Der treue Zionswächter
- Journal
- Der treue Zionswächter
- Volume
- 1 (1845)
- Issue
- 7 (12.8.1845)
- Date
- 1845-08-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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57 So klagte der Prophet vor Jahrtausenden einst, so schilderte er wehmuthsvoll den Verfall seines Volks, so sprach er mit heiligem Feuer eindrucksvolle Worte — doch sie gingen ungehört an dem verstockten Ohre der Sünder vorüber; und Jerusalem sank in Trümmer, und das Heiligthum ging in Flammen auf. Jeremia erkennt den Verfall Jsrael's, erstens in der Irrlehre, zweitens in der schlechten Erziehung, drittens in Nachahmungssucht, viertens in falscher Geistesrichtung und fünftens in mißverstandener Freiheit. Wie aber diese Uebel ihren verderblichen Einfluß damals geäußert, und wie sie auch jetzt, besonders in den Zuständen der allerneuesten Zeit an Israels Glaube ihre zerstörende Kraft erproben und an der Wurzel seines Heils nagen, dieses soll Gegenstand unserer weitern Betrachtungen sein. * » * Alles was den Keim des Lebens, den Keim seines Wachsthums in sich trägt, bedarf der Pflege, der diesen Keim zur Entwickelung bringt, und alles von ihm ferne hält, was seinem Wachsthum schaden könnte. Der Gärtner pflegt seine Pflanze, damit Feuchtigkeit und Wärme in gehörigem Maße ihr zufließen, und ihr Gedeihen fördern kann. Auch der menschliche Geist ist eine Pflanze, eine kostbare Pflanze im Garten des Herrn. Ihm fließt der belebende Thau des göttlichen Worts, ihm fließt wärmende Gottesliebe von oben zu. Zu seiner Pflege hat er auf Erden seine Diener bestellt, ehemals seine Priester, die in seinem Erdenheiligthume dienten, und dem Volke das Recht lehrten, seine Propheten, die mit himmlischer Begeisterung seine Kinder für seinen Dienst entflammen, und das wuchernde Unkraut der Sünde durch die Macht ihres Wortes tilgen sollten. Später hatte der Allgütige dafür seine Lehrer bestellt, die sein Wort stets in Frische erhielten, in Wärme lehrten und damit auf das Thun des Volks belebend wirkten. Ach, wie schön ist die Aufgabe, solche Blumen im Garten des Herrn zu pflegen; wie erhebend das Ziel, dem alliebenden Himmelsvater gute Kinder hienieden zu erziehen, seiner Gnade und Wohlthaten würdig. Und doch gab es Lehrer, die, statt das Unkraut des Lasters aus dem Leben des Volks zu tilgen, es dahin in größrer Menge verpflanzten, die den Herrn verläugneten, dessen Namen sie lehren sollten; Lehrer, die das Gesetz dem Herzen ihrer Anvertrauten entfremdeten, die das göttliche Wort in ihrem Munde verfälschten. Und diese klagt der Herr in unserm Texte an, indem er spricht: »die Handhaber des Gesetzes wollten mich nicht kennen, die Hirten empörten sich wider mich; die Propheten weissagten für den Baal, und hingen unnützen Dingen nach." Aber bietet unsere Zeit, in dem Theile Israels, der uns am nächsten liegt, nicht dieselbe traurige Erscheinung dar, welche der Prophet so bitter schon vor Jahrtausenden beklagte? Lehrer des Volks, die sein Heil begründen sollten, leiten es irre; die den Glauben in Israels Mitte lehren sollten, ziehen es zu sich in den Abgrund der Religionsläugnung hinab; sie machen Finsterniß zn Licht, und möchten Licht als Finsterniß stempeln. Und würden solche Lehrer nicht ebenfalls, wie jene, die verheerenden Flammen anfachen, welche Gottes Glaubensheiligthum verzehrte, wenn unangefochten man sie gewahren ließe? * Als zweite Ursache des Religionsverfalls zu jener Zeit, wird das verderbliche Beispiel genannt, welches von Eltern ihren Kindern gegeben wird. Es ist gewiß eine der schönsten, aber auch heiligsten Aufgaben, die dem Israeliten hienieden geworden, mit der Fortpflanzung des Menschengeschlechts auch die Fortpflanzung des göttlichen Glaubens in demselben zu beschaffen. »Deinen Kindern, denen du irdisches Dasein gegeben, pflanze auch ewiges Leben ein; lehre ihnen mein Gesetz im Hause und auf dem Wege, bei deinem Aufstehen und Niederlegen;" so ergeht der göttliche Befehl an uns, den wir, seiner Wichtigkeit willen, zweimal täglich zu lesen verbunden sind. Was aber kann belehrender sein, als das lebendige Beispiel? welche Lehre sich tiefer dem zarten Leben der Jugend einprägen, als wenn der fromme Wandel des Vaters, das religiös gemächliche Leben der Mutter, sie auf die Erinnerungstafel ihrer Herzen schreibt? In eben dem Maaße aber auch, in welchem solche gute Beispiele belehrend, vortheilhaft wirken, werden üble Beispiele unverlöschbaren, schädlichen Einfluß äußern. Auch der emsigsten Pflege von Lehrer und Erzieher wird es