Der treue Zionswächter
- Journal
- Der treue Zionswächter
- Volume
- 1 (1845)
- Issue
- 12 (16.9.1845)
- Date
- 1845-09-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2625941-2626064-2626076--0107-2627600- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
94 Sagt denn dieser Wunsch für die weite, weite Zukunft, daß wir die Gegenwart so hassen, daß die Gegenwart uns so unglücklich mache, daß wir dieselbe nicht mehr ertragen wollen? Mit nichten. Das ewige, jenseitige, himmlische Leben wird uns mit allen Freuden des Paradieses geschildert, — wenn auch unser ganzes Streben, unser ganzes Wirken nach diesem Leben gerichtet ist, gerichtet sein muß; geben wir denn deshalb den Beweis, daß uns das Leben hier überdrüssig sei? Ertödtet denn die Hoffnung auf ein ewiges, himmlisches Leben die Lust und Liebe zum Erdendasein? Und jene Bitte, zu deren Erfüllung wir nicht einmal durch unser Streben beitragen können, beitragen dürfen, sollte die Liebe zum Vaterlande abstumpfcn? Nimmermehr — diese Beschuldigung kann nur ein moderner Rabbinismus ersinnen! Allein noch ein Punkt, ein dem ^modernen Rabbinismus zwar fremder, aber mit dem Wesen deS orthodoren Judenthums eng verknüpfter, darf hier nicht unberücksichtigt bleiben, und dieser ist — das Gefühl. Wir, wir könnten das Land, das uns geboren, das uns gepflegt und erzogen, je vergessen? Könnten es nicht lieben, das Land unserer Heimath, das Land unserer Jugend, das Land unserer Kinderspiele? Könnten es nicht lieben, das Land unserer Eltern, denen wir Leben, Eristenz und Nahrung, Schutz, Hülfe und Beistand zu verdanken haben? Könnten es nicht lieben, das Land, wo die Thräne mancher Freude, die Thräne manchen Kummers geflossen , das uns eingcwiegt in die süßen Träume der Jugend, das die theuren, nie zu ersetzenden Jugendcrinnerungen in uns gepflanzt? Könnten es nicht lieben, das Land, wo die theuren, geliebten Ahnen den ewigen Schlummer schlafen , das die heiligen Ueberreste unserer Ahnen, die geliebten Gebeine unserer Voreltern in sich ausgenommen?? — Nein — zu solchem Mörder jedes natürlichen Gefühls sinkt kein orthodoxer Jude herab, dessen ist kein orthodoxer Jude fähig. Kein anderer, als der moderne Rabbinismus, kann selbst einen solchen Gedanken nur je hegen, kann es glauben, daß der Jude zum Verräther an den köstlichsten Banden des Lebens werden könne. Nur der moderne Rabbinismus kann seinen Mitbrüdern eine Beschuldigung aufbürden, die nicht allein so grundlos und falsch. sondern auch mit den Grundfesten ihres Glaubens in allen Punkten widerstrebend ist. Dessen kann nur der moderne Rabbinismus fähig sein! — Doch wir wollen nicht Ankläger, wollen nicht, wie er, Denunciant werden, denn unsere Lehren, die Lehren des orthodoxen Judenthums sind längst anerkannt — wir brauchen uns nicht erst durch falsche Anklagen und Verdächtigungen eine Autorität zu begründen!!!— Tendenz. Richtung. Gesinnung«. Geist der zweiten Mstzbiner - Versammlung» von M. S. Schiller, approbirtcr Rabbiner rc. rc. zu Eperie s. (Erstes Heft.) Das unter diesem Titel uns vorliegende Schriftchen, dessen Verfasser bekanntlich von Ungarn ans, einen Weg von 400 Meilen zur zweiten N.- V. nach Franks, hin gemacht hatte, dann aber angeblich wegen nicht genügender Legitimation, in der That aber, weil seine Richtung als streng conservativ war bezeichnet worden, von dieser Versammlung ausgeschlossen wurde, scheint sein Entstehen zunächst diesem Jncidenz-Falle zu verdanken. Allein, obschon uns der Verfasser in einem zweiten Hefte erst einerein wissenschaftliche Widerlegung verspricht, können wir nicht leugnen, daß auch in diesem ersten Hefte, abgesehen von Persönlichkeiten, die in der eigenthümlichen Stellung des Verfassers beruhen, ein Geist treuer Anhänglichkeit, warmen Gefühles für das bestehende Judenthum uns entgegenwehct. Was der Verf. über Tendenz, Richtung und Geist der Versamml. sagt, ist freilich nicht neu, ist kräftiger und schlagender schon dem Publikum vorgeführt worden, hat seinen Einfluß auf dasselbe nicht verfehlt; aber nichtsdestoweniger wollen wir es anerkennen, daß vorliegendem Schriftchen das Verdienst nicht abzusprechen, den oft besprochenen Gegenstand vom Neuen angeregt, würdig und entsprechend dargestellt zu haben. Nur in einem Punkte können wir mit dem Verf. durchaus nicht übereinstimmen, da nämlich, wo er zum Schlüsse die gleichgesinnten, frommen Rabbinen auffordert, sich bei dem Institute der Rabb.-Vers., deren Zweck-