Mannheim
Compact Memory

Der treue Zionswächter · 1845-09-30 · 14 (30.9.1845) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der treue Zionswächter
Volume
1 (1845)
Issue
14 (30.9.1845)
Date
1845-09-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2625941-2626064-2626078--0125-2627620
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

110 fürchterliche Wahrheit bezeugt, ich hätte das Ganze für einen bösen Traum gehalten. Es giebt der Erfahrungen sehr viele, daß Jünglinge, wenn sie ohne Gesinnung und Grundsätze die vererbten Gewohnheiten der Vater in der Heimarh nur gethan, weil diese es gethan, den Einflüsterungen heuchlerischer Altersgenossen nicht widerstehen konnten; eS ist nicht zu vewundern, wenn eine einsame Erziehung selbst bei dem Hoffnungsvollsten sich fürchterlich rächt, wenn er hinaustrirr in das Treiben der Welt. Wenn aber eine würdige Erziehung und eine so innerliche Freundschaft mit dem freiesten Lebensprinzip verrauscht wird, so werden viele mit mir keinen Ausdruck für die Größe der Bekümmerniß finden. Lieber, guter Freund, wohin trieb Dich Dein neuer Beruf? Du hältst es für Deine Pflicht, den Schmähungen der Hundert beizustimmen, die Zeder so oft in unfern Tagesblättern bis zum Uebcdrusse hört. Hättest Du Dich damit begnügt, mir untreu zu werden, ich würde es zwar mir vieler Mühe verschmerzt haben, «s wäre mir aber wol möglich gewesen, dann hätte ich mich wenigstens gelabt an der wonnigen Erinnerung früherer Zeiten, und hatte geschwiegen. — Da Du aber die Gesinnung aller Derer, welche die Orthodoxie vertreten, anfeindest, da Du diese selbst mit den bittersten Vorwürfen überhäufst, so darf ich nicht schweigen, selbst auf die Gefahr hin. Dich noch mehr gegen mich zu erbittern. Zch hege noch immer die Hoffnung, Dich als Freund, dem Freunde gegenüber eines Besseren belehren zu können. Mein Beruf macht es mir aber unmöglich/ zu Dir zu eilen, ebenso, wie Dich Deine vielfachen Beschäftigungen zu sehr fesseln, als daß ich der Hoffnung Raum geben dürfte. Dich recht bald bei mir zu sehen. Zch muß daher versuchen, durch den tobten Buchstaben unser lebendiges Gespräch nach Kräften zu ersetzen. Von den Villen Vorwürfen gegen die Orthodoxie will ich für dieses mal nur den einen, den des Zesuitismus, welchen Du beleuchten. Es möchte mir wol unmöglich sein. Alles mit einem Male zu erschöpfen. Ich hebe diesen Punkt deshalb hervor, weil er durch das große Werk des großen französischen Schriftstellers eine so bedeutende religiöse Sympathie und freundschaftliches Entgegenkommen rechnen darf, so will ich nur die Sache selbst sprechen lassen, und unsere früheren Gespräche ganz ignoriren. Orientiren wir uns über den Wendepunkt Deines Briefes, die Frage über das Verhälmiß der Lehre und dem Leben. Differenz zwischen Lehre und Leben» Unsere Zeit ist die trübe Zeit der Zerwürfniß und des Kampfes in der Theorie wie in der Praxis, in der Intelligenz, wie im Leben. Ze mehr sich das Bedürfniß herausgestellt hat, diese beiden geforderten Seiten der menschlichen Gesellschaft zu verbinden, von der einen Seite den Theilen des Wissens ganz besonders sein Augenmerk zuzuwenden, welche in der That ihren Beweis liefern, und von der andern Serke nur die Thätigkeit anzuerkennen, welche getragen von dem Geiste und der Idee ist; seitdem W man immer mehr über das Verhälmiß der erwähnten cheiden Substanzen nachgcdacht, dieselben immer mehr ihres schroffen Gegensatzes zu befreien, sie theils äußerlich durch Induktionen zu verbinden, theils innerlich dialektisch zu identificiren Dieß ist der Grundzug der großen Revolution aller theoretischen und praktischen Disciplinen, die eben so sehr den rein wissenschaftlichen Disciplinen einen praktischen Znhalt gaben, als auch die früher rein praktischen ihrer Acußerlichkeit und Zufälligkeit entkleideten, und derselben das viel würdevollere Gepräge von Gesetzmäßigkeit und Nothwendigkeit gab. Diese große Umwälzung der Natur und des Geistes mußte allen Verhältnissen der Gesellschaft sich mittheilen, und alle viclverzweigren Fragen des neunzehnten ZahrhunderrS concentriren sich um die eine große Frage: soll äußerlich uns überkommene Praxis undDegma uns beherrschen, oder steht unsere Subjectivität über alle Verhältnisse gebietend und verändernd, ätzend und verwerfend? So ist der Gegensatz von Spinozisiisckcm Dogmatismus und Kantischer Subjectivität mir allen ihren vernünftigen Consequenzen der unumschränkte Beherrscher des Staates wie der Kirche. Auch letztere nämlich konnte der allgemeinen Bewegung nicht widerstehen; auch sie mußte sich erwähnte Alternative stellen, welche in ihr nur in einem andern Gewände erscheint. Es besteht auch hier die Spaltung im Ganzen und Großen bloß darin: ob das Neligivnsstudium in einem objektiven scholastischen (wir wollen diesen Ausdruck nicht in der gewöhnlichen, üblen Bedeutung verstanden wissen) Untersuchen innerhalb der Grenzen gegebener Gesetze und Gebräuche, oder in einem Ergreifen der. subjektiven Vernunft und ihrer Anschauungen, wie sie sich in den verschiedenen Zeiten zeigt, also des Lebens bestehe. Zn wie fern diese Untersuchung in dieser Disciplin überhaupt zulässig sei, wollen wir hier nicht untersuchen, und werden über diesen Punkt vielleicht in einer besonder» Abhandlung sprechen. Ze mehr nun die Vertreter der letzteren Ansicht der Zeit und ihren Anschauungen huldigen, und je mehr sie gerade darin ihr Prinzip haben, daß die Religion in den Wechselvollen Zeirrichtungen verschieden sich gestalte; desto meE«rußren sie im Zudenthume Sympathien und finden. Es gehört nämlich zu den unausbleiblichen Auswüchsen einer nur geduldeten Confession, sich dem Charakter und dem Volksbewußtsein der.^taatsconfession theils leichtsinnig, theils heuchlerisch allzuschließen, und so seinen eigenen Charakter und seine eigene Zndividualität zu verflachen und aufzugeben. Außerdem ist dies

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.