Der treue Zionswächter
- Journal
- Der treue Zionswächter
- Volume
- 1 (1845)
- Issue
- 24 (9.12.1845)
- Date
- 1845-12-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 Eure Fahne malet, zu welcher aber kein Dernünftigfrommer schwören wird, so lange Ihr selbst eine ägyptische Finsterniß um Euer von Euch so gepriesenes Licht ziehet; so lange Ihr Eure religiösen Grundsätze, Euer Glaubensbekenntniß nicht offen und frei der Welt übergebet. Ihr gebet Euch zwar den Schein, als wäret Ihr Bibelgläubige. Wann galt aber die Bibel ohne Tradition, als daß Ihr zur nackten Bibel zurückkehren könntet? Nie! Das kann ja fast auf jeder Seite des Pentateuchs erwiesen werden —. „Diese Tradition ist aber unsicher", wendet Ihr etwa ein; „das beweisen sogar die vielen Controverse des Talmuds." Wirklich? Habt Ihr etwa eine sichere? Gilt Euch Das als Tradition, worüber auch nicht der geringste Zweifel obwaltet, Das, was sich als historisches Iudenthum unbestritten bisher erhalten hat? Nein! Das beweisen Eure Bestrebungen; davon zeugen Eure Beschlüsse und Handlungen. In jenem Proteste der 116, den zwar auch ich mit unterzeichnet habe, werdet Ihr freilich mit den Karaiten verglichen; allein dieser Ausdruck ist zu gelinde nicht treffend genug, nicht meiner Feder entflossen. Zu einem solchen Mittel- oder vielmehr Unding halte ich Euch, Eurer wissenschaftlichen Bildung gemäß, nicht fähig. Entweder glaubt Ihr an keine Bibel, an keine positive Religion, oder Ihr müsset auch an das Dasein einer Tradition glauben. Gelehrte Israeliten sind entweder Talmudgläubige, oder Kritiker, d. h. — Nationalisten. Denn Kritik und Bibelglaube bleiben sich immer und ewig Widersprüche. Die Kritik ist der Salzstoff, der allmählig das edle Metall der Thorah abätzt. Freilich ist sie die Tochter der Vernunft, und allerdings kann diese ihre Schwester, die Offenbarungslehre, nicht verläugnen; sie sind beide Kinder des himmlischen Vaters. Aber vorerst muß unsere Vernunft den Stempel der Göttlichkeit an sich tragen, ehe wir sie zur Richtschnur unserer Religiosität machen; vorerst muß das Schwanken und Wechseln der philosophischen Systeme aufhörcn, ehe wir ein solches auf daS unveränderliche System der Offenbarungslehre übertragen. Die Wissenschaft der Thorah ist eine selbstständige; sie muß aus sich selbst erläutert und kommentirt werden und darf nicht erst von fremdem Flitter ihren Werth erborgen. Auf ihrem eigenen Boden sollen das gläubige Gemüth und die forschende Vernunft Nahrung suchen; nicht aber fremdartige eingeschwärzte Reiser derselben aufpropfen. Ihr könntet mir aber einwenden: „Bibetglänbige, Anhänger der Offenbarungslehre sind wir; aber nur in Bezug auf den Geist dieser Lehre, auf die Grundwahrheiten derselben, welchen wir allerdings Unsterblichkeit, Unveränderlichkeit einräumen; nicht aber in Bezug auf die sogenannten Zeremonialgejetze, auf den biblischen Leib, wie ihn Philippson nennt; dieser kann nach Zeit und Umständen umgestaltet oder gar gänzlich abgeftreift werden". Freilich wäre Euch durch diesen einzigen Grundsatz zu dem kühnsten, unabsehbarsten reformistischen Treiben Thür und Thor geöffnet. Allein wäre Dieß nicht Negation statt Reformation? Wäre Das noch Iudenthum, gcoffenbartcs Iudenthum, wenn es blos auf ein paar Grundwahrheiten hinausliefe? Wäre eine Offenbarung nöthig gewesen, um den Menschen das Wenige zu lehren, wohin die Vernunft ohnedies ihn geführt hätte? Oder seid Ihr und Eure Nachbeter so vergeistigt, daß Ihr keiner sinnlichen Mittel bedürfet, um den Bibelgeist festzuhalten und fruchtbar zu machen? Und wolltet Ihr diese biblischen Mittel durch andere, Euch mehr zusagende ersetzen, wer bürgt Euch denn dafür, die rechten Mittel für den rechten Bibelgeist gefunden zu haben? Der Verlag eines Modejournals für Religion würde alsdann keine so üble Spekulation sein. Aus der Werkstätte der Sophiftik würden jeden Tag neue Fabrikate hervorgehen, und anstatt Bibelgeistes würden wir nur eine» verkappten Zeitgeist als Iudenthum erblicken. Mit Eurer Metamorphose würdet Ihr uns bald eine Gestalt Herzaubern, die Ihr für Iudenthum ausgebet, welche aber kaum noch ein Schatten von Iudenthum wäre. Gaukelt uns ferner nicht vor, Ihr Kunstritter, daß das Iudenthum eine Fortbildungsfähigkeit in sich trage. Beweise födre ich hierüber. Beweise. Hier muß sich Eure Logik erproben, wenn Ihr eine positive Religion der Fortbildung fähig haltet. Hier, Doctoren der Philosophie! hier bewährt Eure Wissenschaftlichkeit, Eure rationelle Eregese, um der Welt zu zeigen, wie vom Unveränderlichen veränderliche, dem steten Wechsel unterworfene Ge-