jeschajah die Werthlosigkeit der Opfer, der äußern Buße obne die innere mit beredeter Zunge schildert; wenn Jirmijah seine Zeitgenossen mittelst eines Vortrags über die Versöhnung, über die Allgnade Gottes erbauet; wenn David für unzählige Leiden in der Unsterblichkeitslehre Trost findet: waren deßhalb diese beseligenden Wahrheiten zur Zeit Moscheh's nicht vorhanden, von ihm nicht gelehrt worden "? Doch! der gelehrte Bibelwerker beweist die Fortbildnngsfähigkeit des Judenthums aus den biblischen Vorschriften selbst. Nehmet Euch zusammen, Ihr Talmudisten, Ihr Kasuisten, Ihr verstockten Altgläubigen' passet auf! Philippson, der Logiker, der Or., der Bibelkenner, weiß Euch eines Bessern zu belehren! Er schließt nämlich daraus, daß so manche mosaische Vorschrift durch veränderte Oertlichkeit, durch das Erlöschen des Temveldienstes, durch umgestaltete Staatsverhältnisse sich auflösen mußte. müsse nothwendigerweise das Judenthum einer Fortbildung fähig fein. Mein Gott! wenn Aehnliches aus dem Talmud heraus gedeutet werden könnte» wie mancher Reformationssüchtige würde da ausreichen, um dem ganzen Talmud einen unfehlbaren Hieb versetzen zu wollen! (Beschluß folgt.) Der Zesrritl'smus im Jrrdenthume. Von H. (Beschluß.) Zwölfter Brief. WaS haben wir daraus gewonnen? Ich komme heute zu Ende. Meinen besten Dank dafür, daß du mir bi» hierher gefolgt bist, und ich bin in der festen Hoffnung, daß ich nicht umsonst meine Untersuchung geführt. Wir haben den großen Gegensatz des „Alren^ und „Neuen" verfolgt, und müssen uns zuletzt fragen: M. Wie müssen wir uns ihnen gegenüber verhallen? Wir haben in den ersten beiden Theilen den großen Gegensatz von Objektivität und Subjektivität ,m Judenthume betrachtet; haben im Letzteren manches trübe Dornenfeld durchsch, irren, aber wir mußten es im Dienste der Wahrheit und der Religion, die uns über Alles steht. Wir sind der Frage über Lehre und Leben durch alle Zeiten hindurch gefolgt; wir fragen nun zuletzt: wie haben wir Lehre und Leben aufzufassen? — Wir leben in einer erleuchteten Zeit, eine Zeit, welche groß ist in der Wissenschaft wie in der Praxis, groß an metaphysischen Ideen und an industriellen Fortschritten, es wird in unserer Zeit das für unmöglich Gehaltene möglich, nur eine mathematische Beweisführung nicht assertorische Unwabrscheinlichkeit kann uns den Glauben an eine praktische, industrielle Ausführung nehmen. Sv steht's mit dem Leben; und hierüber muß Jeder mit der größten Freude erfüllt sein; vielmehr Diejenigen, welche sich mir den Regionen deS Geistes überhaupt beschäftigen. Aber daS Gebrechen der Zeit besieht darin, daß der Verstand auf Kosten des Herzens ausgebildet wird. Es ist daher unsere Aufgabe, das Verhältniß des Verstandes zum Herzen, des Denkens zum Gefühl, der Vermittelung zur Unmittelbarkeit, des Lebens zur Lehre gewissenhaft zu untersuchen. Wir dürfen und sollen der Wissenschaft alle unsere Kräfte leihen, die wir nach unserer Ueberzcugung dem Studium der talmudischen Werke entziehen dürfen. Dieses Letztere jedoch muß unsere Hauptbeschäftigung sein, weil es erstens die